Der steinige Weg in die MarktwirtschaftWie die osteuropäischen Länder ihre Wirtschaft in den Griff kriegen können
(HJG) Wie können Länder wie Russland, Polen, Tschechien oder Ungarn ihre wirtschaftlichen Prob-leme am besten in den Griff kriegen, wie den Weg in die Marktwirtschaft finden? Welche Fehler haben sie bisher gemacht, was hätte man besser machen können? Das waren die Themen der Konferenz "Finanzielle Turbulenzen und Kapitalmärkte in Transformationsländern", zu der sich hochkarätige Experten aus den oben genannten Staaten sowie aus den Niederlanden, Großbritannien, den USA und Deutschland kürzlich in Chemnitz trafen. Organisiert hatte das Treffen Prof. Jens Hölscher, zur Zeit Commerzbank-Gastprofessor an der Chemnitzer Uni. Prof. Horst Tomann von der Freien Universität Berlin machte in seinem einleitenden Vortrag deutlich, dass in den Ländern des ehemaligen Ostblocks vor allem die unabhängigen Banken und die Eigentumsrechte gestärkt werden müssen. Eine Ordnung auf dem Finanzsektor bilde sich dann spontan von selbst aus. Zwar sei es verständlich, wenn diese Länder versuchten, ihre Finanzmärkte zu regulieren, damit etwaige Verluste in den Märkten nicht von anderen als den Marktteilnehmern getragen werden müssen. Eine solche Kontrolle verhindere aber, dass sich ein Klima von Verantwortung, Vertrauen und Stabilität bilden könne. Auf die Richtungslosigkeit der Wirtschaftsreformen in Russland und besonders die Krise von 1997/98 ging Prof. Vladislav Semenkov von der Akademie der Wissenschaften in Moskau ein. Die Politik der russischen Zentralbank sei zwar unverantwortlich gewesen und der Rubel sei zu spät abgewertet worden, dennoch sei die jüngste Währungskrise vermeidbar gewesen. Viele Unternehmen hätten die Steuererhöhung von 1997 nicht verkraften können. Dadurch seien die Staatseinnahmen fortlaufend gesunken; der Staat habe sich verschulden müssen. Doch ausländische Käufer für russische Staatsanleihen hätten sich nach der Finanzkrise in Asien kaum noch finden lassen. Die nämlich legten ihr Geld lieber auf dem sichereren US-Markt an. Der Schock der Krise sei aber nötig gewesen, damit die russischen Märkte zum Gleichgewicht zurückfänden. Ähnlich sahen dies Thomas Linne vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und Dr. Adalbert Winckler von der Uni Würzburg. Der Kern des Problems sei jedoch die Schwäche des Bankensystems gewesen. Russland besaß keine Zentralbank, die die Geschäftsbanken stützen konnte, als deren Kunden ihre meist auf Fremdwährung lautenden Einlagen abzogen. Eine solche Finanzkrise lasse sich nur durch eine internationale Refinanzierungsbank vermeiden. Ganz anders stellte sich die Lage in Polen dar, wie Prof. Zbigniew Polanski von der Polnischen Nationalbank und der Warschauer Wirtschaftshochschule betonte. Die polnische Wirtschaftspolitik der neunziger Jahre habe großen Wert auf solide Wirtschaftsdaten gelegt. Deshalb sei Polen unempfindlich gegenüber der Unruhe auf den Finanzmärkten gewesen. Wegen der soliden Finanzierung der Wirtschaft konnte auch der wachsende Fehlbetrag in der Leistungsbilanz dem Land nichts anhaben. Dem stimmten auch Prof. Lucjan Orlowski von der Sacred Heart University in Fairfield im US-Bundesstaat Connecticut und Prof. Alexander Karmann von der Uni Dresden zu. Die polnische Wirtschaft habe ihr schnelles Wachstum während der Asien-Russland-Krise fortgesetzt. Dabei spielten auch die engen Beziehungen zu Deutschland und das Programm der Europäischen Union (EU) zur Vorbereitung des Beitritts der zentraleuropäischen Übergangsländer eine Rolle. So gut wie Polen war Tschechien nicht dran. Die Gründe laut Prof. Franticek Turnovec vom Zentrum für Wirtschaftsforschung (CERGE-EI) in Prag: Zwar wurden die tschechische