Soziologen fühlen Chemnitzer Lehre auf den Zahn

Wiedereinführung von Seminargruppen und Freischuß bei Prüfungen empfohlen

BILDSie führten die Evaluationsstudie zur Lehre an der Chemnitzer Uni durch: Rüdiger Goldschmidt, Prof. Dr. Klaus Boehnke, Dirk Bayer und Dipl.-Paed. Kornelia Petri (v.l.n.r.), hier mit den von ihnen entworfenen Fragebögen. Rüdiger Goldschmidt und Dirk Bayer studieren noch - ein Beispiel dafür, wie in Chemnitz bereits Studenten in anspruchsvolle Forschungsvorhaben eingebunden werden.

(HJG) Wir kennen das schon: Immer wieder landet die Chemnitzer Uni in Hochschulranglisten ganz vorn, so erst in diesem Frühjahr im Spiegel (Platz 2) und vor zwei Jahren in Focus (Platz 1 im Studentenurteil). Doch solche Umfragen von Zeitschriften beschränken sich auf vergleichsweise wenige Studenten und können schon aus Kostengründen nicht so sehr in die Tiefe gehen.

Anders die Bewertung der Lehre (Fachwort: Evaluation), die Prof. Klaus Boehnke von der Professur für Sozialisationsforschung und Empirische Sozialforschung mit seinen Mitarbeitern Kornelia Petri, Dirk Baier und Rüdiger Goldschmidt derzeit an der Uni durchführt. In drei Erhebungswellen geht es dem Befinden der Chemnitzer Studenten auf den Grund - die bisher größte derartige Befragung an der Uni. Zweck der Untersuchung: Eventuell vorhandene Schwächen sollen offengelegt, die Lehre weiter verbessert werden. So ganz nebenbei lernen die beteiligten Studenten auch noch, wie man professionelle Erhebungen durchführt - das kommt ihnen in ihrem späteren Beruf zugute.

Wenige Fragen, viel Rücklauf

Aussagefähige sozialwissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen ist nämlich alles andere als einfach. Das fängt schon beim Formulieren der Fragen an: Werden sie tatsächlich von all denen verstanden, für die sie gedacht sind? Messen die Fragen überhaupt das, was sie wollen, in diesem Fall, wie gut die Lehre ist? Und wie erreicht man, dass möglichst viele Befragte auch bereit sind, zu antworten? Zumindest das ist einfach, so Prof. Boehnke: "Je kürzer der Fragebogen, desto besser der Rücklauf." Also war man sich schnell einig: Mehr als vier Seiten durften es nicht sein.

Der "Spiegel" und "Focus" hatten bei ihren Erhebungen nach der Studienzufriedenheit gefragt. Im Gegensatz dazu wollten die Wissenschaftler um Prof. Boehnke wissen, wie es um die Studienleistungen steht - wichtigstes Merkmal für eine gute Lehre. Dazu baten sie die Studenten, sich selbst im Vergleich zu ihren Studienkollegen im gleichen Fach einzuschätzen. "Wir wissen aus erziehungswissenschaftlichen Untersuchungen, dass zumindest ältere Schüler und Studenten sich etwa genauso einschätzen wie ihre Lehrer und Dozenten, und auch die Ergebnisse von Tests und Prüfungen stimmen damit überein", so Prof. Boehnke. Der Fragebogen wurde deshalb an alle Chemnitzer Studenten mit Ausnahme der Erstsemester verschickt - die nämlich müssen sich erst noch an der Uni zurechtfinden.

Was die Forscher wissen wollten

Außerdem wollten die Forscher die Abinote und die Noten in Mathe und Deutsch wissen, fragten nach überfüllten oder ausgefallenen Lehrveranstaltungen und danach, ob in den Bibliotheken genügend Fachliteratur vorhanden ist, wie viel Stunden die Studierenden für ihr Studium aufwenden und ob sie nebenher arbeiten müssen, mit wie viel Studenten und mit wie viel Professoren sie persönlich bekannt sind, wie gut die einzelnen Lehrveranstaltungen aufeinander abgestimmt sind, ob es ausreichend Praktikums- und Laborarbeitsplätze gibt, ob die Studenten glauben, der Abschluss sei in der Regelstudienzeit zu schaffen, und vieles andere mehr. Zudem wollten Prof. Boehnke und seine Mitstreiter wissen, ob die Studenten aus den neuen oder aus den alten Bundesländern kamen und wie sie ihr Studium finanzieren. Weitere Fragen galten der Ausbildung der Eltern, dem Geschlecht und der Muttersprache - Indiz für eine Herkunft aus dem Ausland.

