Offener Brief in der Causa Naumann

Sehr geehrte Frau Staatsministerin,
Liebe Frau Stange,

über eine Woche ist es bereits her, dass Hans J. Naumann der Freien Presse ein Interview gegeben hat, dessen Folgen er wohl nicht in der Lage war, abzuschätzen. Wie sonst können seine rassistischen Entgleisungen wie z.B., „dass die weiße Bevölkerung zusammenstehen muss“ oder der geforderte Einzug afroamerikanischer Menschen zum Militär, um „ihnen dort Disziplin [beizubringen]“ erklärt werden? Das Ganze sei notwendig, da sich die afroamerikanische Bevölkerung „sehr stark aus der Verantwortung gezogen [habe].“

Der StuRa und die studentischen Senator_innen der TU Chemnitz, die Konferenz Sächsischer Studierendenschaften sowie der Landesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW Sachsen stellen sich entschieden gegen solche Äußerungen, die mit dem Adjektiv „rassistisch“ bei Weitem noch nicht ausreichend beschrieben sind. „Menschenverachtend“, „Täter-Opfer-Umkehr“ und „die historische Entwicklung verleugnend“ sind weitere mögliche Beschreibungen für Herrn Naumanns Äußerungen und sind, wenn es weitergedacht wird, nicht weit entfernt von der Ideologie der „white supremacy“.

Doch was sind die Folgen für ihn, und welche Schlussfolgerungen zieht er aus dieser Causa? Offensichtlich nicht allzu viele. Es hat eine ganze Woche gedauert, bis Herr Naumann zu einer öffentlichen Stellungnahme bereit war. Seine Reaktion war dem Sachverhalt weder in Art noch Inhalt angemessen. Im Gegenteil, damit hat er die ursprünglich getroffenen Aussagen sogar verschlimmert.

Die Kritik bestand nie darin, dass er Begriffe wie „weiß“, „afroamerikanisch“ oder „indianische Abstammung“ zur Beschreibung wählte. Die Kritik bestand von Anfang an darin, dass er ethnische Gruppen in Konkurrenz zueinander stellt und die „weiße Bevölkerung“ als diejenige sieht, die sich mit 1,5 Milliarden Menschen gegen die „Asiaten“ mit sechs Milliarden Menschen zu behaupten hat. Viel schlimmer noch hat er der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA pauschal Eigenschaften zugeschrieben, die jedweder Grundlage entbehren. Nun versucht er, seine Aussagen zu relativieren; es wird von Fehlern in der Übersetzung gesprochen. Eine Rücksprache mit der Freien Presse hat jedoch ergeben, dass das Interview auf Deutsch geführt, der Terminus “weiße Bevölkerung” so verwendet und der Gesamttext des Interviews so mehrfach von Herr Naumann freigegeben wurde.

Für uns steht außer Frage, dass Herr Naumann eine Person mit großem Erfahrungsschatz ist. Gerade dieser Erfahrungsschatz beinhaltet aber, dass er sich der Macht und des Gewichtes von Worten bewusst sein muss. Ein Mensch, der sich in diesem Lebensabschnitt der Auswirkungen seiner Worte nicht bewusst ist und eindeutige rassistische Ansichten vertritt, darf nicht in einem der entscheidendsten Gremien einer Hochschule sitzen, welches diese regelmäßig nach innen und außen repräsentiert. Ein solcher Mensch darf mit seinen Ansichten nicht an richtungsweisenden Entscheidungen für die Hochschule, z.B. in der Frage der Rektor_innenwahl oder des Universitätshaushaltes, mitwirken.

Wir, der StuRa und die studentischen Senator_innen der TU Chemnitz, die KSS und der Landesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW, fordern Sie gemeinsam auf, sich mit uns für die bunte, vielfältige und weltoffene Hochschullandschaft Sachsens einzusetzen. Jede Person, die es möchte, kann hier einen Platz haben.  Auch Sie haben seine Aussagen in Ihrem Interview bereits als eindeutig rassistisch beurteilt. Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen und nicht nur reine Lippenbekenntnisse sein. Nutzen Sie Ihren gesetzlich verankerten Spielraum und ziehen Sie Naumann als Mitglied des Hochschulrates der TU Chemnitz ab. Nur so können Sie das Bild der bunten Hochschule ohne Rassismus auch mit Leben füllen.

Freundliche Grüße

Marius Hirschfeld
Referent für Hochschulpolitik
Mitglied des StuRa der TU Chemnitz

Ines Knöfel
Referentin für Antidiskriminierung
Mitglied des StuRa der TU Chemnitz

Thomas Köhler
für die studentischen Senator_innen
der TU Chemnitz

Daniel Irmer
Sprecher der KSS

Tina Bauer
Mitglied im Landesausschuss
der Studentinnen und Studenten
der GEW Sachsen


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