Adventskalender 2019 der TU Chemnitz

Weihnachtsbäume aus Thujamoos

Zu Besuch bei Blütenbildnerin Christiane Schlüssel

Im Verkaufsraum gibt es viel zu bestaunen.

Vielleicht sind sie dem einen oder anderen schon begegnet – die filigranen Kunstwerke, die im Zipfelhaus in Auerbach entstehen. Sie zeigen Tiere, kleine Alltagsszenen, ganze Landschaften, zusammengesetzt aus Gräsern, Moosen, Blütenblättern und -ranken. Den Anfang nahm die Zipfelhaus-Geschichte 1942 mit Hildegard Vogel, 1990 übernahm ihre Tochter Christiane Schlüssel die Leitung der „Hildegard Vogel Zipfelhauswerkstatt GmbH in Auerbach”.


eine der hübschen Gartenszenen

Dabei wollte diese anfangs gar nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, sondern gern mit Tieren arbeiten. Aufgrund der politischen Situation in der DDR blieb ihr allerdings ein Studium verwehrt und ihr Weg führte sie schon früh in die Firma der Mutter, die mittlerweile auf 41 Mitarbeiter angewachsen war. 1958 wurde der damals 22-jährigen Tochter die Produktionsleitung übertragen. Frau Schlüssel erzählt, dass es schwierig gewesen sei, Mitarbeiter zu gewinnen, da aufgrund von Lohnvorgaben für private Unternehmen die ortsansässigen Betriebe besser bezahlte Arbeitsplätze boten. Dabei wurden die fleißgen Hände gebraucht, denn die Blütenbilder erfreuten sich großer Beliebtheit. 1972 wurde die Zipfelhauswerkstatt zur VEB Kunstwerkstatt Zipfelhaus. Zu diesen Zeiten zählte die Firma 35 Mitarbeiterinnen. Die geschaffenen Kunstwerke waren international bekannt und wurden exportiert. Hildegard Hemmerling-Vogel erstellte die Entwürfe. Nach ihren Vorlagen setzten die Mitarbeiterinnen die Blütenbilder um – jede Kopie ein Unikat, da kein Blütenblatt dem anderen gleicht. Jährlich entstanden zweimal 30 neue Bilder plus Kartenmotive.


Beim genauen Hinschauen entdeckt man, welche Pflanzen zum Einsatz kamen.

Mit Christiane Schlüssel kamen neue Motive hinzu. Während ihre Mutter Alltags- und Landschaftszenen kreierte, in denen manchmal auch ein Vogel oder Igel vorkam, konnte Christiane Schlüssel ihre Liebe zum Tier nun über die Blütenkunst zum Ausdruck bringen. Bei meinem Besuch nimmt sie mich mit in ihre Werkstatt – ein großer Schreibtisch mit Leimtopf, Pinseln, unzähligen Blütenteilen und Büttenpapier zieht dort die Blicke auf sich. Behände zaubert Frau Schlüssel einen Grashüpfer aus der Blüte eines Löwenmäulchens, Goldregen und Gräsern und setzt eine Zaunrübenranke, Vergissmeinicht, geröteten Wiesenkerbel und Hahnenfuß darunter. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus und kann nur ahnen, welche Erfahrung und welches Wissen dahinter steht, aus den verschienden Pflanzen die gewünschten Motive zusammenzufügen. Frau Schlüssel zeigt auf ein Blütenblatt, das zum Körper eines Storches gehört und bringt es mit einem Satz und leuchtenden Augen zum Ausdruck: „Wenn ich so ein Blatt sehe, kann ich nicht anders und muss es mitnehmen.” Zeichnungen gibt es im Vorhinein für die Bilder nicht. Die Entwürfe entstehen direkt aus den Pflanzenteilen, die mit verdünntem Holzleim auf das Büttenpapier gebracht werden. Er dürfe nicht zuviel Säure enthalten, damit violette Blüten nicht „quietschgrün“ werden, erfahre ich.


Sortiert und beschriftet lässt sich alles Benötigte leicht finden.

In einer Kommode neben dem Schreibtisch, einem großen Schrank in der Werkstatt und weiteren Regalen nebenan lagern die gepressten Materialien und warten auf ihren Einsatz. Eine Blütenkartei hilft nachzuvollziehen, welche Mengen benötigt werden. Rund 1200 Gänseblümchen sind dies beispielsweise im Jahr – geerntet werden diese nur in der Blüte des zweiten Tages.


Alle Liebe zu den Tieren ist versammelt im Buch „Arche Noah“.

Eigentlich dachte Christiane Schlüssel 1998 ans Aufhören. Dann wurde sie in einem Interview gefragt, was sie noch vorhabe und erwähnte den Wunsch nach einem Kinderbuch. So entstand in der Zusammenarbeit mit Harald Linstädt zunächst „Das Wiesenkonzert“. Zwölf weitere Bücher folgten, in denen Dr. Katrin Pieper (z. B „Blüten-Apotheke“ oder „2:1 für Bärenklau“) bzw. Hans-Eberhard Ernst („Noahs Arche“) die Texte verfassten. Eines dieser Bücher – „Wiese, grüne Wiese“ – zählt dieses Jahr zu den Preisen in unserem Adventsrätsel.

Und was hat es nun mit dem Moos aus der Überschrift auf sich? Dafür werfen wir noch einen Blick auf die Weihnachtskarte am Ende des Textes. Für die feingliedrigen Tannenbäumchen wird das Thujamoos verwendet. Früher stammte es aus dem Odenwald. Mittlerweile wächst es hinter dem Haus an einem kleinen Bach.

Auf der Zipfelhausseite erhalten Sie noch einen etwas umfassenderen Einblick ins Portfolio der Werkstatt. Öffnungszeiten gibt es nicht, aber über E-Mail oder Telefon lässt sich sicher etwas finden. Ich bedanke mich bei Frau Schlüssel für die lebhafte Beschreibung ihres bezaubernden und beeindruckenden Handwerks.

Die Krippe wird von den kleinen Blüten des Kornellstrauchs umrahmt.