„So waren wir denn oft recht glücklich bei manchen Sorgen über unser bürgerliches Leben. Denn wir brauchen mehr als wir verdienen.“
Einblicke in das Alltagsleben eines Künstlerpaares: Die Ehetagebücher von Robert und Clara Schumann

 


In der Stadtgeschichte Zwickaus gibt es einige große Namen zu entdecken, zu deren berühmten Söhnen auch der 1810 geborene Musiker und Komponist Robert Schumann zählt. Die Liebes- und Leidensgeschichte zwischen Robert Schumann und seiner neun Jahre jüngeren Frau Clara Wieck, ihr gemeinsamer Kampf um die Heiratserlaubnis, welche Claras Vater verweigerte und beide gerichtlich erstritten sowie Schumanns Nervenleiden, sein Suizidversuch und Tod mit 46 Jahren ist Stoff zahlreicher Erzählungen und vielen bekannt. Einblicke in das Alltagsleben des Künstlerpaares bieten nicht nur ihre privaten Tagebücher, Briefe, Haushaltsbücher sowie Erinnerungen ihrer ZeitgenossInnen, sondern auch die in den ersten Ehejahren gemeinsam geführten Ehetagebücher.

Einen Tag nach der Hochzeit beginnt Robert Schumann am 13. September 1840 – es ist zugleich der 21. Geburtstag Claras – ein Buch, welches „ein Tagebuch werden [soll] über Alles, was uns gemeinsam berührt in unserem Haus- und Ehestand; unsere Wünsche, unsere Hoffnungen sollen darin aufgezeichnet werden; auch soll es sein ein Büchlein der Bitten, die wir an einander zu richten haben, wo das Wort nicht ausreicht; auch eines der Vermittlung und Versöhnung, wenn wir uns etwas verkannt hatten; kurz ein guter wahrer Freund soll es uns sein, dem wir Alles vertrauen, dem unsre Herzen offen stehen.“ (Zitate aus Nauhaus/Bodsch, Ehetagebücher, vgl. Literatur.) Im wöchentlichen Wechsel berichten sich die Ehepartner über die Ereignisse der letzten Woche, über begangene und erhaltene Besuche, Ausflüge, Konzerte und Ausstellungen sowie über ihr privates Zusammensein, Gemütszustände und ihr künstlerisches Schaffen. „Eine Zierde unsres Tagebüchelchens soll wie gesagt die Kritik unserer künstlerischen Leistung werden; z.B. kömmt genau hinein, was Du [Clara] vorzüglich studirt, was Du componirt, was Du Neues kennen gelernt hast und was Du davon denkst; dasselbe findet bei mir [Robert] Statt.“ Das Tagebuch wirkt wie ein schriftliches Gespräch, in dem sich die Ehepartner in ihren Aufzeichnungen bzw. Briefen einander direkt ansprechen und sowohl an die schönen Erlebnisse erinnern als auch an ihre Meinungsverschiedenheiten.


Robert und Clara Schumann 1847, Lithographie von Eduard Kaiser (Wikimedia Commons)

Während im ersten Ehejahr im regelmäßigen Wechsel Tagebuch geführt wird – Ausnahmen sind Zeiten, in denen Robert viel komponiert – werden die Abstände ab September 1841 unregelmäßiger, bis schließlich nur noch Monatszusammenfassungen notiert sind. Die Aufzeichnungen enden schließlich mit der großen Konzertreise nach Russland Ende Mai 1844 und füllen insgesamt drei Bände. Das Verfassen von Tagebüchern war eine besonders in bürgerlichen Kreisen sowie unter KünstlerInnen verbreitete Modeerscheinung, die sich bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt. Die Besonderheit der schumannschen Ehetagebücher liegt darin, dass sie gemeinschaftlich und über einen Zeitraum von 3 ¾ Jahren geführt wurden. Ein weiteres Beispiel gemeinschaftlich verfasster Aufzeichnungen ist das Notiz- und Skizzenbuch, welches der Musiker Felix Mendelssohn Bartholdy mit seiner Frau Cécile während ihrer Hochzeitsreise füllte. Im Gegensatz zu den Schumanns führten die Bartholdys ihr Tagebuch im Ehealltag zuhause nicht weiter fort.

