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Graf Dedo von Groitzsch-Rochlitz, Sohn des Markgrafen Konrad von Meißen, gründete im Bereich der ihm als Eigengut gehörigen Grafschaft Rochlitz das Augustiner-Chorherrenstift in Zschillen an der Zwickauer Mulde (heute Wechselburg). Die Gründung war als Grablege seiner Familie gedacht. Dedo wählte für die Neugründung den Orden der Augustiner-Chorherren, um auf diese Weise die geistliche Versorgung seiner Gebiete sicherzustellen.
Das Klostergebiet Zschillens bildete in der Anfangszeit einen der am weitesten
gegen das erzgebirgische Waldgebiet vorgeschobenen Besiedlungsposten.
Die Klosterkirche konnte bereits 1168 geweiht werden und lag inmitten
des durch den Grafen gestifteten großen Besitzes. Dedo beurkundete
seine Stiftung 1174. Das Klostergebiet war zum Teil dem Bistum Meißen,
zu einem anderen Teil aber auch dem Merseburger Bischof unterstellt, so
daß die Pröpste des Stiftes in geistlicher Hinsicht beiden
Bischöfen Rechenschaft schuldig waren. Sie erhielten auch das Archidiakonat
für das gesamte Stiftsgebiet. Der junge Konvent entfaltete in den
ersten Jahrzehnten eine rege Bautätigkeit, es entstanden die romanische
dreischiffige, kreuzförmige Pfeilerbasilika und die nicht mehr erhaltenen,
ursprünglichen Klausurgebäude. Doch bereits zwischen 1228 und
1266 fanden im Stift Visitationen statt, da die Chorherren Disziplinarverstöße
begangen hatten. Daß die Stiftsinsassen dann schließlich sogar
ihren Propst und ihren Prior mit Waffen angriffen, wurde zum Anlaß
genommen, den Stift zur Reformation dem Deutschen Orden zu übergeben.
Die Übertragung erfolgte im Jahr 1278 unter der Bedingung, daß
der Deutsche Orden den verbleibenden Augustiner-Chorherren entweder den
Übertritt ermöglichen oder für ihre Versorgung geradestehen
mußte und gehalten war, stets eine größere Anzahl Priesterbrüder,
als sonst bei dem Ritterorden üblich, in Zschillen zu haben, um die
Seelsorge im Stiftsgebiet zu gewährleisten. Auch das Archidiakonat
blieb beim Stift. Diese Verfügung zeigt, daß der Überfall
nur die Ursache, nicht aber der Grund für die Übertragung gewesen
sein dürfte: der deutsche Orden stimmte der Übertragung unter
Bedingungen zu, die den verbrieften Ordensprivilegien widersprachen. Zum
Beispiel durften Einkommensüberschüsse des Stiftes nicht ins
Ordensland transferiert werden. Das Stift blieb eine Propstei, der Komtur
hatte in dieser Doppelführung lediglich die weltliche Führungsposition
inne. Während der Bischof zu Meißen die Übertragung förderte,
siegelte der Merseburger Bischof erst nachträglich und behielt sich
das Recht vor, jeden in seinem Bistum Archidiakonatsrechte ausübenden
Zschillener Propst erst zu bestätigen. Die Annahme des Deutschen
Ordens unter diesen Bedingungen läßt darauf schließen,
daß der Orden auch materielle und politische Ziele mit Zschillen
verfolgte.
Ein sicherlich nicht unwesentlicher Grund für die Übertragung Zschillens an den Deutschen Orden war auch, daß hierdurch vermieden werden konnte, daß eine eventuelle Aufteilung Zschillens zu Erbstreitigkeiten zwischen die Erben des Markgrafen Anlaß geben konnte. Bischof und Landesherr konnten davon ausgehen, daß der deutsche Orden seine Kommende nötigenfalls auch mit Waffengewalt halten würde. Nach der Übertragung gab es gelegentliche Reibereien zwischen den Adligen der Umgebung, wenn deren Gewohnheitsrecht auf Klostergebiet gegen Ordensprivilegien verstießen. Markgraf Heinrich griff hier mehrmals schlichtend ein.
