Eröffnungsvortrag von Wolfgang Mackiewicz
"Die Verantwortung der Hochschulen für Vielsprachigkeit
und Mehrsprachigkeit in Europa"
ABSTRACT:
Die Verantwortung der Hochschulen für Vielsprachigkeit und Mehrsprachigkeit in Europa
Wolfgang Mackiewicz, Freie Universität Berlin
Anders als die U.S.A. wird die Europäische Union als vielsprachige
Gesellschaft errichtet. Alle Amtssprachen der Mitgliedsstaaten sind zugleich
Amts- und Arbeitssprachen der Europäischen Organe. Alle EU-Bürger/innen
haben das Recht, sich schriftlich in einer der offiziellen Sprachen – nicht
notwendigerweise in ihrer Muttersprache - an die Organe zu wenden und eine
Antwort in dieser Sprache erhalten. Im Parlament und seinen Ausschüssen
wird aus jeder Sprache in jede andere gedolmetscht. Das EU-Gesetzwerk wird
in alle Amtssprachen übersetzt – neuerdings auch in die Sprachen der
Beitrittskandidatenstaaten. Die Vorstellung einer einzigen Gemeinschaftssprache
wird ausdrücklich verworfen.
Der Erhalt der Vielsprachigkeit bei gleichzeitiger fortschreitender
politischer und wirtschaftlicher Integration stellt eine enorme bildungspolitische
Herausforderung dar. Der Aufbau einer Union ohne Binnengrenzen, deren Bürger/innen
das Recht haben, überall im Hoheitsgebiet der Mitgliedsstaaten zu
leben und zu arbeiten, kann nur dann gelingen, wenn Personen, Einrichtungen
und Organisationen aller Art im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Bereich über Sprachengrenzen hinweg miteinander kommunizieren, interagieren
und kooperieren können, wenn Menschen unterschiedlicher sprachlicher
und kultureller Herkunft sich im Geiste der Toleranz und des gegenseitigen
Verstehens begegnen. Zum einen benötigen wir Übersetzer und Dolmetscher
auf allen Ebenen, zum anderen brauchen wir mehrsprachige Bürger/innen,
die über Sprachengrenzen hinweg direkt miteinander kommunizieren können.
Mehrsprachigkeit ist ein entscheidender Aspekt der mit dem Maastrichter
Vertrag eingeführten Unions-bürgerschaft; Sprachkenntnisse gelten
seit Lissabon als Schlüsselqualifikation in der europäischen
Wissensgesellschaft.
Die Hochschulen haben auf den Gebieten der Bildung, Forschung und Entwicklung
weitreichende und zentrale Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten
für die Wahrung der Mehrsprachigkeit und die Förderung der Vielsprachigkeit.
Im Bereich der Bildung sind u.a. folgende Programme und Angebote relevant:
neusprachliche Studiengänge, kombinierte Studiengänge, Aufbaustudiengänge
im Bereich angewandter Sprachwissenschaft, Lehrerausbildung, Ausbildung
von Übersetzern und Dolmetschern, fachspezifische oder allgemeine
Sprachausbildung für Nichtsprachenstudierende, Durchführung von
Studiengängen oder Teilen von Studiengängen in anderen Sprachen,
Vorbereitung und Unterstützung von Mobilität.
Spätestens seit der Bologna-Erklärung, mit der die Hochschulen
direkt in den Prozess der europäischen Integration hineingeholt werden,
haben Vielsprachigkeit und Mehrsprachigkeit auch für die weitere Entwicklung
der Hochschulen selbst – Stichworte ‚Internationalisierung’, ‚Europäischer
Hochschulraum’ – entscheidende Bedeutung erlangt.
Die Hochschulen und die für sie zuständigen Ministerien müssen
zuallererst die Bedeutung und das Ausmaß der anstehenden Aufgaben
erkennen und geeignete Maßnahmen konzipieren und finanzieren. Die
Hochschulen werden ihrer Verantwortung am ehesten gerecht, wenn sie ihre
je spezifische, die Gebiete der Bildung, Forschung und Entwicklung umschließende
kohärente Sprachenpolitik entwickeln und umsetzen. Die Förderung
von Vielsprachigkeit und Mehrsprachigkeit ist eine Aufgabe der gesamten
Hochschule, bei deren Bewältigung - unter Wahrung spezifischer
inneruniversitärer Zuständigkeiten – alle im Sprachenbereich
tätigen Personen zusammenwirken müssen.
Plenumsvortrag von Christian T.Callegari "Wieviel Fremdsprache
braucht
die Ingenieurin? Überlegungen aus der Sicht eines
international operierenden Unternehmens"
ABSTRACT:
Wie viel Fremdsprache braucht die Ingenieurin? Überlegungen
aus
der Sicht eines international operierenden Industrieunternehmens
Christian T. Callegari, Siemens AG
Siemens ist ein global agierendes Unternehmen, mit weltweit fast 500.000
Mitarbeitern in 190 Ländern. Fast 60 % davon sind im Ausland
beschäftigt, und viele davon haben keine oder nur grundlegende Deutschkenntnisse.
Vier Trends beeinflussen z.Zt. weltweit unsere wirtschaftliche Entwicklung,
und diese haben starken Einfluß auf die Ingenieur- und Fremdsprachenausbildung.
