Eine neue Dauerausstellung für das Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg



Ein Museum wird nach ICOM (International Council of Museums) als eine „gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung, im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt“ definiert. Museen bewahren und vermitteln das Kultur- und Naturerbe der Menschheit. Sie informieren, bilden, bieten Erlebnisse und fördern Aufgeschlossenheit, Toleranz, den gesellschaftlichen Austausch und arbeiten nicht gewinnorientiert. Museen beschränken sich nicht auf die historische Rückschau, sondern begreifen die Auseinandersetzung mit der Geschichte als Herausforderung für die Gegenwart und Zukunft. Dies ist (auch) die Aufgabe des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg.
 

Das Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg/Sa. zählt zu den ältesten und bedeutendsten kulturhistorischen Museen Sachsens und verfügt über einen außerordentlich wertvollen und umfangreichen Sammlungsbestand. Auf dieser Grundlage hat es nicht nur Bedeutung für den Südwestsächsischen Raum, sondern es ist eine Einrichtung von sächsischer und nationaler Bedeutung. Die jetzige Dauerausstellung des Hauses am denkmalgeschützten Standort Am Dom 1 ist teilweise über 20 Jahre alt geworden, die Ausstellung haben seit 1996 nunmehr 366.112 Besucher (Stand: 31.12.2018) gesehen. Das Haus zeigt in den Räumlichkeiten Am Dom 1 auf einer Fläche von 986 qm eine ständige Ausstellung zur Kulturgeschichte des Erzbergbaus und zur Stadtgeschichte. Als spezielle Sammlung wird die Sakrale Kunst Obersachsens präsentiert. Auf den aktuellen Ausstellungsflächen werden 677 Exponate gezeigt. Nach über 20 Jahren ist die Ausstellung verschlissen, es zeigen sich weitgehende Abnutzungserscheinungen. Dies betrifft sowohl Inhalte und Gestaltungselemente, besonders jedoch die nicht vorhandene multimediale Vermittlungstechnik. Des Weiteren ist ein moralischer Verschleiß der Exponate zu verzeichnen. Die Besucher, welche Das Haus besucht haben, erwarten etwas Neues, möchten ihr Museum „begreifen“.


   


Einblick in die Räume des Museums im Obergeschoss (Foto W. Rabich)

   

Das Stadt- und Bergbaumuseum befindet sich in einem der wertvollsten Gebäude der Stadt Freiberg, dem ehemaligen, in der Spätgotik erbauten Domherrenhof. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Sein Remter (ehemaliger Speiseraum der Domkleriker) ist mit seinem Zellengewölbe und der asymmetrisch angeordneten Säule der schönste profane Innenraum Freibergs. Das Haus wurde 1903 vom Architekten Arwed Rossbach für die Nutzung als Museum umgestaltet und ist heute Teil des Welterbes Montanregion Erzgebirge. Das Museum Freiberg soll künftig eine zentrale Einrichtung des kulturellen Lebens, das historische Schaufenster und ein gesellschaftliches Gedächtnis der Stadt Freiberg und des Freistaates Sachsen sein. Das Museum hat mit seinen Expositionen nationale Bedeutung, weist u.a. mit dem europaweit einzigartigen Themenbereich „Geschichte der Knappschaft“ auf dessen Stellenwert hin und zeigt als landesweites Alleinstellungsmerkmal eine exklusive Sammlung bergbaulicher Kunst. Die Knappschaft als älteste Sozialversicherung der Welt wirkte in Freiberg und somit in Sachsen seit 1426 kontinuierlich auf sozialem Gebiet.


   


Das Gebäude des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg im Domherrenhof (Foto G. Galinsky)

   

Das Museum ist ein Kompetenzzentrum für die Bereiche Erzbergbau und mittelalterliche Stadtentwicklung und Forum für den Austausch von Forschungsergebnissen zugleich. Durch den vorhandenen Sammlungsbestand hat das Haus die Basis als kulturgeschichtliches Museum, welche durch Elemente der neueren Form (Szenografie, Science Lab) erweitert wird. Daher handelt es sich bei der neuen Dauerausstellung um eine Mischform, bestehend aus Ausstellungsbereichen mit ausdrucksstarken Exponaten und Inszenierungen, chronologischen, ergänzenden und erläuternden Elementen sowie interaktiven Einheiten. Für das künftige räumliche Konzept wurden alle verfügbaren Flächen des Stadt- und Bergbaumuseums betrachtet. Fazit dieser Betrachtung ist es, dass eine Flächenerweiterung um 265 qm auf eine Fläche von 1.250 qm angestrebt wird. Die neue Dauerausstellung konzentriert sich perspektivisch auf die jetzige Fläche der Dauerausstellung im Haus Am Dom 1 (986 qm) und wird um neue Flächen im Ergänzungsbau (265 qm) erweitert. Damit kann erstmals ein schlüssiger Besucherrundgang gewährleistet werden. Um den Besuchern einen Ausgleich zur im Museum fehlenden Gastronomie zu bieten, wird im neuen Empfangsbereich ein kleines Angebot an Getränken und Snacks vorgehalten.