Bei den Hussiteneinfällen erlitt das Kloster 1450 große Schäden, so daß nach dieser Zeit viele Neubauten erforderlich wurden. Aufgrund der Schädigungen erreichte der Konvent eine Befreiung von allen Auflagen und Diensten auf vier Jahre. Eine rege Bautätigkeit ist bis ins 16. Jahrhundert hinein zu verzeichnen. Brände erlitten die Klostergebäude dann noch einmal 1537 und 1557.
In der Geschichte des Klosters gab es mehrfach Auseinandersetzungen mit
Rochlitz, in dessen Meilenbann Zschillen gehörte, um den Bierausschank.
Zwei Pröpste des Konvents, Peter Heller und Job (Hiob) Dobeneck (bis
1502), erlangten die Bischofswürde. Beide wollten die Propstei nicht
abgeben und mußten mehr oder weniger sanft mit Abfindungen zum Verzicht
auf Zschillen gezwungen werden. Unter diesen beiden Pröpsten im ausgehenden
15. Jahrhundert kam es auch zu einer Lockerung der Disziplin, die den
Bischof zu Visitationen des Konvents veranlaßten. Job von Dobeneck
wurde vom Landesherrn mit einigen politischen Missionen betraut, unter
anderem hatte er Anteil an der Wahl Herzog Friedrichs zum Hochmeister,
von dem man sich erhoffte, daß dieser das seinerzeit nach dem Frieden
von Thorn gespannte Verhältnis zwischen Deutschem Orden und polnischem
König zu entspannen in der Lage sein würde.
Für 1527 ist ein Vorfall überliefert, der zeigt, wie die Reformation
im Zschillener Gebiet um sich griff: Der Rochlitzer Pfarrer Schmaus, ein
Deutschherr, berichtete dem Herzog Georg vom Umsichgreifen der lutherischen
Bewegung. Als die Rochlitzer dies hörten, führte dies zu einem
Aufruhr, aufgrund dessen der Pfarrer fliehen mußte. Herzog Georg
griff ein, und obwohl er auf Blutvergießen verzichtete und lediglich
den lutherischen Prediger zum Widerruf zwang, hatten es die katholischen
Nachfolger dieses Predigers im Volk schwer und gaben meist schnell auf.
Gelegentliche Überschreitungen ihrer Amtsbefugnisse durch die Zschillener
Pröpste trugen nicht eben zur Besänftigung der Lage bei. Der
Nachfolger Herzog Georgs, dessen Bruder Heinrich, führte in seinen
Gebieten die Reformation ein. In Zschillen erfolgten 1539 und 1540 Visitationen.
Zu dieser Zeit hatte der Konvent nur noch sieben Mitglieder, von denen
vier Ritterbrüder waren. Das Archidiakonat Zschillens dürfte
faktisch schon einige Jahre vorher geendet haben, da die protestantisch
gewordenen Kirchen der Umgebung die Beaufsichtigung durch das Kloster
nicht mehr akzeptierten. Das Visitationsprotokoll von 1540 gibt an, daß
die Stiftinsassen ihr Habit abgelegt hätten, während die wirkliche
Auflösung der Propstei 1543 erfolgte, indem Herzog August beschloß,
Zschillen und Penig gegen Hohnstein, Lohmen und Wehlen aus dem Besitz
der Schönburger zu tauschen, um seine Herrschaftsgebiete in der Elbgegend
abzurunden. Der Protest des Deutschen Ordens blieb erfolglos, da er für
den Verlust Zschillens 1543 "offenbar nicht schlecht abgefunden worden
war" (Pfau, S. 394) Dieser Tausch führte dazu, daß Zschillen
heute unter dem Namen "Wechsel"burg bekannt ist.
Literatur:
Pfau, Clemens: Grundriß der Chronik des Klosters Zschillen, Rochlitz 1909.
Klezl, Helmut: Die Übertragung von Augustiner-Chorherrenstiften an den Deutschen Orden zwischen 1220 und 1323. Ursachen, Verlauf, Entwicklungen, (Deutsche Hochschuledition Band 66) Neuried 1998.
Benediktiner Wechselburg
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