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Adventskalender 2015 der TU Chemnitz

Der sächsische Prinzenraub

Schilderung des Prinzenraubs im «Sagenbuch des Erzgebirges» von Ernst Köhler (1886)

Nachdem Kunz von Kauffungen mit seinen Genossen in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 die beiden Prinzen Ernst und Albert aus dem Schlosse Altenburg geraubt hatte, setzte er den erst genannten Prinzen auf ein gut gesattelt Roß und führte ihn bei finsterer Nacht nach dem Lande Böhmen zu, erstlich durch die Leine, so ein Wald oder Holz bei Altenburg gelegen, ferner durch die Rabensteiner Wälder bis ohnfern Elterlein um die Gegend des Klosters Grünhain, dahin er bei aufgehendem Mondschein gegen Morgen gekommen, vermeinend, nun mit seinem hohen Gefangenen leicht vollends nach Böhmen zu gelangen. Die andern haben den Prinzen Ernst auch auf ein Roß gesetzt und zwischen sich einen andern Weg davon geführt, willens ihn durch das Vogt- und Frankenland durch einen andern Strich in ihre Gewahrsam zu bringen; denn sie hatten sich dessen zuvor mit einander verglichen, diesen Raub durch unterschiedliche Wege wegzubringen, und obschon ein Teil mit seinem Prinzen ergriffen würde, so sollte doch der andere Teil seinen gefangenen Herrn nicht eher von sich geben, es wäre ihnen denn allen das Leben und Straffreiheit zugesagt.

Unterdessen ist auf dem Schlosse zu Altenburg ein groß Wehklagen, bei den Hofleuten aber ein großer Schrecken entstanden. Man hat es durch einen Eilboten gen Leipzig dem Kurfürsten zu wissen gethan, dem anfänglich diese That fast unglaublich vorgekommen. So haben die Hofleute auch nicht gesäumt, sondern von Stund an in alle Gegenden geschicket, sind auch zum Teil selbst ausgerittten[**ausgeritten], den Sturmschlag in allen Städten und Dörfern angehen zu lassen, dadurch das ganze Land rege geworden, sintemal immer eines dem andern auf frischem Fuße gefolget, auch den Nachbarn zu wissen gethan, und alle Straßen beleget. Im Städtlein Geyer ist von den heftigen Glockenschlägen über diesem Sturme die Glocke zersprungen. Solchen Sturmschlag und Nacheilen hat Kunz von Kauffungen wohl gehöret, weil er aber bei Mittagszeit den Wald erreichet, verhoffte er leichtlich davon zu kommen. Da er nun nicht über eine halbe Meile bis zur böhmischen Grenze gehabt, hat es Gott sonderlich geschickt, daß den jungen Herrn, Herzog Albrechten (Albert) sehr gehungert und gedürstet, welches er Kunzen mit den Worten beklagt: Wo er nicht zu essen und zu trinken bekäme, würde er Krankheit halber nicht weiter kommen können, sondern müsse liegen bleiben. Solches besorget Kunz selbst, sintemal er ihn von Mitternacht bis nun fast gegen Mittagszeit auf einem schnell trabenden Rosse geführet. Deswegen behielt er einen Reiter bei sich und stieg vom Pferde ab, in Mangel anderer Speise dem Herzoge im Walde Erdbeeren abzupflücken; seine andern Reiter, derer fünf gewesen, hieß er ein wenig auf den Halt voranreiten, er aber spazierte im Walde mit dem Prinzen ein wenig abseits, Erdbeeren zu suchen. In diesem Walde arbeiteten aber unterschiedliche Köhler. Von denen war ein Junge, namens Urban Schmidt, gen Geyer geschickt worden, einen Kober voll Brot, Salz und andere nötige Dinge zu holen. Dieser Junge hatte das Anschlagen der Glocken gehört, dazu vernommen, wie die große Glocke von gemeldetem Stürmen geborsten und die Rede gegangen, es hätte der Feind zu Altenburg einen Einfall gethan, das Schloß erstiegen und einen großen Raub weggeführet. Weil man nun dazumal von keinem Krieg noch Feinde wußte, der Junge auch nicht mehr erzählen konnte, so gerieten die Wäldler oder Köhler in große Verwunderung und Bestürzung.

