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Methodenkompetenzzentrum
Vortragsreihe

Vortragsreihe

Mit Methoden kompetent durchs Leben

Das Methodenkompetenzzentrum richtete im SS 2015 erstmalig eine Vortragsreihe aus, welche Alltagsprobleme aus wissenschaftlich methodischer Sicht thematisierte.

Was tun gegen Ebola? Strategien und Lösungsansätze der Epidemiologie

von Prof. Dr. Gérard Krause

Seit 12/2013 bis zum heutigen Zeitpunkt im März 2015 wird Westafrika, insbesondere die Länder Guinea, Sierra Leone und Liberia, von einer dramatischen Ebola-Epidemie heimgesucht. Das Ausmaß dieser Epidemie betraf mehr Menschen als aus allen anderen berichteten Ausbrüchen der Jahre 1976 bis 2013 zusammen. Insgesamt starben in den letzten 15 Monaten nach aktuell vorliegenden Daten (WHO stat. 15.3. 2015) 10.179 Personen der knapp 25.000 infizierten Menschen in den 3 hauptbetroffenen Ländern an Ebola Virus Disease (EVD).

Der erste Fall von EVD dieser Epidemie in Westafrika trat wahrscheinlich Anfang Dezember 2013 in einer ländlichen Gegend Guineas auf. Erst drei Monate später wurde eine Ausbruchsuntersuchung dieses Falles und seiner Umgebung von Seiten der Regierung in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" initiiert. Zum Zeitpunkt der virologischen Bestätigung im März 2014 hatte sich Ebola bereits im gesamten Land sowie in Sierra Leone und Liberia verbreitet. Einige wenige Fälle traten aber auch außerhalb dieser 3 Länder in Westafrika auf (Senegal 1, Mali 8, Nigeria 20 Fälle).

Gerard Krause

Die folgenden Ursachen bzw. Faktoren begünstigen eine rasche geographische Ausbreitung:

  1. erst vor kurzem wurden Bürgerkriege mit instabilen Regierungsstrukturen beigelegt,
  2. mangelndes Vertrauen in die eigenen Regierungen,
  3. Armut,
  4. mangelnde Bildung sowie
  5. kulturelle Besonderheiten (Bestattungsriten).
Hauptursache ist jedoch das schwache Gesundheitssystem mit geringer Public Health/Surveillance Kompetenz in den drei Ländern, die dazu führte dass die Epidemie viel zu spät als solche erkannt wurde und die wesentlichen Komponenten der Ausbruchseindämmung (Identifizierung von Fällen, Isolation und Management der Erkrankten, Isolation und Nachverfolgung von Kontaktpersonen) zu spät und unzureichend durchgeführt wurden.

 

Die Erfahrungen des Ebola-Ausbruchs in Westafrika zeigte, dass wesentliche Elemente der Ausbruchserkennung und -management nicht oder in nur in ungenügendem Ausmaß vorhanden waren. Notwendige Informationen zur Geschwindigkeit der Ausbreitung, Anzahl der Infizierten und deren Kontakten lagen den Entscheidungsträgern nicht rechtzeitig, zu spät oder unvollständig vor, was eine rechtzeitige und angemessene Reaktion erschwerte.

An diese Erfahrungen anknüpfend haben sich das Nigeria Field Epidemiology Laboratory & Training Program in Nigeria und Forscher aus vier wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland zusammengefunden, um ein System zu entwickeln, dass die Prozesse der Erfassung, Kommunikation und des Managements von Infektionskrankheiten unterstützt. SORMAS, das Surveillance & Outbreak Response Management System, nutzt Mobil- und Cloud-Technologie, um Infektionsschutzmaßnahmen zu dokumentieren und epidemiologische Daten in Echtzeit zu übertragen. Darüber hinaus steuert es den gesamten Prozess des Erfassung und Kontrolle von Kontaktpersonen.

