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Europäische Geschichte studieren in Chemnitz
Archiv der Ringvorlesungen

Archiv der Ringvorlesungen der Juniorprofessur Antike und Europa mit besonderer Berücksichtigung der Antikerezeption

 

 

Das Programm der Ringvorlesung:

26.04.2016 - Was Europa der Antike verdankt, Prof. Dr. Egon Flaig, Berlin

10.05.2016 - Trauer, Tränen, Dreck: Transformationen des squalor bei Poggio Bracciolini und in der TV-Serie ‚Rome‘, Christopher Degelmann, M.A., Berlin

24.05.2016 - Quotes, Proverbs and Sayings in Classical Athens: the Construction of Rhetoric Expertise and the Transformation of “Popular” Wisdom Tradition, Tomás Bartoletti, Buenos Aires

07.06.2016 - Dreiste Sklaven, freche Esel: Der Diskurs um die ‚demokratische Gleichmacherei‘ auf den Straßen Athens, Dr. Katarina Nebelin, Rostock

21.06.2016 - Die Rolle des tribunizischen Vetos im Ständekampf-Narrativ, Frank Görne, M.A., Rostock

05.07.2016 - Die frühen Christen und die antike Stadt – Resistenz oder Integration?, Prof. Dr. Claudia Tiersch, Berlin

„Alles ist verlierbar, nichts ist umsonst“
Prof. Dr. Egon Flaig über die Gesetze der Geschichte, Europa und was wir der Antike verdanken


Am 26.April sprach Prof. Dr. Egon Flaig aus Berlin im Rahmen der Vortragsreihe der Juniorprofessur Antike und Europa darüber, „was Europa der Antike verdankt“. Egon Flaig orientiert sich stark an Max Weber und Pierre Bourdieu, das Hauptaugenmerk seiner Theorien liegt in der Soziologie und der „politischen Anthropologie“. „Kulturelle Orientierung ohne historisches Wissen ist unmöglich.“, so Flaig zu Beginn seines Vortrages. Doch was genau versteht man unter „Orientierung“? Nun, abgesehen davon, dass zunächst einmal das Wort „Orient“ darin entdeckt werden und es somit als „den Osten suchen“ verstanden werden kann, bedeutet es laut Flaig viel mehr. Orientierung hieße Inflexibilität, das Ausschalten von Beliebigkeit. Hinter den Normen stünden immer auch Werte und hinter den Werten wiederum Geschichte(n). Mit diesen Worten leitete Flaig über zum „Gesetz der Geschichte“: Alles ist verlierbar, nichts ist umsonst. Wir sollten uns stets vor Augen halten, dass nichts selbstverständlich sei, sondern durch Kosten ermöglicht werde. Geschichtsbewusstsein sei also unabdingbar; zur Stabilisierung der Normen und da der Mensch ohne Gedächtnis zur Maschine werden würde. Was macht also Europa aus? Zunächst einmal stellte Flaig klar, dass kulturelle Orientierung nicht gleich Verschönerung und Geschichtswissenschaft keine kollektive Identität darstelle. Kulturelle Besonderheit werde unter anderem auch durch Differenzen zu anderen Kulturen geschaffen. Zu den Merkmalen Europas gehören laut Flaig daher die Wissenschaft als letzte Instanz für Wahrheitsfragen (ausgenommen weniger Lebensgebiete), die Vielfältigkeit der Partizipationsmöglichkeiten, Bekämpfung der Sklaverei und deren Abschaffung, selbstkritische Selbsteinschätzung und Eingestehen von Schuld  und nicht zuletzt das Allinteresse, was sich in einer Neugier für fremde Kulturen und Epochen zeigt. Natürlich treffe dies nicht ausschließlich auf Europa zu, doch jede Kultur bewahre sich dadurch, dass sie sich auf ihre Besonderheiten besinnt – die Historiographie sei dabei unabdingbar. Der Punkt „Europa“ im Titel war somit geklärt, blieb die Frage nach der Antike und ihrem „Erbe“. Dafür setzte Flaig bei den Reformen Solons 594 v.Chr. an. Seine Reformen waren zunächst einmal Ausdruck der „Anthroponomie“ – des Gesetzes des Menschen, nicht des gottgegebenen. Die darin vorkommenden Elemente der Herrschaftskontrolle und der Verfassungstypen seien bis heute, teils in abgewandelter Form, gültig und auch die Grundlagen der politischen Freiheit und das Allinteresse für fremde Kulturen seien wichtige, wiederkehrende Merkmale. Zudem sei den Griechen auch die Erfindung der Wissenschaft zu verdanken; Wissen ist nicht Wissenschaft, das Wissen muss theorieförmig systematisiert werden. Auch religiöse Revolutionen und die Reflexion über Sklaverei haben ihre Anfänge in der Antike. Und einige damals hervorgebrachte Elemente sind bis heute in unserem Alltag verwurzelt. Als Beispiel nannte Flaig den Bezug des römischen Rechtsprinzips zu Artikel 1 der Menschenrechte: „omneshominesiurenaturaliaequalessunt et liberi.“ – alle Menschen sind nach dem Naturrecht gleich und frei. 