   


Ein Exponat des Museums: Schlägel und Eisen aus Silber (Foto W. Rabich)

   

Das inhaltliche Konzept umfasst mehrere Komponenten. Ziel der Neugestaltung ist es, neue inhaltliche Aspekte in die Dauerausstellung einfließen zu lassen und diese nach modernen museologischen und museumspädagogischen Gesichtspunkten (Aktion, Interaktion, Videos, QR Code, Hands on) zu präsentieren. Die Exposition konzentriert sich auf die jetzige Fläche der Dauerausstellung Am Dom 1, auf eine räumliche Erweiterung (Ergänzungsbau), die Aufhebung des aktuellen Konzeptes und die Neuaufstellung der interaktiven und generationsübergreifenden museumspädagogischen Angebote. Neben einer neuen Gliederung der künftigen Ausstellungsbereiche wird angestrebt, den Besuchern weitere Exponate aus der Sammlung (Depotbestand) zu präsentieren. Der Leitbegriff „Silber – Stadt – Kultur“, angelehnt an die Marketingstrategie der Silberstadt Freiberg, Stand 2017, zieht sich durch alle Themenbereiche. Alleinstellungsmerkmale des Stadt- und Bergbaumuseums sind zum einen als größtes Objekt das Haus Am Dom 1 selbst, zum anderen die Verbindung der Inhalte der Themenbereiche mit den authentischen Orten im unmittelbaren Umfeld (Dom St. Marien, Schloss Freudenstein, Silbermannhaus, Silberbergwerke) als auch die Exponate zur Kulturgeschichte des Erzbergbaus. Die Leitideen der neuen Dauerausstellung stellen die 850-jährige Geschichte des Freiberger Erzbergbaus und die dazugehörige Geschichte der Stadt sowie die Sachzeugen in den Mittelpunkt. Das inhaltliche Highlight ist die Kulturgeschichte des Erzbergbaus im sächsischen Erzgebirgsraum. Priorität bei der Ausstellungsgestaltung hat die Berücksichtigung der konservatorischen und sicherheitstechnischen Grundsätze beim Umgang mit Exponaten. In der neuen Dauerausstellung wird diese 850-jährige Geschichte aber nicht als linear verlaufender Prozess gezeigt. Sie wird vielmehr als Verbindung von Kultur-, Wirtschafts-, Sozial-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte dargestellt – mit den handelnden Menschen als Hauptakteuren und deren Rolle im sächsischen Kontext. Mit der neuen Dauerausstellung soll die Partizipation der Besucher und im weiteren Sinne der gesamten sächsischen Bevölkerung an den Dienstleistungen des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg sowie die Reflexion über die Leistungen der Menschen im Laufe der Kulturgeschichte gestärkt werden. Die Besucher erlangen Teilhabe an diesem fortdauernden Prozess und werden zur Unterstützung dieses Prozesses animiert. Verbunden damit ist die Förderung von Wissen und Kreativität in Bezug auf Nachhaltigkeit, als Basis von landespolitischem und individuellem Erfolg sowie von Toleranz, Offenheit und Respekt als Leitwerte in allen Kultur-, Arbeits- und Lebensbereichen. Oberstes Ziel ist die Identifikation der Freiberger und Sächsischen Bevölkerung mit ihrer eigenen Kulturgeschichte.


