Geisteswissenschaften - wozu?Ein Abend der Philosophischen Fakultät an der TU ChemnitzAm 19. Juli 1999 fand im Hörsaal C/104 (Rühlmann-Bau) auf der Reichenhainer Straße ein Abend der Philosophischen Fakultät statt. Das Motto lautete "Geisteswissenschaften - wozu?". Eingeladen waren alle Dozenten und Studenten der TU Chemnitz, wobei sich die Einladung besonders an Mitglieder der naturwissenschaftlich-technischen Fakultäten richtete.Veranstalter war StOp - die studentische Opposition, die sich seit ihrer Gründung am 5. Juli 1999 vehement für den Erhalt des Lehramtes einsetzt. Ziel war es, die Besucher, besonders die naturwissenschaftlichen Fächer, an die Aufgabenfelder der Philosophischen Fakultät heranzuführen und bestehende Ressentiments gegen die geisteswissenschaftlichen Disziplinen im Gespräch zu erörtern. Dass dieses Ziel nicht erreicht wurde, kommentierte Prof. Bernd Leistner (Professur Deutsche Literatur der Neuzeit) mit den Worten: "Ich sehe, wir sind unter uns". Das etwa fünfzigköpfige Publikum bestand überwiegend aus StOp-Mitgliedern und -Sympathisanten. Dennoch wurde das geplante Programm beibehalten: Die Professoren/innen der Fachbereiche Sprach- und Literaturwissenschaft, Deutsch als Fremdsprache sowie der Internationalen Politik stellten in 10- bis 15-minütigen Redebeiträgen ihr Fach vor und legten ihren Standpunkt bezüglich der Notwendigkeit der Erhaltung der Philosophischen Fakultät dar. Als außerfakultären Gast begrüßten die Veranstalter Prof. Eberhard Lanckau, den Dekan der Mathematik. Dieser plädierte für den unbedingten Erhalt der Geisteswissenschaft. So habe ihm z.B. sein Sohn beigebracht, wie wichtig es sei, Hintergründe über die Schlacht im Teutoburger Wald zu kennen, denn schließlich hänge davon eine breit gefächerte humanistische Bildung ab. Prof. Dr. Beate Neuß, Studiendekanin der Philosophischen Fakultät, und insbesondere Prof. Dr. Elke Mehnert (Deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts/Komparatistik) verwiesen darauf, wie wichtig diese traditionelle humanistische Bildung gerade in unserer immer schnelllebigeren Zeit werde. So entstehe zum Beispiel durch die Zunahme des Analphabetismus ein volkswirtschaftlicher Schaden von umgerechnet 285 Milliarden Dollar. Nur eine starke Philosophische Fakultät könne zum Erhalt von geistigen Werten beitragen. Als Vertreter einer eher ausgefallenen Disziplin sprach Prof. Dr. Rüdiger Krohn, der die Professur Deutsche Sprach- und Literaturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit vertritt, und meinte, dass seine Disziplin oft unterschätzt werde. Dabei spiele doch gerade die Mittelalterrezeption in der Geschichte des 19. Jahrhunderts eine große Rolle. Bei der "ius", der Rechtswissenschaft, stehe die Formulierung bedeutender Rechtstexte im Blickfeld, z. B. der Code Napoleon. Prof. Dr. Ingrid Hudabiunigg (Deutsch als Fremdsprache) verwies auf die Bedeutung dieses kleinen Faches, das sich mit der Ausbildung von Lehrern für ausländische Kinder befasst und somit einen zukunftsweisenden Charakter für das Lehramt besitze. Und zum Abschluss meldete sich Dr. Burkhard Müller zu Wort, wohl allen Studenten wie Dozenten als Lateinlehrer bekannt. Er referierte und rezitierte Seneca und verwies darauf, dass das Lateinische der Ursprung der Satire ist. Als Ergebnis lässt sich eine vielversprechende Aufnahme des Dialogs zwischen Studenten und Professoren sowie eine stärkere Mobilisierung vermelden, die sich gewiss fortsetzen lässt. Der Dialog wie die Mobilisierung der StOp-Aktivitäten, so der allgemeine Tenor der Veranstaltung, werden dazu beitragen, den Erhalt der Philosophischen Fakultät in seiner traditionellen Form zu gewährleisten. Stefan Laube |
| Inhalt
|