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Ein Tag wie kein anderer...

Heute:

Als E-Mail durch die Welt

Der TU-Mitarbeiter Alfons Bitmeister ist ein echter Forschertyp. Nach dem Lesen des Artikel eines englischen Fachkollegen hat er eine zündende Idee, die er dem Autor sofort mitteilen möchte. Was liegt näher, als eine elektronische Nachricht zu schicken, zumal die E-Mail-Adresse des Autors im Artikel vermerkt ist. Aus eigener Erfahrung weiß Alfons, daß E-Mail eine schnelle und recht zuverlässige weltweite Kommunikationsmöglichkeit ist.

Als PC-Nutzer meldet er sich an seinem NetWare-Server an und ruft das Mail-Programm pmail auf. Er beginnt seine elektronische Nachricht, trägt gewissenhaft die E-Mailadresse des Empfängers ein, wählt eine aussagekräftige Betreff-Zeile (Subject) und bringt seine Idee zu Tastatur. Vor dem Abschicken liest er sich sein Werk noch einmal durch, schließlich soll der Kollege nicht durch Schreibfehler abgeschreckt werden. Durch das Absenden werde ich, eine elektronische Post, oder kurz E-Mail, erzeugt. Ich lande zunächst auf dem offenbar gut beschäftigten NetWare-Server und komme erstmal in eine Warteschlange - das geht ja gut los. Doch eher als erwartet werde ich abgeholt von einem Fährmann namens Charon. Dieser lebt auf einem eigenen PC und befördert tagein tagaus elektronische Briefe zwischen der Novell- und der großen Welt. Auf der Überfahrt werde ich noch etwas zurechtgerückt, damit ich in der Internet-Welt auch akzeptiert werde. Nebenbei erfahre ich, daß Charon auch mehrere NetWare-Server bedienen und sogar Druckjobs erledigen kann. Er erzählt mir auch von einem Konkurrenten namens mercury, der gleich auf dem NetWare-Server arbeitet ... tja, das Geschäft ist hart.

Ich bin jetzt eine richtig schicke Internet-Mail und sehe doch fast wie eine Brief-Post aus. Da ist zunächst ein Briefkopf (auch Header genannt), der u.a. aus Empfangs- und Absendeadresse, Datum und Betreff-Zeile besteht. Der eigentliche Inhalt (von Experten liebevoll Body genannt) besteht aus simplem ASCII-Text. Ringsherum ist noch ein Umschlag (von den Gurus als Envelope bezeichnet), der nochmal die nötigen Adressen für die elektronischen Postämter enthält. Nur die Briefmarke fehlt, da dieser Dienst pauschal bezahlt wird und für den Endnutzer kostenlos ist.

In diesem Format bin ich reif für die Reise. Der Fährmann ruft beim "Postamt" (dem Mailhost) des Bereiches an. Dort meldet sich sich das Diensthabende sendmail namens IDA, bekommt von Charon meinen Absender und Empfänger genannt und erklärt sich schließlich bereit, mich aufzunehmen. Nun geht die Post ab, in rasanter Fahrt lande ich auf dem Mailhost. Dort wirft IDA einen prüfenden Blick auf meinen Briefkopf, meine Absendeadresse scheint ihr nicht zu gefallen. Sie blickt in eine große Tabelle und macht kurzerhand aus alf@novell.bereich.tu-chemnitz.de nun Alfons.Bitmeister@Bereich.TU-Chemnitz.DE. Mir gefällt das ehrlich gesagt auch besser, denn was interessiert die weite Welt das Loginkennzeichen und der Rechnername meines Erzeugers. Nach dieser kosmetischen Operation muß ich meinen Empfänger nennen und werde danach sortiert. Da ich ja in die weite Welt geschickt werden soll, heißt meine nächste Station "zentrales TU-Postamt" mit der offiziellen Bezeichnung mailhost.tu-chemnitz.de. Sendmail schickt mich so schnell wie möglich dorthin. Der Datenaustausch erfolgt übrigens nach strengem Protokoll, SMTP (Simple Mail Transfer Protcol) genannt.

Auf dem zentralen Mailhost angekommen, merke ich gleich, daß hier mächtiger Betrieb herrscht, wie auf einer richtigen Post, ein ständiges Kommen und Gehen. Später erfahre ich, daß es an der TU über 1000 aktive Mail-Nutzer gibt. Hier werden monatlich etwa 11 000 Nachrichten mit ca. 60 - 90 MByte Daten von oder zu externen Partnern bearbeitet, alle Achtung!