Die Zielgruppen, welche mit der neuen Dauerausstellung und den weiteren Angeboten erreicht werden sollen, sind breit aufgestellt. Die Hauptzielgruppe sind erwachsene Bürger der Stadt und Region Freiberg und Touristen (Tages- als auch Mehrtagestouristen). Weiterhin werden Angebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Schüler aller Schularten und Klassenstufen sowie Auszubildende und Studierende, Familien, und das an Fragen der Kultur- und Sozialgeschichte des Bergbaus und der Freiberger Stadtgeschichte interessierte Publikum unterbreitet. Die gesamte Dauerausstellung umfasst Inklusionsteile für spezifizierte Besuchergruppen (barrierefreier Zugang in alle Themenbereiche, Angebote für sinnesgeschädigte Besucher). Die Vermittlungsangebote umfassen personelle Führungen, Projekttage, Workshops, multimediale Angebote, Szenografie sowie Objekte in Aktion und Interaktion, wobei das eigene Erschließen durch den Besucher gewährleistet werden soll. Auf der Grundlage der vom Stadtrat der Stadt Freiberg am 06. Dezember 2018 verabschiedeten Leitlinien der neuen Dauerausstellung umfasst diese acht Themenbereiche und vier Spezialsammlungen.


   
Themenbereich Leitobjekt
1. Freiberger Bergbau versinterte Fahrt
2. Freibergs Stellung im Mittelalter Brakteat (Markgraf Otto der Reiche)
3. Freiberg im 15./16. Jahrhundert Gemälde „Kurfürst August von Sachsen“ und “Kurfürstin Anna“, Lucas Cranach d. J.
4. Freiberg im 17./18. Jahrhundert Russische Hörner
5. Zeitmaschine Freibergs www – Wasser, Wissen … Weltkulturerbe Zeitmaschine
6. Freibergs „langes“ 19. Jahrhundert Um- und Aufbruch 1765 Modell Wasserkraftmaschine
7. Freiberg im 20. Jahrhundert Um- und Aufbruch 1913 Modell Turbine
8. Freiberg auf dem Weg ins 21. Jahrhundert Um- und Aufbruch 1990 Siliziumkristall
9. Montanregion Erzgebirge Schwibbogen
S1 Spezialsammlung Bergbau und Kunst Prunkgezähe
S2 Hausgeschichte Architekturelemente
S3 Spezialsammlung Sakrale Kunst Obersachsens Christus in der Rast
S4 Spezialthema Geschichte der Knappschaft Sammelbüchse der Freiberger Hüttenknappschaft
   

In den Themenbereichen sind weiterhin, nicht chronologisch, verankert: die Geschichte der Wettiner, die Geschichte des Schlosses Freudenstein, Industriekultur von der industriellen Revolution bis zur Industrie 4.0, die Entwicklung der Nachfolgeindustrien des Erzbergbaus, die Geschichte der Bergbehörden und der Bergakademie als auch Hinweise auf Silbermann und dessen Wirken. Seit April 2019 stehen im Zuge der Neugestaltung der Dauerausstellung des Stadt- und Bergbaumuseums als ein erster Schritt zur Partizipation von Freiberger Bürgern und Besuchern ZEITreiseRäume zur Verfügung. Hier erfahren die BesucherInnen zum einen, welche Aufgaben ein Museum hat. Zum anderen können sie hier „experimentieren“, selbst Kurator, Texter, Gestalter einer Ausstellung sein. Außerdem möchte das Museum die BesucherInnen einladen, ihre eigene „Freiberg“ – Geschichte ins Museum zu bringen und damit Teil der Ausstellung zu sein. Die Ergebnisse bzw. die persönlichen Geschichten werden gesammelt, dokumentiert und sind somit Bestandteil der Freiberger Geschichtsschreibung. Gleichzeitig sollen die Räumlichkeiten die Gäste in den noch laufenden Umgestaltungsprozess einbeziehen.


   


Einblick in die ZEITreiseRäume (Foto Berthold)

   

Bis Mitte des Jahres 2020 soll der Ergänzungsbau am Stadt- und Bergbaumuseum fertig gestellt sein. In diesem sind künftig der Empfangsbereich und Museumsshop, die Funktionsräume und die Sonderausstellungsflächen verortet. Ab 02.November 2020 schließt das Haus für den Umbau und die Neugestaltung der Dauerausstellung seine Pforten und wird ab Mai 2022 in neuem Glanz erstrahlen. Damit wird die Stadt Freiberg ein Museum in neuer Gestalt präsentieren. Forschungen zu Provenienzen, Objekten und historischen Ereignissen gehen indes weiter und führen, wie in jedem anderen Museum, zu neuen Erkenntnissen als auch zu neuen Dauerausstellungen.


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Nachweise

  • „Der Silberne Faden“, Neugestaltung des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg, Beschluss des Stadtrates der Stadt Freiberg, 2018.

  • Sächsische Landesstelle für Museumswesen, Sächsische Museen, Band 17, Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg, 2005.

  • www.freiberg.de

  • www.museum-freiberg.de