Technische Universität Chemnitz | Institut für Psychologie

Projekt im Rahmen des Seminars Wissenschaftstheorie  | Sommer 2011

11.jpg

15.JPG

33.JPG

16.JPG

17.JPG

18.JPG

19.JPG

20.JPG

21.JPG

22.JPG

23.JPG

14.JPG

 

 

 

 

 

seele.jpg

von Alexandra Cook

 

Die Seele – Eine veraltetes Konstrukt?

 

 

Was ist die Seele? Den meisten von uns würde es wohl ähnlich ergehen, wie den Menschen in dem Video, wenn wir spontan nach einer Definition des Begriffs der Seele gebeten werden würden. Viele scheinen den Begriff fest mit Religiösem zu verbinden: Die unsterbliche Seele, die den sterblichen Körper überdauert, die ewig weiterlebt, der „Atem Gottes“. Sucht man nach einer einheitlichen Begriffserklärung in Lexika oder im Internet, findet man meist mehrere, nur teilweise überlappende, Begriffsbestimmungen.

 

„die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge beim Menschen“ (Wikipedia.de)

 

„im allgemeinen philosophischen Sinne metaphysisches Prinzip des Lebens und der Ganzheit, das allen Lebewesen zukommt und mit dem in den verschiedenen Kulturen, Religionen und philosophischen Systemen der Menschheit eine Vielzahl unterschiedlicher Vorstellungen verbunden sind“ (Brockhaus Enzyklopädie)

 

In der Philosophie und Religionswissenschaft, sowie in der der bildenden Kunst und Literatur wurde der Begriff mehrfach thematisiert. Zur Beschreibung wurde bzw. wird oft auf Methapern wie z.B. Wind, Wehen oder Hauchen zurückgegriffen. Höchstwahrscheinlich beruht dies auf der Vorstellung, die Seele verlasse beim letzten Atemhauch eines Menschen den Körper. Eine „erlöste Seele“ wurde bereits in der frühchristlichen Kunst oft durch eine Taube symbolisiert.

 

 

Seele und Psyche

 

Das Wort Psyche leitet sich von dem ursprünglichen altgriechischen Wort für Atem bzw. Hauch ab und wurde im Wesentlichen als ein Synonym für das Wort Seele verwendet. Man spricht von Psyche, wenn man die Gesamtheit von dem beschreiben möchte, was im Volksmund als „Innenleben“ oder „Seelenleben“ bezeichnet wird. Die Begriffe Seele und Psyche sind also in ihrer Bedeutung eng miteinander verwoben. Beide bezeichnen im Alltagsgebrauch „innere“ Vorgänge, die den „äußeren“ Vorgängen (z.B. Körperfunktionen) entgegengestellt werden.

 

 

Die Seele in der Philosophie – ein kurzer Überblick

 

Während Platon Seele und Körper als voneinander getrennt (Dualistische Vorstellung) auffasste und die Seele als den Teil des Menschen beschrieb, der nach dem Tod weiterlebt, vertritt Aristoteles (384–322) eine andere Meinung und verfasste seine eigene Theorie des Hylemorphismus in seinem Werk „Über die Seele“ (lat. De anima). Erst die Seele („Form“) gebe einem potentiell lebensfähigen Körper („Stoff“) das Leben. Die Seele allein sei genau wie der Körper alleine nicht lebensfähig. Das Zusammenwirken beider Entitäten endet mit dem Tod, an eine Unsterblichkeit der Seele glaubt Aristoteles nicht.

Abbildung 1.jpg

 

Aus diesem Grunde haben die Recht, die sagen, dass die Seele weder ohne einen Körper sei, noch selbst ein Körper sei. Denn sie ist kein Körper, sondern etwas, was zu einem Körper gehört und existiert aus diesem Grund in einem Körper und zwar ein einem Körper von der und der Art.“

(Aristoteles)

 

René Descartes griff auf eine dualistische Konzeption des Seelenbegriffs zurück und unterschied zwischen dem Körper als res extensa (Materie) und der Seele als res cognitans (denkende Seele). Im Gegensatz zum Körper, der sich vollständig mit den Regeln der Mechanik erklären lasse, sei die Denkseele eine eigene Substanz.