 

Neben Reflexionen ihres privaten Lebens sowie ihrer künstlerischen Arbeit stellen Charakterbeschreibungen bekannter oder kennengelernter Persönlichkeiten einen weiteren thematischen Schwerpunkt der Aufzeichnungen dar: Der bereits erwähnte Felix Mendelssohn Bartholdy, ein von beiden hoch geschätzter Kollege, wird als geistreich und liebenswürdig beschrieben, in dessen Gegenwart Clara zu schwärmen beginnt: „[E]in schönes Wort von Mendelssohn macht sie [Clara] stundenlang glänzen“, stellt Robert fest. Der Musiker Franz Liszt beeindruckt mit seinem meisterhaften Spiel, wenngleich die Schumanns seine Kompositionen „geschmacklos“ und „schauderhaft“ finden und Clara seinen zwiespältigen Charakter – „gutmüthig, herrschsüchtig, liebenswürdig, arrogant, nobel und freigebig“ – kritisiert. Und auch Richard Wagners Gemüt bleibt nicht unerwähnt, „ein Mensch, der nie aufhört von sich zu sprechen, höchst arrogant ist, und fortwährend in einem weinerlichen Tone lacht.“

 

Die Ehetagebücher erwecken zunächst den Eindruck eines sehr harmonischen Ehelebens, welches von großer Zuneigung und Dankbarkeit für das gemeinsame Glück geprägt ist, aber auch von Anerkennung und Hochachtung der künstlerischen Leistungen dem anderen gegenüber. Doch Konflikte bleiben auch in der schumannschen Ehe nicht aus, welche in den Tagebüchern an einzelnen Stellen lediglich mit „einem Wortwechsel“, „Ärger, […] über mein Eheweib“ sowie „einige[n] kleine[n] Stürme[n]“ umschrieben werden. Während Unstimmigkeiten wohl vornehmlich mündlich zwischen den Eheleuten geklärt wurden und daher keine ausführliche Erwähnung finden, zieht sich ein Konfliktpunkt über die gesamten Aufzeichnungen hinweg: Es ist die Diskussion um Claras Wunsch, weiterhin öffentlich zu Konzertieren und als aktive Künstlerin Geld zu verdienen. Roberts Vorstellung, Clara möge allein im häuslichen Bereich und in privaten Gesellschaften musizieren und sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen sowie Claras gegenteilige Bestrebungen sollten nicht voreilig als Unterdrückung bzw. Rebellion abgestempelt werden. Zwar stellt sich Robert nach der Hochzeit Clara vornehmlich als Hausfrau und künftige Mutter vor, doch es kollidieren auch unterschiedliche Grundauffassungen über das Verständnis von Künstlertum und Künstlerdasein.

 

Robert Schumann sieht in der Kunst und damit auch in der Kunst des Musik Machens – des Spielens wie Komponierens – eine Offenbarung, die der Künstler quasi als göttliche Begabung und Geschenk erhalten hat. Das heißt, dass der Musiker allein der Musik wegen komponiert und musiziert und nicht, um damit in erster Linie Geld zu verdienen. Clara Schumann hingegen verbindet aufgrund ihrer Ausbildung zur Pianistin das Musizieren immer mit dem öffentlichen Auftreten, wodurch sie sogleich auch Geld verdienen kann. Und Clara ist im Gegensatz zu ihrem Mann bei ihrer Hochzeit bereits eine bekannte und gefeierte Künstlerin, die nicht in Vergessenheit geraten will. Um ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht zu verlieren, bedarf sie jedoch täglichen Übens, welches die Schumanns vor die nächste Herausforderung stellt: „den leichten Wänden“. Clara beklagt die hellhörige Wohnung, in der sie nicht frei spielen kann, wenn ihr Mann Ruhe für seine Kompositionen braucht. Und dieser verlangt von seiner Frau wiederum Rücksicht, da Schumann dem Produzieren neuer Werke eine höhere Bedeutung zuerkennt als ‚nur‘ ihrem spielen. Clara jammert weiter, sie verlerne noch alles, wird zunehmend von Lampenfieber geplagt und klagt über Schmerzen in den Fingern, wenn sie sich nach einer längeren Spielpause wieder ans Klavier setzt.

 


Robert und Clara Schumann 1850, nach einer Daguerreotypie im Schumann-Museum Zwickau (SLUB Dresden / Deutsche Fotothek, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/70232183)

 

