Die Wiedervereinigung muss in den Köpfen stattfinden

Diskussion: Wie sehen ältere Menschen das Zusammenwachsen von Ost und West?

BILDErinnerungsfoto an einen spannenden Ost-West-Dialog

(MSt) Von einer pessimistischen Stimmung zum Ost-West-Verhältnis konnte bei einem Treffen von 42 Senioren aus Chemnitz und Frankfurt/Main wahrlich keine Rede sein. Die Teilnehmer des Seniorenkollegs der TU Chemnitz und der Universität des 3. Lebensalters an der Johann- Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main diskutierten Ende Juni drei Tage über das Thema "Das Zusammenwachsen zwischen Ost- und Westdeutschen aus der Perspektive der älteren Menschen". "Auch wenn unterschiedliche Lebensläufe viel Trennendes hervorbrachten, dominierte während unseres Gedankenaustausches der Wunsch nach Übereinstimmung", fasst Dr. Edith Berane die Meinung der Teilnehmer des Chemnitzer Seniorenkollegs zusammen.

Die noch immer nicht abgeschlossene Wiedervereinigung darf nicht den Zufällen der Geschichte überlassen werden, forderten die Senioren einhellig. Alle Mitglieder der Gesellschaft sollten sich deshalb auch abseits der politischen Ebene, nämlich in ihrem unmittelbaren Lebens- und Wirkungskreis, um eine größere Annäherung bemühen. "Die Gesprä-che zeigten jedoch auch, dass zehn Jahre nach der politischen Wiedervereinigung noch immer nicht alle Verletzungen, welche die negativen Folgeerscheinungen der Einheit dem Selbstbewusstsein der Betroffenen zugefügt haben, überwunden sind", schätzt Prof. Dr. Günther Böhme, Vorsitzender der Universität des 3. Lebensalters an der Frankfurter Uni ein. So fiel es einigen Chemnitzer Gästen schwer, den Frankfurtern abzunehmen, dass sie Verständnis haben für die Enttäuschung und teilweise Verärgerung vieler Menschen in den neuen Bundesländern. Sei es wegen überhöhter Erwartungen, nicht eingehaltener politischer Versprechen, des bedauerlichen Fehlverhaltens mancher westdeutschen Geschäftemacher oder der zögernden Angleichung der Lebensbedingungen. Die Frankfurter Gesprächsteilnehmer waren bemüht, ihren Chemnitzer Gästen Respekt vor ihrer Lebensleistung zu zollen. Nach teilweise heftigen Diskussionen zeigten sie auch Verständnis für die Schwierigkeiten, sich quasi im "Zeitraffer-Tempo" mit Demokratie und Marktwirtschaft auseinander zu setzen.

In die Diskussion wurden die einem Zeitungsbericht entnommenen Resultate eines Forschungsvorhabens eingebracht, wonach die Annäherung von Ost und West und die damit erwünschte Wiedervereinigung in den Köpfen noch sehr fern liegt. Viele Teilnehmer aus Chemnitz folgten nicht dieser Feststellung. Insbesondere sprach man sich gegen die These aus, dass noch immer ein beachtlicher Teil der Bevölkerung den alten sozialistischen Staat zurückwünsche. "Diesen Wunsch hat nur eine verschwindende Minderheit", so die Meinung der Chemnitzer Senioren. Nicht wenige Ostdeutsche sehnen sich jedoch nach einer Veränderung der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Am Ende des Seminars wurden verschiedene Vorschläge gemacht, um die "Wiedervereinigung in den Köpfen" voranzubringen. Ein Beispiel ist die gemeinsame Auseinandersetzung der Senioren mit übergreifenden Problemen, wie denen der Ethik und des Wertewandels. Zu diesem Thema wollen sich die Senioren im Juni nächsten Jahres in Chemnitz verständigen.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 09. November 1999