Die Gestaltung des Chemnitzer Schornsteins – ein künstlerisches Angebot an die Region

 


Egal ob von der Autobahn, vom Zug oder mit dem Fahrrad vom Chemnitztalweg, von weit her ist der auch als „Chemnitzer Lulatsch“ bezeichnete Schornstein des Heizkraftwerks Chemnitz zu sehen. Auch im Dunkeln erstrahlt er weithin sichtbar über das Umland. Sollte das höchste Bauwerk Sachsens damit schon jetzt als ein künstlerisches Wahrzeichen der Stadt gelten?
 

Als funktionaler Industriebau wurde der Schornstein im Allgemeinen erst spät Ziel künstlerischer Gestaltung. Ein erstes bedeutendes Beispiel findet sich in der Tokioter Farbenfabrik Dainichiseika, deren Schlote 1969 vom Maler Ryoichi Shigeta gestaltet wurden. Shigeta gehörte zu einer Bewegung von Koloristen wie Bernard Lassus oder Fabio Rieti, die den urbanen Raum der Nachkriegsmoderne farb- und abwechslungsreich gestalten wollten. Im Zuge nötig gewordener Renovierungs- oder Rückbauarbeiten seit Beginn der 2000er Jahre vervielfältigen sich die Gestaltungsideen dank Einflüssen aus der Street- und Urban Art, der Landschaftsarchitektur, der Öko- oder Lichtkunst. Beispiele dafür sind die „Fibonacci-Reihe“ am Schornstein der ehemaligen Lindenbrauerei in Unna von Mario Merz aus dem Jahr 2000; „Les perles d’eau“ (Wasserperlen) von Frédéric Garcia, 2007 für die Schornsteine des Fernwärmekraftwerks der Firma SDCB in Bagnolet geschaffen; die temporäre Installation „Nuage Vert“ (Grüne Wolke) von HeHe für den Schornstein von Helsinki Energy 2008; oder der „Chimney of Roses“ (Rosenschornstein) von Orticanoodles für die Porzellanfirma Rosenthal in Selb aus dem Jahr 2017.


Mit 301,80 Meter Höhe und 18.000 Quadratmeter Außenfläche besitzt Chemnitz einen der höchsten Schornsteine weltweit, der das Gesicht der Stadt prägt. Von 1979 bis 1984 im Gleitschalverfahren erbaut, dient er als Abzug für das Heizkraftwerk Chemnitz-Nord. Obwohl er nie als künstlerisches Objekt oder als „Kunstbehälter“ konzipiert war, kann er sich seinen kulturellen Grenzen nicht entziehen. Der Schornstein gilt gleichsam als Symbol für eine Stadt, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum „sächsischen Manchester“ entwickelte. Die besondere Stadtästhetik inspirierte Künstler wie den in Chemnitz aufgewachsenen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner 1926 zum Gemälde „Chemnitzer Fabriken“ – eine Industrielandschaft in ungesund-bunten Farben; seine nicht minder begabte Zeitgenossin Martha Schrag färbte die Schlote in ihrem „Blick auf die Vorstadt Kappel, Chemnitz“ 1930 graubraun ein.


 


Schornstein vor der Gestaltung durch Daniel Buren(Foto: Regi51 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0 / GFDL)

 

Für die gewaltige Aufgabe seiner Gestaltung im Zuge der anstehenden Renovierung wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem die beiden deutschen Künstler Eva Maria Wilde und Hans Peter Reuter, sowie der Brite Alan Charlton und der Franzose Daniel Buren eingeladen wurden. Die eingereichten Projekte der vier minimalistisch-konzeptuell arbeitenden Künstler wurden von einer Jury, die mit Entscheidern aus Stadt, beteiligten Kommunen, dem Kulturbereich und der Firma Eins Energie prominent besetzt war, begutachtet. Im Februar 2012 fiel die Entscheidung zugunsten des mit Großprojekten erfahrenen und ortsspezifisch arbeitenden Künstlers Daniel Buren aus (*1938, Boulogne-Billancourt). Ende der 1960er Jahre setzte er sich als einer der ersten kritisch mit Rahmen und Begrenzungen der Kunst in ihren Institutionen auseinander, indem er 8,7 Zentimeter breite vertikale Streifen zur Markierung bestimmter räumlicher Situationen nutzte. Auch im öffentlichen Raum lenkte er durch die wilde Plakatierung dieses „visuellen Werkzeugs“ den Blick auf scheinbar Banales und Alltägliches. Mit strukturellen Eingriffen veränderte er die Wahrnehmung ganzer Bauten, so zum Beispiel das Palais Royal in Paris mit „Les Deux Plateaux“ („Die zwei Ebenen“, 1985–1986), eine permanente ortsspezifische Arbeit, für die er das Wort „in situ“ gebraucht. Aufmerksame Betrachter finden in der Messe Leipzig ebenfalls eine solche Intervention. Bei neueren Arbeiten nutzt der Künstler oft große, durch Licht und Farbe gefilterte Farbformen.Für den Chemnitzer Schornstein legte Daniel Buren 2012 den zweiteiligen Projektentwurf „Sieben Farben für einen Schornstein und die Spirale der Freude“ vor. Seinen Entwurf bezeichnet er selbst auch als „Dispositiv“, ein Begriff, der durch den französischen Philosophen und Soziologen Michel Foucault geprägt wurde, und Burens Anspruch auf eine diskursiv wirkende Kunst verdeutlicht.