Das SORMAS- Konsortium verfolgt das Ziel, nicht nur künftige Ebola-Epidemien, sondern auch Epidemien anderer Krankheiten rascher einzudämmen. Für die mobile Datenerfassung vor Ort werden handelsübliche Mobiltelefone zum Einsatz kommen, die Daten können auch im Offline Modus erfasst werden. Dieser Ansatz wird somit auch den besonderen technischen Voraussetzungen westafrikanischer Länder gerecht. Das System unterstützt die Erfassung aller relevanten Daten zu Kontaktpersonen von Ebola-Infizierten. Sie werden digital gespeichert und auf einen Cloud-Server übertragen, von wo aus sie weiteren am Prozess beteiligten Personen nutzbar gemacht werden. Eine wichtige Funktion von SORMAS beinhaltet vorgegebene Managementstrukturen mit eindeutig zugewiesenen Funktionen und Aufgaben, die nach dem Nigerianischen Ausbruchsmanagementprozess modelliert wurde.

SORMAS baut auf bereits existierender Erfassungssoftware für virale hämorrhagische Fieber (EPIINFO-VHF) auf und ist in das bestehende (Nigerianische) Surveillancesystem integrierbar. Zusätzlich kann SORMAS auch für die Routine-Surveillance anderer Erkrankungen mit Ausbruchspotential genutzt werden. Die zeitnahe Erfassung und Meldung dieser regelhaft auftretenden Erkrankungen aus der Peripherie an die höheren Public Health Entscheidungsebenen ermöglichen dort eine schnellere Beurteilung und wiederum ein rascheres Anweisen von Public Health/Management Maßnahmen an die Peripherie. Diese bidirektionale Vorgabe von festen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen innerhalb des Systems unterscheidet SORMAS von bislang angewendeten reinen Datenerfassungssoftwares. Das könnte im Ebola-Ausbruchsfall einen entscheidenden Unterschied ausmachen.

Kurzvita

Gérard Krause studierte Medizin an der Universität Mainz und schloss 1993 sein drittes Staatsexamen in Humanmedizin ab. Gleichzeitig erlangte er an der Universität Heidelberg den Grad des Doktors der Medizin in Tropenhygiene. Von 1993 bis 1998 arbeitete er als Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Bereichen Tropenmedizin, Innere Medizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Heidelberg, dem Paracelsus-Krankenhaus in Osnabrück und dem Universitätsklinikum Freiburg. Anschließend war er zwei Jahre als "epidemic intelligence service officer" an den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta, USA, beschäftigt. Darüber hinaus absolvierte er verschiedene Forschungs- und Ausbildungsaufenthalte in England, Ecuador, Kolumbien, Burkina Faso und Niger.

Im Jahr 2000 wechselte er an das Robert Koch Institut in Berlin (RKI) und leitete dort das Fachgebiet Surveillance. In den Folgejahren erhielt er die Facharztqualifikation für Hygiene und Umweltmedizin mit Zusatzbezeichnungen in Tropen- und Rettungsmedizin. Von 2005 bis 2013 war er Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie am RKI. Gérard Krause habilitierte sich im Jahr 2005 im Fach Epidemiologie und Hygiene an der Charité Universitätsmedizin in Berlin.

Im Jahr 2011 nahm Gérard Krause den Ruf als W3-Professor für Infektionsepidemiologie an die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) an und übernahm die Leitung der Abteilung "Epidemiologie" am HZI.

Gérard Krause ist Mitglied wissenschaftlicher Beiräte der nationalen Referenzzentren für humanmedizinische Mikrobiologie in Belgien, des Institut de Veille Sanitaire in Frankreich, dem Bernhard Nocht Institut Hamburg, sowie der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie.

Impressionen zum Vortrag

Am 22.07.2015 präsentierte Prof. Dr. Gérard Krause mit "Was tun gegen Ebola?" den letzten Vortrag der ersten Vortragsreihe des Methodenkompetenzzentrums der Fakultät HSW. Am schwülen Mittwochabend lauschten interessierte Zuhörer den Ausführungen zur Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung auf die Ebola-Epidemie, zu den Bedingungen unter denen sich Ebola in West-Afrika so rasant ausbreiten konnte und zur Bekämpfung, durch eine schnellere Erfassung, Kommunikation und letztendlich eine schnellere Isolation der infizierten Personen.