Text: Julia Anna Jasmin Pfeiffer

Fotos: Julia Anna Jasmin Pfeiffer

Trauer, Tränen, Dreck
Von Trauerszenen, schäbigen Bärten und dem Hervorbringen einer eigenen Antike

Am Dienstag, den 10.05.2016, fand der zweite Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung der Juniorprofessur statt. Diesmal sprach Christopher Degelmann M.A. aus Berlin zu den „Transformationen des squalor bei Poggio Bracciolini und der TV-Serie Rome.“ Der Vortrag widmete sich dabei dem Nachleben einer antiken Praxis, genauer dem Ritual der Senatoren, dreckige und beschmutzte Trauerkleidung anzulegen. Dieses Phänomen der Römischen Republik bezeichnet man als squalor. Doch was ist an dieser Trauerkleidung so besonders? 
Diese Kleidung wurde anders instrumentalisiert, als wir es aus heutiger, modernen Sicht auf die Dinge vielleicht denken würden: Trauer war oft Zeichen drohenden Übels und das Ziel des „Trauernden“ war unter anderem der Protest, die Rache, oder der Aufruf zur aktiven Teilnahme und Unterstützung des Volkes zu dessen Durchführung. Man wollte Aufmerksamkeit erlangen.
Eine schmutzige Toga (toga sordida) war demnach ein nach außen hin sichtbares Mittel, den Ernst der Lage auszudrücken und das Volk auf die (persönliche) Lage aufmerksam zu machen. Auch ein schäbiger Bart (squalentia barba) zählte zu diesen symbolischen Mitteln. Durch diese Handlung wurde das Gewand der Toga in einen neuen Kontext überführt. Ziel war es, die öffentliche Meinung gegen einen politischen Opponenten zu beeinflussen, um daraus den eigenen Vorteil schöpfen zu können. Es wurde an die Treue des römischen Volkes plädiert, um beispielsweise einer unverdienten Strafe zu entkommen. 
Wie auch in der heutigen Zeit war die Selbstinszenierung ein wichtiger Bestandteil der Politik. „Trauerszenen“ waren ein soziales Phänomen, das letztendlich erst durch die Verarbeitung in der Literatur sichtbar wurde. Beim squalor übernahm man Symbole der Trauer und überführte sie in die politische Kultur der römischen Republik. Sowohl in der italienischen Renaissance, bei Poggio Bracciolini, als auch in der postmodernen Mediengesellschaft kann man Aneignungen dieser antiken Technik erkennen.Dabei ist es wichtig, dass die Erzählung und Darstellung der Trauerszenen immer auch am aktuellen Publikum orientiert wird. Die Rolle des squalor muss zwangsläufig verändert und auf die jeweiligen Belange angepasst werden. Somit findet auch immer eine Allelopoesie statt: „Jede Gegenwart bringt auch jeweils ihre eigene, epochenspezifische Antike hervor.“

