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Das Projekt Ehrendes Gedenken, Schatten der Vergangenheit: Portugiesische Erinnerungskulturen knüpft theoretisch an die aktuelle Forschung zu Erinnerungskulturen an, möchte aber gleichzeitig Einblicke in das im deutschen Sprachraum wenig bekannte Fallbeispiel Portugal geben.

Zwei Fragen leiteten das Vorhaben:

  • Welche Themen der Geschichte tragen heute in Portugal zur Stabilisierung einer Nationalidentität bei?
  • Wie wird im heutigen Portugal an die Diktatur von Oliveira Salazar und an den Kolonialkrieg erinnert?

Beide Fragen zielen auf unterschiedliche Erkenntnisse und erfordern somit unterschiedliche theoretische und methodische Herangehensweisen. Diese möchten wir im Folgenden erläutern.

1. Gedenken

Unsere Frage nach den Themen, die zur Stabilisierung einer portugiesischen Nationalidentität beitragen, bezog sich nicht auf ein ominöses kollektives Gedächtnis Portugals. Vielmehr verfolgten wir das Ziel, konkrete Erinnerungspraktiken zu erkunden. Hierzu zählen in erster Linie die von offizieller Seite betriebenen Erinnerungspolitiken.

Die Darstellung der Ergebnisse zu heutigen Erinnerungspolitiken Portugals gründet auf den Begriffen 'Erinnerungsorte' und 'Orte der Erinnerung'.

Erinnerungsorte und Orte der Erinnerung

Unter Erinnerungsorten verstehen wir mit Pierre Nora diejenigen Themen der Geschichte eines Landes, die für die Herausbildung einer nationalen Identität in der Gegenwart bemüht werden. Wichtig ist hierbei, auf die metaphorische Bedeutung des Noraschen Begriffs 'Erinnerungsort' hinzuweisen. Nora verwendet den Begriff in Anlehnung an die loci memoriae der Gedächtniskunst als Kristallisationspunkt von Identität und zählt dazu neben physischen Orten wie Gebäuden und Statuen auch Bücher, Personen oder Rituale.[1] Im vorliegenden Projekt distanzieren wir uns jedoch von dieser breiten Konzeption von Erinnerungsorten und bevorzugen in Übereinstimmung mit Jan Assmann eine analytische Trennung zwischen den "schicksalhafte[n] Ereignisse[n] der Vergangenheit" und "deren Erinnerung durch kulturelle Formung (Texte, Riten, Denkmäler) und institutionalisierte Kommunikation (Rezitation, Begehung, Betrachtung)".[2]

Da die von uns analysierte kulturelle Formung einer offiziellen Erinnerungspolitik insbesondere in Denkmälern, Inschriften, Straßennamen und Museen konkretisiert wird, entschieden wir uns für den Begriff Orte der Erinnerung, um die Objektivationen dieser Ereignisse der Vergangenheit zu benennen. Unter Ort der Erinnerung verstehen wir im Einklang mit Ulrich Bosdorf und Heinrich Theodor Grütter Orte, die "bewusst in Erinnerung an eine bestimmte Person oder ein bestimmtes Ereignis errichtet"[3] wurden. Zu den Orten der Erinnerung zählen wir ebenfalls Stätten, deren Errichtung zwar ursprünglich nicht auf Gedenken zielte, die aber später mit dieser Funktion versehen wurden. Ein Beispiel hierfür ist die Burg von Guimar„es, die als Residenz und zum Schutz vor feindlichen Angriffen erbaut wurde. Erst ab dem 20. Jahrhundert wurde sie in einen Ort umfunktionalisiert, der an die Gründung der portugiesischen Nation erinnert.

Bedeutungsschichten der Orte der Erinnerung

Orte der Erinnerung sind Konkretisierungen von Erinnerungspolitiken. Denkmäler, Straßennamen, Feiertage, Gebäude oder Museen entstehen aus dem politischen Willen zum Gedenken. Sie geben uns somit ausschließlich Aufschluss über die offiziellen Erinnerungspraktiken eines Staates, nicht dessen Bevölkerung. Deshalb war das Ziel unseres Projektes eben dieser offizielle Diskurs, denn nur über diesen erlauben die Orte der Erinnerung Aussagen zu treffen. Bei Vorlage entsprechender Daten versuchten wir jedoch auch, die Haltungen der portugiesischen Bevölkerung aufzuspüren. Beispielhaft sei hier die Fernsehsendung Os Grandes Portugueses (dt.: Die großen Portugiesen) genannt, in der die Zuschauer die bedeutendsten Persönlichkeiten Portugals wählen konnten und die auf diese Weise einen Einblick in die Erinnerungspraxis breiterer Segmente der Gesellschaft erlaubte.

