Die Wismut – ein Kind der Nachkriegszeit



Die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří wurde am 6. Juli 2019 in die Liste schützenswerten Erbes der Welt aufgenommen. Dies geschah seitens der UNESCO mit der Begründung, dass das sowohl in Sachsen als auch in Böhmen gelegene Bergbaugebiet von universellem Wert sei. So bietet eine etwa achthundertjährige Kulturlandschaft eine schier unendliche Bandbreite an historisch zu erörternden Themenfeldern, denen Beachtung geschenkt werden muss.
 

Obwohl die „Blütezeit“ der Montanregion Erzgebirge seit mehreren Jahrhunderten vergangen ist, erlebten die bergbaulichen Tätigkeiten im 20. Jahrhundert eine Renaissance. Um die Uranlücke der UdSSR im Kalten Krieg zu schließen, begannen sowjetische Forscher mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Uranvorkommen weltweit zu erkunden. Fündig wurden sie im sächsischen Erzgebirge. Dies war die Geburtsstunde der SAG Wismut (Sowjetische Aktiengesellschaft), die später zur SDAG Wismut (Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft) und schlussendlich 1991 in eine GmbH umgewandelt wurde, als deren Alleingesellschafter die Bundesrepublik Deutschland fungiert und die Gesellschafterrolle vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie wahrgenommen wird. Die Wismut GmbH hat heute ihren Sitz in Chemnitz.


 


Der heutige Sitz der Wismut GmbH in Chemnitz (Foto: Wikimedia commons / Norbert Kaiser 2008)

   

Bereits im Übergangszeitraum des Spätmittelalters zur Frühen Neuzeit wurden Uranerze als Nebenprodukt des Bergbaus im Erzgebirge zu Tage gefördert. Da es damals unbrauchbar war, ist das von den erzgebirgischen Bergleuten als sogenannte „Pechblende“ bezeichnete Uranerz einfach auf Abraumhalden verkippt worden. Jenen Namen erhielt das schwarze Erz jedoch nicht nur ausschließlich aufgrund seiner Farbe, sondern auch, weil man es häufig am Ende von bspw. Silbererzgängen antraf. Lange bevor Henri Becquerel 1896 die Radioaktivität entdeckte, waren bereits viele Bergleute an den Folgen der Strahlung gestorben. Georgius Agricola berichtete bspw. schon im 16. Jahrhundert von der tödlichen Schneeberger Lungenkrankheit, die auf die Radioaktivität der dort geförderten Uranerze zurückzuführen war – Lungenkrebs.


 

Mehrere Jahrhunderte später, im Dezember des Jahres 1938, entdeckten Otto Hahn und Fritz Straßmann die Kernspaltung, indem sie Uran mit Neutronen beschossen. Luise Meitner und Otto Frisch lieferten im Folgejahr die entsprechende kernphysikalische Erklärung dafür. Neben der neugewonnenen Möglichkeit der Energiegewinnung war dabei ebenso die Sprengwirkung bekannt geworden. Nach dem Beginn des 2. Weltkriegs 1939 erfuhr die Deutsche Heeresleitung, dass die USA den Bau von Atomwaffen anstrebte. Bis 1942 erhielt das daraufhin initiierte Kernenergieprojekt jedoch eine vernachlässigbare Priorisierung. Es ist weder seitens der Wehrmacht noch seitens der Wissenschaftler davon ausgegangen worden, dass noch im Krieg mit dem Einsatz von Kernwaffen zu rechnen sei. Doch unter Einbeziehung von zeitweilig ca. 7.000 Forschern und Hilfskräften war es den USA trotzdem gelungen, noch 1945 zur ersten Atommacht aufzusteigen. Nachdem am Vorabend der Potsdamer Konferenz die erste Probezündung in New Mexiko stattfand, folgten darauf die Abwürfe der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki im August. Wäre den USA damals bekannt gewesen, dass die wohl weltweit größten Uranerzvorkommen nur wenige Kilometer von Zwickau entfernt, dem Ort, an dem sie ihren Vorstoß stoppten, erschließbar waren, hätten sie aller Voraussicht nach das Fundgebiet um Schneeberg, Aue und Schwarzenberg, das im Süden sogar bis Carlsfeld und Johanngeorgenstadt reichte, nicht gänzlich unbesetzt gelassen. Der Chemnitzer Stefan Heym griff diesen Umstand in seinem Roman „Schwarzenberg“ auf – wenn auch mit anderer Intention. Er skizzierte den Versuch, jenes unbesetzte Gebiet über einen längeren Zeitraum von der hiesigen Bevölkerung mittels einer Basisdemokratie selbst zu verwalten. Das in den 1980er Jahren verfasste Buch durfte deshalb nicht in der DDR erscheinen, war es doch als Angriff auf die vorherrschenden politischen Realitäten zu verstehen.