Nicht nur die Studierenden der Soziologie hatten im Anschluss zahlreiche Fragen, welche ausführlich von dem Experten beantwortet wurden. Auf die Frage, ob Ebola wieder ausbrechen konnte, musste Prof. Krause mit einem klaren "Ja" antworten.

Insbesondere Länder mit begünstigenden Faktoren, wie einem "desolaten Gesundheitssystem" haben kaum Möglichkeiten einen Erreger mit einem so hohen Infektionspotential in ausreichend kurzer Zeit zu isolieren.

Prof. Krause entwickelte und untersuchte in Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftlern ein System (genannt SORMAS) zur schnellen und direkten Erfassung, Kommunikation und Management von infektiösen Krankheiten in Westafrika. Was ihn erstaunte, war das große Interesse und die Offenheit der teilweise technikfernen Bevölkerung in den ländlichen Regionen das o.g. System zum Erfolg zu bringen.

Im Anschluss verließen die Zuhörer den Hörsaal, gut informiert über Panikreaktionen der Bevölkerung sowie über die Ausbreitung und Bekämpfung von Ebola.

Wirkt Meditation? Die metaanalytische Sicht

von Prof Dr. Peter Sedlmeier

Forschungsarbeiten zur Wirkung von Meditation gibt es schon seit langer Zeit; aber so richtig wahrgenommen wird die Meditationsforschung erst seit etwa einem Jahrzehnt. Das liegt unter anderem daran, dass erst seit dieser Zeit genügend methodisch fundierte Ergebnisse vorliegen, durch deren Zusammenfassung man sich einen guten Eindruck über die Wirkungen von Meditation verschaffen kann. In der Regel variieren die Ergebnisse über verschiedene Studien hinweg, was oft schon allein daran liegt, dass sich die Personen in diesen Studien in vielfältiger Hinsicht unterscheiden können. Es ist aber trotzdem möglich, sich einen präzisen Überblick über die Effekte von Meditation zu verschaffen wenn man sogenannte Metaanalysen durchführt. Metaanalysen sind heute ein wichtiger Bestandteil politischer Entscheidungen und spielen natürlich nicht nur bei der Untersuchung von Meditationseffekten eine wichtige Rolle.

Peter Sedlmeier wird in seinem Vortrag zunächst erläutern, was man unter Meditation versteht und warum Menschen meditieren. Dann wird er das Prinzip der Metaanalyse erklären und den aktuellen Forschungsstand zu den Wirkungen des Meditierens anhand der Ergebnisse aus mehreren Metaanalysen zusammenfassen. Die globale Schlussfolgerung wird sein: "Meditation wirkt!". Neben einem umfassenden Überblick werden auch einige interessante spezifische Wirkungen von Meditation illustriert, insbesondere der Zusammenhang zwischen Meditation und Alterungsprozess. Obwohl man mittlerweile relativ viel über die Effekte von Meditation weiß ist weit weniger klar, wie genau und warum welche Art von Meditation wirkt. Angesichts des derzeitigen Booms in der Meditationsforschung ist jedoch zu erwarten, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird.

Sedlmeier
 

Kurzvita

Peter Sedlmeier, Professor für Forschungsmethoden und Evaluation am Institut für Psychologie der TU Chemnitz, studierte Psychologie und Informationswissenschaft an der Universität Konstanz. Er arbeitete jeweils längere Zeit in einer neurologischen Klinik (Allensbach), an den Universitäten in Konstanz, Salzburg, Münster und Paderborn, sowie zwei Jahre als Humboldt-Stipendiat an der University of Chicago. Mit seiner Arbeitsgruppe forscht er zur Psychologie der Meditation, aber auch zu weiteren Themen wie Musikpsychologie, Psychologie der Zeit, ausgewählten sprachpsychologischen Gebieten, Urteilen unter Unsicherheit und zu methodischen Fragestellungen. Er meditiert auch selbst und verbrachte im Rahmen seiner Arbeiten zur Meditationsforschung mehrere Forschungsaufenthalte an der Pondicherry University in Indien.

