Die Revolution im Stadtzentrum

 


Am 05. März wird in Chemnitz seit 15 Jahren der Friedenstag begangen. Er erinnert an die Bombardierung der Stadt 1945 und mahnt zum Frieden. Für das Chemnitzer Stadtbild und die Bewohner bedeutete diese einen historischen Einschnitt. Etwa sechs Quadratkilometer im Stadtzentrum wurden zerstört. Diese Situation nach Kriegsende 1945 war Ausgangspunkt für den andersartigen Aufbau des Stadtzentrums im sozialistischen Stil.

Bis heute ist Chemnitz von der DDR-Zeit optisch geprägt und dieser Teil der Vergangenheit wird an vielen Orten sichtbar. Nicht nur Gebäude wie zum Beispiel das heutige Hotel Mercure oder die Stadthalle weisen auf die sozialistische Ära hin, auch zahlreiche Skulpturen und Plastiken aus sozialistischer Zeit können im Stadtzentrum besichtigt werden. Dazu gehört das Relief „Kampf und Sieg der revolutionären Arbeiterklasse“ von Johann Belz. Es zeigt eine Vielzahl von Aspekten der sozialistischen Arbeiterbewegung. Neben Ansichten von Bauern, Protestierenden und Arbeitern sind vor allem die Abbildungen von Frauen von besonderem Interesse. Eine genauere Betrachtung dieser Darstellungen führt nicht nur zur Analyse staats-sozialistischer Propaganda, sondern verrät auch etwas über zeitgenössische Zielvorstellungen und Perspektiven.


Johann Belz, Relief „Kampf und Sieg der revolutionären Arbeiterklasse“. (Foto: S. Lässig)