 

Tatsächlich räumten die Amerikaner zugunsten der Roten Armee am 13. Juni Chemnitz und am 14. Juni Zwickau. Rückblickend konstatierten die USA, die im Rahmen ihres Manhattan-Projektes zur Entwicklung der Atombombe Recherchen über weltweite Uranlagerstätten durchgeführt hatten, dass ihnen eine krasse Fehleinschätzung hinsichtlich der erzgebirgischen Uranerzvorkommen unterlaufen war. Eben jene Fehleinschätzung ermöglichte es im Nachgang der UdSSR überhaupt erst, den Aufstieg zur Atommacht zu vollziehen, obgleich anzunehmen ist, dass den Sowjets zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls noch keine Informationen über die reichhaltigen Uranvorkommen im Erzgebirge vorlagen. Im Gegensatz zu den USA und zu Kanada, die beide reichhaltige Uranvorkommen innerhalb ihrer Staatsgrenzen besaßen, waren die Uranvorkommen der UdSSR im eigenen Hoheitsgebiet bestenfalls als bescheiden zu bezeichnen. Aufgrund des geringen Metallgehalts der mittelasiatischen Uranerze konnten dort nur wenige Tonnen Uranverbindungen gewonnen werden. Dass sich sowohl die USA als auch Großbritannien bereits während des Krieges die damals bekannten Uranlagerstätten gesichert hatten, verschlechterte die Ausgangslage für die UdSSR zusätzlich. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets von den Uranvorkommen in Jáchymov, auf der böhmischen Seite des Erzgebirges gelegen, wussten. Die dortigen Vorkommen sind von Insassen des eilig errichteten Gulags bis Mitte der 1950er Jahre unter grausamen Lebensbedingungen erschöpft worden.


 

Obwohl die UdSSR historisch gewachsene Beziehungen zur Bergakademie Freiberg besaß, ist dennoch anzunehmen, dass niemand die herausragende Bedeutung, die dem Erzgebirge für das Wettrüsten des sich anbahnenden Kalten Krieges zukommen sollte, zum damaligen Zeitpunkt erahnte. Bei den Verhandlungen hinsichtlich der Besatzungszonen 1944 spielten die möglichen Uranvorkommen jedenfalls noch keine Rolle. Zwar wäre das sowjetische Atomprojekt auch ohne die Uranvorkommen des sächsischen Erzgebirges, die man in den ersten Jahren nach Kriegsende erkundete, weiter forciert worden. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die 1940 gegründete sowjetische Urankommission in der Lage gewesen wäre, das für den ersten Atombombentest der UdSSR 1949 benötigte Uran anderweitig so kurzfristig zu besorgen. Spätestens mit dem Abwurf der Atombomben über Japan und der damit deutlichen Vormachtstellung der USA als alleiniger Besitzer atomarer Waffen verlangte Stalin, das sowjetische Atomprojekt mit höchster Priorisierung voranzutreiben. Der Diktator war sich der veränderten geostrategischen Lage also bewusst. Daher galt es, Uranerzlagerstätten innerhalb kürzester Zeit zu erschließen.


 

Die spärlichen Vorkommen in Tadschikistan, im Altaigebirge und in Nordkarelien reichten kaum aus, die Uranbedürfnisse der UdSSR auch nur ansatzweise zu decken. Deshalb wurden sowjetische Spezialeinheiten in die SBZ entsandt, die einerseits deutsche Wissenschaftler ausfindig machen und andererseits Uranvorräte beschlagnahmen sollten. In diesem Zuge unternahmen bereits im September 1945 dem Innenministerium der UdSSR unterstellte Geologen Erkundungsarbeiten in Jáchymov, Johanngeorgenstadt, Annaberg, Schneeberg und Schwarzenberg. Aber auch die Archive des Freiberger Oberbergamtes sowie der Bergakademie Freiberg wurden auf Hinweise über Uranerzvorkommen in Bergbaurevieren durchforstet. Durch die Zwangsverpflichtung deutscher Wissenschaftler beschleunigt, konnten 1946 erste Probebohrungen in Schlema beginnen. Jene fanden unmittelbar am Schlemaer Kurhaus statt, sodass das Gebiet aus Geheimhaltungsgründen abgesperrt wurde. Der Kurbetrieb, so behauptete man, sei von diesem Moment an nur noch russischen Offizieren vorbehalten.