Text und Foto: Julia Anna Jasmin Pfeiffer

Von Weisheiten, Rhetorischer Expertise und Bildung

Auch am 24. Mai 2016 fand im Rahmen unserer Ringvorlesung wieder ein spannender Vortrag mit dem Titel „Quotes, Proverbs andS ayings in Classical Athens: the Construction of Rhetoric Expertise and the Transformation of “Popular” Wisdom Tradition“ statt. Referent war dieses Mal Tomás Bartoletti aus Buenos Aires, der z.Zt. als DAAD-Stipendiat an der HU Berlin ist und dessen Forschungsschwerpunkte unter anderem in der griechischen Sozial- und Kulturgeschichte des 5. Jh. v. Chr. in Athen und der Wissenschaftsgeschichte der Antike liegen. Kernthema seines Vortrages war die Beziehung zwischen technischen Medien, politischer Bildung und kulturellem Gedächtnis. Seines Erachtens waren tradierte Aussprüche, Weisheiten und Sentenzen im klassischen Athen nicht nur „Archive“ des kulturellen Gedächtnisses, sondern stellten auch wichtige technische Medien der politischen Herrschaft dar. Bei der Entstehung der Schriftlichkeit waren Sprichwörter besondere Elemente, die auch bei der Erziehung und Bildung von Jugendlichen angewendet wurden. Zudem spielten Lehrweisheiten eine wichtige Rolle in der rhetorischen Praxis und Bildung. 

Text: Julia Anna Jasmin Pfeiffer

 

Fotos: Susi Bogen

Von Schwimmbaddemokratie,  dreisten Sklaven und frechen Eseln
Katarina Nebelin über die „demokratische Gleichmacherei“ auf den Straßen Athens

