Ein Streifzug durch die Geschichte der Auer Firma August Wellner Söhne - Vom Familienbetrieb zum Großunternehmen

 


Untrennbar ist das sächsische Erzgebirge in seiner Entwicklung und Wahrnehmung mit dem Bergbau verbunden, jahrhundertelang prägte er Menschen und Landschaften. Nicht selten gerät daher die vielfältige und für Sachsen durchaus nicht unwichtige weitere Industriegeschichte des Erzgebirges in ihrer Darstellung ins Hintertreffen. Der folgende Beitrag möchte einen Einblick in die Entstehung eines Auer Unternehmens geben, das durch seine Wurzeln als Familienbetrieb seinen Anfang nahm und in seiner Geschichte den Sprung zum expandierenden Unternehmen mit Weltruf meisterte. Es handelt sich hierbei um die „Sächsische Metallwarenfabrik August Wellner Söhne“ (AWS), Produzentin von Bestecken und Tafelwaren.
 


Auszug aus Preisliste "Dresdner Hofmuster", 1935 (Stadtmuseum Aue)


 

Die Kupfer-, Nickel-, Zink-Legierung Argentan – Neusilber oder Alpacca – bildete das Ausgangsprodukt für die Auer Neusilber-Industrie, für Tafelgeschirr und Besteckproduktion. Im Jahr 1829 erwarb Ernst August Geitner einen Teil des stillgelegten Auerhammers und verlegte seine Argentanproduktion in den gleichnamigen Stadtteil Aues. Geitner beschäftigte in seinem Werk zu dieser Zeit etwa 20 Arbeiter. Unter den Arbeitern befand sich auch Christian Wellner, der Vater der späteren Firmengründer Christian Gottlieb und Karl August. Aus diesem noch sehr handwerklich geprägten Umfeld entstand dann gemeinsam mit seinen Söhnen der kleingewerblich anmutende eigene Familienbetrieb. Die Stadt Aue selbst bot eine günstige Ausgangslage. Die metallverarbeitende Industrie, der Maschinenbau und nicht zu vergessen die Textilindustrie sind nicht grundlos in der Region des Westerzgebirges aufgeblüht. Ein reiches Vorkommen an Bodenschätzen führte zur Entwicklung des Eisenerz-, Zinn-, und Silberbergbaus. In Aue kreuzen sich außerdem die beiden Flüsse Mulde und Schwarzwasser, die von den verschiedenen Industriezweigen der Stadt als Wasserkraftantrieb genutzt wurden. Für den Transport von Rohstoffen bzw. Endprodukten hatte der Anschluss Aues an das Eisenbahnnetz enorme Bedeutung. Die Linie Zwickau-Aue-Schwarzenberg wurde 1858 eingeweiht, 1875 folgte die Strecke Chemnitz-Aue-Adorf. Gegenüber anderen Städten in der Erzgebirgsregion war die Stadt noch in den 1850er Jahren kleinstädtisch bzw. dörflich geprägt. Fast parallel zur Industrialisierung wuchs auch die Einwohnerzahl Aues in beträchtlichem Maße. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende belief sich die Einwohnerschaft im Jahr 1905 auf 17.149 Bewohner.

 

Durch eine familiäre Geldspritze konnte Wellner einen Teil des stillgelegten Zainhammers kaufen. Dieses Ereignis ist besonders erwähnenswert, da der Zainhammer und das dazugehörige Grundstück das Zentrum der anfänglichen handwerklich geprägten Besteckproduktion bildeten. 1854 übernahmen die beiden Söhne Christian Gottlieb und Karl August den Betrieb. Im Alter von 62 Jahren starb Christian Gottlieb Wellner sen., das Vermögen wurde durch ein Testament unter den Kindern aufgeteilt. Karl August Wellner, der ältere der beiden Söhne, gründete seine eigene Besteckwarenfabrikation, aus der 1892 die „Sächsische Metallwarenfabrik August Wellner Söhne“ hervorgehen sollte. Der zweite Sohn, Christian Gottlieb Wellner, betrieb ebenfalls eine Neusilberfabrik. Beide Brüder verfügten nun über eigenständige Unternehmen, arbeiteten jedoch eng zusammen und profitierten von ihren verwandtschaftlichen Beziehungen.

 