 

 

Seele, Psyche und Psychologie

 

Fast jeder Psychologe oder Psychologie-Student hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sein Fachgebiet als „Seelenkunde“ bezeichnet wird. Ganz wohl oder zufrieden werden sich wohl die wenigsten mit dieser Definition fühlen. Die Seele, dieser religiöse, schlecht greif- und definierbare Begriff – möchte man diesen mit einer empirischen Sozialwissenschaft verbinden? Als Psychologe sieht man sich häufig als Wissenschaftler, der sich so gut es geht bemüht, der Wahrheit nahe zu kommen und seine Aussagen empirisch überprüfbar zu machen. Die Seele scheint da nicht wirklich hineinzupassen und so ordnen die meisten Psychologen den Begriff auch als „unwichtig“ für ihr Studium und ihren zukünftigen Beruf ein. Dem Begriff der Psyche scheint zwar etwas mehr „Wissenschaftlichkeit“ zugestanden zu werden, dennoch wird auch sie als solches selten thematisiert.

 

 

Allein vom Wortstamm her sind jedoch Psychologie und Seele/Psyche eng verbunden. Psychologie bedeutet zwar ursprünglich übersetzt „Atemkunde“, wurde und wird jedoch am häufigsten mit „Seelenkunde“ übersetzt. Hierbei stellt sich natürlich die Frage, warum die moderne Psychologie nichts mehr mit dem zu tun hat, wovon sie ihren Namen erhielt. Wann kam es zum „Bruch“ zwischen Psychologie und Psyche? Tatsächlich kann man den Zeitpunkt der Trennung auf den Zeitraum datieren, in dem sich die Psychologie als eigenständige Wissenschaft selbstständig machte. Der Beginn der experimentellen Psychologie durch Wilhelm Wundt (1832-1920) markierte eine Wende in der Psychologie. Die Begriffe der Seele und Psyche verschwanden und man konzentrierte sich auf die Überprüfung von Theorien durch Experimente.

 

Betrachtet man den Verlauf der Beziehung zwischen Psyche und Psychologie stellt sich die Frage, ob die Trennung richtig war, oder ob der modernen Psychologie damit etwas fehlt. Auch wenn Seele und Psyche keine Konstrukte darzustellen scheinen, denen man sich experimentell annähern kann, ist es dennoch gut vorstellbar, dass eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema im Studium förderlich sein könnte.

“Die  gegenwärtige Psychologie stellt keine einheitliche Disziplin dar, da unterschiedliche Teildisziplinen unterschiedliche seelische Eigenschaften in unterschiedliche Komplexität erforschen, aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sie nie eine einheitliche Disziplin war“ (Mack, 2007)

 

(Exkurs) Psychotherapie – „Die Seele heilen“?

 

