Technische Universität Chemnitz | Institut für Psychologie

Projekt im Rahmen des Seminars Wissenschaftstheorie  | Sommer 2011

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von Barbara Rose Schindler

Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist.

Sir Arthur Conan Doyle

 

Das Wort Wahrheit verwenden wir häufig im Alltag und in der Wissenschaft. Doch was ist eigentlich Wahrheit und gibt es Wahrheit überhaupt? Diese und ähnliche Fragen sind schwer zu beantworten – sie sind ein zentrales Problem der Philosophie, zu dem es bis heute keine klare Lösung gibt. Einige Experten haben grundverschiedene Theorien entwickelt, doch bis heute hat sich keine durchgesetzt. Daher muss jeder Mensch für sich entscheiden was er für wahr hält. Deutlich wird bei der Beschäftigung mit dem Thema, dass Aussagen über die EINE Wahrheit schwer formulierbar sind, da sich zwei Personen selten einig darüber sind was wahr ist. Diese Subjektivität ist besonders im Alltag ein Faktor, der Interaktionen stark beeinflusst.

 

Was denken SIE, ist die Wahrheit?

 

Die Betrachtung der folgenden Fragen könnte bei der Klärung helfen:

1.        Was ist Wahrheit?

2.        Wie erkennen wir die Wahrheit?

3.        Was könnte verhindern, dass wir die Wahrheit erkennen?

4.       Welche Wahrheit ist die Richtige?

 

 

1. Was ist Wahrheit?

 

Definition laut Duden:

   Das Wahrsein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit

   Ein wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand

   Erkenntnis (als Spiegelbild der Wirklichkeit)  = Lehre des Wahren

 

Hier wird deutlich, wie komplex Wahrheit ist: So besteht sie nicht nur aus einem objektiven Sacherverhalt, sondern auch aus einem subjektiven Erkennungsprozess.

 

Aber gibt es so einen wirklich objektiven Sachverhalt überhaupt bzw. können wir einen solchen Tatbestand überhaupt erkennen und diskutieren? Oder ist nicht alles das, was wir denken, subjektiv und damit nicht mit anderen teilbar?

 

2. Wie erkennen wir die Wahrheit?

 

Ich bin der Wahrheit verpflichtet, wie ich sie jeden Tag erkenne, und nicht der Beständigkeit.

Mahatma Gandhi

 

Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich damit „wie eine Erkenntnis möglich ist“. Im Verlauf des philosophischen Diskurses, der von der Antike bis in die heutige Zeit reicht, bildeten sich verschiede Positionen heraus. Die vier Bekanntesten können zu zwei Dichotomien zusammengefasst werden:

 

Realismus    Idealismus

Bekannte Vertreter des Realismus sind Demokrit und Epikur die schon in der Antike durch Beobachtungen die Umwelt erschlossen. Dem entgegen vertraten Philosophen wie Schopenhauer, Fichte und Hegel eine idealistische Position.

 

Beispiel: Erkenne ich die Wahrheit, indem ich aus dem Fenster gucke oder in mich horche?

 

Realismus

Es gibt eine unabhängige Außenwelt, die wir durch Wahrnehmung oder Denken erkennen können.

objektive Wahrheit

Idealismus

Es gibt nur eine geistige Wirklichkeit und die uns bekannten Dinge sind nichts anderes als Gebilde unserer Vorstellung.

subjektive Wahrheit

 

 

Empirismus  Rationalismus

Wegebereiter des Empirismus war Francis Bacon, der seine Wissenschaft auf die vorurteilsfreie Wahrnehmung gründete. Ihm nachfolgende Vertreter des Empirismus waren Locke, Berkeley und Hume. Sokrates und Descartes hingegen verließen sich vollkommen auf ihren Verstand bei der Untersuchung von Sachverhalten.

 

Beispiel: Erkenne ich die Wahrheit nur durch Erfahrungen oder durch das Durchdenken eines Sachverhalts?

 

Empirismus (Sinneserfahrung)

Wahrheit ist durch Beobachtungen und Erfahrungen erkennbar. Der Verstand kann diese ordnen und verallgemeinern.

Rationalismus (Verstand)

Es gibt eine Wahrheit. Unterschiede in den Meinungen ergeben sich aus unterschiedlicher Wahrheitsnähe. Auch wenn Meinungen oft Irrtümer und daher falsch sind, können sie dennoch mehr oder weniger gut mit der Wahrheit übereinstimmen. Wahrheit ist erreichbar, aber sie kann nicht begründet oder bewiesen werden.

 

Demzufolge gibt es keine „wahre“ Antwort darauf, wie und woraus wir eine Erkenntnis gewinnen können, sondern nur eine Auswahl an Theorien, aus denen jeder die für ihn Plausibelste wählen kann. Dabei zeigt sich, dass sich bestimmte Forschungsgebiete oder Studienfächer bei ihren Untersuchungen meist auf eine der Erkenntnistheorien konzentrieren.

 

   Die Behavioristen und Biologen sind ebenso Empiristen (z.B. Watson, Hull und Skinner) w,ie die neurobiologischen und physiologischen Psychologen. Ihre Theorien basieren auf Laboruntersuchungen, bei denen systematische Analysen eine zentrale Rolle spielen.

