Herrscher über 16 Figuren: IM Womacka zeigt es allen

Uni-Schachspieler mischen in 1. Bundesliga mit

(HJG) "Dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns", wußte schon der alte Goethe. Gemeint war Schach. Tatsächlich gibt es wohl kaum ein Spiel, das mehr Gehirnschmalz verlangt. Und auch körperlich muß man fit sein - Weltklassespieler verlieren bei einem Match schon mal einige Kilo Gewicht. Überraschend ist das keineswegs, ist doch das Gehirn (auch wenn manche Männer etwas anderes vermuten) das am besten durchblutete Organ, und beim Denken laufen Stoffwechsel und damit auch Energieverbrauch auf Hochtouren.

Besonders viel Energie werden in der letzten Zeit wohl die Schachspieler der Chemnitzer Universitätssportgemeinschaft (USG) verbraucht haben. Sie schafften nämlich völlig überraschend den Aufstieg in die 1. Bundesliga im Schach. Danach hatte es im vergangenen November noch gar nicht ausgesehen. Damals verloren die Chemnitzer in der Staffel Ost der 2. Bundesliga gegen Plauen mit 2:6. Einziges Ziel damals: Nur nicht absteigen. Nach Plauen freilich ging's bergauf! Halle, Lok Leipzig, Leipzig-Gohlis, Würzburg und Nürnberg mußten sich der Mannschaft um Spielführer Jürgen Kyas geschlagen geben, lediglich Forchheim und Bamberg erreichten ein Remis. Eine Zitterpartie blieb es freilich bis zuletzt - um aufzusteigen, mußten die Chemnitzer bei ihrem letzten Spiel in Bamberg mindestens ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen, andernfalls wäre Forchheim in die höchste deutsche Spielklasse gelangt.

Womacka - Mischustov

Im April schlug das Aufsteiger-Schachteam der USG Chemnitz die Mannschaft aus Nürnberg sensationell mit 6:2.

Im Bild: IM Mathias Womacka (l.) und sein Nürnberger Kontrahent Michael Mischustov.

Am 18. und 19. Oktober stehen nun die ersten beiden Kämpfe der neuen Saison an. Dann treffen die Chemnitzer im rund 600 Kilometer entfernten Solingen (zwischen Düsseldorf und Essen) auf den Bundesliganeuling SVG Plettenberg und auf die traditionsreiche Solinger Schachgesellschaft. Besonders der Vorjahressieger und mehrfache deutsche Meister Solingen wird den sächsischen Schächern wohl schwer zu schaffen machen. Insgesamt 15 Runden, zusammengefaßt in acht Spielwochenenden, müssen die USG-Leute gegen Mannschaften wie die SG Porz (ebenfalls mehrfach deutscher Meister und zweiter des Vorjahres), SV Empor Berlin oder den Dresdner SC überstehen. Angst haben sie davor nicht, auch wenn es wohl schwer sein wird, in der ersten Liga zu bleiben.

Die Chemnitzer werden es auch deshalb nicht leicht haben, weil sie allesamt handfeste Amateure sind - das ist bereits in der 2. Bundesliga eine Seltenheit. Seit langem nämlich ist es üblich, Spitzenspieler mit einem Antrittsgeld von 500 oder 1.000 Mark pro Partie zu belohnen. "Wir hingegen sind schon froh, wenn wir unsere 10.000 Mark Kosten pro Jahr zusammenkriegen," so der am zweiten Brett aufgestellte Dr. Arnd Rösch, Mathematiker an der Chemnitzer Uni. Ein Sponsor immerhin hat sich gefunden: Schon seit Jahren stellt der schachbegeisterte Geringswalder Fuhrunternehmer Matthias Lohnthoff der Mannschaft für Auswärtsfahrten kostenlos einen Kleinbus zur Verfügung. Die Suche nach weiteren Firmen, die den Chemnitzer Hoffnungsträgern mit dem einen oder anderen Tausender unter die Arme greifen, war allerdings bisher vergeblich.