Am 7.Mai 2016 fand bereits der vierte Vortrag im Rahmen unserer Ringvorlesung statt. Dr. Katarina Nebelin aus Rostock sprach darüber, was es bedeutet, wenn in einer Gesellschaft plötzlich Vermögens- und Bildungsunterschiede aufgehoben werden sollen, um eine politische Gleichheit der Bürger zu garantieren, schließlich  st diese doch die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. 
Einleitend stellte Dr. Nebelin das anschauliche Beispiel der in Island herrschenden „Schwimmbaddemokratie“ vor. Denn dem (nackt) badenden Menschen sieht man seinen Stand, Reichtum oder seine Bildung anseiner Kleidung nicht an, niemand hebt sich somit von den anderen ab- oder anders ausgedrückt: Alle sind gleich.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand ein anonym überlieferter Text aus dem antiken Athen, in dem sich der Verfasser (im folgenden Pseudo- Xenophon genannt) kritisch zur Demokratie äußert. Die von der Demokratie ausgehende „Gleichmacherei“ hätte sogar die Folge, dass nicht einmal mehr Sklaven den Höhergestellten auf den Straßen Platz machten und sie ihnen vielmehr respektlos entgegentraten. Doch ist diese Behauptung überhaupt – rechtlich und politisch – gerechtfertigt?
 Im Athen des 5.Jahrhunderts vor Christus ist die Haltung einer„neue Bescheidenheit“ erkennbar. Haartracht und Kleidung unterlagen einem ständigen Wandel und die prunkvolle Darstellung des eigenen Reichtums war verpönt, da sie als ein Zeichen von Oligarchie und Tyrannis galt. Somit näherte sich die Kleidung des Volkes (demos) immer mehr der der Sklaven an. Durch die fehlenden statusbezogenen Kleidungszeichen waren also im alltäglichen Leben die fundamentalen Unterscheidungen verwischt, allerdings gab es trotzdem noch eine starke mentale Abgrenzung. Zudem war offene Gewalt sogar gesetzlich verboten, bei Misshandlung eines fremden Sklaven beispielsweise drohte eine Klage wegen Eigentumsbeschädigung. Dabei galt dieses Gesetz vor allem generell und präventiv – wären die Sklaven an ihrer Kleidung erkennbar gewesen, hätte die Gewalt auf den Straßen sicherlich zugenommen, da man sich dem Stand seines Gegenübers sicher sein konnte. 
Ein weiteres Argument Pseudo-Xenophons ist, dass die Demokratie eine eigennützige Regierungsform sei und alle nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien. Die ärmeren Bürger „bereicherten“ sich somit regelrecht an dem Staatsreichtum, ja „maßen sich diesen sogar an“. Doch wenn die Armen immer weiter unterstützt wurden – war es dann nicht die logische Folge, dass diese irgendwann nicht mehr arm waren und sich zu den höheren Gesellschaftsschichten zählen konnten? 
Diese Überlegung lässt darauf schließen, dass Pseudo- Xenophon hier nicht die individuelle Unterstützung des Bürgers meint, sondern sich auf den allgemeinen Reichtum Athens bezieht. Da dieser in der Demokratie als kollektiver Reichtum gilt, fällt das Vermögen als Mittel der Oberschicht, sich von der übrigen Bevölkerung abzuheben, weg. Ein Privileg, das die Aristokraten nur ungern missen wollten. 
Die Demokratie wird in diesem antiken überlieferten Text also als „verkehrte Welt“ beschrieben, in welcher die zuvor für die Aristokraten „reservierte“ Freiheit – sowohl im politischen als auch im gesellschaftlichen Bereich – auch auf die unteren Gesellschaftsschichten ausgeweitet wurde. Sogar Haustiere schienen sich Platon zufolge dieser neuen Situation gemäß zu verhalten: Auch die häusliche Autorität ihnen gegenüber wurde nach außen hin vernachlässigt, sodass es nicht mal mehr ihnen einfällt, in der Öffentlichkeit respektvoll aus dem Weg zu gehen.
Auch Aristoteles äußerte sich zu dieser „Situation“, wobei zu beachten ist, dass die behandelte Quelle keineswegs eine Situationsbeschreibung ist, sondern eher als Diskreditierung der Armen und Übertreibung zu verstehen ist. Laut Aristoteles ist die Freiheit in ihrer Form als „achtloses Laissez-faire“ ein Zeichen von Tyrannis UND Demokratie. Denn daraus folge eine Anarchie, was dem Lebensstil der Armen entspräche, wo niedere Standards und Begierden herrschten. Cicero beschrieb diese Situation mit dem Gleichsetzen des Menschen mit einem wilden, ungezähmten Tier. 
Aber auch, wenn man in der Realität als Teil einer „Massengesellschaft“ in der anonymen Öffentlichkeit auf den ersten Blick keine oder kaum Unterschiede feststellen kann, sind die Reicheren und Gebildeteren doch aufgrund ihres Gangs, der Ausstrahlung und der Gesten insgesamt zu entlarven. Denn auch, wenn politische Gleichheit herrscht – die soziale Ungleichheit bleibt.

Text: Julia Anna Jasmin Pfeiffer

 

Fotos: Susi Bogen

Von Volkstribunen, Blockaden und einer skelettierten Vergangenheit
Die Rolle des tribunizischen Vetos im Ständekampf-Narrativ

Am 21. Juni fand ein weiterer Vortrag im Rahmen unserer Vorlesungsreihe der Professur Antike und Europa statt. Referent war dieses Mal Frank Görne M.A. von der TU Chemnitz. In seinem Vortrag widmete er sich dem Thema des tribunizischen Vetos und dessen Rolle im Ständekampf-Narrativ.

Die Geschichtsschreibung setzt in Rom erst sehr spät ein. Die Römer pflegten es, sich in exemplazu erinnern, also in zitierfähigen Texten oder Aussagen, um das kollektive Gedächtnis der Zukunft zu sichern. Der Erinnerungswert wurde an dem Kriterium der politischen Vorbildlichkeit einer Person gemessen und standardisiert.