 


Blick zum Heizkraftwerk Nord in Chemnitz mit dem von Daniel Buren farbig gestalteten Schornstein (Foto: Sandro Schmalfuß / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 / GFDL)

   


Schornstein, Heizkraftwerk Nord am 5. Oktober 2013 (Foto: Fototro / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 / GFDL)

 

Was ist das Besondere am Gestaltungsentwurf des Künstlers? Weder betonte er die schiere Höhe der Esse durch eine einfarbige, geschlossene Farbhülle, noch entschied er sich für eine dekonstruktive Gestaltung. Auch lehnte er im Gegensatz zu seinen Konkurrenten illusionistische oder kleinteilige Lösungen ab, die die Höhe des Schornsteins aufgebrochen oder ihn zum unbedeutenden Trägermedium degradiert hätten. Wie es im Titel „Sieben Farben für einen Schornstein“ anklingt, nutzte er stattdessen die bestehende Unterteilung des Schornsteins durch Wartungsplattformen. Für die so festgelegten sieben gleichgroßen Segmente wählte er je eine andere Farbe aus, und ordnete diese aufsteigend nach dem deutschen Alphabet. Da Buren Farbe weder als Bedeutungsträger noch farbtheoretisch einsetzt, änderte er für die später geforderte Umstellung auf genormte Farben kurzerhand wieder seine Auswahl. Dennoch sind die Farben keine Zufallsprodukte: „Beim Schornstein ist die Verwendung von Farbe besonders wichtig und verantwortungsvoll. Es ist etwas Anderes, wenn man mit Farbe im Herzen einer Stadt spielt, als wenn man mit Farbe im Herzen eines Bildes spielt“, erklärte er anlässlich einer Pressekonferenz. So finden sich auch niemals zwei ähnliche Farben direkt übereinander, zwei blaue und zwei gelbe Töne sind durch andersfarbige Segmente voneinander geschieden. Die kontrastreichen Farben sorgen dafür, dass die Höhe des Schornsteins besser wahrnehmbar ist, gleichzeitig machen sie eine horizontale Lesart möglich. Von Beginn an lösten die Farben starke Reaktionen bei den Bewohnern aus, jede Anbringung eines neuen Abschnitts wurde medial begleitet. Genau diese Reaktionen sah der Künstler voraus, und setzte den Schornstein mit einem „Stock […], mit dem Kinder spielen“ gleich. Trotz seiner Höhe lässt sich der Bau durch seine Farben aneignen und bietet Identifikationspotential, ohne auf eine bestimmte Deutung festgelegt zu sein. Letztlich geht die dahinterstehende Idee des „homo ludens“, also des „spielenden Menschen“, auf die Vorstellungen der Situationistischen Internationale um Guy Debord zurück, einer linksgerichteten Vereinigung französischer Künstler, Architekten und Intellektueller der 1960er Jahre.


Neben den Farben besteht ein zweites Gestaltungsmittel in der Anbringung 2,50 Meter hoher vertikaler weißer Streifen zwischen den farbigen Segmenten. Ursprünglich sollten sie als weiße Latten am Geländer der Wartungsplattformen montiert werden. Die für den bewegten Betrachter ständig wechselnden Farben hätten zu einer flirrenden Wahrnehmung dieses Bereichs geführt. Bei der endgültigen Ausführung wurden die Streifen direkt auf den Betonschaft aufgebracht. Dort befand sich zuvor ein standardisiertes rotweißes Schachbrettmuster zur Kennzeichnung von Flughindernissen. Buren ersetzte also das konventionelle Signal durch ebenfalls signalartige, anonyme 8,7 cm breite Streifen, die sich einem einfachen Zugang jedoch verweigern. Indem sie jeweils die Farbe des beginnenden Segments aufnehmen, unterscheiden sie sich auch in ihrer Wiederholung. Aus der Ferne wiederum wirken sie beinahe weiß und trennen die farbigen Abschnitte als „Spitzenborte“, wie Daniel Buren sie nennt, deutlich voneinander.