1. Die Geschwindigkeit der Geschäfts- und Produktentwicklung nimmt
zu. Dies
führt dazu, daß sich die Produkte und Lösungen
weltweit angleichen. Die Geschäftseinheiten werden kleiner,
um autonomer und dynamischer agieren zu können. Von der
Ingenieurin wird erwartet, dass sie in diesem sich verändernden
Wettbewerbsumfeld eine Teamspielerin ist und es versteht, kulturübergreifende
Teams zu leiten. Sie arbeitet ergebnisorientiert und sieht
die großen Zusammenhänge.
2. Die Endkunden fragen nach Gesamtlösungen. Diese Lösungen
basieren auf standardisierten Produkten und entsprechenden
kundenspezifischen Dienst- leistungen. Hierfür ist eine starke
Kundenorientierung wichtig, da solche Lösungen und weltweit
komplexe Projekte innerhalb und außerhalb des Unternehmens
an der Tagesordnung sind. Die Ingenieurin arbeitet deshalb stark kundenorientiert,
sie versteht die Sprache der Kunden und deren Anforderungen.
3. Durch sich ständig verändernde Randbedingungen in ihrem
Arbeitsumfeld wird die Ingenieurin vor die Herausforderung gestellt,
sich immer wieder anzupassen. Sie paßt sich flexibel an oft
nicht eindeutig zu definierende Prozesse und Gegebenheiten
an, indem sie immer wieder Lernerfolge erzielt. Die Ingenieurin kann
deshalb mit Unsicherheit und komplexen Situationen umgehen, ist sich
der Risiken ihrer Handlungen bewußt und kann alle Optionen und Lösungen
abwägen.
4. Die Wirtschaft wandelt sich von einer lokalen in eine globale. Weltweite
Ingenieurteams kooperieren mit dem Ein- und Verkauf über Firmen- und
Landesgrenzen hinweg. Die Ingenieurin ist deshalb mehrsprachig und hat
sich während ihres Studiums für andere Länder
und Kulturen interessiert.
Sie hat die Fähigkeit, sich sehr gut und schnell einzufügen
und besitzt auchgute Networking-, Team- und Kommunikationsfähigkeiten.
Obwohl die globale Geschäftssprache Englisch ist, ist die Mehrsprachigkeit
hierbei von entscheidender sozialer Bedeutung. Deshalb erwartet die Siemens
AG eine hervorragende Beherrschung des Englischen in Wort und Schrift,
welches durch relevante Praktika in englischsprachigen Ländern
als auch in neuen innovativen Ausbildungen an Universitäten,
Fachhochschulen und öffentlichen Instituten vertieft werden
kann. Eine solche hochwertige Sprachausbildung fußt idealerweise
auf einer soliden Vorbildung in einer weiterführenden Schule. Die
Relevanz der englischen Sprache zeigt sich z.B. sehr stark in internationalen
Netzwerken wie dem globalen Trainee - Programm (Siemens Graduate Program
(SGP), bei dem je nach Einsatzort das Auswahlgespräch und alle Fortbildungen
und Seminare in englischer Sprache abgehalten werden. Bei regionalen Tagungen
und Seminaren ist auch für die deutschsprachigen Teilnehmer die
Umgangssprache Englisch.
Internationale Programme wie das SGP, bei denen die Teilnehmer auch noch in andere Länder außerhalb des deutschen oder englischsprachigen Kulturraumes geführt werden zeigen aber auch, wie wichtig neben Englisch weitere Fremdsprachen sind. Denn das soziale Leben in jenen Ländern findet immer in der Landessprache statt. Um sich anerkannt und erfolgreich in diesem Land bewegen zu können, ist die Beherrschung der Landessprache notwendig. Das SGP und natürlich auch die Siemens AG fördern deshalb die fremdsprachliche Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Sobald bei SGP-Teilnehmern feststeht, in welchem Land die vorgeschriebene Auslandsstation stattfinden wird, beginnt noch in Deutschland das intensive Sprachstudium. Hier wird besonders auf die verbale Beherrschung der Sprache Wert gelegt. Wir unterstützen das frühzeitige Erlernen von Fremdsprachen, indem wir den Studentinnen Auslandspraktika anbieten. In den USA z.B. unterstützen wir die University of Rhode Island, welche zusammen mit der Technischen Universität Braunschweig das International Engineering Program (IEP) durchführt. Dort lernen amerikanische Ingenieurstudentinnen die deutsche Sprache und verbringen danach ein Jahr als Studentin und Praktikantin in Deutschland.
Trotz der eindeutigen Dominanz der englischen Sprache im wirtschaftlichen
Bereich ist es aus Sicht von Siemens wichtig, neben der Muttersprache noch
eine weitere Fremdsprache zu erlernen. Auch wenn diese Sprache nicht sofort
im Unternehmen eingesetzt wird, nützt sie doch als Grundlage für
weitere neu zu lernende Sprachen für weitere Auslandeinsätze.
Es wurde hier bewußt der Begriff Ingenieurin benutzt, da ein
nennenswerter Frauenanteil gerade in natur- und ingenieurwissenschaftlichen
Fächern die Kreativität und Vielfältigkeit des Mitarbeiterstammes
und somit den Geschäftserfolg nachhaltig erhöht. Deshalb begrüßt
und unterstützt Siemens wie auch andere internationale Unternehmen
ausdrücklich das Studium von Frauen in diesen Fachrichtungen.