Man erinnerte sich vorrangig an politische Erfolge und Taten mit normativem Gehalt, was aus der heutigen Sicht fatale Konsequenzen mit sich zieht: Es waren zwar Daten vorhanden, welche aber nicht für eine historische Darstellung mit interagierenden Handlungen zu gebrauchen waren. Dieses Bestehen der „skelettierten Vergangenheit“ (Zitat: Egon Flaig) wurde auch von den römischen „Geschichtsschreibern“ erkannt und Unverstandenes wurde mit eigener Fantasie erklärt, um das entkontextualisierte Geschehen auszubauen. Oder aber man knüpfte an den Vorgänger an, was häufig Anachronismen zur Folge hatte.

Auf die Frage nach dem Ursprung der tribunizischen Interzession liefert die Quellenlage daher leider keine zufriedenstellende Antwort. Dennoch lassen sich dem Ständekampf-Narrativ Informationen darüber entnehmen, wie die Autoren späterer Zeit sich die Verwendungsweise des tribunizischen Vetos vor dem Hintergrund der Ständekämpfe vorstellten. Am Anfang des Narrativs steht eine Art Generalstreik der plebs.“  Die Patrizier hatten einen exklusiven Zugang zu sakralen und politischen Ämtern inne und in Folge einer schweren Verschuldungskrise gingen die Plebejer, das einfache Volk, in einen Streik, um Verhandlungen zu erzwingen. Dies war insofern erfolgreich, als dass von nun an die jährliche Wahl der Volkstribune durchgesetzt werden konnte. Diese sollten im Grunde die Interessen der Plebejer vertreten.

Die Volkstribune verfolgten ihre politischen Ziele über Jahrzehnte und benutzten dabei Interzessionen fast ausschließlich als Druckmittel gegen diePatrizier. Die Tribunen waren unverletzlich, wurden sie physisch angegriffen, galt dies als Verletzung der heiligsten Eide und man wurde mit dem Tode bestraft. Bei der sogenannten „Intercession“blockierte der Volkstribun eine magistratische Handlung. Bei einem Konflikt forderte er die jeweiligen Konfliktparteien dazu auf, den Konflikt ruhen zu lassen. Dadurch wurde zum Beispiel das Ausheben des römischen Heeres verhindert und die beteiligten Akteure mussten dann aus dem Konflikt herausfinden, wenn die Handlung dennoch durchgeführt werden sollte. Eine Blockade galt dabei aber nicht als Machtdemonstration oder Kampfmittel, sondern vielmehr als Hilfsmittel zur geregelten Konfliktführung. Dabei war es wichtig, dass der Tribun ausreichend vom Volk bei seinen Entscheidungen und Handlungen unterstützt wurde. Es wurde davon ausgegangen, dass das Volk prinzipiell das Gemeinwohl im Auge hatte. Dieplebs hatte somit als eigene Entscheidungsgewalt auch das Recht, den Volkstribunen die Unterstützung zu entziehen und es wurde in Folge dessen erwartet, dass die Blockade in einem solchen Falle aufgelöst wird. Grund für eine solche Forderung, die Blockade aufzulösen war beispielsweise, wenn dieplebsden Eindruck hatte, dass die Blockade die Spaltung zwischen den Plebejern und Patriziern unnötig vergrößern oder derplebs schaden könnte. Tribunen müssen also auch nachgeben können, um eine „Normenverletzung“ zu verhindern.
 
Ob es überhaupt einen Ständekampf in der jungen Republik gab, ist nach wie vor in der Forschung umstritten. Auf der einen Seite steht die These, dass diese Ständekämpfe eine Konstruktion durch die ältere Republik seien, auf der anderen Seite jene, dass im 4.Jahrhundert die Ständekämpfe enorm zu spüren gewesen wären. Somit sind sich die Althistoriker bezüglich der Frage nach dem Ständekampf bereits in der Prämisse uneinig.

