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Adventskalender der TU Chemnitz 2010

Dīr Hampel-Schneider


Ee Stückele vom Stülpner-Karl

derzehlt vom Wenzel-Max     oder nacherzählt auf hochdeutsch

Der Stülpner-Karl hattīs wieder emol e fünkel arg getriebn, un de Gericht un Forstleit warn aa net garschtig fuchtig ofīn. Sei Aussahe vom Kopp bis zon Fuß wur in alln Blättern beschriebn, un es wur aufgefordert, dan Wilddieb einzefange oder tutzeschießn. War ne labandig brächt, sollt 80 preußsche Toler kriegn, un war ne tutschoß, konnt of 50 Toler rachne. Es sohg oder doch esu aus, als wenn sich niemand dos Gald verdiene wollt. Mannicher dacht zwar, es wär e ganz schies Stück Gald, wos mer krieget; oder die Arbet, dieīs derfür ze machen gob, die reizte niemanden: Dä dos konnten sich alle denken: Ehr sich der Karl gefange gob, do tatīr sich seiner Haut wehrn, un do konnt sei Flint aa aus Vershe drbei lusgiehe. Un traffen tat dr Karl of hunnert Schritt noch jeden Sperlich.

der Gänsewinkel in Scharfenstein, von der Burg aus gesehen.

Nu gobīs in Wolkenstä e Freischützengesellschaft. Dos warn alles ehrsame Leut, die sich ze ihrn Vergnügn e wing in Schießn üben taten. Vu grußn Blutvergießn warn die aber aa kaa Freund. Bluß en hatten se derbei, ne Hampel-Schneider, dar war vu annernr Stoff gemacht. De Natur hat doch e mannichsmol rachte Witz gemacht. Dr Hampel-Schneider war e setter. E klaaner derrer Karl, dorch dan mer hätt dorchblosn könne, oder üm esu größer wor sei Maul. Wos dos Mannel bluß in Krieg fir Heldentaten begange hobn wollt, is net ze beschreibn. Wie dar Dingrich nu höret, daß der Stülpner-Karl in der Näh wär un sei Wasen esu von Hennersdorf bis Hoppgarten trieb, do ließīn kaa Ruh mehr. Er hielt bei de Freischützen e gruße Red, daß se itze emol beweisen könnten, wie se schössen! Der Maa hätt de Flint net när zon Vergnügen, sonnern aa firīn Ernstfall! Un dar wär itze do. Dann flochtīr aa noch miet ei, wos do fir Gald ze verdiene gäb, un er bracht seine Leit werklich esu weit, daß e Kriegszug gegen Stülpner-Karl unnernomme wur.

Nu hattīs e paar Tog wie mit Kanne geregnet, un de Zschop war racht ageschwolln un riß aa schie Sträucher un Balken miet sich fort.
Alsu, mei Schneider machet vurnewag un de Schützen alle hinnerhar. Weilīrīsch immer noch welche dronner gob, dan bei der Sach net racht wuhl war, hielt mei Schneider aa unnerwegs ene Red nooch der annern, daß se alle mitenanner Mut kriegn sollten. Esu kame se unner setten Gebläk an Wald naa. Mei Stülpner-Karl hatt se schie lang gehärt; un wennīr noch net gewußt hätt, wan der Zug galten sollt - aus den Schneider sen Reden kriegetīrīsch wag. Mei Stülpner war oder e Karl, dar sich in allen Logen geleich ze halfen wußt.


Burg Scharfenstein vom Gänsewinkel aus gesehen

Er nahm sei Flint huch, trat ausīWald raus un schrier de Freischützen a: "Macht, daßīr eham kommt, oder mei Flint gieht lus!" Als ob ein Dunnerwatter unter die ganze Gesellschaft neigeschlong hätt, esu gingīs īn Barg nonner. Welche schmissen de Flinten wag, daß när fixer ging, un se hieln net ehrer Ruh, bis se an dr Zschop agekomme warn. Un mei tapfersch Schneiderle aa bein Ausreißen vornewag. Wie se sich oder emol ümdreheten un ne Stülpner immer noch mit der Büchs in der Hand komme sohng, do war aa de Zschop net ze brät, se huppeten nei un taten dorchwoten, esu fix wieīs när ging. När ener war wasserscheu, dar trauet sich net nei in Fluß, un dos war mei Hampel-Schneider. Er tripplet an Wasser hie und har, der Angstschwäß lief en überoll raus, un of de Husen hätt ichīn net unnersuchen mögn! Sei Hilferufen hatt kaan Zwack, die annern perzeten eham, esu schnell se när konnten. Un nu kam der Wilpertsdieb immer meh un meh of men Schneider zu. Dar zittret wie de alte Armehaus-Fichtnern un dacht net annersch, als daß sei letzts Stündel komme wär. Itze packt mei Stülpner dan Dingerich a, nahm ne ofīn Arm wie e Gungel un trugīn überīn Wosser nüber. Ehr er ne ronnerließ, tunketīrīn erscht noch emol richtig nei, stellet ne ofīn Ardsbuden und saat zu ne: "Künftighie blebst de bei deiner Nahnodel un mischt dich net wieder in Dinger nei, die dich nischt agiehe!"
Wie e Ferl machet mei Schneider, daß er wag kam.
Er hoot sichīs aa zu Harzen genomme und hoot sich nimmer bei de Freischützen sahe lossen. Un dos war aa racht gut für ne, dä die hätten sich sicher bei ne ogefunden, daß se esu vir der ganzen Gengd blamiert wurn warn.