In nicht-psychologischen Zeitschriften und Onlineberichten scheint es eindeutig: Psychotherapie ist gut für die Seele; arbeitet an der Seele; nimmt der Seele das Leiden. Sehen Psychotherapeuten, oder solche die es werden wollen, das genauso? In einer Gruppendiskussion unter Psychologiestudenten scheinen die meisten eher der Meinung zu sein, dass vor allem in der Kognitiven Verhaltenstherapie die Seele von geringer bis keiner Bedeutung ist. Die bisher besten untersuchten Therapien seien stark manualbasiert, das heißt, die therapeutische Vorgehensweise werde ziemlich genau festgelegt. Eine Thematisierung des Seelenlebens erfordere jedoch eine „ganzheitlichere“ Betrachtung aller inneren Vorgänge des Patienten. Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung der Bevölkerung heile man also nicht die Seele, sondern behandle spezifische Störungen mit Hilfe validierter Therapien. Entferne man sich jedoch von der kognitiven Verhaltenstherapie und betrachte andere Therapieschulen, so finde man doch Formen, in welchen die Seele zumindest annäherungsweise von Bedeutung sei. Als Beispiele könne man hier u. a. die Tiefenpsychologie bzw. die Psychoanalyse und die Therapieformen der humanistischen Psychologie aufzählen. Bei diesen Therapien werde zwar versucht, ein ganzheitliches Bild vom Seelenleben des Patienten zu erhalten, jedoch seien die Wirkmechanismen der Therapien bisher wenig erforscht, weswegen sie in wissenschaftlichen Kreisen den kognitiv-behavioralen Therapieformen untergeordnet seien. Ähnlich der modernen psychologischen Wissenschaft scheine sich also auch hier eine Lücke zwischen Seele und Wissenschaft zu finden, die sich nur schwer überbrücken lasse. Die wissenschaftlich fundiertesten Therapieformen seien gleichzeitig diejenigen, die der Seele keine besondere Aufmerksamkeit zu widmen scheinen. Jedoch sollte auch angemerkt werden, dass zu Beginn einer kognitiven Verhaltenstherapie eine gründliche Anamnese durchgeführt werden sollte, um einen vollständigen Eindruck vom Zustand des Patienten zu erhalten. Auch wenn der Begriff Seele selten oder nie genannt wird, die „gesamten inneren Vorgänge“, also das, was man im Volksmund unter „seelischen Zuständen“ versteht, spielen in fast jeder Therapieform eine Rolle

 

 

Ein kleines Fazit

 

Wenn man sich mit den Zusammenhängen von Seele, Psyche, Psychologie als Wissenschaft und Psychotherapie befasst, ist eine gewisse Verwirrung nicht auszuschließen. Die Psyche und die Seele geben der Psychologie ihren Namen, aber die Begriffe an sich kommen selten bis gar nicht vor.

 Aber wenn wir von der Bedeutung der beiden Begriffe ausgehen, innere Zustände und geistige Vorgänge, ist es nicht trotzdem vielleicht genau das, was Psychologen anhand von Experimenten zu untersuchen versuchen?

Meinen wir im Grunde genommen „Seele“, wenn wir von der „Person“ sprechen oder im englischen „mind“? Wissenschaftstheoretische Überlegungen und Diskussionen zu den Begrifflichkeiten wären eine gute Ergänzung im Psychologiestudium, um sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Begriffen zu verdeutlichen. Dabei sollte man auch überlegen, ob wir eventuell zu Unrecht „stigmatisierte“ Begriffe einfach durch andere ersetzt haben oder ob wir möglicherweise durch das Weglassen der Begriffe einen wesentlichen Teil der Psychologie aus den Augen verloren haben.

 

 

Quellen

 

Bleecken, S. (2007).  Die Seelenlehre des Aristoteles im Lichte der modernen Wissenschaft. Tabula Rasa – Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken, 28, 31-41.

Camargo, R. (2008). The Psyche and the Soul: An “Unholyor Essential Alliance? Journal of Ethics in Mental Health, 3, 1-4.

Klein, S. (2011). Hat der Mensch wirklich eine Seele? Online im Internet: http://www.stefanklein.info/node/297 (Stand April 2011)

Vorländer, K. (1903). Aristotoles  Natur und Seelenlehre: Psychologie. Online im Internet: http://www.textlog.de/6325.html (Stand April 2011)

Vorländer, K. (1903). Descartes - Die Seele und ihr Verhältnis zum Körper. Online im Internet: http://www.textlog.de/6410.html (Stand April 2011)

Videos

Die Lichtseite des Bewusstseins (1999) Dokumentation auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=a9YDxzDJp-8 (Stand April 2004)

Was ist die Seele? Umfrage auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=b_Eeg3r-VTQ

 

Bildquellen

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/6/6f/Wilhelm_Maximilian_Wundt.gif/200px-Wilhelm_Maximilian_Wundt.gif