Abschied von den Zettel-KatalogenFür Bibliothekare gewinnt die elektronische Datenverarbeitung immer mehr an Bedeutung
Ob Menschen Bücher lieber auf dem Papier lesen oder am Bildschirm, darüber spricht die Erfahrung im Moment eine klare Sprache. "Wir haben hunderte elektronische Zeitschriften im Zugriff, aber die werden nur zögerlich akzeptiert", berichtet Ingrid Thümer, stellvertretende Leiterin der Chemnitzer Universitätsbibliothek. Ihr Chef Hans-Joachim Hermes pflegt schmunzelnd zu sagen: "Die Leute holen sich ihre Texte von der CD-ROM oder aus dem Internet, und dann fangen sie zu drucken an." Möglich, dass es noch lange so bleibt.Trotzdem verändert die digitale Revolution auch die Bibliotheken. Das Informationszeitalter erzwingt ihren Wandel vom Medienarchiv zum Servicecenter, bewirkt aber auch, dass die besondere berufliche Kompetenz eines Bibliothekars deutlicher zutage tritt denn je. Klaus Hilgemann, Vorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare, hat seine Berufskollegen "Lotsen im Informationsdschungel" genannt. Konnte das Internet durch die einheitliche Organisation von Daten überhaupt erst entstehen, entwickeln Bibliotheken seit Jahrhunderten erfolgreich Methoden, um Datenbestände zu ordnen und nutzbar zu machen. In Chemnitz können wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten ihre Bestellungen an die Universitätsbibliothek vom heimischen PC aus schicken. 2.500 der 14.000 Nutzer werden bereits per E-Mail auf Abhol- und Rückgabetermine aufmerksam gemacht. Für die Fernleihe ist es nicht mehr nötig, in den Bibliotheksräumen an einer alten Schreibmaschine rote Bestellformulare auszufüllen - das geht alles elektronisch. "Unsere Tätigkeit hat sich stark zur Anwendung der elektronischen Datenverarbeitung hin verlagert", resümiert der Chef. Hans-Joachim Hermes surft auch privat im Internet, jüngst zum Beispiel zur neuen Webseite der französischen Nationalbibliothek. An den verschiedenen Standorten der Chemnitzer Uni-Bibliothek stehen derzeit 160 Rechner-Endgeräte (ab 386er), teils mit Internet-Anschluss, teils zur Recherche in Datenbanken oder dem OPAC. Mit dem Online Public Access Catalog, (OPAC), nehmen die Bibliotheken Abschied von den alten Katalogzetteln. Seit 1993 werden an der Uni Chemnitz alle Neuzugänge im OPAC erfasst. Ingrid Thümer schätzt, dass rund ein Viertel des gesamten Bestandes schon mit Rechnerunterstützung recherchierbar ist. Allerdings ist die große Mehrheit der rund eine Million Titel noch in Zettelkästen registriert. Die Erfassung aller Bücher und anderen Medien nach dem einheitlichen "Regelwerk zur alphabetischen Katalogisierung" ist eine Aufgabe für Fachleute. Das Regelwerk zählt nach Auskunft von Hans-Joachim Hermes gut 800 Paragraphen. Wie 200 andere deutsche Bibliotheken sind auch die Chemnitzer Bibliothekare dabei, ihren Altbestand neu zu katalogisieren. Ein Titelaufnehmer, der die Datenbank der Bibliothek auf dem neuesten Stand hält, kann am Tag etwa 50 Titel erfassen, berichtet Ingrid Thümer. Nicht alle neu angeschafften Bücher müssen komplett mit ihren Merkmalen (Autor, Titel, Verlag und so weiter) in Chemnitz eingegeben werden. Für Unterstützung sorgen Bibliotheksverbünde, die ihre Daten gemeinsam pflegen. Vier von fünf Büchern, die nach Chemnitz kommen, sind im Verbundkatalog bereits registriert. Nur bei jedem fünften müssen die Chemnitzer selber ran. Fünfeinhalb Katalogisierer sind an der Universität laut Stellenplan beschäftigt. Eine davon ist Monika Backofen, Diplom-Bibliothekarin. Ihren Beruf hat sie in der Karteikartenzeit gelernt. Heute nimmt sie unter Windows NT die Autoren und Titel auf und greift dabei auf Datenbestände aus dem Netzwerk der Bibliotheken zurück. Mit dem Bibliotheksservicezentrum in Konstanz am Bodensee ist die Uni besonders eng verbunden.
Virtuelle Regale Unterdessen wachsen die Bestände. Durch die lokalen und regionalen Verbünde und das Internet kommen praktisch immer neue "virtuelle Regale" hinzu, aus denen Nutzer der Bibliothek interessante Daten beziehen können. Die Kataloge sind weit umfangreicher als zum Beispiel das "Verzeichnis lieferbarer Bücher", das Buchkäufer aus den Fachgeschäften kennen. Des Weiteren bietet der moderne Bibliothekar über seine "Homepage" seiner Klientel eine Vielzahl von Internetzugängen an zu Bibliotheksverbünden, Datenbanken, oder sonstigen Anbietern von Informationen. Mag die Übertragung aller Katalog-Karteien in das Rechnernetz noch Jahre dauern - wer heute Bücher aus der Chemnitzer Uni-Bibliothek entleiht, der fängt grundsätzlich am Computer mit der Suche an: www.bibliothek.tu-chemnitz.de. Ronny Schilder |
| Inhalt
|