Anekdote vom Schneider Hampel

Der Stülpner-Karl hatte es wieder einmal etwas arg getrieben und die Gerichte und Forstleute waren gar nicht gut auf ihn zu sprechen. Sein Aussehen von Kopf bis Fuß wurde in allen Zeitungen beschrieben, und es wurde aufgefordert, den Wilddieb zu fangen oder zu erschießen. Wer ihn lebendig bringt, sollte 80 preußsche Taler bekommen, und wer ihn erschoss, konnte mit 50 Talern rechnen. Es sah aber so aus, als wenn sich niemand das Geld verdienen wollte. Mancher dachte zwar, dass das ganz schön viel Geld sei, das man dafür bekommt; aber die Arbeit, die dafür zu machen war, die reizte niemanden: denn das konnten sich alle denken: Ehe sich der Karl fangen ließ, würde er sich seiner Haut wehren, und da konnte seine Flinte auch aus Versehen dabei losgehen. Und treffen konnt der Karl auf hundert Schritte jeden Sperling.

Burg und Gänsewinkel in Scharfenstein, von der Zschopaubrücke aus gesehen.

Nun gab es in Wolkenstein eine Freischützengesellschaft. Das waren alles ehrsame Leute, die sich zu ihrem Vergnügen etwas im Schießen übten. Von Blutvergießen waren die aber keine Freunde. Nur einen hatten sie dabei, den Hampel-Schneider, der war aus anderem Stoff gemacht. Die Natur hat doch manchmal rechte Witze gemacht. Der Hampel-Schneider war so einer. Ein kleiner dürrer Kerl, durch den man hätte durchblasen können, aber umso größer war seine Gusche. Was das Männel im Krieg alles für Heldentaten begangen haben wollte, ist nicht zu beschreiben. Wie der Hampel nun hörte, dass der Stülpner-Karl in der Nähe wäre und sein Unwesen von Hennersdorf bis Hoppegarten trieb, da ließ es ihn keine Ruhe mehr. Er hielt bei den Freischützen eine große Rede, dass sie jetzt einmal beweisen könnten, wie sie schießen können! Der Mann hätte die Flinte nicht nur zum Vergnügen, sondern auch für den Ernstfall! Und der wäre jetzt da. Dann flocht er auch noch mit ein, was es da für Geld zu verdienen gäbe, und er brachte seine Leute wirklich so weit, dass ein Kriegszug gegen den Stülpner-Karl unternommen wurde.

Nun hatte es ein paar Tage lang wie aus Kannen geregnet, und die Zschopau war ziemlich angeschwollen und riss auch schon Sträucher und Balken mit sich fort.
Also, der Schneider lief vorneweg und die Schützen alle hinterher. Weil es aber immer noch welche unter ihnen gab, denen bei der Sache nicht richtig wohl war, hielt der Schneider auch unterwegs eine Rede nach der anderen, damit sie alle miteinander Mut bekommen sollten. So kamen sie mit solchem Geschrei am Wald an. Der Stülpner-Karl hatte sie schon lange gehört; und wenn er noch nicht gewusst hätte, wem der Zug gelten sollte - aus den Reden des Schneiders bekam er es mit. Der Stülpner war aber ein Kerl, der sich in allen Lagen gleich zu helfen wusste.


Bank am Stülpner-Rundweg

Er nahm seine Flinte hoch, trat aus dem Wald heraus und schrie die Freischützen an: "Macht, dass ihr nach Hause kommt oder meine Flinte geht los!" Als ob ein Donnerwetter unter die ganze Gesellschaft eingeschlagen hätte, so ging es den Berg wieder hinunter. Einige warfen die Flinten weg, damit es schneller ging, und sie hielten nicht eher an, bis sie an der Zschopau angekommen waren. Und mein tapferes Schneiderlein war auch beim Ausreißen vornedran. Als sie sich aber noch einmal umdrehten und den Stülpner immer noch mit der Büchse in der Hand kommen sahen, da war auch die Zschopau nicht zu breit, sie sprangen hinein und wateten hindurch, so schnell es nur ging. Nur einer war wasserscheu, der traute sich nicht in den Fluss hinein, und das war der Hampel-Schneider. Er trippelte am Wasser hin und her und der Angstschweiß lief ihm überall heraus! Sein Hilferufen hatte keinen Zweck, die anderen rannten nach Hause, so schnell sie nur konnten. Und nun kam der Wilddieb immer näher auf den Schneider zu. Der zitterte wie die alte Armenhaus-Fichtnern und dachte, dass sein letztes Stündlein gekommen wäre. Da packte der Stülpner den Kerl an, nahm ihn auf den Arm wie einen kleinen Jungen und trug ihn über das Wasser hinüber. Bevor er ihn aber herunterließ, tunkte er ihn erst noch einmal richtig ein, stellte ihn auf den Erdboden und sagte zu ihm: "In Zukunft bleibst du bei deiner Nähnadel und mischst dich nicht wieder in Dinge ein, die dich nichts angehen!"
Mein Schneider machte, dass er weg kam.
Er hat es sich auch zu Herzen genommen und hat sich nie mehr bei den Freischützen sehen lassen. Und das war auch gut für ihn, denn die hätten es ihm sicher heimgezahlt, dass sie so vor der ganzen Gegend blamiert worden waren.


Und nochmals der Fernsehtipp für Frühaufsteher oder Videorecorder-Besitzer: vom 27.12.2010-02.01.2011 wird die siebenteilige Stülpnerlegende des DDR-Fernsehens mit Manfred Krug als Karl Stülpner täglich früh 7.55 Uhr im MDR ausgestrahlt.



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© Fotos: U. und W. Riedel, Quelle: "Wos der Wenzel-Max derzehlt", VEB Friedrich Hofmeister Leipzig, 1959
Ursula Riedel, Die TU-Wichtel

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