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Adventskalender der TU Chemnitz 2008

Die Schwarzmühle in Börnichen


Drechslerei und Formstecherei Martin stellt deutschlandweit einzigartige Butterformen her

Schwarzmühle
Romantisch: Die Schwarzmühle liegt im Tal zwischen Scheffelsberg und Galgenberg.
Romantisch: Die Schwarzmühle liegt im Tal zwischen Scheffelsberg und Galgenberg.
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Einzigartig: Der Name Konrad Martin steht für ein Handwerk, das in Deutschland kaum noch jemand kennt.
Einzigartig: Der Name Konrad Martin steht für ein Handwerk, das in Deutschland kaum noch jemand kennt.
Schwarzmühle
Technik, die begeistert
Technik, die begeistert: Die aus dem Jahr 1900 stammende Francis-Wasserturbine treibt noch heute über Transmissionsriemen die Drechselbank und die Bandsäge der Mühle tadellos an, wenn sie hin und wieder etwas geölt wird.

In einem romantischen Tal im grünen Niederdorf der Gemeinde Börnichen (bei Zschopau) steht sie schon seit 1562 - die Schwarzmühle. Und seit 1889 ist sie im Besitz der Familie Martin. Müller Konrad Martin und die Firma seines entfernten Verwandten Julius Martin in Börnichen sind übrigens deutschlandweit die Einzigen, die so genannte "Buttermodeln" herstellen. Und bei Konrad Martin geschieht dies seit 44 Jahren mit Hilfe der Wasserkraft und per Hand. Gern weiht er die Besucher seiner Mühle in das bereits in der fünften Generation behütete Geheimnis der Butterformherstellung ein: "Die Formen bestehen aus mindestens fünf Jahre abgelagertem Hartholz aus dem Erzgebirge wie Ahorn oder Buche. Die Holzteile, aus denen Butterformen werden sollen, bekommen zunächst auf der Drechselbank ihre Grundform. Angetrieben wird sie - wie auch die Bandsäge der Mühle - seit 1923 durch eine Francis-Wasserturbine. 70 Liter Wasser fallen pro Sekunde vom angestauten Mühlenteich vier Meter hinab auf das Turbinenrad", erklärt Konrad Martin, der auf die gute alte Technik ein Loblied zu singen weiß.

Wo fast alles in Butter ist

Erfunden wurden die Formen in Zeiten der Hausbutterei, wo es noch keine Markennamen gab. An deren Stelle finden sich unterschiedliche Grundformen und Muster. Während die Bayern lieber viereckige Butter essen, mögen die Thüringer und Sachsen lieber die runde Form. Und die Menschen oberhalb von Berlin bis zur Ostseeküste tendieren zur Muschelform. Ob mit Rosen oder Blättern verziert, ob als Fisch oder Weintraube, ob mit einem Schriftzug oder einer Naturszene versehen - alles macht Konrad Martin möglich. Und das ohne Schablonen und Fräsmaschine. Die vielfältigen Muster sticht der 59-Jährige auf seiner Werkbank in den Grund der Formen ein. An der Wand hängen deshalb auch unzählige Stecheisen unterschiedlicher Größe aus bestem englischen und schwedischem Stahl. Je filigraner die Motive, um so länger dauert die Prozedur des Formstechens. "Neumodische Motive wie Disneyfiguren sind tabu, es kommen auch künftig vorrangig nur Naturmotive in die Buttermodeln", sagt der Drechsler. Lediglich bei Firmenlogos oder dem Logo eines Kindergartens mache er schon mal Zugeständnisse. Seine Formen gibt es in der Schwarzmühle heute in verschieden Größen: Für ein Fassungsvermögen von 10, 20, 30, 70, 100, 125 oder 250 Gramm Butter.

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Die vielfältige Kollektion ist aufwändig gestaltet, das dafür verwendete Werkzeug ging schon durch viele Hände.
Formenreich: Die vielfältige Kollektion ist aufwändig gestaltet, das dafür verwendete Werkzeug ging schon durch viele Hände.
Schwarzmühle
Seit mehr als 40 Jahren sitzt bei der Formherstellung jeder Handgriff.
Fingerfertig: Seit mehr als 40 Jahren sitzt bei der Formherstellung jeder Handgriff.