Impressionen zum Vortrag

Prof. Peter Sedlmeier vom Methodenkompetenzzentrum der HSW bereicherte die Vortragsreihe am 15.07.2015 mit einem eigenen Vortrag zum Thema "Wirkt Meditation? Die metaanalytische Sicht". Der Hörsaal N012 war mit WissenschaftlerInnen, Studierenden und Interessierten der Stadt Chemnitz nahezu komplett gefüllt.

Im ersten Teil des Vortrages lauschten die Zuhörer einer Einführung von Prof. Sedlmeier zu verschiedenen Meditationsarten und Meditationszielen. Im zweiten Teil wurde die wissenschaftlich-methodische Herangehensweise näher erläutert, welche letztendlich den Schluss zulässt: Meditation wirkt. Manche Meditationsarten dabei mehr (wie die sogenannten Achtsamkeitsübungen), als andere. Aufschlussreich war auch die Erkenntnis, dass bestimmte Quellen, wie Zeitschriftenaufsätze, die zuvor ein Peer-Review Verfahren durchlaufen mussten, genauere Aussagen treffen, als bspw. Buchveröffentlichungen.

Insgesamt ein interessanter Vortrag, der in gelungener Weise die wissenschaftliche Methode der Metaanalyse einer breiten Zuhörerschaft näher bringen konnte.

Doping: Raubbau oder Wundertüte?

von Perikles Simon

Selbstoptimierung im Sinne der perfektionierten Ausschöpfung des eigenen Potentials und hiermit die optimierte Anpassung der eigenen Fähigkeiten und des Erscheinungsbildes an gesellschaftliche Erwartungswerte haben die Entwicklung der Menschheit seit jeher begleitet.

Medikamente werden zu diesem Zweck ohne medizinische Notwendigkeit nicht nur im Hochleistungssport eingesetzt. Neben der Steigerung der physischen Leistungsfähigkeit und der Verbesserung des körperlichen Erscheinungsbilds, steht mittlerweile auch für manchen "Normalbürger" die Optimierung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Arbeitsfähigkeit über Pharmaka auf der Tagesordnung. Vereinfachend wollen wir bei diesen Phänomenen der Selbstmedikation durch verschreibungs- oder apothekenpflichtige Substanzen von Doping und Hirndoping reden.

In diesem Vortrag wird den Fragen nachgegangen wie häufig dieses Phänomen im Sport aber auch losgelöst vom Sport in unserer Gesellschaft vorkommt, von welchen erwünschten positiven Effekten man plausibel ausgehen kann und welche negativen Kurz- und Langzeitwirkungen man beim Dopen zu befürchten hätte. Ziel ist es hierdurch zu einer Risikobewertung zu gelangen und die Konsequenzen dieser Risikobewertung für Individuum und Gesellschaft zunächst einmal losgelöst von moralischen Aspekten zu diskutieren.

Perikles Simon
 

Kurzvita

Perikles Simon promovierte 2000 im Bereich Humanmedizin (Dr. med.) und 2004 in der Verhaltens- und Neurobiologie (Dr. rer.nat.) in Tübingen sowie an der University of Pennsylvania Philadelphia. Ab 2004 war er in der Abteilung für Sportmedizin bei Prof. Andreas Nieß (Tübingen) im Bereich der ambulanten Versorgung, Diagnostik und sportmedizinischen Beratung eines breiten Spektrums von Patienten und Leistungssportlern tätig. Seit 2009 ist er Leiter der Abteilung für Sportmedizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und von 2009-2013 Mitglied im Gene Doping Pannel der WADA. Der Schwerpunkt seiner Labortätigkeit liegt in der Erforschung der molekularen Mechanismen und genetischen Vorraussetzungen die sowohl unserer körperlichen Leistungsfähigkeit als auch unserer Trainierbarkeit zu Grunde liegen.

Impressionen zum Vortrag

Die Vortragsreine des Methodenkompetenzzentrums fand am 01.07.2015 ihre Fortsetzung mit der Lesung von Prof. Dr. Dr. Perikles Simon zum Thema "Doping: Raubbau oder Wundertüte?". Im Hörsaal N012 hörten interessierte Studenten, Wissenschaftler und Alumni den Ausführungen zu.

