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Forschung

Gründungsgeschichte der Wismut erstrahlt in neuem Licht

Zwischen Hinrichtungen, Personalüberwachung und Strahlenrisiken: Forscher beleuchten die Historie des ostdeutschen Uranerzbergbaus und seiner Sanierung von 1947 bis 2007

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Der "Gummibahnhof" in Schlema: An diesem zentralen Busplatz unweit des Förderturms vom Schacht 66 reisten aus allen Teilen des Erzgebirges und des Vogtlandes die Wismut-Arbeiter an.
Foto: Archiv der Wismut GmbH

Die Geschichte des Uranerzbergbaus in Ostdeutschland war bis 1990 ein nahezu unbeschriebenes Gebiet. Da die Wismut AG zum sowjetischen Atomkomplex gehörte, wurde sie strikt abgeschottet. Bis heute ist vieles noch nicht ausreichend erforscht. Deshalb startete Mitte 2008 ein unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium und mehreren Stiftungen gefördertes Projekt, das sowohl den Uranbergbau bis zur Einstellung der Produktion als auch dessen Sanierung beleuchtet. Eine deutsch-russische Historikergruppe befasst sich an der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der TU Chemnitz mit bisher weniger bekannten Aspekten aus der Geschichte des Uranbergbaus der Wismut. Erstmals stehen den Forschern dafür umfangreiche russische Quellen aus den Archiven des Atomministeriums, des Staatsarchivs, des Militärarchivs, des Archivs für ökonomische Geschichte und des Archivs der sozialpolitischen Geschichte zur Verfügung.

Themenschwerpunkte dieses Projektes sind unter anderem: die Einbindung der Wismut AG bzw. ab 1954 der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft (SDAG) in den militärisch-industriellen Komplex der Sowjetunion, der Alltag der sowjetischen Mitarbeiter, das Sicherheitsregime, der Strahlenschutz, die Sozialpolitik bei der Wismut AG und die Wismut-Frauen. Untersucht wird auch der Uranbergbau in anderen Ländern, um die Geschichte der Wismut AG/SDAG vergleichen und besser einordnen zu können. Neu hinzu kommt ab September 2009 noch ein von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördertes Teilprojekt, in dessen Rahmen die Geschichte der Sanierung der Hinterlassenschaften des Uranbergbaus seit 1990 untersucht werden soll.

Nach den bisherigen Recherchen erscheint die Gründungsgeschichte der Wismut AG in einem etwas anderen Licht. Heftige Auseinandersetzungen zwischen der sächsischen Bergverwaltung des Volkskommissariats für Inneres (NKWD), der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und der für das sowjetische Atomprojekt zuständigen Ersten Hauptverwaltung beim Ministerrat der UdSSR über die dramatischen Zustände in den sächsischen Bergbaukreisen führten sehr zeitig zu Korrekturen des Betriebsregimes. "In der Sowjetunion selbst, aber auch bei Uranbergbaubetrieben in anderen Ostblockländern übliche Zwangspraktiken zur Arbeitskräftegewinnung wurden bald eingeschränkt und abgeschafft. Andererseits wurde das Regime zur Bewachung der Objekte und Überwachung der Belegschaft Anfang der 1950er Jahre verschärft", sagt Projektleiter Prof. Dr. Rudolf Boch und ergänzt: "Davon zeugen vor allem die nun zugänglichen Unterlagen aus dem russischen Militärarchiv. Hunderte Bergleute wurden wegen kleinerer Vergehen mit drakonischen Strafen belegt. Mindestens 70 Wismut-Mitarbeiter wurden allein in den Jahren 1951 bis 1953 als vermeintliche Spione in die Sowjetunion verschleppt und dort hingerichtet. Eine Schreckensbilanz."

Einer Neubewertung unterzogen werden muss auch der Umgang der sowjetischen Direktion mit den Strahlenrisiken in den ersten Jahren des Uranbergbaus. "Von Beginn an waren diese bekannt, wovon mehrere Geheimbefehle von Generalmajor Michail Malzew, des ersten Generaldirektors der Wismut AG, ebenso zeugen, wie des Obersten Chefs der SMAD, Marschall Wassili Sokolowski", berichtet Projektbearbeiter Dr. Rainer Karlsch. Darin sei von erhöhten Risiken bei einer Arbeit in den "gesundheitsschädlichen Zechen" ebenso die Rede, wie von den Gefahren, an Kehlkopfkrebs infolge von Jodmangel zu erkranken. "Das Personal in besonders gefährdeten Objekten sollte Zulagen erhalten. Außerdem wurden sowjetische Ärztekommissionen entsandt, um die Situation vor Ort zu studieren. Dies geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eine fatale Praxis, an der die SDAG bis 1989 festhielt", konstatiert Karlsch und ergänzt: "Im amerikanischen Uranbergbau war ein ähnlich problematischer Umgang mit den Gesundheitsrisiken anzutreffen. Die amerikanischen Uranbergleute sahen sich als Soldaten des Kalten Krieges. Auch in den französischen Uranminen sah es kaum besser aus. Allerdings erzwang öffentlicher Druck in den 1970er Jahren wesentliche Verbesserungen des Gesundheitsschutzes."

Das Forschungsprojekt an der TU Chemnitz ist bis Mitte 2011 angelegt. Beteiligt sind Wissenschaftler der Moskauer Lomonossow-Universität, des Staatlichen Archivs der Russischen Föderation, der TU Chemnitz, des Hannah-Arendt-Instituts Dresden und des Instituts für Zeitgeschichte München. Gefördert wird dieses Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, der TU Chemnitz, der Gerda-Henkel-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Im Ergebnis der Recherchen sind eine Dokumentation und mindestens ein Studienband geplant. Die Forschungsergebnisse werden künftig auf Tagungen und internationalen Konferenzen diskutiert. "Außerdem werden alle benutzten russischen Dokumente in einer Datenbank zusammengestellt und somit für künftige wissenschaftliche Forschungen zugänglich sein", versichert Boch.

Weitere Informationen erteilen Prof. Dr. Rudolf Boch, Telefon 0371 531-33921 oder -38395, E-Mail rudolf.boch@phil.tu-chemnitz.de, und Dr. Rainer Karlsch, Telefon 030 47002290, E-Mail rkuek@t-online.de.

Mario Steinebach
01.09.2009

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