Unter den 16 Mannschaften der stärksten Schachliga der Welt ist Chemnitz als erster Absteiger bereits markiert. Kein Wunder, ist man doch die einzige Amateurmannschaft und die einzige Mannschaft ohne Ausländer. Neben den Deutschen sind über 70 Spieler aus 29 Nationen gemeldet. Das entspricht einem Ausländeranteil von etwa einem Drittel.
Der zu erwartende Abstieg wird die Mannschaft nicht erschüttern. Es gibt genügend Beispiele aus der Bundesliga-Schachpraxis, wo ein Sponsor oder Mäzen abgesprungen ist - und die zusammengekaufte Mannschaft danach in alle Winde zerstob.
An dieser Stelle möchte ich ein paar Sätze in eigener Sache einflechten: Der Präsident des SVS, Dr. Gerhard Schmidt, hat in seinem Vorwort zum Jahrbuch des SVS 97/98 u.a. auch Kritik geübt an unserem Verein, zu Recht wegen fehlender Publizierung des Aufstiegs. Aber bezüglich "So sollten .... und USG Chemnitz nicht noch darauf stolz sein, daß ihre Mannschaften ohne Ausländer auskommen." haben wir eine andere Auffassung.
Das Thema Sponsoring ist ein heiß diskutiertes. Letztendlich wissen wir alle, wie schwer es ist, mit einer Randsportart an die Fleischtöpfe zu gelangen. Wie sagte Horst Metzing, Geschäftsführer des DSV, erst kürzlich: "Sponsorensuche läuft nur über Beziehungen und Zufälle!"
Hut ab vor dem Dresdner SC, der es kontinuierlich und mit großem Aufwand (sowie den entscheidenden Leuten an der richtigen Stelle) geschafft hat, derartige finanzielle Zuwendungen zu erhalten, daß sie in der kommenden Saison wieder um einen Medaillenplatz spielen werden...
Wie in vielen anderen Vereinen gibt es auch bei der USG große Funktionärsprobleme. Wenige machen viel. Und die vielen haben viele Gründe, warum sie wenig oder nichts für den Verein machen. Ist das ein Wunder in einer Situation, in der die Sicherung des Arbeitsplatzes oberste Priorität besitzt?
Mit Schach als Beruf kommt man nicht über die Runden. Es sei denn, man schafft es wenigstens unter die Top 50 der Welt. Schwierig, wenn man bedenkt, daß das Aushängeschild des deutschen Schachs, Robert Hübner, nicht mehr unter den besten 100 zu finden ist - und dafür in Solingen auf Brett 7 strafversetzt wurde... Schon der normalsterbliche Profi-Großmeister tingelt weit unterhalb des deutschen Lebensstandards von Turnier zu Turnier. Ein kleines Zubrot kann er sich bei einer deutschen Bundesligamannschaft verdienen. Nicht gerade bei Solingen oder Porz. Die sind eine Nummer zu groß. Und Chemnitz?
Chemnitz will nicht aus Prinzip und kann nicht...
Es fehlte nicht an Offerten namhafter Spieler, in Chemnitz ihre Brötchen zu verdienen. Mit dem nötigen "Kleingeld" hätte man den gesamten Stammachter gegen Profis austauschen können. Aber es gehört nicht zur Strategie unseres Vereins, die Helden des Aufstiegs auf die Reserveplätze zu verbannen. (Beispiel Solingen: Kein Solinger spielt mehr in der Mannschaft des Deutschen Meisters - der Einheimische GM Lau ist die Nummer 10!)
Vor dem Problem, Spieler zu bezahlen (auch die eigenen!?), standen wir - zum Glück?! - nicht, denn uns gelang es nicht einmal, den Mindestetat für die neue Saison aufzutreiben.
Jürgen Kyas hat in der Chemnitzer Presse eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit geleistet. Unsere wenigen Ehrenamtlichen (und sogar Schachfreunde aus anderen Vereinen!) haben sich um Sponsoren bemüht. Aber herausgekommen ist kaum Zählbares.
Sicherlich kommt auch erschwerend hinzu, daß seit Anfang des Jahres (als noch nicht an einen Aufstieg zu denken war) der Org.-Stab für das Chemnitzer Turm-Open, in dem auch Schachfreunde der USG an hervorragender Stelle mitwirkten, in Sachen Sponsoring aktiv war. Damit war das begrenzte Feld der möglichen Geldgeber schon beackert. Und es war alles andere als einfach, für das Open die nötigen Mittel aufzutreiben...
Jahrelange treue Unterstützung in guten und schlechten Zeiten erfuhr der Verein vom Geringswalder Fuhr- und Taxiunternehmer Michael Lonthoff, der auch in dieser Saison wieder seinen Mannschaftsbus unentgeltlich zur Verfügung stellen wird.
Das olympische Prinzip, dabeigewesen zu sein, einmal bei der Weltelite Luft geschnuppert zu haben, ist das seligmachende für die Spieler. Und insgeheim hoffen unsere Spieler, dieser oder jener Mannschaft ein Bein stellen zu können.
Daß sie sich nicht zu verstecken brauchen, zeigen die hervorragenden Resultate beim kürzlich in Chemnitz zu Ende gegangenen stark besetzten Internationalen Open. Dort trumpften Mathias Womacka (4. Platz), Gerd Lorenz (8.), Dr. Dirk Mirschinka (14.), Christian Steudtmann (18.) und Carlo Kunze (20.) gehörig auf. Sie trafen 13x auf Großmeister, verloren 5x, remisierten 5x und konnten selbige 3x in die Knie zwingen.
Für unsere Spieler wird dieses Jahr in der 1. Liga - selbst wenn wir in allen Kämpfen "verprügelt" werden sollten - zu einem positiven Erlebnis werden. Und mit Sicherheit hat uns die "Flucht nach oben" vor einem schweren Abstiegskampf in der diesmal besonders starken 2. Bundesligagruppe Ost verschont...
Wir sind stolz darauf, eine waschechte "Amateurmannschaft" zu sein!
Das erste Heimspielwochenende bestreitet die USG am 8. und 9. November. Gegner werden SG Castrop-Rauxel und SG Bochum sein. Die hoffentlich zahlreichen Zuschauer dürfen sich freuen auf Großmeister wie Rosentalis (2645), van der Sterren (2555), Conquest (2500), Gallagher (2525), King (2530) - alle Castrop-Rauxel sowie Georgiew (2670), Krasenkow (2645) und Alterman (2615) auf Seiten der Bochumer. Und Reisepartner Dresden hat bekanntlich mit Schirow (2700), Almasi (2615), Bologan (2585), Lanka (2565), Bönsch (2540), Tischbierek (2515) und Uhlmann (2485) auch schweres Geschütz auf Lager.
Dieser schachliche Leckerbissen wird im Chemnitzer Renaissance-Hotel serviert. Spielbeginn 14.00 Uhr (Sa) bzw. 9.00 Uhr (So).
gez. Günter Sobeck
(USG Chemnitz, Abteilungsleiter Schach)