Orte der Erinnerung sind Aktualisierungen von Erinnerungsorten und somit Indikatoren für die Bedeutung, die bestimmte Themen bei der Identitätskonstruktion einer Nation zu verschiedenen Zeitpunkten haben. Im Laufe der Zeit unterliegen sie Modifikationen und erhalten so verschiedene Bedeutungsschichten, die nacheinander aufgedeckt werden müssen.[4] Zu unterscheiden ist insbesondere zwischen dem Zeitpunkt der Errichtung eines Ortes der Erinnerung und der Gegenwart. So waren etwa die politische Funktion und die Bedeutung des Denkmals zum Sieg über Napoleon zur Zeit seiner Errichtung zu Beginn des 20. Jahrhunderts andere als heute.

2. Vergessen

Die Frage nach der Erinnerung an die Diktatur von Oliveira Salazar und den Kolonialkrieg im heutigen Portugal leitete sich aus der Erkenntnis ab, dass die Beschäftigung mit der Zeitgeschichte - insbesondere dem Zweiten Weltkrieg - in vielen europäischen Staaten zu einer Neuverhandlung von Identität und Erinnerungspolitiken führte.

Portugal war zwar, ähnlich wie Spanien, nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Dennoch unterlag das Land, wie viele andere in Europa, einer faschistischen Diktatur. Der Militärputsch des Marschalls Gomes da Costa am 26. Mai 1926 bedeutete das Ende der Ersten Portugiesischen Republik von 1910. Nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten im Jahr 1932 ließ Salazar viele Militärs in Ministerposten durch Zivilisten ersetzen und setzte 1933 eine dem entstehenden korporativistischen und zentralistischen Staat angepasste Verfassung in Kraft. Die alsbald eingerichtete Staatspolizei, die eingeführte Zensur sowie die neu gegründeten Massenorganisationen wie die portugiesische Jugend und die portugiesische Legion fungierten als Säulen des faschistischen Regimes. Erst mit der Nelkenrevolution am 25. April 1974, nach einem 13-jährigen Kolonialkrieg in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau ging eine der längsten Diktaturen Europas zu Ende.

Welchen Schatten wirft diese Vergangenheit auf die heutigen Erinnerungspolitiken? Welche Erinnerung wird im offiziellen Diskurs über den Estado Novo und den Kolonialkrieg gepflegt? Methodisch verlangen diese Fragen nach einem Verfahren, das sich von dem beim Thema Gedenken angewandten unterscheidet. Zwar war zum Teil die Beobachtung von Orten der Erinnerung ähnlich wie bei den Erinnerungsorten möglich - so gibt uns die Analyse von Denkmälern, Feiertagen oder Museen Aufschluss über die heutige Erinnerungspolitik bezüglich des Estado Novo; gleichzeitig jedoch erforderte die Fragestellung auch die - methodisch schwierigere - Suche nach dem Vergessenen bzw. Verdrängten: Denkmäler, die nicht mehr existieren; Straßen, Plätze oder Bauten, die umbenannt wurden oder Gebäude, die auf Repression und Gewalt im Estado Novo verweisen und nicht als Orte der Erinnerung funktionalisiert wurden.

Die Ergebnisse unseres Projektes, die nun auf diesen Seiten präsentiert werden, sind die Interpretation unserer Beobachtungen von Erinnerungspolitiken in Portugal. Sie erheben keinen Anspruch auf eine repräsentative Darstellung portugiesischer Erinnerungskulturen.

Dr. Teresa Pinheiro


[1] Vgl. Nora 1990: 7.
[2] Assmann 1988: 12.
[3] Borsdorf / Grütter 1999: 5-6.
[4] Vgl. Geertz 1987.



Bibliografie:

  • Assmann, Jan/Hölscher, Tonio (Hrsg.) (1988): Kultur und Gedächtnis. Franfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Borsdorf, Ulrich/Grütter, Heinrich Theodor (Hrsg.) (1999): Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum. Frankfurt a.M.: Campus.
  • Geertz, Clifford (1987): "Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur" in: ders., Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (Orig.: The Interpretation of Cultures, 1973), 7-43.
  • Nora, Pierre (1990): Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin: Wagenbach.