Zur Einordnung des Reliefs in sein historisches Entstehungsumfeld ist die Auseinandersetzung mit dessen Schöpfer, dem Künstler Johann Belz im Kontext der Entstehungszeit nötig. Der im Jahr 1925 geborene Johann Belz arbeitete zunächst als Schnitzer, bevor er sich einer akademischen Laufbahn zuwandte. Diese war vor allem durch sein Studium der Plastik von 1953 bis 1958 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden geprägt. Im Jahr seines Studienabschlusses trat Johann Belz dem Verband Bildender Künstler Deutschlands bei. Zu den Aufgaben des Verbandes zählten die Werkauswahl für Ausstellungen und Preisvergaben. Wollte ein Künstler in der DDR freischaffend und öffentlichkeitswirksam tätig sein, war seine Mitgliedschaft im Verband unabdingbar. Ob die Mitgliedschaft in diesem Verband für Johann Belz ein Mittel zum Zweck war oder politische Überzeugung, lässt die Literatur offen. Eine gefestigte Beziehung zur sozialistischen Staatsführung ist aber anzunehmen, da er an der Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg lehren konnte und Auszeichnungen der DDR erhielt. Dazu gehört zum Beispiel die Medaille für ausgezeichnete Leistungen im Jahr 1962. Belz‘ künstlerisches Arbeiten konzentrierte sich auf die Bildhauerei. Freischaffender Künstler wurde er erst ab 1964. Im Chemnitzer Stadtbild sind seine Arbeiten auch heute noch zahlreich vertreten. Darunter befinden sich zum Beispiel Jugendliche unter einem Regenschirm als Brunnenplastik in der Straße der Nationen oder der Klapperbrunnen am Verkehrsknotenpunkt Omnibusbahnhof. Das Werk Kampf und Sieg der revolutionären Arbeiterklasse ist ebenfalls zentral an der Bahnhofsstraße gelegen.  Belz ist ein Vertreter des ‚sozialistischen Realismus‘. Zeitlich umspannte dieser die gesamte Zeit der DDR. Das Relief Kampf und Sieg der revolutionären Arbeiterklasse selbst wurde 1977, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, installiert. Auch wenn die Epochenbezeichnung irreleitend sein mag, gaben die Werke nicht nur die reale gegenwärtige Situation wieder. Albert Camus, ein französischer Schriftsteller, der sich unter anderem mit den Formen des Realismus befasste, beschrieb den Sozialistischen Realismus 1960 wie folgt: „[…] das wahrhafte Objekt des sozialistische Realismus ist eben das, was noch keine Wirklichkeit besitzt […]“. Die künstlerische Intention war also vielmehr die Darstellung eines Idealzustandes. Die Thematiken dieser Epoche bewegen sich in einem Geflecht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Natürlich war der politische Einfluss auf die Künstler enorm, hatte er doch die Rolle des Vermittlers von sozialistischer Kunst und ja, auch von sozialistischen Normen und Werten einzunehmen. Dabei treten in den Arbeiten Weltanschauungen und Identitätsmuster der Sozialistischen Realisten über Frauen hervor. Typisch für den sozialistischen Realismus ist die Darstellung von weiblichen Vorbildern, gewissermaßen als eine Anleitung für das Leben: Eine Frau getreu dem sozialistischen Ideal zu sein, bedeutete gleichberechtigt, an der Seite des Mannes für den Aufbau des Sozialismus einzustehen. Häufig wurde die Frau dabei durch ihre Arbeit definiert, jedoch auch durch eine sehr traditionelle Vermittlung des Weiblichen und durch Schönheit. Ebenso traditionell war die Betonung der Mutterschaft, allerdings verbunden mit einer gleichzeitigen Erwerbstätigkeit. Die Arbeiterin, die Schöne, die Mutter– all das vereinte das Rollenbild der Frau im Sozialistischen Realismus.  Für eine genauere Betrachtung im Hinblick auf den Sozialistischen Realismus eignet sich besonders das linke Drittel des Reliefs. In diesem Teil bildete Johann Belz eine feiernde Menschengruppe ab, in der sich soweit erkennbar, vier Frauen, drei Männer und ein Kind befinden. Die Menschen heben die Arme in die Luft und ihr Blick richtet sich in verschiedene Richtungen. Ihre Haltung ist entspannt und ausgelassen. Die Kleidung verrät die Zugehörigkeit zu den Arbeitern. Die Frauen sind zweckmäßig gekleidet und haben zusammengebundenes Haar, die Männer ausgebeulte Hosen und Jacken. Einer von ihnen trägt eine für das Proletariat charakteristische Schiebermütze. Dieser Mann befindet sich im Zentrum der Menschengruppe und auf seiner linken Schulter sitzt eine Frau. Andere Menschen stützen sie oder sehen zu ihr hinauf. Sie selbst lächelt und blickt geradeaus über den Betrachter hinweg. Ihre erhobenen Arme halten ein Blumengesteck. Tauben fliegen zu ihrer Rechten. Über der Gruppe thront eine dynamische Himmelsabbildung. Die Darstellung der Frauen geschieht in diesem Reliefabschnitt in zwei Dimensionen: Die Frau als Mutter und als Gestalterin der sozialistischen Gesellschaft. Die Mutter in der vordersten Reihe des linken Bildteils ist durch das junge Mädchen zu erkennen, hinter welchem sie in schützender Haltung steht. Das Mädchen trägt ebenfalls einen kleinen Blumenstrauß. Dem Titel nach handelt es sich bei der Szene um einen Siegesumzug der sozialistischen Arbeiterklasse. Der Sieg bezieht sich vermutlich auf die Etablierung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR. Die Mutter ist wesentlicher Bestandteil der sozialistischen Bewegung und nimmt aktiv an ihr teil. Ferner stützt sie diese durch ihre Nachkommen. Kinder bedeuten immer auch Zukunft. Dass das abgebildete Kind ein Mädchen ist, soll insofern vielleicht auch eine emanzipierte Zukunft als eine Zielsetzung der Bewegung suggerieren. Die Frau auf den Schultern des Mannes in der Bildmitte erscheint dem Betrachter besonders weiblich dargestellt. Im Gegensatz zur stilisierten Mutter treten die weiblichen Körpermerkmale deutlicher hervor und ihr Kleid wirkt zudem weniger zweckmäßig. Hier wird die erotische Ästhetik des Weiblichen genutzt. Der Blumenstrauß, den die besagte Frau in die Höhe reckt, besteht im Kontext sozialistischer Symbolik vermutlich aus roten Nelken. Sie sind ein Symbol der Arbeiterbewegung. Symbolträchtig sind weiterhin die Tauben in der linken Bildhälfte, die als Friedenstauben den Sieg der Arbeiterbewegung und den damit einhergehenden Frieden jenseits einer Klassengesellschaft anzeigen. Die Mehrzahl der Personen im Relief blickt in die Ferne, welche sinnbildlich für die Zukunft zu verstehen ist. Ihr Blick ist froh und unerschrocken, als stünde eine positive Wende bevor.

 


Ausschnitt aus Johann Belz, Relief „Kampf und Sieg der revolutionären Arbeiterklasse“. (Foto: S. Lässig)

 