Inwieweit muss Doping, definiert als nicht-indizierte Anwendung von Mitteln und Methoden zur Leistungssteigerung, behandelt werden und wie kann man es leistungsphysiologisch erfassen? Letzteres bedarf einer hohen interdisziplinären Arbeit und gestaltet sich daher äußerst aufwendig. Prinzipiell ist der Nachweis vieler Dopingverfahren einschließlich des Gendopings möglich, wobei die ständige Weiterentwicklung des Dopings eine stete Entwicklung der Nachweisverfahren notwendig macht. Zudem wird für diese Zwecke eine Vielzahl von Experten benötigt.

Theoretisch ist somit die Wissenschaft in der Lage Doping zu erkennen. Die praktische Umsetzung der Kontrollen und Nachweise gestaltet sich hingegen schwierig. Laut Simon besteht eine Möglichkeit zur Bekämpfung von Doping in der Aggravierung des Problems und damit einhergehend eher einer Präventionsmaßnahme denn einer Behandlung des bereits bestehenden Problems.

Macht Armut krank? Aktuelle Ergebnisse aus der Kinder- und Jugendforschung

von Prof. Dr. Matthias Richter

Unzählige Studien haben aufzeigen können, dass soziale Ungleichheiten einen gravierenden Einfluss auf die Mortalität und Morbidität ausüben.

Krankheit und frühzeitige Sterblichkeit sind damit verkörperte Expressionen der Bedingungen, unter denen wir leben. Im Zuge des steigenden Interesses an der Lebensphase "Adoleszenz" ist auch die Bedeutung sozialer Determinanten für die gesundheitliche Lage der Heranwachsenden in den Fokus der wissenschaftliche Auseinandersetzung geraten. Der Beitrag skizziert, dass ein großer Teil der aktuell vorherrschenden Krankheiten in der Adoleszenz maßgeblich durch soziale, ökonomische und politische Faktoren beeinflusst wird und geht der Frage nach, welche Determinanten und Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass soziale Ungleichheiten unter die Haut kommen und krank machen.

Gerard Krause
 

Kurzvita

seit März 2011: Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie (IMS), Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
2009 - 2011: Assistenzprofessor für Medizinische Soziologie und Sozialepidemiologie, Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern, Schweiz
2009: Privatdozent, Venia Legendi für das Fach Gesundheitswissenschaften
2008 - 2009: Vertretung der Professur für Prävention und Gesundheitsförderung, Vertretung der Professur für Psychosoziale Versorgung und Gesundheitspsychologie, Direktor des WHO Collaborating Centre for Child and Adolescent Health Promotion, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
2005 - 2008: Wissenschaftlicher Assistent, Arbeitsgruppe: Prävention und Gesundheitsförderung, Geschäftsführer des WHO Collaborating Centre for Child and Adolescent Health Promotion, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
2004: Promotion zum Dr. rer. soc., Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld
2001 - 2005: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fakultät für Gesundheitswissenschaften (AG 4: Prävention und Gesundheitsförderung), Universität Bielefeld
2000 - 2001: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (Abteilung Gesundheitsberichte), Bielefeld
1994 - 2000: Studium der Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaftslehre, Universität Bielefeld

Impressionen zum Vortrag

 

Der Vortrag von Prof. Dr. Matthias Richter "Macht Armut krank? Aktuelle Ergebnisse aus der Kinder- und Jugendforschung" am 17.06.2015 knüpfte an die vorangegangenen Lesungen im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Methodenkompetenzzentrums an.

Seine Ausführungen legen nahe, dass die Lebensdauer eng mit der Bildungsschicht verzahnt ist, in welche wir geboren werden. Sein besonderer Fokus lag dabei auf der Phase der Adoleszenz. Können Determinanten gefunden werden, welche die Krankheiten in dieser Lebensphase beeinflussen und sozialer Ungerechtigkeit entgegenwirken?

Es war sicher spannend zu sehen, dass die gesetzlichen Maßnahmen zum Nichtraucherschutz sich tatsächlich auf das Rauchverhalten der Jugendlichen auswirken. Die Anteile der Jugendlichen, welche bereits in der Schule anfingen zu rauchen, nahm seit 2004 kontinuierlich ab. Welche Auswirkungen diese Tendenz auf mögliche mit dem Rauchen in Verbindung gebrachte Kranheiten hat, bleibt abzuwarten. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wurde unternommen.