Text und Foto: Julia Anna Jasmin Pfeiffer

Die frühen Christen und die antike Stadt
Claudia Tiersch über die Wahrnehmung der Christen

Am 5.Juli fand der letzte Vortrag unserer Vorlesungsreihe im Sommersemester 2016 statt. Referentin war dieses Mal Claudia Tiersch von der HU Berlin.

Eine der zentralen Fragen, denen sie sich in ihrem Vortrag widmete, war, wie die frühen Christen die antike Stadt wohl wahrgenommen hatten. Zunächst einmal standen Städte für eine urbane Kultur, Ruhm, Glanz, starke öffentliche Präsenz und auch für die politische und kulturelle Autonomie der Städte. Es herrschte die Tradition kommunaler Selbstverantwortung und für Bürger, die die Stadt in Form von finanziellen Spenden unterstützte, genügte eine Ehreninschrift als Anerkennung und Dank. Die Städte versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen, regelrechte „Prestigeprojekte“ wurden dafür ins Leben gerufen – die langfristige Instandhaltung wurde dabei jedoch oft vernachlässigt. Allgemein ist also festzuhalten, dass Städte als Art Bürgerverbände zu verstehen sind. Als Orte der Bildung, Politik und Kultur und als Orientierungspunkte für das Individuum. Die antike Stadt war ein „Mitmach-Projekt“ für jedermann; wobei die Christen oft als „Sand im Getriebe“ wahrgenommen wurden.

Auch die frühen Christen lebten in den Städten. Sie wurden als „Schattengestalten“ gesehen, die zum Rest der Bevölkerung eine große Distanz aufwiesen. Aufgrund der beengten Wohnverhältnisse ist diese nicht räumlich zu verstehen, sondern eher im übertragenen Sinne: Die christlichen Praktiken waren inkompatibel mit den damals üblichen, allgemeinen Vorstellungen. Dabei wurde diese Distanz besonders intensiv erst in der Zeit nach der Verfolgung und der Konstantinischen Wende herausgearbeitet.

Die antike Urbanität musste die Christen dennoch stark beeinflusst haben, nicht zuletzt, da das Christentum aufgrund des Missionierens ein eher städtisches Phänomen war. Aus römischer Sicht wurden die Christen als regelrechte Epidemie gesehen, da sie nicht zu greifen waren und sich Dank des Missionierens immer weiter ausbreiteten. Die Christen unterschieden sich weder ethisch noch sprachlich von ihren Mitmenschen, lediglich im kulturellen oder religiösen Bereich gab es gewisse Unterschiede und auch eine merkliche Distanz: Der antike Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria rät den Christen, sich als „ein Fremdling und ein Gast“ in der antiken Stadt zu verhalten, damit die Stadt für sie nicht zu einem Ort wird, der über sie Gewalt gewinnt, sondern der Entscheidungsfreiheit und einem Miteinander wird.

Doch welche positiven Argumente hatten die Christen im Hinblick auf die Stadt? Die Stadt war als Lebensort zu verstehen, wo auch die Christen ein dauerhaftes Zuhause für sich gefunden hatten. Sie war Stützpunkt, Zuflucht, Schutz, Verwaltungsorganisation und Ort des Missionierens und gleichzeitig wurden die Christen nie aktiv zur Flucht aufgefordert. Auch innerhalb der Stadt gab es viele sinnhafte Aufgaben für die Christen, wie beispielsweise die Seelsorge. Und auch bei der allgemeinen Berufsausübung galt die Devise: „Schau, wie weit du dich auf die weltlichen Gesetze einlässt.“ Wichtig ist auch festzustellen, dass sich das Christentum, anders als beispielsweise der Islam, in einem funktionsfähigen Umfeld etablierte – welches in der Form nur in Städten existierte. Und auch die christlichen Theologen besaßen oft ein starkes Ordnungsdenken. Athanasius verstand die Stadt als Inbegriff von Schönheit und Harmonie; Ambrosius von Mailand, ein eher vom staatlichen Denken geprägter Bischof, sah in der Ordnung einen gemeinsamen Sinn, wie auch in den herrschenden Umgangsformen. 

