Die Chemnitzer „Actien-Spinnerei“ am Schillerplatz –   Von der Gründung bis zum Aufstieg zur größten Spinnerei Sachsens 1857-1862

 


Seit Herbst 2015 wird die Alte Aktienspinnerei zur neuen Zentralbibliothek mit Patentinformationszentrum und Universitätsarchiv ausgebaut. Nach derzeitigen Planungen soll es 2019 soweit sein, dass das Gebäude den neuen Nutzern übergeben werden kann. Bis dahin hat das geschichtsträchtige, fast 160 Jahre alte Industriegebäude einen langen Weg mit unterschiedlichen Nutzern zurückgelegt: Angefangen vom Erstnutzer, der „Actien-Spinnerei“ (1859-1904), über die „Neue Sächsische Galerie“ (2001-2004) und anschließendem Leerstand, bis hin zur nunmehr geplanten Universitätsbibliothek.
 

Ab dem Jahre 1850 und dem Übergang vom manuellen Antrieb zum technischen Dampfmaschinen- und Wasserkraftantrieb in der Baumwollindustrie gehörte Sachsen endgültig zu den räumlichen Zentren für die Produktion von Baumwollgarnen in Deutschland. Genau in diese Zeit hinein wurde am 30.03.1857 beschlossen, eine „Actien-Spinnerei“ in Chemnitz zu gründen. Das als Kapitalgesellschaft formierte Unternehmen hatte den Vorteil, „außerfamiliäres“ Kapital von privaten Geldgebern (Aktionären) zu beschaffen, um damit das Investitionsvolumen erheblich zu steigern und die Rekrutierung von frischem Kapital zu vereinfachen. Bereits wenige Monate später, am 26.08.1857, wurde vom „Sächsischen Königlichen Ministerium des Innern“ das Bestätigungs-Decret übermittelt. Das „Sächsische Königliche Ministerium des Innern“ war damals für die Fachaufsicht der Aktiengesellschaften zuständig. Es prüfte und genehmigte die Einreichung von Decreten sowie die Änderungen von Statuten. Dies war zum Beispiel bei der Gründung der Gesellschaften, der Erhöhung des Aktien-Stammkapitals oder bei der Ausgabe von Inhaberpapieren der Fall. In § 1 des Decrets wurde zunächst die Errichtung des Aktienvereins mit dem Zweck der Erbauung einer Spinnerei zur Produktion von baumwollenem Kettgarn festgelegt. Der Großteil der zu produzierenden Garne sollte vor allem für die Industrie zur Herstellung von Lichtgarn oder Strumpfwaren angefertigt werden.


Das Aktienkapital war auf 1,2 Mio. Thaler mit einer Stückelung von 12.000 Aktienscheinen a 100 Thaler festgesetzt. Die „Allgemeine Deutsche Kreditanstalt“ in Leipzig, die „Diskonto-Gesellschaft“ in Berlin sowie einige Privatpersonen beteiligten sich mit insgesamt einer Million Thalern an dem Vorhaben. Die Ersterwähnung der „Chemnitzer Actien-Spinnerei“ findet sich schließlich 1859 im Adressbuch der Fabrik– und Handelsstadt Chemnitz. Neben der Generalversammlung der Aktionäre gehörten der Verwaltungsrat sowie das Direktorium zu den drei Organen des Aktienvereins. Dabei stand der Verwaltungsrat mit seinen neun Mitgliedern dem Direktorium beratend und beaufsichtigend zur Seite. Zu den ersten Mitgliedern des Verwaltungsrates gehörten unter anderem namhafte Chemnitzer wie Louis Benndorf, Prof. Eduard Theodor Böttcher und Max Hauschild. Friedrich Gottlieb Gehrenbeck war die ersten drei Jahre als Direktor des Aktienvereins tätig. Ihm folgten August Götze und Moritz Ferdinand Bahse als Doppelspitze in der Leitung des Unternehmens. Diese drei Unternehmer hatten sich bereits vorab das für die Errichtung der Aktienspinnerei notwendige zehn Hektar große Bau-Areal an der heutigen Straße der Nationen/Schillerplatz für über 20.000 Thaler gesichert.