Der Beginn der maschinellen Produktion im wellnerschen Werk ist auf das Jahr 1861 datierbar. In diesem Jahr wurde das erste Löffelwalzwerk errichtet und eine doppelarmige Handspindelpresse angeschafft. Die Handspindelpresse erstand Wellner quasi aus direkter Nachbarschaft, nämlich von der in Aue ansässigen Blechbearbeitungsmaschinenfabrik Erdmann Kircheis. Dass auch die Gemeinden Aue und Auerhammer vom Firmenwachstum der beiden Neusilberwarenproduzenten Wellner profitierten, lässt sich an folgendem Beispiel dokumentieren. Christian Gottlieb Wellner investierte 1881 600 Taler in den kommunalen Straßenbau und ermöglichte so die Umsetzung des geplanten Bauvorhabens einer Verbindungsstraße zwischen Aue und Auerhammer, die zu dieser Zeit noch zwei eigenständige Gemeinden waren. Mit anhaltendem Firmenerfolg sahen sich beide Brüder veranlasst die Rahmenbedingungen ihrer Standorte aktiv mitzugestalten und förderten damit sowohl die Entwicklung ihrer Unternehmen als auch ihres kleinstädtischen Umfeldes. Als ein Sohn Karl August Wellners überraschend an einer Blutvergiftung verstarb, schlug die Stunde des Peter Paul Gaedt. Gaedt, eingeheiratet in die Familie Wellner, übernahm nun weitreichende Entscheidungen im Unternehmen, womit dem Handwerksbetrieb endgültig der Schritt zum Großunternehmen gelingen sollte. Bereits vor der Jahrhundertwende expandierte die Firma sukzessive, was sich sowohl an den Arbeiterzahlen als auch an der bloßen räumlichen Ausdehnung erkennen lässt. Das Firmengelände wurde durch den Kauf des benachbarten Grundstückes wesentlich erweitert. Auf diesem Grundstück sollte später das repräsentativ gestaltete Verwaltungsgebäude erbaut werden. Neuerungen erfuhr auch die eigentliche Produktion, denn die galvanische Versilberung der Besteckteile begann. Fast gleichzeitig setzte man durch den Einsatz von Exzenter- und Spindelpressen auf eine Ausdehnung der Mechanisierung im Produktionsablauf bei Neusilberbestecken.

 

Die Firmenexpansion bezog sich aber nicht nur auf neue Produkte und die Erhöhung der Produktionskapazitäten, Wellner integrierte ab 1900 mehrere vorgelagerte Arbeitsprozesse in die eigene Firma und erhöhte somit seine Unabhängigkeit gegenüber Fremdfirmen. So nahm man in diesem Jahr eine eigene Neusilbergießerei und ein eigenes Walzwerk in Betrieb, auch eine Drahtzieherei und ein Bandwalzwerk folgten. Die Warenzeichen Elefant, Würfel und Zwerge wurden nun ebenfalls eingeführt, sie symbolisierten Kraft, Stärke und Glück.

 

Mit dem Tod von Karl August Wellner 1909 übernahmen seine beiden Söhne Albin und Paul vollends die technische Leitung von AWS, die buchhalterische Leitungskompetenz oblag bereits Peter Paul Gaedt. 1910 hatte AWS ca. 1.000 Beschäftigte, ein neues Walzwerkgebäude entstand in der Auerhammerstraße. Um die Dimensionen der Produktion zu verdeutlichen seien hier ein paar Zahlen genannt: 1911 belief sich die Jahresproduktion auf 36 Millionen Besteckteile, der Kunde konnte zwischen 122 Modellen mit bis zu 30 Zubehörteilen wählen, im Angebot waren weiterhin 222 verschiedene Hotel- und Tafelgeräte. 1913 markierte für die „Sächsische Metallwarenfabrik August Wellner Söhne“ einen wichtigen Wendepunkt. Die Firma wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, mit einem Stammkapital von 5 Millionen Mark, die Aktien selbst blieben aber in Familienhand. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft konnte neben der Verbesserung der Kreditwürdigkeit auch die Generationennachfolge erleichtert werden.

 


Gesamtansicht der Werksanlagen, 1924 (Stadtmuseum Aue)

 