Fitness fürs Gehirn: Der Einsatz neurophysiologischer Methoden zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen Bewegung und Kognition

von Prof. Dr. Claudia Voelcker-Rehage

Altern ist mit einer Reihe körperlicher und geistiger Veränderungen verbunden. Diese sogenannten Alterserscheinungen sind nicht alle genetisch determiniert oder unwiderruflich, sondern können durchaus verzögert, vermieden oder kompensiert und teilweise sogar wieder rückgängig gemacht werden. Durch einen entsprechenden Lebensstil oder durch gezielte Interventionen kann positiv auf den Altersprozess eingewirkt werden. So hat körperliche Aktivität (auch im Alter) eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem, das Muskel- und Skelettsystem sowie andere Körpersysteme.

Claudia Voelcker-Rehage

Aber auch die geistige Leistungsfähigkeit und Gehirngesundheit ist beeinflussbar. Studien zur Wirkung körperlicher Aktivität können zeigen, dass Verluste in der grauen und weißen Substanz des Gehirns bei Personen mit guter Ausdauerleistungsfähigkeit deutlich geringer ausgeprägt sind als bei gleichaltrigen unsportlichen Personen. In Bezug auf die Funktionsweise unseres Gehirns weisen die Veränderungen auf eine effektivere Informationsverarbeitung bei ausdauertrainierten Personen hin. Bemerkenswert ist, dass ein systematisches Fitnesstraining sogar bei zuvor eher inaktiven Senioren die kognitiven Leistungen steigern kann. Die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und kognitiver Leistung sind vielschichtig und bisher überwiegend tierexperimentell untersucht. In dem Vortrag wird die Vielfalt der Forschungsergebnisse in diesem Bereich vorgestellt sowie aufgezeigt, welche Forschungsmethoden eingesetzt werden können, um die Wirkung körperlicher Aktivität auf die Kognition und das Gehirn zu untersuchen.

Kurzvita

Claudia Voelcker-Rehage ist Professorin für Human Performance am Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development an der Jacobs Universität in Bremen. Sie studierte Sportwissenschaft, Biologie und Physik an der Universität Bielefeld, war von 1998 bis 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Bewegung und Motorik der Abteilung Sportwissenschaft der Universität Bielefeld und promovierte 2002 an der Universität Bielefeld zum motorischen Lernen über die Lebensspanne. 2003/2004 war sie Postdoctoral Fellow an der School of Applied Physiology, Georgia Institute of Technology (Atlanta, GA, USA) und 2004 bis 2010 war sie Postdoctoral Fellow und Dozentin am Jacobs Center on Lifelong Learning der Jacobs University. Ab dem 1. Juni 2015 wird sie die Professur Sportpsychologie (mit Schwerpunkt auf Prävention und Rehabilitation) an der Technischen Universität Chemnitz übernehmen. Claudia Voelcker-Rehage ist Vizepräsidentin Finanzen und Geschäftsführerin der asp, geschäftsführende Herausgeberin (Deputy) der Zeitschrift für Sportwissenschaft und Mitglied im Sprecherrat der dvs-Sektion Sportmotorik. Außerdem ist sie Review Editor bei Frontiers in Movement Science und im Editorial Board vom European Review of Aging and Physical Activity. Ihre Hauptforschungsinteressen sind die motorische Entwicklung, das motorische Lernen und die Bewegungskontrolle über die Lebensspanne, die Verbindung zwischen motorischer und kognitiver Leistung und die Bedeutung der Motorik für die lebenslange Entwicklung. Insbesondere gilt ihr Interesse der Rolle körperlicher Aktivität für die kognitive Entwicklung.

Impressionen zum Vortrag

Die Veranstaltungsreihe des Methodenkompetenzzentrums wurde mit der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Claudia Voelcker-Rehage am 03.06.2015 fortgesetzt. Kollegen, Studenten und Gäste hörten im Hörsaal N012 ihren Ausführungen zum Einsatz neurophysiologischer Methoden zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen Bewegung und Kognition.