 


Der Direktor der Actien-Spinnerei August Götze, der bereits vor seiner Amtszeit auf dem Sonnenberg in der Villa Götze, der bekanntesten Villa an der Dresdner Straße residierte.(Foto: StA-C Bestand 31127 VEB Baumwollspinnerei, Nr. 775)

 

Zur ersten Generalversammlung in Chemnitz am 11.05.1858 im großen Saal des Bahnhofsrestaurants waren der Großteil der Aktionäre (68) mit einem Anteil an 3020 Aktien und 303 Stimmen anwesend. In den jährlichen Generalversammlungen wurden der Geschäftsbericht der Direktion sowie der Bericht des technischen Beamten zum Stand des Baufortschritts durch den jeweiligen Direktor, 1858 war das Direktor Götze, verlesen und diverse andere Themen und Anträge der Aktionäre behandelt. Im März 1859 waren bereits 1 Mio. Thaler der Gesamtsumme von 1,2 Mio. Thalern an Aktien ausgegeben, so dass der Bau der Aktienspinnerei weiter schnell voranschritt. Da die geplanten Kosten für den Bau der Aktienspinnerei nicht ganz ausreichend waren, beschloss man in der Generalversammlung am 02.05.1859 die Beantragung der Aufnahme einer Prioritätsanleihe von 300.000 Thalern beim „Königlichen Sächsischen Ministerium des Innern“. Die Hauptschuldverschreibung der „Chemnitzer Actien-Spinnerei“ in Höhe von 300.000 Thalern erfolgte zum 01.07.1859 3.000 Schuldscheine zu je 100 Thalern mit einer Tilgungslaufzeit von 23 Jahren und einer jährlichen Verzinsung von 3% wurden ausgegeben.

 


Aktienspinnerei Schillerplatz Ende 19. Jh. (Abbildung SLUB Dresden: slub-dresden:db:id-254260535/67)

 

Bereits im September 1859 begann man mit der Aufstellung und dem Probebetrieb der ersten Spinnmaschinen, die vorrangig aus Chemnitzer Maschinenbaubetrieben stammten. Die Maschinen selbst wurden überwiegend über Dampfmaschinen angetrieben. Für die technische Ausrüstung des Betriebes unternahmen zwei Direktionsmitglieder eine mehrwöchige Studienreise nach England, um die für die Produktion zweckmäßigsten Maschinen zu finden. England war das Mutterland der Industrialisierung in Europa. Die Entwicklung von neuen Techniken und Arbeitsmaschinen in der Baumwollindustrie setzte dort bereits Ende des 18. Jahrhunderts ein. 1764 erfand James Hargreaves die weltbekannte „Spinning Jenny“, die erstmalig acht Garnspindeln in einem Produktionsgang spinnen konnte. Nach dem Ende der Studienreise wurde konstatiert, dass die bereits projektierte Maschinenzusammenstellung sowie die aus heimischer Produktion gewählten qualitativ hochwertigen Maschinen dem Vorbild der englischen Anlagen vollkommen entsprechen. Insgesamt wurden 650.000 Thaler für die Maschinen investiert. Nach einer kurzen Bauphase von nur zwei Jahren konnte die Aktienspinnerei bis Ende 1859 fertiggestellt werden.


Bis zum Januar 1860 geriet dann trotz der zusätzlichen Geldanleihen die Inbetriebnahme etwas ins Stocken, sodass nur wenige Maschinen ihre Arbeit aufnehmen konnten. Das lag vor allem an den von der Firma Richard Hartmann gelieferten Dampfmaschinen, die ihre Antriebskraft von geplanten 500 PS vorerst nicht erreichen konnten und umfangreiche Umbauten erforderten. Die komplette Inbetriebnahme der Aktienspinnerei mit insgesamt 40.000 Spindeln konnte dann im Mai 1860 abgeschlossen werden. Von den insgesamt 104 aufgestellten Spinnmaschinen wurden 24 innovative „Selfactor-Maschinen“ eingesetzt. Diese war eine vollautomatische Feinspinnmaschine, die diskontinuierlich arbeitete, d. h. Drehungserteilung und Aufwindung erfolgten nacheinander in verschiedenen Zeitabständen. Ein großer Vorteil dieser Maschine war zum einen die Flexibilität ihrer Möglichkeiten des Einsatzes, so konnten zum Beispiel alle Baumwollsorten in Kett –und Schußgarn in allen Stärken produziert werden und zum anderem in der schonenderen Behandlung des Fadens. In den Produktionshallen der Aktienspinnerei wurden diese Maschinen vor allem für die Herstellung von feineren Garnen eingesetzt. Diese Garne konnten auf dem Markt der Verarbeitungsindustrie zum Beispiel für die Produktion von Bekleidung oder Heimtextilien angeboten werden.


