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Seniorenkolleg an der TU Chemnitz - Projektgruppe Routes toward Europe
Seniorenkolleg
Die Salzstraße

Die mittelalterliche Salzstraße von Halle nach Prag

Vorbemerkung
Europa verbindende Wege sind kein Produkt der Neuzeit. War das Bedürfnis Waren auszutauschen ein Grund für das Entstehen von Handelsstraßen, so waren religiöse Mythen Ausgangspunkt für sich herausbildende Pilgerwege und Herrscherwahn von Despoten führte zum Auftauchen von Heerstraßen. Nicht selten stellt sich heraus, dass im Verlauf der Geschichte bevorzugte Routen nicht immer nur einem Zweck dienten.

Link zur Karte

Einleitung
Als Salzstraße bezeichnet man alte Handelsstraßen, auf denen Speisesalz von den Solequellen, Salinen und Minen aus in angrenzende Regionen und Länder transportiert wurde. In Deutschland sind viele „Alte Salzstraßen“ bekannt.
Für Sachsen lassen sich mehrere Salzstraßen nachweisen, von denen mindestens 3 durch Chemnitz oder die unmittelbar benachbarten Regionen verliefen. Sie führten von Halle durch Sachsen nach Prag. Sie überquerten das Erzgebirge über verschiedene Pässe und verbanden Sachsen mit Böhmen. Sie wurden deshalb auch Böhmische Steige (Latein: antiqua semita Bohemorum, tschechisch: Ceska stezka) genannt. Unsere Projektgruppe beschäftigt sich dabei intensiver mit den Salzstraßen, die durch unsere Region führten.
Schon im Jahre 965 beschrieb der arabische Kaufmann Ibrahim Ibn Jacub auf dem Weg von der Adria über Prag zu den Wikingern und einen solchen Weg. Die Route von Halle über Leipzig, Chemnitz (unsere Heimatstadt), das Erzgebirge bis nach Prag wurde über die Jahrhunderte hinweg zur wohl wichtigsten Salzstraße.
Östlich von Chemnitz verlief eine Salzstraße offensichtlich über Leisnig, Oederan, Sayda und Brüx (Most) nach Prag, während eine westliche Schleife über Altenburg, Zwickau, Hartenstein, Schlettau, Jöhstadt, Preßnitz, vorbei an der Burg Hassenstein nach Prag führte.

Salzgewinnung
Im Jahre 1145 vergibt urkundlich nachweisbar der Erzbischof von Magdeburg den Hallensern die Berechtigung, Salz abzubauen und damit zu handeln. Die eigentliche Salzgewinnung begann jedoch wesentlich früher. Seitdem wurde bis 1964 Salz in Halle abgebaut. Auf dem Gelände der um 1720 errichteten Königlich-Preußischen Saline befindet sich heute das Technische Halloren- und Salinemuseum. Hier wird die Siedesalzgewinnung als das bedeutendste Gewerbe der Saalestadt dokumentiert. Im Siedehaus befindet sich noch eine funktionstüchtige Siede- und Trockenpfanne mit Förderband und Abfülleinrichtung.

Transport
Der im frühen Mittelalter fast undurchdringliche Wald des Erzgebirges (genannt Miriquidi – Dunkelwald-) zu beiden Seiten des Kammes machte den Salztransport sehr beschwerlich und gefährlich. Die erste Nachricht von der Überschreitung des Erzgebirges stammt von dem bereits genannten arabischen Kaufmann. Auf seiner Rückreise  von Magdeburg nach Prag hielt er in Halle an, um Salz aufzunehmen. Dabei überquerte er Flüsse und das „unwegsame“ Gebirge. Die Reisegeschwindigkeit seiner Karawane, bestehend  aus Händlern, Sklaven und Soldaten, betrug etwa 5 km/h bei Tagesmärschen von 20 bis 30 km. Um die Transporte sicherer zu machen, wurden durch die Landesfürsten ab dem 14. Jahrhundert Geleit- und Straßenzwang eingeführt. Das Erheben von Zoll wurde von denselben bald als nützliche Einnahmequelle erkannt. Mit der zunehmenden Fixierung der Trassen wurden zahlreiche Distanzsäulen aufgestellt. Das Überqueren von Flüssen war recht gefährlich und nur bei einer Furt möglich, zu deren Schutz oft nahe Befestigungen angelegt wurden. So erinnert z.B. ein Denkmal in der Stadt Zschopau seit 1626 an die Dankbarkeit der Fuhrleute, das Erzgebirge überwunden und die Furt des gleichnamigen Flusse erreicht zu haben. Es trägt die Inschrift „Zschap mei Geeß“ (Zschopau mein Jesus).
Bereits zwischen 1125 und 1180 war die Burg Wildeck zum Schutz dieser Furt entstanden. Eine hölzerne Brücke an dieser Stelle ist für 1516 belegt. Es dauerte fast weitere 300 Jahre bis es zum Bau einer steinernen Brücke über die Zschopau kam.