 


Uranerz in Form einer Pechblende in Dolomit aus der Lagerstätte Niederschlema-Alberoda (wikimedia commons)

 

Die anfänglichen Probebohrungen sowie die nachfolgenden bergbaulichen Tätigkeiten fanden unter militärischer Aufsicht statt. Fachleute des Montanwesens sind dafür allerdings nicht zu Rate gezogen worden. Deshalb wurde unter primitivsten Bedingungen mit hohem Personaleinsatz gearbeitet und auch Arbeitsschutzbekleidung wie bspw. Helme gab es entweder gar nicht oder es handelte sich um Militärbestände. Um diesen Bergbau im Nachgang juristisch einwandfrei vom sächsischen zu unterscheiden, wurden die sächsischen Bergbauunternehmen 1947 enteignet und lediglich zwei Tage danach, am 10. Mai 1947, die Gründung der Sowjetischen Aktiengesellschaft Wismut vollzogen. Diese Enteignung basierte auf dem Vorwand von Reparationszahlungen, in der Forschung wird die Wismut daher als größtes Reparationsunternehmen bezeichnet. Der Hauptsitz der Gesellschaft war in Moskau, die Generaldirektion saß hingegen in Aue, zog jedoch später nach Siegmar-Schönau, heute zwei unterschiedliche Stadtteile von Chemnitz, um. Interessant ist daran vor allem, dass für einen Betrieb, der Uranerze förderte, der Name „Wismut“ gewählt wurde. Die Erläuterung ist trivial und bettet sich in die damaligen Rahmenbedingungen. Neben Silber, Blei, Kobalt und Nickel wurde im Erzgebirge vormals ebenfalls Wismut, ein Erz des chemischen Elementes Wismut, das heute vornehmlich als Bismut bekannt ist, zu Tage gefördert. Aus Geheimhaltungsgründen wurde logischerweise ein Name gewählt, der nicht direkt den Abbau von Uran schlussfolgern ließ, so fiel die Wahl auf die Bezeichnung Wismut. In den Dokumenten der UdSSR ist außerdem nie von Uran oder Uranerzen die Rede, stattdessen kam das Synonym „A9“ zum Einsatz.


 

Bedingt durch starke Proteste und einer Vielzahl von flüchtigen Arbeitern, die zuvor unter Zwang zum Abbau in Schlema verpflichtet worden waren, entschied man sich gegen ein ähnliches Vorgehen wie im etwa 50 Kilometer entfernten Jáchymov. Anstelle eines Gulags entstand ein normaler Betrieb, der aufgrund der überdurchschnittlichen Verdienstmöglichkeiten nicht nur innerhalb Sachsens, sondern auch innerhalb der gesamten SBZ eine anziehende Wirkung entfaltete. Bereits Ende 1947 waren etwa 50.000 Personen im Uranerzbergbau tätig. Diese Zahl verdoppelte sich im nachfolgenden Jahr und stieg bis 1950 auf den Höchststand von knapp über 200.000 Arbeitern an. Anfang der 1950er Jahre verbesserten sich die primitiven Arbeitsbedingungen in den Stollen zwar langsam, allerdings ist erst mit der Umwandlung der SAG Wismut in die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft am 1. Januar 1954 der Grundstein für eine nachhaltige Verbesserung gelegt worden. Als SDAG Wismut erlebte der Betrieb nachfolgend bis Mitte der 1970er Jahre seine Blütezeit als wichtigster Uranlieferant für die UdSSR.


 


Bergarbeiter der Brigade Hans Bleisch am 23.09.1952 nach dem Ende ihrer Schicht (Bundesarchiv, Bild 183-16450-0001 / Wismut / CC-BY-SA 3.0)

   