Wirtschaft und auch das Bankensystem privatisiert aber dabei wurde gemogelt. Der Staat ist an vielen Banken indirekt beteiligt, sein Anteil liegt daher wesentlich höher, als es den Anschein hat. Da die Banken aber große Teile der Industrie kontrollieren, ist der Staat auch hier Miteigentümer. Nach wie vor gebe es auch keine Garantie privaten Eigentums. Ein vernünftiger Ansatz für einen zeitweiligen Staatskapitalismus fehle ebenfalls. Beides trage zu den Problemen der tschechischen Wirtschaft und Gesellschaft bei. So sah es auch Dr. Claudia Buch vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Banken und Industrie seien nicht entschieden genug reformiert worden, die Kontrolle der Unternehmen funktioniere nicht. Die wirtschaftliche Erholung sei deshalb so besonders schmerzhaft, weil in den Jahren zuvor eine Fassade des wirtschaftlichen Erfolges errichtet worden sei. Prof. Schönfelder von der Uni Freiberg bezweifelte indes, dass durchsichtige Eigentumsverhältnisse der Wirtschaft wirklich nutzen würden; sie stünden vielmehr mit dem Wohlstand einer Gesellschaft in keinem Zusammenhang. Staatsbesitz bedeute nicht unbedingt wirtschaftliches Versagen, wie Unternehmen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweden oder Italien belegten. Ungarn dagegen hat den Übergang in die Marktwirtschaft ganz gut geschafft, so Prof. ?dám Török von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest. Das Land sei in wenigen Jahren von einem unterentwickelten Finanzmarkt mit hochverschuldeten staatseigenen Banken und astronomischen Auslandsschulden zum leistungsfähigsten unter den EU-Beitrittskandidaten geworden. Begonnen habe dies mit der Wiedereinführung eines zweistufigen Bankensystems (Zentralbank und Geschäftsbanken). Bereits 1992 wurden alle Geschäftsbanken unnachsichtig privatisiert. Kredite nach undurchsichtigen Vorgaben und an zweifelhafte Schuldner gab es deshalb nicht mehr. Eine Privatisierung sei jedoch kein Allheilmittel, so Prof. Török. Nur die Einbindung der meisten ungarischen Banken in weltweite Bankennetze biete Gewähr für eine solide Unternehmenskontrolle. Dr. Johannes Stephan vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle sah ebenfalls in einem zweistufigen Bankensystem die wichtigste Voraussetzung für eine moderne Volkswirtschaft. Nur die Trennung der Geldversorgung von den Geschäftsbanken könne die notwendige Geldknappheit erzeugen. Auch Prof. Uwe Vollmer von der Universität Leipzig betonte, wie wichtig ein starker Wettbewerb unter den Banken sei. Zum Abschluss der Konferenz betonte Prof. Stephen F. Frowen vom University College in London, die wirtschaftliche Unruhe in den Übergangsländern sei auch durch die weltweite Vernetzung der Finanzmärkte mit verursacht worden. Diese Länder sollten ihre überhastete Entscheidung, sich der EU anzuschließen, noch einmal überdenken, da sie dann der "Zwangsjacke" des Maastricht-Vertrages ausgeliefert seien. Für sie sei es aber besser, noch für eine Weile ihre wirtschaftliche Souveränität zu behalten. Finanzielle und damit auch politische Stabilität würden zu Hause gemacht und könnten nicht importiert wer- den. Prof. Frowen vertrat auch die Ansicht, dass die Europäische Zentralbank erst noch beweisen muss, dass ihre Maßnahmen zur strengen ökonomischen Disziplin richtig sind. Für die Übergangsländer seien sie jedenfalls derzeit noch nicht geeignet.
Wer sich näher für die Konferenz interessiert, sei auf das Buch Financial turbulences and capital markets in transition countries verwiesen. Es erscheint gegen Endes des Jahres in den Verlagen Macmillan Press (London) und St. Martin`s Press (New York). Das Buch hat etwa 220 Seiten und wird rund 40 ? kosten. Herausgeber ist Prof. Jens Hölscher. |
| Inhalt
|