Was muss man beim Umgang mit der Butterform beachten? "Zunächst muss die Form vor dem Füllen gewässert werden", erklärt Konrad Martin. "Entweder legt man die Form zehn Minuten in heißes und danach die gleiche Zeit in kaltes Wasser oder man lässt sie nach Großmutterart mehrere Stunden im kühlen Nass schwimmen. Erst dann wird die frische Butter eingestrichen." Um die Butter wieder aus der Form zu holen, schlage man den Rand der Form leicht an eine Tischkante, damit sich ein kleiner Spalt zwischen Form und Butter bildet. "Ganz Eilige können auch Klarsichtfolie überlappend in die Form legen und können die Butter dann vorsichtig wieder herausheben", rät der Chef der Schwarzmühle. Übrigens: Vor ihrer ersten Verwendung und Wässerung sollten die Formen mit etwas Speiseöl eingefettet werden.

Nicht nur Butterformen, auch Brettchen, Teller und viele andere nützliche Haushaltsgeräte fertigt der Drechsler aus Börnichen in seiner Mühle. Ein Highlight ist das "Ehestands-Regulierungsgerät", was einem Nudelholz gleicht. "Damit wurden früher die Männer, die betrunken aus der Dorfkneipe nach Hause kamen, zur Vernunft gebracht", scherzt Konrad Martin. Heute schnitzt er zumindest lieber Blumen, Obst, Schwäne und Körbe in das Nudelholz, was so zur Keksrolle wird. Das passende "Springerle"-Rezept gibt es gratis dazu. Und obendrauf legt Konrad Martin noch so manche Legende von der Erfindung der Butter.

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Letzter Schliff am "Ehestands-Regulierungsgerät"
Gefährlich: Mit dem "Ehestands-Regulierungsgerät", das hier seinen letzten Schliff bekommt, wurden angeblich früher abtrünnige Männer zur Vernunft gebracht.
Schwarzmühle
Zeitreise durch fünf Jahrhunderte
Zeitreise durch fünf Jahrhunderte

Wo Stülpner einst hauste

Gern erzählt Konrad Martin aus der Geschichte seiner Mühle: "Vor einigen Jahren wurde mir erzählt, dass der als Wildschütz und sächsischer Robin Hood bekannte Karl Stülpner hier oft übernachtet haben soll. Ich habe das erst nicht für bare Münze genommen, doch sind die Geschichten wahr." Ein Nachfahre des Wilddiebs, so Martin weiter, habe in alten Kirchenbüchern herausgefunden, dass tatsächlich ein Hans Georg Stülpner 1692 Besitzer der Mühle war. So sei es durchaus möglich, dass der Scharfensteiner Karl Stülpner hier in der Mühle bei seiner Familie Unterschlupf fand, bevor er wieder hinauszog, um den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben.

Fernsehtipp: Am 13. Dezember 2008 wird um 18.15 Uhr in der Sendung des Mitteldeutschen Rundfunks "Unterwegs in Sachsen" auch über die Schwarzmühle berichtet.

Und noch ein Tipp: Am nächsten Pfingstmontag (1. Juni 2009) ist wieder Mühlentag in der Region. Dann wird unter anderem auch der Butter-Sepp allen Interessenten in der Schwarzmühle die Butterherstellung erläutern und zeigen, wie die Butter in Konrad Martins Formen hinein- und auch wieder hinauskommt. Bis dahin trifft man den guten Geist der Schwarzmühle mit seinen Butterformen auf Märkten und Festen im Erzgebirge.

Kontakt:
Drechslerei und Formstecherei Martin
Schwarzmühle
09437 Börnichen
Telefon 037294 90460
http://drechslerei-martin.sabus.net
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© Fotos: Mario Steinebach
Mario Steinebach, Die TU-Wichtel

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