Von Anfang an hatte das für die damalige Zeit innovative Unternehmen das Ziel, trotz Massenproduktion qualitativ gute Garne herzustellen, weshalb man auf die Produktion sehr feiner Garne verzichtete. Trotz des holprigen Starts, in dessen Folge es auch weiterhin immer wieder Probleme mit den für den Antrieb zuständigen Dampfmaschinen gab, konnte im ersten Jahr ein Nettogewinn von ca. 36.000 Thalern erzielt werden. Über das gesamte Jahr 1860 hinweg gesehen, waren fast 1 Mio. Pfund Garne produziert worden. Ende 1862 war dann mit 57.400 Spindeln die maximal mögliche Auslastung der Fabrik erreicht. Bei günstigen Verhältnissen konnte man somit vorerst pro Jahr 2,6 Mio. Pfund Garn produzieren. Die „Chemnitzer Actien-Spinnerei“ war damit innerhalb der ersten drei Produktionsjahre zur größten Spinnerei Sachsens aufgestiegen.


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Quellen und Literatur

  • Quellen


  • Abschrift des Protokolls der Generalversammlung der Chemnitzer Aktienspinnerei vom 11. Mai 1858, Bl. 36-39 - Die Chemnitzer Actien-Spinnerei betreffend, Sekt. XIII b, Nr. 63, Bd. 1 – Archivsignatur Hauptstaatsarchiv Dresden: HStADD Ministerium des Innern 10736/ 6758

  • Adressbuch der Fabrik – und Handelsstadt Chemnitz Band 1895 XXXII - Signatur SLUB Dresden: Hist.Sax.H.929-1859 – (http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/80582/38/ ¬- letzter Zugriff 28.09.2018)

  • Bericht des Direktoriums der Chemnitzer Aktienspinnerei an das Königliche Ministerium des Innern betr. Aussetzung der Aktienausgabe und Aufnahme einer Prioritätsanleihe, 31. März 1859, August Götze, M.F. Bahse und F. G. Gehrenbeck, Bl. 40 ff - Die Chemnitzer Actien-Spinnerei betreffend, Sekt. XIII b, Nr. 63, Bd. 1 – Archivsignatur Hauptstaatsarchiv Dresden: HStADD Ministerium des Innern 10736/ 6758

  • Geschäftsberichte der Chemnitzer Aktien-Spinnerei – Archivsignatur Staatsarchiv Chemnitz: StA-C_31125 (1857 – 1897)

  • Statut Chemnitzer Actien-Spinnerei von 1857 – Archivsignatur Hauptstaatsarchiv Dresden: HStADD Ministerium der Justiz 11018/ 82

  • Literatur

  • Gieseler, Albert: Überblick über eine Auswahl an Kraft- und Dampfmaschinen auf http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/firmen3/firmadet32938.shtml (letzter Zugriff 07.05.2018)

  • Herzog, Reginald Oliver: Technologie der Textilfasern, Band 8, T. 2, Die Wollspinnerei, B. Kammgarnspinnerei, Berlin 1933

  • Hofmann, Ernst: Die Chemnitzer Aktienspinnerei. Eine Untersuchung aus Anlass des 100. Jahrestages des ersten Streikes Chemnitzer Arbeiterfrauen 1883 (Beiträge zur Heimatgeschichte von Karl-Marx-Stadt 1953, Heft 26), Karl-Marx-Stadt 1983