Der zweite Teil des Konzepts, „Die Spirale der Freude“, konnte bisher nicht realisiert werden. Daniel Buren plant dafür die spiralförmige Anbringung langer LED-Lichterketten am Schornstein. Zunächst sollten zwei Lichterketten parallel gelegt werden, bei der Anpassung des Entwurfs sind die Lichterketten einzeln und mit einem größeren Abstand angebracht. Die Spirale kann am Tag als feine schwarze Linie wahrgenommen werden und verbindet so bei genauer Betrachtung die einzelnen Farbsegmente miteinander. Nachts führt sie den Blick nach oben und betont die Vertikale, Farben und Plattformen dagegen werden unsichtbar. Wie verwirbelter Dampf sollen die LED-Lichter um die Hülle bis zur tatsächlichen Öffnung des Abzugs an der Spitze aufsteigen. Mit der Nachtversion betont der Künstler mehr als am Tag die Funktion des Schornsteins. Etwas, das zuvor im Innern verborgen blieb, wird in künstlerischer Interpretation sichtbar gemacht: Der Dampf verwandelt sich hier in Licht, versinnbildlicht die Gewinnung und Wandlung von Energie für die Chemnitzer. „Und so wie sich die Energie über die Stadt ausbreitet, verteilt sich das Licht als Symbol über die Stadt“, merkte der Künstler dazu an. Diese Ausbreitung der Energie wurde anlässlich der Ausstellung „Daniel Buren. Quand le textile s’éclaire“ (Daniel Buren. Wenn Stoff sich erhellt) im Frühjahr 2018 greifbar: 31 lichtoptische Gewebe, hergestellt in Zusammenarbeit mit einer Lyoner Seidenfirma, erhellten mit der im Kraftwerk produzierten Energie die Museumsräume der Kunstsammlungen Chemnitz. Neben der Symbolsprache des Lichts und seiner auch hier genutzten 8,7 cm breiten Streifen schaffen die quadratischen Stoffe gleichzeitig die Verbindung zur Chemnitzer Geschichte als Textilstandort.


Zurück zur „Spirale der Freude“ am Schornstein: Parallel zur Anbringung der Streifen ersetzt Daniel Buren dort somit erneut ein konventionelles Signal – die obligatorischen Leuchtfeuer an den oberen Plattformen –, durch ein künstlerisches Signal. Einzeln ansteuerbar, machen die LEDs unzählige Farbkombinationen möglich und können Bewegung simulieren. Für die Umsetzung sollte nach den Wünschen des Künstlers die Firma AE&T beauftragt werden. Sie setzte 2003 das Lichtkonzept für den Eiffelturm um, das seither zu Nationalfeiertagen, sportlichen Events und Jahreswechseln zahlreiche Betrachter in seinen Bann zieht. Die erste Installation der Spirale 2013 wurde aus technischen Gründen wieder abgenommen. Aktuell ist eine Beleuchtung am Schornstein angebracht, die nicht dem Konzept des Künstlers entspricht, sondern aus einer Online-Abstimmung des Energieversorgers hervorging.


 


Schornstein des HKW Chemnitz Nord II bei Nacht, Dezember 2017 (Foto: Lord van Tasm / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 / GFDL)

 

Mit Daniel Burens Konzept wird der Bau in seiner Form bestätigt, farblich jedoch verändert, und erhält ein positives Image. Burens Gestaltungsmittel sind genau an den Schornstein angepasst, untrennbar mit ihm verbunden und können nirgendwo sonst in dieser Form auftauchen. Als nicht-funktionaler Teil des Heizkraftwerks lassen sie sich trotzdem als unabhängiges Kunstwerk lesen, das sich von der Natur, aber auch von den farblich an der Bauordnung orientierten Gebäuden der Stadt und ihrer Nachtsilhouette abhebt. Eine Gesamtbetrachtung der bemalten Fläche oder der Spirale bedarf räumlich und zeitlicher Veränderungen des Betrachters. Mindestens einmal tagsüber und einmal nachts muss er sich um den Schornstein herum und damit in der Stadt bewegen, um die wichtigsten Aspekte des Kunstwerks wahrzunehmen. Verschiedene Beleuchtungen oder Witterungsbedingungen lassen immer wieder neue Ansichten entstehen, einzelne Farben und Lichter stärker hervor- oder zurücktreten. Daniel Buren macht Chemnitz damit ein künstlerisches Angebot, das die Stadt nicht ablehnen kann.


Als PDF speichern

Literatur

  • Homepage des Künstlers Daniel Buren, https://www.danielburen.com/ (letzter Zugriff 13.11.18)

  • Daniel Buren. Katalog zur Ausstellung "Quand le textile s’éclaire : fibres optiques tissées. Travaux in loco 2013-2014 (Wenn der Stoff sich erhellt: Gewebte Glasfasern. Arbeiten in loco 2013-2014) " vom 18. März 2018 - 10. Juni 2018, Kunstsammlungen Chemnitz. Hrsg. v. Ingrid Mössinger, Cornelia Posselt. Dresden 2018.

  • Informationen des Betreibers „eins energie“ über den Schornstein auf https://www.eins.de/%C3%BCber-eins/infrastruktur/industriekultur/schornstein/ (letzter Zugriff 13.11.18)