Ich sehe mehrere Ausgänge in bis dato unbekannte Richtungen: Lokales SMTP, Externes SMTP, X.400 OSI Mail, BITNET via Gateway. Der Postbeamte heißt hier PP (das heißt nicht etwas PiPi, wie ich erst vermutete, sondern eher Postman Pat, aber so genau wußte das auch keiner...) und ist ein gestrenger Bursche. Er nimmt mich erstmal total auseinander, trennt Header vom Body (stellen Sie sich das mal vor!) und interessiert sich insbesondere für die Adresse meines Empfängers. Er guckt sie ein paar mal argwöhnisch an bis er sich entscheidet und mich zum Abfahrgleis "Externes SMTP" schickt. Hier befinde ich mich in guter Gesellschaft, die meisten Briefe gehen wohl diesen Weg. Hier habe ich etwas Zeit zum Luftholen. Ich kann wohl froh sein, daß ich hier gelandet bin, andere mußten zum Übergang auf die X.400 Mail einen kompletten Umbau über sich ergehen lassen und sind fast nicht wiederzuerkennen. Doch langes Grübeln ist nicht, schnell bin ich an der Reihe zur Abfertigung. Der Beamte bemüht die Auskunft, Domain Name Service genannt, um zu erfahren, welches Postamt für meinen Empfänger zuständig ist. Dann versucht er gleich, zu diesem Postamt Verbindung aufzunehmen. Hmmm, das dauert, was ist da los? Ist die Strecke überlastet, oder das Postamt geschlossen? Keine Ahnung, PP sagt "No connection", ich solle mich wieder in die Reihe stellen. Mist, die erste Panne.

Ein Blick auf die Systemuhr verrät mir, das seit meinem Reisebeginn erst zwei Minuten vergangen sind; das ging ja fix bisher. Da ich nun etwas Zeit habe, bemerke ich, daß jedes Postamt in meinem Briefkopf eine Zeile eingetragen hat, auf der Zeit und Ort vermerkt ist. Gute Idee, so kann später der Empfänger meine Reiseroute nachvollziehen. Vom Postmaster erfahre ich, daß dadurch auch Fehlerfälle, wie Verzögerungen oder Schleifen erkennbar sind. Der Postmaster ist übrigens ein richtiger Mensch, den man bei Problemen mit der elektronischen Post ruhig fragen kann. Einfach 'ne Mail an Postmaster@tu-chemnitz.de oder anrufen: 531-1428 oder 1361.

Beim Umblicken in der Warteschlange fallen mir noch allerlei interessante Sachen auf. Vor mir stehen Nachrichten, die auf UNIX-Rechnern mit Programmen wie pine und elm erzeugt wurden. Im Wartesaal höre ich von einer Mail, daß sie schon über zwei Tage hier warten muß. Nur noch wenige Stunden, dann wird sie an den Absender zurückgeschickt. Offenbar hat das Empfangspostamt Urlaub und hat nicht an eine Umleitung gedacht... So was soll's geben.

An der Abfertigung ist jetzt eine ziemlich große, buntschillernde Mail. Sie ist im neuen MIME-Gewand und enthält neben Text sogar ein Bild. Der Postmaster verrät mir, daß MIME (Multipurpose Internet Mail Extension) ein neues, standardisiertes Format für Multimedia-Mail ist. Viele neuere Versionen von Mailprogrammen bei uns unterstützen dies bereits, wie pmail und pine. Außerdem erfahre ich noch etwas über POP, das hat nix mit Musik zu tun, sondern heißt Post Office Protocol. Die Nachrichten an eine Person werden in seinem Postfach (Mailbox) "postlagernd" gesammelt. Will man seine Post abholen, muß man sich ausweisen (sprich: sein Paßwort angeben). Erst dann werden die Nachrichten aus der Mailbox auf den lokalen Rechner transportiert, wo sie in Ruhe bearbeitet werden können.

Sicher wäre noch so manches interessante zu erfahren gewesen, aber ich bin wieder an der Reihe. PP versucht erneut, das Postamt meines Empfängers zu erreichen. Diesmal klappt es und schon geht die Reise in die weite Welt. Der Rest ist schnell erzählt. Ich lande in der Mailbox meines Empfängers und werde alsbald vom ihm gelesen. Er schreibt sofort eine Rückantwort (Reply), weil ihm die Idee meines Absenders gefällt, und schickt sie auf die Reise nach Chemnitz. Ich selbst werde abgespeichert in eine Post-Ablage (Folder). Und falls ich nicht gelöscht wurde, befinde ich mich dort noch heute.


Frank Richter, 9 Sep 1994