Das Bild der antiken Stadt wurde auch in christlichen Quellen bewahrt, welche heute genutzt werden, um die Städte nach antikem Muster wieder auf- oder nachzubauen.

Text: Julia Anna Jasmin Pfeiffer










     
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Programm der Ringvorlesung
 

25.04. 2017 - "Verfaulte Gliedmaßen und tropfende Nasen. Über den geriatrischen Diskurs in der Antike", Prof. Dr. Hartwin Brandt (Bamberg)

30.05.2017 - "Die kleine Welt der städtischen Politik und das große Imperium. Überlegungen zu Krise und Untergang der römischen Republik", Prof. Dr. Martin Jehne (Dresden)

27.06. 2017 - "Gemeinschaft und Gottesstaat. Die religiösen Ursprünge des modernen Staates in der Spätantike", Jun.-Prof. Dr. Marian Nebelin (Chemnitz)

"Verfaulte Gliedmaßen und tropfende Nasen. Über den geriatrischen Diskurs in der Antike"

„Treffen der Generationen“
 

Im Rahmen der von der Juniorprofessur Antike und Europa mit besonderer Berücksichtigung der Antikerezeption an der TU Chemnitz zum zweiten Mal veranstalteten altertumswissenschaftlichen Vortragsreihe im Sommersemester („Chemnitzer Altertumswissenschaftliche Vorträge II – 2017“) referierte am 25. April 2017 Prof. Dr. Hartwin Brandt über „Verfaulende Gliedmaßen und tropfende Nasen. Über den geriatrischen Diskurs in der Antike“. Im Rahmen der gut besuchten Veranstaltung verdeutlichte Brandt, auf welche Weise in der Antike über das Alter nachgedacht wurde und welche Praxeologien damit jeweils verbunden waren. Im Zentrum stand dabei insbesondere der negative Diskurs über die Schwierigkeiten und Gebrechen des Alters, aber auch über die damit einhergehenden Diskriminierungen.

Im Umfeld der Veranstaltung kam es auch zu einem Treffen zweier ehemaliger Inhaber der Vorgängerprofessuren mit dem heutigen Inhaber der heutigen Juniorprofessur Antike und Europa mit besonderer Berücksichtigung der Antikerezeption (siehe Bild): Prof. Dr. Stefan Pfeiffer (links), der heute den Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne hat, war von 2010 bis 2013 Inahber der Professur Antike und Europa an der TU Chemnitz und folglich der unmittelbare Vorgänger des heutigen Juniorprofessors. Prof Dr. Hartwin Brandt wiederum ist Pfeiffers Vor-Vorgänger und der Vor-Vor-Vorgänger des heutigen Inhabers. Brandt, der heute den Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Bamberg inne hat, war von 1993 bis 2002 Professor für Alte Geschichte an der TU Chemnitz. Nachfolger der beiden ist seit 2015 ist Jun.-Prof. Dr. Marian Nebelin (rechts) als Inhaber der Juniorprofessur.


                                Prof. Dr. Stefan Pfeiffer, Prof. Dr. Hartwin Brandt, Jun.-Prof. Dr. Marian Nebelin

 

 

„Gemeinschaft und Gottesstaat – Die religiösen Ursprünge des modernen Staates in der Spätantike“

 

Bereits zur Begrüßung im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac) betonte Prof. Dr. Stefan Garsztecki, Dekan der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Chemnitz, dass die Erforschung der Antike „nicht nur eine wissenschaftliche Disziplin“ darstelle, sondern in dieser Epoche auch die „Wurzeln Europas“ zu finden seien. „Dieser Umstand unterstreicht die Notwendigkeit und Relevanz der Erforschung der Antike.“ Im Anschluss an die Worte seiner Vorredner sprach Jun.-Prof. Marian Nebelin vor den circa 80 anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern zum Thema „Gemeinschaft und Gottesstaat – Die religiösen Ursprünge des modernen Staates in der Spätantike“. ⇒Link zur vollständigen Pressemeldung


 

Presseartikel