   Rationalistisch ausgerichtet sind neben der Physik vor allem die Kognitions- und Persönlichkeits-psychologie. Diese beruhen meist auf abstrakten Modellvorstellungen, hypothetischen Konstrukten und theoretischen Annahmen, die z.T. nicht empirisch überprüft werden können.

 

Mit Statistiken kann ich alles beweisen, nur nicht die Wahrheit.

Anonym

 

3. Was könnte verhindern, dass ich die Wahrheit erkenne?

 

Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol.

Sigmund Freud

 

Unabhängig davon, ob wir die Wahrheit empirisch oder rational erkennen, gibt es ein Problem mit dem menschlichen Informationsverarbeitungssystem. Selbst wenn es DIE eine Wahrheit geben sollte, könnten wir diese mit unserer eingeschränkten Sinneswahrnehmung kaum erfassen.

 

Unsere Wahrnehmung und Verarbeitung wird ebenso verzerrt, wie das was, wir anderen mitteilen. Dafür verantwortlich sind  Einflussgrößen wie:

 

   Erinnerungen

   Erfahrungen

   Reflexionsfähigkeit

   Einfluss der Bezugsgruppe

   vermittelte Normen und Vernunftgrundsätze

   ….

 

Trotzdem ist unser Alltag durch den Glauben geprägt, wir würden die Wahrheit kennen und hätten Recht. Dies wird besonders in solchen Situationen deutlich in denen zwei Personen sich sicher sind, sie würden die Wahrheit kennen und versuchen diese dem jeweils anderen mitzuteilen.

Solche Konflikte sind häufig beobachtbar. Erinnern Sie sich an ihren letzten Konflikt? Wer hatte Recht und kannte die Wahrheit?

 

4. Welche Wahrheit ist die Richtige?

 

Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die richtige Wirklichkeit ist.

Hilde Domin

 

Das Fehlen eines allgemeingültigen und objektiven Maßstabes für Wahrheit und damit Gut & Böse, Sinn, Moral, Gerechtigkeit und ein erfülltes Leben kann dazu führen, dass die Ungewissheit Menschen unglücklich macht. Die Entwicklung eigener ethisch- moralischer Lebensregeln und deren eigenverantwortliche Festlegung überfordert viele Menschen.

Um solchen Menschen zu helfen gibt es in der Psychotherapie ein sehr bekanntes Verfahren: den sokratischen Dialog. Hierbei wird den Klienten zunächst die Relativität und mangelnde Objektivität der eigenen Wahrnehmung aufgezeigt. Es wird verdeutlicht, dass es aufgrund abweichender ethisch-moralischer und sozialer Grundlagen keine absoluten Wahrheiten gibt, die auf jeden Menschen zutreffen. Anschließend sollen subjektiv richtige und wahre Einstellungen entwickelt werden, die zielführend, widerspruchsfrei, realitätsbezogen und realisierbar sind. Wichtig ist hierbei, dass der individuelle Bezugsrahmen berücksichtigt wird.

 

Beispiel Dialog (aus Stavemann, 2007)

 

1.         Auswahl des Themas, der Entscheidung oder Handlung

        „Darf man sich von seinem schwer erkrankten Partner scheiden lassen?“

2.        Ggf. Konkretisierung der Fragestellung und Herstellung des Alltagsbezuges

        Bsp. „Wie kommen Sie drauf?“

3.        Sammeln der Gründe oder der positiven und negativen Aspekte einer Entscheidung oder Handlung?“

        Bsp. „Welche konkreten Konsequenzen würde eine Scheidung mit sich    bringen, welche ein weiteres Zusammenleben?“

4.        Zusammenfassen der positiven und negativen Aspekte

5.        Suche nach eventuellen weiteren Perspektiven und Gründen

6.        Suche nach den moralisch- ethischen Werten, Normen oder (Lebens-) Zielen, die durch diese Entscheidung oder Handlung tangiert werden

        Beispiel: „Welche Ihrer Normen, Moralvorstellungen und Lebensziele       sprechen für oder gegen eine Scheidung?“

7.        Zusammenfassen und gewichten der tangierten moralisch- ethischen Werte, Normen oder (Lebens-) Ziele

8.        Abwägen der zusammengefassten Gründe oder positiven und negativen Aspekte vor dem Hintergrund der individuellen moralisch- ethischen Grundeinstellungen, Normen und (Lebens-) Ziele

        Beispiel: „Welcher Gesichtspunkt ist Ihnen wichtiger: …oder…?“

9.       Entscheidung

 

Durch ein solches Gespräch können Therapeut und Klient eine Wahrheit erarbeiten, die funktional ist. Der sokratische Dialog führt oftmals zu einer großen Entlastung. Dies ist nachvollziehbar, da jeder von uns das Bedürfnis hat zu wissen was richtig und was falsch ist.

Demnach ist es im Alltag nicht so wichtig, ob es eine objektive oder eine subjektive Wahrheit gibt. Entscheidend ist, dass es eine funktionale Wahrheit gibt.

 

 

 

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

André Gide

 

 

 

Quellen

Stavemann, H. (2007). Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung. Kap. 2 und 3, Weinheim: Beltz.

Könneker, C. (2006). Wer erklärt den Menschen? Frankfurt: Fischer.

Berendt, J. E. (2007). Nada Brahma. Die Welt ist Klang. Postscriptum über die Wissenschaft (S. 389-405), Frankfurt. Suhrkamp.