Nach Ausführungen zum Schwerpunkt Alter in Bezug zur Bewegung und einem kurzen Ausflug in das Thema Demenz beantwortete Frau Voelcker-Rehage abschließend die Frage wieviel Bewegung das Gehirn braucht. Ihre Empfehlung lautet: "Zweimal pro Woche, 30 bis 45 Minuten scheint ausreichend, aber auch mindestens notwendig zu sein".

Durch einen entsprechenden Lebensstil oder durch gezielte Interventionen kann positiv auf den Altersprozess eingewirkt werden. So hat körperliche Aktivität (auch im Alter) eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem, das Muskel- und Skelettsystem sowie andere Körpersysteme.

Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft

von Gerd Gigerenzer

»Menschen sind fehlbar: faul, dumm, gierig und schwach«, zitiert Gigerenzer einen Artikel aus dem Economist, der die Bezeichnung "Homo Sapiens" (der weise Mensch) als Etikettenschwindel deklassiert. Demnach ist die einzige Möglichkeit in der modernen Welt zu bestehen, eine gewisse Form der Bevormundung durch Fachleute.

Mit dieser fatalistischen Botschaft versucht Gigerenzer aufzuräumen. Seiner Meinung nach besteht das Problem nicht in individueller Dummheit, sondern in dem Phänomen einer risikoinkompetenten Gesellschaft.

Dabei definiert er Risikokompetenz als Fähigkeit, auch mit Situationen umzugehen, in denen nicht alle Risiken bekannt sind und somit auch nicht berechnet werden können.

Üblich wäre in solchen Fällen der Griff zum Expertenrat. Nur leider lehren bittere Erfahrungen, dass dieser in solchen Situationen häufig gefährlich sein kann. Viele dieser Experten sind selbst nicht in der Lage, Risiken richtig einzuschätzen oder sie anderen verständlich zu machen. Schlimmer noch, nicht wenige befinden sich in Interessenkonflikten oder haben Angst vor rechtlichen Konsequenzen, sodass sie ihren Patienten oder Klienten Ratschläge erteilen, die sie ihren eigenen Angehörigen nie geben würden.

Gerd Gigerenzer

Der moderne Mensch hat keine Wahl, er muss selber denken.

Die Problematik dabei ist, Informationen richtig zu verarbeiten und Gefahren einschätzen zu lernen. Gigerenzer hat immer wieder Beweise dafür gefunden, dass Menschen sich besonders vor solchen Dingen fürchten, die sie der Wahrscheinlichkeit nach kaum umbringen werden und dabei die wirklichen Gefahren übersehen.

Vielzitiert sind in diesem Zusammenhang seine Berechnungen zu den Folgen des Terroranschlags vom 11. September 2001 in New York. Der plötzliche Tod hunderter Flugpassagiere führte dazu, dass viele Amerikaner aufs Fliegen verzichteten, weil es ihnen zu gefährlich erschien und sich stattdessen für den statistisch erheblich gefährlicheren Straßenverkehr entschieden. Die Folge war, dass es schätzungsweise 1600 Verkehrstote mehr im folgenden Jahr zu verzeichnen gab, was eine erhebliche Abweichung von der statistischen 5-Jahres-Basislinie darstellt.

Trotzdem betont Gigerenzer immer wieder, dass jeder, der will, risikokompetent werden und den Umgang mit Risiko und Ungewissheit anhand einiger leicht zu verstehender Prinzipien erlernen kann.

Dabei ist weniger häufig mehr. Angesichts komplexer Probleme wird nach komplexen Lösungen gesucht. Und wenn diese nicht funktionieren wird nach einer NOCH komplexeren Lösung gesucht, was in einer ungewissen Welt einen großen Fehler darstellt.

Nicht immer verlangen komplexe Probleme komplexe Lösungen.