Das angesprochene Prinzip, nicht die reale Gegenwart, sondern das Ideal in der Zukunft abzubilden, wird auch im Kontext der Emanzipation der Frau in dem Werk deutlich. Als im Sinne der Ideologie gleichberechtigte Träger der sozialistischen Gesellschaft sehen sowohl Mann als auch Frau erwartungsvoll in die Zukunft. Die Verbindung zur sozialistischen Ideologie ist durch die mehrdimensionalen weiblichen Darstellungen herstellbar oder auch durch die direkte sozialistische Symbolik, wie den Nelken. Die thematischen Schwerpunkte der sozialistischen Realisten änderten sich im Entstehungsjahrzehnt des Reliefs ab 1970. Abbildungen sozialer Missstände, zum Beispiel gegenüber der weiblichen Bevölkerung, wurden zum Sujet. Die Thematik des Reliefs ist also gegenläufig zu den damals aktuellen Tendenzen. Denn auch wenn die Gesellschaft der DDR bis heute den Ruf hat, die Frau emanzipiert zu haben, kann von einer Gleichstellung zwischen Mann und Frau nicht gesprochen werden. Die Erwerbsquote der Frauen von 91% der 15 bis 60jährigen in der DDR, das Recht Erwerbsarbeit auszuüben und sich für diese zu qualifizieren, spricht zweifelsohne für das Streben der Gleichstellung. Diese hohe Quote ergab sich jedoch aus einem bevölkerungsstrukturellen Engpass. Das Defizit an Arbeitskräften im Zeitraum von 1955 bis 1970 forderte immer mehr den Arbeitseinsatz der Frauen. Doch eine gleiche Entlohnung wie die männlichen Kollegen erhielten die Frauen nicht: Ihr Einkommen in der DDR lag mindestens 25% unter dem eines Mannes. Eine weibliche ökonomische Unabhängigkeit war unter diesen Bedingungen trotz kostengünstiger Lebenshaltungskosten kaum realisierbar. Das lag vor allem daran, dass die Frau weiterhin in klassischen Geschlechterrollen und deshalb mit Aufgaben sowohl in der Arbeit als auch in der Familie konfrontiert war. Auch im Haushalt verrichten die Frauen mit 70% die Mehrheit der Arbeit. Dienstleistungen wie durch Kindertageseinrichtungen werden heute häufig als fortschrittlich gelobt, dabei scheinen sie für Frauen in der DDR schlichtweg eine Notwendigkeit, um sie von den Aufgaben als Mutter zu entlasten. Dieser Eindruck verfestigt sich, bedenkt man die Betreuung von 94% der potenziellen Kindergartenkinder im Jahr 1988. Geht es um die Problematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, schließt sich die Frage nach weiblichen Aufstiegschancen an. Grundsätzlich galt, je mehr Leistung, akademischen Grad und Entscheidungsgewalt die Arbeitsstelle forderte, desto weniger Frauen waren angestellt. Ihr Anteil in leitenden Funktionen innerhalb der gesamten Wirtschaft wird von Irene Hübner mit rund 30% beziffert (1986).



Luftaufnahme von Karl-Marx-Stadt mit dem Rathhaus (Bildmitte), der Straße der Nationen und der Stadthalle mit dem Interhotel "Kongreß" (Bundesarchiv / ZLB-L 2134-76)

 

Laut Christine Klenner geschah die Emanzipation vor allem „auf Kosten der Frauen“ (1992): Durch die Orientierung am männlichen Geschlecht und dessen Zeitmanagement musste die Frau in der DDR die Familie zusätzlich zum erwarteten männlichen Arbeitspensum vereinbaren können. Diese Differenzen wurden im Relief von Johann Belz entgegen dem Zeitgeist mit der Verbildlichung emanzipatorischer Missstände nicht aufgegriffen. Johann Belz bediente sich sehr klassischer weiblicher Motive des Sozialistischen Realismus, vor allem bei der Stilisierung als Mutter und gleichberechtigte Mitgestalterin der sozialistischen Gesellschaft. Eine mögliche Erklärung ist die Verbindung des Rufs der ehemaligen Karl-Marx-Stadt als „Arbeiterstadt“ und der vermeintlichen Absicht, mit öffentlichen Kunstwerken den innerstädtischen Raum dementsprechend auszugestalten. Dafür spricht die Aufstellung an einem derart prominenten Ort. Dieser bot für eine gesellschafts- und sozialismuskritische künstlerische Arbeit vermutlich keinen Raum. Die Chemnitzer Innenstadt beherbergt somit ein Dokument der sozialistischen Ideologie, welches den Wert als wahrheitsgetreues Abbild der Vergangenheit jedoch entbehrt. Das Relief ist ein Hinweis auf die Vergangenheit der Stadt Chemnitz als Arbeiterstadt. In einer postsozialistischen Stadt, die in ihrer Architektur noch derart mit der Vergangenheit verwoben ist, kommt dem Werk von Johann Belz große historische und künstlerische Bedeutung bei.


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Quellen und Literatur

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  • Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus, 1. Auflage, Berlin 1979.

  • Bezirkskunstzentrum Karl-Marx-Stadt (Hrsg.): Bildende Kunst Karl-Marx-Stadt 1970-1976, 1. Auflage, Karl-Marx-Stadt 1978.

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  • Hildebrandt, Karin: Die berufliche Situation in der DDR, in: Vechtel, Anne (Hrsg.): Frauen-alltag. Weibliche Lebenskultur in beiden Teilen Deutschlands, 1. Auflage, Köln 1992, S. 215-230.

  • Hübner, Irene; Schäfer, Heinz: Frauen in der DDR, 1. Auflage, Frankfurt am Main 1986.

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  • Pracht, Erwin u.a.: Einführung in den Sozialistischen Realismus, 1. Auflage, Berlin 1975.

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