Im 1. Weltkrieg produzierte Wellner Gewehrmunition und Granaten. Die Rüstungsproduktion, in der auch Frauen und kriegsgefangene Franzosen zum Einsatz kamen, stellte für Wellner sowohl eine Notwendigkeit als auch ein profitables Geschäft dar, denn nur so konnte die Produktion aufrechterhalten und Rohstoffe bezogen werden. Zu Beginn der 1920er Jahre wurde das markante Verwaltungsgebäude errichtet. Baumeister des Gebäudes war der renommierte Leipziger Architekt Johannes Koppe. Das Angebot von Alpacca-polierten und -versilberten Besteckteilen nahm auf bis zu 80 Teile zu. Im November des Jahres 1924 beschäftigte AWS 4.500 Arbeiter und 300 Angestellte. AWS besaß nun 11 Niederlassungen in Deutschland und 48 Vertretungen im Ausland, darunter Standorte in den europäischen Metropolen wie London, Paris, Berlin oder Madrid. Aber auch in Kairo, Rio de Janeiro und im indischen Mormugao konnte mit wellnerschen Tafelwaren gespeist werden. Unter den Kunden der AWS fanden sich einige der größten Ozeandampfer und renommiertesten Hotels und Restaurants der Zeit. Die AWS belieferte mehrere Schifffahrtsgesellschaften, sie stellte die Silberausrüstung auf Dampfern der HAPAG, der HSDG, der Stinnes-Linien. Ständige Bestecklieferungen gingen beispielsweise an den Berliner Admiralspalast und an das Hotel Kempinski, an das Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg oder auch an den Auerbachskeller in Leipzig, ein Luxus, den sich die Arbeiter allerdings nicht leisten konnten. So kannte jeder in Aue den geflügelten Spruch: „August Wellner Söhne – große Preise, kleine Löhne“. Absatz- und Exporteinbußen sowie Gewinnverluste prägten die Zeit der Weltwirtschaftskrise und führten zu Entlassungen in der Belegschaft, teilweise verbunden mit Arbeitsniederlegungen und Streiks. Die Firma konnte sich während dieser schwierigen wirtschaftlichen Lage aber mit Hilfe von Bankkrediten über Wasser halten. Ab Mitte der 1930er Jahre startete die AWS unter enormem Aufwand und in Zusammenarbeit mit der Außenhandelsstelle für Sachsen und Ostthüringen mit Sitz in Leipzig eine Kampagne, durch die neue internationale Handelspartner und Vertreter gewonnen werden sollten. Kontakte wurden über den gesamten Erdball geknüpft, so sind u.a. Korrespondenzen mit Vertretern in Australien, südamerikanischen Ländern, Kanada, China und Südafrika geführt worden. In einer 1935 vorgenommenen Betriebsprüfung sind folgende ausländische Verkaufsgesellschaften der AWS genannt: Wellner Alpaca Budapest, N.V. Wellner Zilver Fabriken Amsterdam, Orfèvrerie Wellner S.A. Brüssel, Regina Silver A-B Stockholm, Sjöland A.S. Kopenhagen, Silver A B. Plata Stockholm, Hopea O.J. Helsingforts, Valsado S.A. Florenz. Aufgrund von Zollvorteilen wurden gerade in skandinavische Länder unversilberte Fertig- und Rohwaren geliefert, die vor Ort von den Verkaufsgesellschaften im letzten Arbeitsschritt ihre Silberlegierung erhielten.

 


Ansicht Fabrikgebäude, der Dachgiebel enthält die Symbole Würfel und Elefant (Foto: S.Becher)

Nach 1933 arrangierte sich die Firmenleitung erstaunlich schnell mit den neuen Machthabern, auch Rüstungsgüter – Zulieferteile für Artilleriemunition – wurden bereits seit 1934/35 hergestellt. Bis 1944 ging die Besteckproduktion auf 15% zurück. Man errichtete ein Zweigwerk, in dem ausschließlich für die Rüstung produziert wurde, wobei sowohl im Stammbetrieb als auch im Zweigwerk ausländische Fremd- und Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Nach Ende des 2. Weltkrieges unterlag die AWS als bedeutender Rüstungsproduzent der Demontage, das vormalige Familienunternehmen wurde enteignet. In den 1950er Jahren nahm man als VEB die Produktion von Tafelbestecken wieder auf. Das Unternehmen erhielt den Namen Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS). Nach 1990 ging dann der volkseigene Betrieb an die Treuhand, die Zahl der Beschäftigten sank drastisch. Unmittelbar danach erstand ein Kölner Unternehmer die ABS, wollte die Besteckfertigung umstrukturieren und erhielt dafür auch finanzielle Unterstützung der Stadt. Die Umsetzung scheiterte allerdings, die Besteckherstellung in Aue war damit beendet. Der markanteste Gebäudeteil der ehemaligen wellnerschen Fabrik – das Verwaltungsgebäude – ist heute noch erhalten, er wird derzeit aufwendig saniert und blickt einer spannenden Zukunft entgegen.


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Literatur

  • Auer Beschäftigungsinitiative e.V.: Industrielle Entwicklung im Auer Tal, Aue 1998.

  • Burghart, Wolfgang: Die Besteck-Fabrik Wellner in Aue, in: Industriekultur 19 (2013), S. 24-27.

  • Forberger, Rudolf: Die industrielle Revolution in Sachsen: 1800 - 1861, Band 2/1, Stuttgart 1999.

  • Karlsch, Rainer: Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter, Leipzig 2006.

  • Kehr, Gotthold: Die Neusilber-Industrie des westlichen Erzgebirges, Dresden, Techn. Hochsch., Diss., 1927.

  • Krause, Manfred: Schneidwarenindustrie in Europa: Reisen zu den Werkstätten eines alten Gewerbes, Köln 1994.

  • Nathusius, Dietrich: Deutsche Besteck-Industrie, Aue 1924.

  • Oeser, Louis: Album der sächsischen Industrie, Neusalza 1856.

  • Schäfer, Michael: Familienunternehmen und Unternehmerfamilien: zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der sächsischen Unternehmer 1850 – 1940, München 2007.

  • Schattkowsky, Martina: Erzgebirge : Kulturlandschaften Sachsens, Leipzig 2010.

  • Sieber, Siegfried: Festschrift zur 750 Jahrfeier der Stadt Aue, Aue 1923.

  • Sieber, Siegfried: Studien zur Industriegeschichte des Erzgebirges, Mitteldeutsche Forschungen, Bd. 49, Köln 1967.