Allzu komplizierte Systeme – egal, ob Finanzderivate oder Steuersysteme – sind schwer zu verstehen, leicht zu missbrauchen oder sogar potenziell gefährlich; noch dazu sind sie nicht geeignet den Menschen Vertrauen einzuflößen. Dagegen können uns einfache Regeln klüger und die Welt damit sicherer machen. Wie der Psychologe herausfand, sind intuitive Entscheidungen meist genauso gut, oft sogar besser als solche, die jede Menge Informationen und Kriterien berücksichtigen und gewichten.

Gigerenzer ermutigt zu mehr Risikokompetenz. "Kompetent" heißt sachkundig, versiert und klug. Doch risikokompetent ist mehr, als gut informiert zu sein. Man braucht Mut, um einer ungewissen Zukunft zu begegnen, um sich gegen Experten zu behaupten und um kritische Fragen zu stellen.

Gigerenzer lädt ein, ihm in die Welt der Ungewissheit und des Risikos zu folgen. Und wenn auch kein Allheilmittel, so präsentiert er doch verblüffende Einsichten.

Kurzvita

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist seit 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sowie des 2009 gegründeten Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Berlin. Er war vorher u. a. Direktor am Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung, München, Professor an der University of Chicago und John M. Olin Distinguished Visiting Professor an der School of Law der Universität von Virginia. Darüber hinaus ist er Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universität Basel und der Open University of the Netherlands sowie Batten Fellow an der Darden Business School der Universität von Virginia. Er hat zahlreiche Preise erhalten, darunter den Preis der American Association for the Advancement of Science (AAAS) für den besten Zeitschriftenartikel in den Verhaltenswissenschaften, den Preis der Association of American Publishers für das beste Buch in den Sozialwissenschaften sowie den Deutschen Psychologie-Preis und den Communicator-Preis. Seine mehrfach ausgezeichneten Sachbücher Das Einmaleins der Skepsis, Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft wurden in 21 Sprachen übersetzt. Zu seinen Fachbüchern gehören Simple Heuristics that Make Us Smart, Rationality for Mortals und Bounded Rationality (mit R. Selten, Nobelpreisträger der Ökonomie). In Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin (mit Sir Muir Gray) zeigt er, wie mit besserer Risikokompetenz von Ärzten und Patienten eine bessere Gesundheitsversorgung für weniger Kosten erreicht werden kann. Mit der Bank of England arbeitet er an dem Projekt "Simple heuristics for a safer world". Er trainiert Manager, amerikanische Bundesrichter und deutsche Ärzte und in der Kunst des Entscheidens und im Umgang mit Risiken und Unsicherheiten.

Impressionen zum Vortrag

Die Veranstaltungsreihe des Methodenkompetenzzentrums ist mit dem Vortrag von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer am 06.05.2015 beeindruckend gestartet. Im voll besetzten Hörsaal N114 des Neuen Hörsaalgebäudes der Technischen Universität Chemnitz lauschten über 400 Gäste den Ausführungen von Herrn Gigerenzer über risikokompetente Entscheidungen.

Gigerenzer betont immer wieder, dass jeder, der will, risikokompetent werden und den Umgang mit Risiko und Ungewissheit anhand einiger leicht zu verstehender Prinzipien erlernen kann: u.a.

  • Frage stets nach der Referenzklasse!
  • Frage stets: Wie groß ist das absolute Risiko?
  • Positive Fehlerkultur
  • Weniger ist mehr!

 

Gigerenzer ermutigt zu mehr Risikokompetenz. "Kompetent" heißt sachkundig, versiert und klug. Doch risikokompetent ist mehr, als gut informiert zu sein. Man braucht Mut, um einer ungewissen Zukunft zu begegnen, um sich gegen Experten zu behaupten und um kritische Fragen zu stellen.

Kommentar von Prof. Dr. Gert Wanka

Ein Kommentar zum Vortrag kann im folgenden Beitrag nachgelesen werden.

Eine Stellungnahme zum Kommentar von Prof. Dr. Gert Wanka finden Sie hier: Stellungnahme (Prof. Dr. Gerd Gigerenzer).

Prof. Dr. Gert Wanka ist Professor für Angewandte Mathematik (Approximationsmethoden und Asymptotik) an der Fakultät für Mathematik der Technischen Universität Chemnitz.

Presseartikel