Salzhandel

Mehrere Kommunen entlang der für den Salztransport gewählten Routen erhielten von den Herrschern das ausdrückliche Recht zum Handel mit Salz.  Für Chemnitz lässt sich das vom Markgrafen Wilhelm von Meißen 1393 verbriefte Recht zum Handel mit dem Salz aus der Region Halle nachweisen. Dass es sich dabei um erhebliche Einnahmen handeln musste, ist daran zu erkennen, dass er die Auflage erließ, einen Teil der Einnahmen für den Wiederaufbau der Stadt nach den großen Stadtbränden von 1379 und 1389 zu verwenden. Auf dem Rückweg nach Halle wurde das für das Sieden und für den Bau von Salinen reichlich benötigte Holz transportiert, das es im damaligen Miriquidi reichlich gab.

Anderweitige Nutzung der Handelswege
Hauptnutzer der Erzgebirgspässe, von denen heute 11 Stück bekannt sind, waren Kriegstruppen. Bereits im Jahre 1040 zog der meißnische Markgraf Ekkehard II. mit einem Heer über das Erzgebirge nach Böhmen. Viel Geschichte hat sich auch in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges an den alten Passstraßen abgespielt. Kaiserliche Truppen sind wiederholt durch das Gebirgstor in Sachsen eingefallen, aber auch die Schweden sind über die alten Wege gezogen, um mit dem Feind Kontakt aufzunehmen. Zur Völkerschlacht bei Leipzig  im Oktober 1813 zogen ca. 100.000 Soldaten mit 14. 000 Gespannen der alliierten österreichischen, russischen und preußischen Armeen über die Brücke der Zschopau. Bis zum Jahre 1968 reichen die Beispiele für Truppenbewegungen auf diesen Wegen. Aber auch für die verstärkte Besiedlung des Erzgebirges durch Bauern  im 12. Jahrhundert und wenig später für den Beginn des Abbaus von Silber- und Zinnerz waren die Steige und Pässe von Vorteil. Andererseits führten zahlreiche Stadtgründungen zur Dominanz einiger Handelswege.
Es gibt aber auch immer wieder Hinweise darauf, das diese Pässe von Schmugglern/Paschern und in der neueren Zeit von Schleusern genutzt wurden.

Heute
Von Halle nach Prag gelangt man heute in erster Linie über das Netz der Autobahn, vorrangig über die Abschnitte Halle – Leipzig – Dresden – Prag. Das letzte Teilstück auf tschechischem Gebiet ist gegenwärtig im Ausbau. Aber auch die Verkehrsverbindung über unsere Region nach und von Prag mit ca 300 km hat durch den Ausbau der Bundesstraße 174 wieder zunehmende Bedeutung erlangt. Die Wegeführung der alten Salzstraße ist durch mehrere markante Bauwerke zu erkennen, wenn auch die Straßenabschnitte ein ganz anderes Aussehen bekommen haben.

Renaissance
Die alte Salzstraße lebt heute durch bilaterale Aktivitäten in den Grenzgebieten neu auf:

Der Freistaat Sachsen und die Tschechische Republik haben ein langfristiges Programm der Zusammenarbeit auf wirtschaftlichen, kulturellen und touristischen Gebieten begonnen, bei dem sich auch die TU Chemnitz beteiligt (u.a. Deutsch-Tschechische Fachbibliothek, mehrere Vortragsreihen).

Am jeweils ersten Wochenende des Juni findet eine grenzüberschreitende Wanderung über 40 km zwischen dem Schloss Schlettau (D) und der Burgruine Hassenstein (CZ) mit Teilnehmern aus beiden Ländern statt.

Ein gemeinsames Projekt „Wanderweg durch die Geschichte“ zwischen den Gemeinden Sayda (D) und Osseg (CZ) wurde gestartet.

Von den 60 grenzüberschreitenden Wanderwegen im Freistatt Sachsen zur Tschechischen Republik laufen viele auf den Steigen und Pässen, die einst dem Salztransport dienten.

Nachbetrachtung
Das Kuriose an der Salzstraße ist, dass es unsere Vorfahren schafften trotz widriger Natur (überschwemmte Flußauen, Sümpfe, Urwald, extrem raue Witterung, lange und schneereiche Winter) die natürlichen Hindernisse zwischen benachbarten Ländern zu überwinden. Mit dem Ausbau der Steige zu Verkehrswegen wurde das Passieren des Erzgebirgskammes immer einfacher, dem jedoch nach 1945 ein jähes Ende gesetzt wurde. Der Durchlass der Staatsgrenze wurde minimiert. Seit dem 21. Dezember 2007 kann nun wieder von Landesgrenzen ohne Grenzen gesprochen werden.

Anmerkung
Die Gruppe der TU Senioren hat sich bei der Erarbeitung dieses Beitrages, der in verkürzter Form und ohne den zahlreichen Links den RTE Projektpartnern zur Verfügung gestellt wurde, nicht nur auf Quellen aus der Altstraßenforschung gestützt, sondern hat auch auf jüngste Ergebnisse aus der Arbeit der Fördervereine zugegriffen, die sich insbesondere der touristischen Aufbereitung der verschiedenen Salzstraßen zum Ziel gesetzt haben.

Gerhard Reimann

 

 

Presseartikel