Dazwischen begab sichs, indem Kunz von Kauffungen mit dem Prinzen und seinem Reiter über dem Erdbeersuchen etwas tiefer vom Wege ab im Walde spazierten, und am Fürstenberge, der von dieser Geschichte den Namen bekommen, Beeren pflückten, daß durch sonderbare Schickung Gottes ein Köhler, mit Namen Georg Schmidt, welcher in der Gegend ohnweit Grünhain und dem Dorfe Raschau Kohlen bereitet, im Walde sich umzusehen daher kommet und seinen Hund bei sich hatte. Dieser Hund wird fremder Leute innen, schlug also bellend an und führete seinen Herrn, den genannten Köhler, welcher einen dichten Schürbaum zum Waldgewehre in der Hand hatte, an den Ort. Dieser Köhler siehet, daß Kunz ein Panzerhemd anhatte, auch ein Pferd an der Hand führte, dazu, daß der bei ihm befindliche Knabe schön, zart und adliger Gebärden; lässet sich daher bedünken, es möge nicht recht zugehen, und fraget trotzig, wie der Wäldler Art ist, von wannen er mit dem Knaben komme und wo er hinaus wolle? Darauf ihm Kunz antwortete: Es sei ein böser Bube, der seinem Herrn entlaufen, dem müsse er ihn wieder bringen. Wie sie aber miteinander ein wenig fortgehen, fällt Kunz von Kauffungen in dem Gestrüppe, Gebüsche oder Hecken, darinnen er mit seinen langen Sporen hängen blieb, und konnte wegen der schweren Rüstung, und daß er das Roß an der Hand nicht wollte fahren lassen, nicht wohl wieder aufkommen. Da er nun also lieget, spricht Prinz Albrecht heimlich zum Köhler: Ich bin ein Fürst von Sachsen, mache mich los, mein Vater soll dirs wohl vergelten. Darauf Jan Schweinitz, Kunzens Reisiger, sein Schwert über den Prinzen gezogen, daß nicht viel gefehlet, er hätte ihn umgebracht. Sobald der Köhler solches vernommen, auch des Reiters Ernst gesehen, erinnert er sich der oben gemeldeten Zeitung, die der Junge von Geyer mitgebracht, glaubet des Prinzen Rede, spricht dem Reiter ernstlich zu, solche Gewalt bleiben zu lassen, hetzet seinen Hund an, welcher sich sehr laut machet, Schweinitzen anfällt und stattlich zurückhält; er aber hat mit seinem Schürbaume auf Kunzen, welcher wegen seiner Rüstung nicht flugs hat aufkommen können, so wohl als auf den Reiter tapfer zugeschlagen, hätte auch vielleicht Kunzen totgeschmissen, wenn nicht der Prinz treulich gewehret und für ihn gebeten. Da nun der Köhler sich mit Mund und Händen sehr gereget, der Hund auch trefflich gebellt, läuft des Köhlers Weib aus dem Kohlenkrame auch herzu und siehet, was für ein Streit da ist. Als sie ihren Mann auf Kunzen schlagen siehet, denket sie, es seien Räuber da und giebt alsbald das gewöhnliche Waldzeichen, so die Köhler im Gebrauche hatten, daß sie mit einem großen Messer oder Zschörper auf eine Holzaxt schlagen. Hierauf liefen alsbald andere Köhler mit Äxten und Schürbäumen zu, nahmen Kunzen und seinen Reiter gefangen, den Prinzen führeten sie in einen Kohlkram, gaben ihm schwarz Brot zu essen und Wasser zu trinken, zeigeten es auch unverzüglich der Obrigkeit, nämlich dem Abte des Klosters Grünhain an, welcher alsbald Befehl gab, die vorangeschickten fünf Reiter auch aufzusuchen, und also geschahe es, daß noch diesen Tag, welcher war Kilianitag, Kunz von Kauffungen mit sechs seiner Gesellen in gefängliche Haft gebracht wurde. Diese Gefangenen überantwortete der Abt noch denselben Tag dem Oberamtmann von Schönburg auf Glauchau und Hartenstein nach Zwickau, welcher sie festsetzen und die übrigen ferner verfolgen ließ.

Die übrigen Prinzenräuber, Wilhelm von Mosen, Wilhelm von Schönfels und andere, welche den Prinzen Ernst mit sich führten, hatten versucht beim Pfarrherrn zu Hartenstein einzusprechen, allein der Pfarrherr war nicht daheim und sie konnten deshalb keine andere Zuflucht finden, als daß sie sich in dem Walde nahe bei der Mulde, über dem Schlosse Stein, in eine entlegene Höhle oder Steinkluft versteckten. Denn sie höreten den Sturmschlag und konnten aus dem Getümmel die Verfolgung wohl ermessen. Zu dem brach das Geschrei, daß Kunz und etliche seiner Reiter gefangen und der junge Prinz Albrecht erlöset wäre, geschwinde aus, welches sie meisterlich erkundeten, auch besorgeten, es möchte ihnen gleichfalls nicht anders gehen; denn die Pferde waren ihnen bereits abgejagt und guter Rat teuer. In solcher Gefahr vergaßen sie des gemachten Vergleichs und waren entschlossen, sich mit dem Prinzen auf kurfürstliche Gnade zu ergeben. Deswegen schickten sie einen vertrauten Boten zum Oberamtmann nach Zwickau, dem sie schrieben, sie bereueten ihre That und hätten den Prinzen unversehrt bei sich; wenn ihnen von dem Kurfürsten Sicherung ihres Lebens, ihrer Ehre und ihres Gutes zugesagt werde, so wollten sie den Prinzen ausliefern, wo nicht, so würden sie denselben zuerst und dann sich selbst töten. Der Oberamtmann Friedrich von Schönburg sicherte ihnen dies darauf bei seinen »adeligen Ehren und Treuen« zu, und so lieferten sie den Prinzen am 11. Juli an denselben ab, der ihn dann seinen Eltern nach Chemnitz überbrachte.