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Adventskalender 2015 der TU Chemnitz

Kleine Kunstwerke, große Vorfreude

Advents- und Weihnachtskalender verkürzen seit mehr als einhundert Jahren das Warten und sind ein Spiegel ihrer Zeit

Recht schlicht wirkt der um 1925 von C.E.O. Gründel gestaltete Adventskalender für Kinder mit dem Titel „Friede auf Erden“. Herausgegeben wurde er vom B.F.B.-Verlag Chemnitz.

Adventskalender gehören seit langem zur Weihnachtszeit dazu. Das vermutet man. Jedoch so alt sind die Kalender mit den 24 Türchen nun auch wieder nicht. Eine Ausstellung im Chemnitzer Schloßbergmuseum, die wir WWW-Wichtel der TU Ende 2014 besuchten, öffnete auch uns die Augen. Gezeigt wurde eine Auswahl von Adventskalendern aus mehr als hundert Jahren, die aus der Sammlung von Katharina Metz (Kunstsammlungen Chemnitz) stammen, die etwa 400 Kalender zusammengetragen hat. In der Ausstellung war zu erfahren, dass der Adventskalender erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in gedruckter Form aufkam. Bis dahin wurde in vielen religiösen Bürgerstuben, wo sich um 1850 das Weihnachtsfest auch als Geschenkefest etablierte, die Zeit des Wartens auf den Heiligen Abend für die Kinder facettenreich verkürzt. Mal waren es 24 Fähnchen an einem Baum, mal 24 liebevoll verpackte Gebäckstücke oder einfach nur 24 Kreidestriche an einer Wand, von denen die Kinder täglich einen wegwischen durften.


Das Motiv der Adventsuhr wurde oft aufgegriffen und neu gestaltet. Hier zu sehen ist die von Rotraut Hinderks-Kutscher 1996 gestaltete Adventsuhr, die vom Adolf Korsch Verlag, München, herausgegeben wurde. Interessant an diesem Kalender ist, dass in der BRD der Erzgebirgsort Seiffen mit seinen Holzfiguren und Weihnachtsspielzeug zum Motiv wurde, in der DDR es jedoch keinen Adventskalender zu dieser Thematik gab.
Die Idee der Zählhilfe für die Adventstage bis zum 24. Dezember wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts von Verlagen aufgegriffen. Den ältesten gedruckten Adventskalender veröffentlichte 1902 eine evangelische Buchhandlung in Hamburg. Es war eine Weihnachtsuhr für Kinder. Dieses Motiv tauchte danach jahrzehntelang immer wieder auf. Als eigentlicher Erfinder des Adventskalenders gilt jedoch der Pfarrerssohn Gerhard Lang aus München, dessen Verlag Reichhold & Lang 1903 den ersten Weihnachtskalender herausgab. Die Kalender hatten zunächst Abreißblätter zum Einkleben, später drehbare Scheiben oder Figuren zum Herausschieben. Die uns heute vertrauten Kalender mit Türchen, hinter denen sich ein Bild, eine Nascherei oder ein kleines Geschenk verbirgt, kamen erst in den 1920er Jahren auf.


Ein Motiv voller Hintergründe: Der Berliner Künstler Thomas Schallnau versteckte 1982 in dem von ihm gestalteten DDR-Adventskalender die Westantenne auf dem Dach des Plattenbaus und seinen eigenen weißen VW Golf hinter Wartburg und Trabant. Und das „ Blumenhaus Ricci“ ist benannt nach einem Freund des Künstlers, der in Westberlin ein Blumenhaus führte.
In der Ausstellung im Chemnitzer Schloßbergmuseum wurde dank zahlreicher Hintergrundinformationen schnell deutlich, dass Adventskalender immer auch ein Spiegel ihrer Zeit sind. Waren sie anfangs noch sehr christlich geprägt, wurden sie später von der Werbung entdeckt. Auch das politische System im Land wird von einigen Kalendern gut reflektiert - zum Beispiel die Zeit der „Rosinenbomber“ während der Berlin-Blockade oder die „Vorweihnachtskalender“ der DDR, deren Gestaltung mitunter der weihnachtliche Charme fehlte. Etwas schmunzeln mussten wir beim Anblick des Kalenders „Hochhaus mit Hubschrauber und Weihnachtsmann“ aus dem Jahr 1982. Auf einem Plattenbau trohnt eine große Antenne, mit der man damals „Westfernsehen“ empfangen konnte. Neben dem Haus parken ein Wartburg und ein Trabbi und weiter hinten kommt ein VW Golf um die Ecke, den sich in der DDR nur wenige leisten konnten. Dem Ministerium für Kultur in Berlin, dem alle Entwürfe der Adventskalender etwa ein Jahr vor der Herausgabe zur Genehmigung vorgelegt werden mussten, war dieser kleine Seitenhieb wohl nicht aufgefallen.

Viele DDR-Künstler wählten Berlin-Motive. In diesem von Rainer Flieger 1973 gestalteten Kalender „Am Weihnachtsabend“, ist der Fernsehturm als Markenzeichen gut zu erkennen. Die beiden Kinder erinnern in ihrer festlichen Kleidung irgendwie an Jungpioniere, dieser Eindruck liegt nahe, denn hinter dem Türchen mit der Nummer 10 sind sie tatsächlich als Junge Pioniere zu sehen. Herausgegeben wurde der Kalender vom Verlag Bild und Heimat, Reichenbach im Vogtland.
Besonders systemtreu wirkte ein Adventskalender aus dem Jahr 1973, der den Blick in ein Ostberliner Wohnzimmer zeigt und als Aufklappmotiv Jungpioniere zu sehen sind.


Winterfreuden vor dem Rathaus in Grimma waren 1954 für den Buch- und Plakatgestallter Reinhold Geidel das Motiv für seinen Adventskalender. Als Zugeständnis an die damalige Zeit integrierte er ein Schild mit der Abkürzung HO (Handelsorganisation) über den Eingang des Ratskellers. Gedruckt wurde der Kalender im Winter Verlag, Naunhof.

Deutlich wurde in der Ausstellung auch, dass insbesondere in Sachsen aufgrund der zahlreichen hier ansässigen Verlage und Druckereien sehr viele Adventskalender das Licht der Welt erblickten. Zudem wurde gezeigt, wie liebevoll viele Gestalter - insbesondere für die Hauptzielgruppe Kinder - sehenswerte kleine Kunstwerke schufen.


Von 1951 bis 1983 gestaltete Helmut Rudolph aus Freiberg beinahe jährlich einen Adventskalender. Im Titel trugen seine Kalender immer „Advent“, z.B. Adventsaltar, Adventsstadt oder Adventsturm. Um die besondere Bedeutung der Adventssonntage und der Geburt Christi hervorzuheben, hatten seine Kalender sogar fünf Türchen mehr.

Völlig außen vor blieb im Schloßbergmuseum – und das ist nachvollziehbar - der vermutlich erste kommerzfreie Online-Adventskalender der Welt – nämlich der Adventskalender der TU Chemnitz, den es seit 1995 gibt. Für ihn bieten wir aber allen Fans im Internet unsere eigene nostalgische Ausstellung an.