Innerhalb der etwa achthundertjährigen Geschichte der Montanregion Erzgebirge stellen wenige Jahre direkt im Anschluss des Zweiten Weltkriegs einen vergleichsweise überschaubaren Zeitraum dar. Trotzdem ist der Wismut nicht nur für diesen Zeitraum, sondern auch darüber hinaus eine nicht zu vernachlässigende regionale sowie auch globale Bedeutung zu attestieren. Waren es doch maßgeblich die Uranerzvorkommen unter dem heutigen Bad Schlema, die dazu beitrugen, die Uranlücke der UdSSR im Kalten Krieg innerhalb weniger Jahre zu schließen. Auf regionaler Ebene war die Wismut durch ihre kombinatsähnlichen Strukturen im Nachgang ebenfalls ein wichtiger sozialer Eckpfeiler für die Bewohner Südwestsachsens. Die SDAG Wismut war in den letzten Dekaden des Ostblocks nämlich nicht mehr nur ein reiner Arbeitgeber, sondern auch Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, der u.a. auch Sportvereine, wie den populären Fußballverein BSG Wismut Aue, unterstützte. Mitte der 1960er Jahre förderte die Wismut allein fast 50 Prozent des Urans des gesamten Ostblocks – über 7.000 Tonnen Uran. Vor dem Hintergrund, dass der Urangehalt des geförderten Gesteins bei ca. 0,1 Prozent lag, erscheint diese Zahl kaum vorstellbar. Die Förderung verblieb bis Mitte der 1970er Jahre auf einem relativ stabilen Niveau und sank danach sukzessive. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde die Wismut zu einer GmbH umgewandelt, widmet sich seitdem der Sanierung von bergbaulichen Altlasten und ist mittlerweile zu einem weltweit renommierten Betrieb aufgestiegen. Diese Entwicklung begünstigten Partner in Kanada und Australien, die bereits kurz nach der Umwandlung in eine GmbH mit dem ehemals wichtigsten Uranlieferanten der UdSSR kooperierten. Auch die spätere Zusammenarbeit mit dem US Department of Energy trug dazu bei. Mit dem Ende des Kalten Krieges zeigte sich dann ein generelles gemeinschaftliches Bestreben, die bergbaulichen Altlasten des Uranbergbaus möglichst umweltfreundlich zu beseitigen oder zumindest auf ein erträgliches Maß zu reduzieren


 

Dieser Exkurs in die Geschichte der Wismut hebt einerseits deren überregionale Bedeutung hervor und zeigt andererseits die starke regionale Verflechtung der Stadt Chemnitz mit dem Erzgebirge. Für den Aufstieg der UdSSR zur Atommacht hätten die Uranlagerstätten bei Schlema kaum bedeutsamer sein können. Daraus ergibt sich auch zwangsläufig die globale Bedeutung der Wismut für den Kalten Krieg. Aber auch darüber hinaus vereint dieses Bergbauunternehmen sowohl historische und politische als auch umweltbezogene Aspekte auf regionaler wie gleichermaßen globaler Ebene. Daher ist der Wismut sogar über das Erzgebirge und Sachsen hinaus eine Sonderrolle zuzusprechen, weshalb dieser Themenkomplex auch zukünftig noch Aufmerksamkeit verschiedenster historischer Betrachtungen erfahren dürfte.


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Literatur

  • Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (Hrsg.): 20 Jahre Wismut GmbH. Sanieren für die Zukunft, München 2011.

  • Jentsch, Frieder: Freiberger Geowissenschaftler auf der Suche nach strategisch wichtigen Metallen in den 1940er Jahren, in: Boch, Rudolf; Karlsch, Rainer (Hrsg.): Uranbergbau im Kalten Krieg. Die Wismut im sowjetischen Atomkomplex, Band 1: Studien, Regensburg 2011, S. 329 – 354.

  • Karlsch, Rainer: Uran für Moskau. Die Wismut – Eine populäre Geschichte, Berlin 2007.

  • Karlsch, Rainer; Boch, Rudolf: Die Geschichte des Uranbergbaus der Wismut. Forschungs-stand und neue Erkenntnisse, in: Boch, Rudolf; Karlsch, Rainer (Hrsg.): Uranbergbau im Kalten Krieg. Die Wismut im sowjetischen Atomkomplex, Band 1: Studien, Regensburg 2011, S. 9 – 32.

  • Sacharow, Wladimir W.: Uran für das strategische Gleichgewicht. Die SAG/SDAG Wismut im sowjetischen Atomkomplex, in: Boch, Rudolf; Karlsch, Rainer (Hrsg.): Uranbergbau im Kalten Krieg. Die Wismut im sowjetischen Atomkomplex, Band 1: Studien, Regensburg 2011, S. 37 – 98.

  • Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie (Hrsg.): Geologie und Uranbergbau im Revier Schlema-Alberoda, Bergbau in Sachsen: Band 14, Dresden 2007.

  • Schmidt, Reinhard: Vorgeschichte, Beginn und Frühzeit der Uranerzgewinnung im Erzgebirge, in: Karlsch, Rainer; Schröter, Harm (Hrsg.): „Strahlende Vergangenheit“. Studien zur Geschichte des Uranbergbaus der Wismut, St. Katharinen 1996, S. 77 – 98.

  • Šedivý, František: Uran für die Sowjetunion, Leipzig 2015.