Für Claras Bitten nach öffentlichen Konzerten und Konzertreisen gibt es auch ganz pragmatische Gründe. Die Schumanns „brauchen mehr als [sie] verdienen“ und Clara hat den Wunsch, Robert „auch einmal ein Scherflein durch [ihr] Talent zu spenden“ und ihm mit ihrem Verdienst zu ermöglichen, allein der Musik wegen künstlerisch tätig zu werden: „Ach Robert! […] der Gedanke, du sollst für Geld arbeiten, ist mir der Schrecklichste, denn die kann Dich einmal nicht glücklich machen, und doch sehe ich keinen anderen Ausweg, wenn du nicht mich auch arbeiten lässt, wenn du mir alle Wege, etwas zu verdienen, abschneidest. Ich möchte ja aber gerne verdienen, um Dir ein nur Deiner Kunst geweihtes Leben zu schaffen […].“ Ein Blick in die von Robert geführten Haushaltsbücher bestätigt die Notwendigkeit höherer Einnahmen. Über die ersten Ehejahre hinweg sind die Ausgaben des schumannschen Haushaltes größer als die Einnahmen, wohingegen die von Clara lang ersehnte Konzertreise nach Russland zwischen Januar und Mai 1844 mit einem Reinerlös von 2.338 Talern auch den wirtschaftlichen Erfolg solch eines Unternehmens bestätigt. Die Schumanns waren sich der finanziellen Chancen großer Konzertreisen bewusst und erwogen eine mehrjährige Amerikareise anzutreten, um für die Zukunft auszusorgen – traten diese jedoch nie an.

 

Bei allen finanziellen Sorgen und dem regelmäßigen Rückgriff auf Erbschaften und Rücklagen führten die Schumanns kein verarmtes Leben. Sie unterhielten einen bürgerlichen Haushalt, in dem sie fast täglich Gäste empfingen und zu dem auch Bedienstete gehörten. Während das Künstlerpaar ihren Kinder- oder Dienstmädchen einen Monatslohn von rund einem Taler sowie einer Amme von vier Talern zahlte, leistete sich Clara ein Samtkleid im Wert von 80 Talern, wobei sie selbst für ein „gewöhnliches Kleid“ bereits zehn Taler ausgab. Und auch eine Jahresmiete von 130 Talern sowie ein Ring zu Claras Geburtstag im Wert von 75 Talern unterstreicht die gehobene Lebenshaltung der beiden. Die finanziellen Sorgen beschäftigten die Schumanns und deren wachsende Familie noch eine Weile, denn Robert erhielt erst zwischen 1850 und 1854 ein regelmäßiges Einkommen als Düsseldorfer Musikdirektor.

 

Bei all den Diskussionen um das öffentliche Konzertieren Claras lassen sich den Ehetagebüchern weitere Einblicke entlocken, die u.a. über die Hausfrauenfähigkeiten der Pianistin Aufschluss geben. Von ihrem Vater wurde sie primär zur Musikerin ausgebildet und nicht auf ein mögliches Dasein als Hausfrau und Mutter vorbereitet. Robert berichtet bspw. über den ersten Braten, den Clara gemeinsam mit ihrer Mutter zubereitet, über die Sorgen der jungen Hausfrau, dass es ihren Gästen nicht schmecken könnte oder die Speisen nicht ausreichen. Im Vergleich zum Klavierspielen scheint sich Claras Enthusiasmus gegenüber den häuslichen Tätigkeiten in Grenzen gehalten zu haben, denn Robert resümiert, sie würde „auch Bohnen [schneiden,] wenn’s sein muss – die Musik geht ihr aber über Alles“. Die Aufzeichnungen ermöglichen den LeserInnen ebenfalls eine Sicht auf Robert und Clara Schumann als Eltern, berichten sie doch über die Geburten der ersten Töchter Marie im September 1841 und Elise im April 1843, ihre Entwicklung, über die Aufregung um den ersten Zahn, Sorgen um ihre Gesundheit sowie den Trennungsschmerz während Reisen.

 

Die Ehetagebücher der Schumanns geben einen besonderen Einblick in das Leben des sächsischen Musikerpaares Mitte des 19. Jahrhunderts und ihren Herausforderungen und Sorgen, Beruf(ung) und Familienleben miteinander zu verbinden. Sie berichten über anstrengende Konzertreisen, die neue Mode des Autogrammjagens, Ärger über Diebstähle der Hausangestellten und – den ganz normalen Alltag eines Ehepaares.


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Quellen und Literatur

  • Beci, Veronika: Robert und Clara Schumann. Musik und Leidenschaft. Düsseldorf 2006.

  • Borchard, Beatrix: Robert Schumann und Clara Wieck. Bedingungen künstlerischer Arbeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Ergebnisse der Frauenforschung, IV). Weinheim/ Basel 1985

  • Nauhaus, Gerd (Hg.): Robert Schumann. Tagebücher. 3 Bde., Bd. III Haushaltsbücher Teil 1 1837-1847. Basel/ Frankfurt am Main 1982

  • Nauhaus, Gerd (Hg.): Robert Schumann. Tagebücher. 3 Bde., Bd. III Haushaltsbücher Teil 2 1847-1856. Anmerkungen und Register. Basel/ Frankfurt am Main 1982

  • Nauhaus, Gerd/ Bodsch, Inge (Hg.): Robert und Clara Schumann. Ehetagebücher. 1840-1844. Frankfurt am Main/ Basel 2007