Dabei kann sich die Schachabteilung der USG wahrlich sehen lassen. Rösch und der an Brett 3 spielende Carlo Kunze besitzen den Meistertitel des Weltschachverbandes FIDE, ihr Mannschaftskamerad am ersten Brett, Mathias Womacka, ist gar IM (Internationaler Meister) der FIDE. Womacka hat mit 2475 auch die höchste Wertungszahl (ein Maß für die Spielstärke), gefolgt von Rösch mit 2350 und den anderen Mitgliedern der Mannschaft, die es auf 2240 bis 2315 Punkte bringen. Zum Vergleich: Weltmeister Garri Kasparow bringt es auf 2820 Zähler, starke Gelegenheitsspieler liegen irgendwo um 1500. Womacka, so schätzen seine Mitspieler ein, könnte es auch noch zum Großmeister (GM) bringen, der höchsten Meisterklasse der FIDE. Dazu muß er gegen andere Großmeister eine bestimmte Anzahl von Spielen gewinnen. Die erste Gelegenheit könnte schon bald kommen. Denn vom 30. August bis zum 7. September findet im Chemnitzer Hof ein internationales Offenes Schachtunier über neun Runden statt, zu dem sich bisher neun Großmeister angesagt haben. Teilnehmen kann übrigens jeder.

Diagramm
Kunze (Chemnitz) - David (Halle)
FIDE-Meister Carlo Kunze gewann hier mit 1.Tf1xf5.

Hätte Schwarz hier den Turm mit seinem Turm genommen (1... Tf6xf5), hätte er nach 2.Se5-g6+ Kh8-g7 3.Sg6xe7+ (verliert die Dame und bietet gleichzeitig Schach) Kg7-h8 4.Se7xf5 sofort verloren.

Doch auch die stärkere Verteidigung 1... Te8-f8 kostet nach 2.Tg3-f3 Kh8-g7 3.Se5-c6 viel Material.

Deshalb gab Schwarz nach 1.Tf1xf5 die Partie auf.

Aber auch weniger gute Schachspieler kommen bei der USG zum Zug: Insgesamt fünf Mannschaften bis hin zur Bezirksklasse gehören zur Sektion. Zu den rund 100 Mitgliedern des Vereins zählen auch die Maschinenbauprofessoren Peter Tenberge und Hans Dresig, beide mit passablen Wertungszahlen. Prof. Dresig schaffte es jüngst gar als einziger unter 20 Spielern, den Chemnitzer Champion Womacka bei einem Simultanwettbewerb (dabei spielt ein starker Spieler gegen mehrere Gegner gleichzeitig) zu besiegen. Zu Recht stolz sind die Schachspieler von der USG auch auf ihre Nachwuchsförderung, die sie gemeinsam mit anderen Chemnitzer Vereinen betreiben. Besonders talentierte Spieler werden sogar einzeln trainiert, der 13jährige Manuel Feige (SV Wilkau-Haßlau) etwa von FIDE-Meister Rösch. Das zahlt sich aus: Bei den Deutschen Meisterschaften der unter 13jährigen Jungen kam Feige kürzlich mit 9,5 Punkten aus 11 Partien auf den ersten Platz, den Mädchentitel sicherte sich die gleichaltrige Tina Mietzner mit 7,5 aus elf - beide dürfen nun im nächsten Jahr an den Europa-Meisterschaften teilnehmen.

Falls Sie mal wieder Lust auf eine Partie haben - die USG-Schächer treffen sich jeden Donnerstag von 17 bis 22 Uhr in der Mensa des Universitätsteils 1 in der Straße der Nationen zu Training und Wettkampf. Ein Super-Spieler braucht man nicht zu sein, die Regeln sollte man freilich kennen. Eine Vielzahl von Infos finden Sie auch auf den Internet-Seiten der Uni-Schachgruppe unter http://www.tu-chemnitz.de/usg/schach/ (neuer URL ab Sept. 1999).


Quelle: TU-Spektrum 3/1997, S.46-47,
HTML-Version von Ralph Meyer, 1. Oktober 1997
Bearbeitung: Alfred Pfeiffer, 21.10.1997, 24.09.1999