Lässt sich Innovation lehren? Oder sogar lernen?Ein Studienangebot der TU Chemnitz hat seine Bewährungsprobe bestandenDie Bedeutung von technischen Innovationen und von organisationalem Wandel für die Unternehmen ist unbestritten: Sie sind schlicht überlebenswichtig. Da ist es nur folgerichtig, dass an den technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten das Thema "Innovation" ebenfalls in den Vordergrund rückt. Auffällig ist, dass der Bedarf der Wirtschaft sich nicht auf den Wunsch nach kreativen Ingenieuren und Verfahrenswissenschaftlern beschränkt, vielmehr wird auf den eklatanten Mangel bei der Initiierung und Begleitung von Innovationen hingewiesen. Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität Chemnitz bietet deshalb seit 1996 eine Spezielle Betriebswirtschaftslehre (SBWL) an, die den Studierenden einen Abschluss als Diplomkaufmann, als Wirtschaftspädagoge, -informatiker oder -ingenieur mit Vertiefung in Richtung Innovationsmanagement ermöglicht. Das Team der Dozierenden hatte sich damals die Aufgabe gestellt, das Studienangebot wörtlich zu nehmen: Innovationsmanagement studieren muss selbst eine Innovation sein. Nach nunmehr drei Jahren Erfahrung, begleitender Evaluation durch Wirtschaftsvertreter, Studierende und Dozierende und fortlaufender Modifikation ist der Zeitpunkt für eine Rückschau gekommen.Was ist eine Innovation?
Innovationen sind radikale technische bzw. soziale Neuerungen, die durch soziale Akezptanz und die kollektive Attribuierung von Neuheit gekennzeichnet sind. Zudem sind sie in der Lage, einen Erfolg für das hervorbringende System zu generieren. Das bedeutet, das Attribut "Innovation" wird erst nachträglich, d.h. nachdem sich ein Produkt, ein Verfahren oder eine Veränderung durchgesetzt hat, vergeben. Markterfolg bzw. soziale Akzeptanz entscheiden darüber, ob ein bestimmter Gegenstand oder ein bestimmtes Ereignis mit dem Attribut "Innovation" versehen wird. Innovation ist das Ergebnis eines sozialen Urteils, das erst im Nachhinein gefällt wird. Die Qualität "Innovation" ist gekoppelt an einen materiellen und/oder inmateriellen Gewinn.
Didaktik ohne Grenzen
Dieses Verständnis von Innovation hat für den Unterricht bedeutsame Folgen. Will man Innovation in eine lehr- und lernbare Form bringen, so hat sich die didaktische Umsetzung mit zwei Tatsachen auseinander zu setzen: Zum einen hält sich das Thema "Innovation" nicht an die universitätsüblichen Disziplingrenzen, sondern berührt technische und betriebswirtschaftliche, soziologische und psychologische Fragen gleichzeitig. Zum anderen kann eine Beschäftigung mit dem Neuen und der Genese des Neuen nicht ausschließlich theoretisch erfolgen. Erst über die praktische Erfahrung erfährt theoretische Einsicht ihre reale Überprüfung und allenfalls ihre Bewährung. Umgekehrt bleibt jede Erfahrung blind und singulär, wenn sie nicht theoretisch reflektiert wird.
Konsequenzen fürs Studium Wir haben daraus drei Konsequenzen gezogen, die das Studium prägen. Die erste inhaltliche Konsequenz: "Innovationsmanagement" erfordert die multidisziplinäre Beschäftigung mit dem Gegenstand. Lehrinhalte sind z. B. Wahrnehmung und Denken, Problemlösung und Kreativität, Kommunikation und Kooperation in Gruppen, Wandel und Dynamik in Organisationen, Methoden und Instrumente des Stimulierens und Begleitens von Veränderung und Kreativität, System und Systementwicklung, ökonomische Trends und Strategien der Veränderung. Die zweite didaktische Konsequenz: Teamteaching und kontroverses Lehren entsprechen dem widersprüchlichen Charakter von Innovation, Seminare und Training, zunehmend selbstverantwortliches Studium prägen die Studiensitua- tion. Die Studierenden müssen relevante Themen aufbereiten und ihren Kommilitonen vermitteln; Beispiele sind Simultaneous Engineering, kontinuierliche Verbesserungsprozesse und ähnliche betriebliche Instrumente. Dabei lernen sie zugleich unerläss-liche soziale und methodische Kompetenzen wie Teamwork, Moderation und Präsentation. Drittens die pragmatische Konsequenz: Anwendungsbezogene Projekte, in denen Kleingruppen von Studierenden mit Unternehmen oder öffentlichen Institutionen reale Probleme bearbeiten, bieten die Gelegenheit, theoretisches Wissen auf seine Brauchbarkeit zu überprüfen. Die Professur bietet methodische Unterstützung und ist der Ort, wo die Erfahrungen theoretisch aufgearbeitet werden. Nicht zuletzt sammeln die Studierenden vielfältige Erfahrungen im Umgang mit der realen Arbeitswelt.
Reflexionen aus der Praxis
Nach vier Jahren des Lehrens und Lernens lässt sich sagen: Die Einbeziehung der Studierenden in die Gestaltung des Studiums, die Übertragung von Verantwortung in der konkreten Arbeit in den Partnerunternehmen, die begleitende Reflexion des praktischen Handelns haben sowohl auf der fachlichen Ebene als auch auf der persönlichen Ebene höchst erfreuliche Folgen nach sich gezogen. Wir sind überzeugt, dass dies wesentlich auf die transdisziplinäre Verknüpfung von Theorie und Praxis im Rahmen des Studiums zurückzuführen ist.
Das erfolgreiche Experiment Der Studiengang war für alle Beteiligten ein Experiment, vor allem für die Studierenden, die keine Gelegenheit hatten, sich auf eine konsumierende Rolle zurückzuziehen, aber auch für die Dozierenden und für die Unternehmensvertreter, die sich als Partner zur Verfügung stellten. Gemäß übereinstimmender Einschätzung hat sich das Experiment gelohnt. Nicht zuletzt zeigen das die Aufgaben, die die ersten Absolventen nach ihrem Studienabschluss in den Unternehmen übernehmen konnten.
Prof. Dr. Christof Baitsch, Jens Aderhold, Nicola Beelitz, Klaus-Peter Schulz |
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