Insgesamt verschickten die Wissenschaftler 3.725 Fragebögen, 1.765 kamen beantwortet zurück - eine Rücklaufquote von 47 Prozent. Das hatte selbst Prof. Boehnke nicht erwartet, kommerzielle Meinungsforschungsinstitute können oft von solchen Zahlen nur träumen. Allerdings war die Umfrage auch professionell vorbereitet worden. Dazu gehörte der Versand der Bögen durch das Studentensekretariat und ein Merkblatt als Hilfe beim Ausfüllen. Ein beiliegender Brief erläuterte den Sinn der Umfrage. Überall auf dem Uni-Gelände standen zudem Urnen, um die Rückgabe der Bögen möglichst leicht zu machen.

Außerdem waren alle Fragen "geschlossen". Darunter verstehen Sozialwissenschaftler solche Fragen, die durch einfaches Ankreuzen beantwortet werden können. Das spart Zeit und verhindert Missverständnisse. Zeit wurde auch beim Auswerten gespart: Die Fragebögen wurden maschinell eingelesen und ausgewertet, Lese- oder Tippfehler auf diese Weise verhindert. Peinlich genau wurde auch der Datenschutz beachtet - die Adressen der Studenten waren zum Beispiel nur dem Studentensekretariat bekannt, nicht aber den Auswertern.

Die Ergebnisse waren teilweise von den Wissenschaftlern so erwartet worden, teilweise boten sie handfeste Überraschungen. So spielt es für die Selbsteinschätzung der Leistung keine Rolle, welchem Geschlecht die Studenten angehören. Das ist ungewöhnlich und deutet daraufhin, dass Frauen an der Chemnitzer Uni vergleichsweise gleichberechtigt sind. Studenten aus den alten und den neuen Bundesländern unterscheiden sich ebenfalls nicht. Ebenso wenig wirken sich Schwierigkeiten aus, mit denen ausländische Studenten manchmal zu kämpfen haben. Sie werden einfach durch intensiveres Lernen ausgeglichen.

Schule gut, Uni gut

Besonders vier Punkte sind es, die auf die Leistungen wirken - mit ihnen lässt sich fast schon der Studienerfolg voraussagen: die Abinote, die für das Lernen aufgewandte Zeit, der persönliche Kontakt zu den Hochschullehrern und die Bewältigung des Übergangs von der Schule zur Uni. Wer schon gut in der Schule war, so lässt sich verallgemeinern, der wird auch die Uni packen. Die Deutsch- und die Matheabschlussnote spielen für die Leistung dagegen keine Rolle. Kleiner Trost für Mathelehrer: Wenn man nach Fächern aufschlüsselt, zeigt sich, dass die Mathenote zumindest für die technischen Fächer wichtig ist.

Dass die Leistungen um so besser sind, je mehr gelernt wird, ist natürlich die Weisheit der Binse. Interessant jedoch einige Nebenergebnisse: Das Wiederholen des Stoffs in den Semesterferien lohnt sich ganz besonders - während des Semesters ist der Zeitaufwand ohnehin bei allen Studenten mehr oder weniger gleich. Anders als erwartet, wirkt es sich aber nicht nachteilig auf das Studium aus, wenn die Studenten nebenher für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.

Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule auf die Uni wirken sich dagegen negativ auf die Leistung aus, besonders wenn noch persönliche Probleme dazu kommen. Ganz besonders schlecht bewertet die eigene Leistung, wer schon einmal bei einer Prüfung durchgefallen ist - kein Wunder, dass die Betroffenen an sich selbst zu zweifeln beginnen. Auch wer sein Studium als wenig durchsichtig empfindet, schätzt sich deutlich schwächer ein. Das muss nicht an den Studenten selbst liegen, auch die Uni selbst oder die wirtschaftliche Lage können dabei eine Rolle spielen.

Durchweg positiv wirkt sich dagegen der persönliche Kontakt mit den Professoren aus: Wer mindestens einen Prof persönlich kennt - in Chemnitz ist das meist der Fall -, der schätzt sich auch deutlich besser ein. Kein Wunder, sind die Professoren für ein erfolgreiches Studium doch besonders wichtig, schließlich vergeben sie die Noten.

Alle anderen Punkte, nach denen die Wissenschaftler fragten, waren für die empfundene Leistung so gut wie unbedeutend - weder überfüllte oder ausgefallene Lehrveranstaltungen noch deren fehlende zeitliche und inhaltliche Abstimmumg, weder die Zahl der Praktikums- und Computerarbeitsplätze noch die Ausstattung der Bibliothek beeinflussen den Studienerfolg. Das kann natürlich auch daran liegen, dass auf diesen Gebieten in Chemnitz alles zum Besten bestellt ist, lediglich eine schlechte Abstimmung wird von vergleichsweise vielen Studenten bemängelt.

Wo sich die Fächer unterscheiden

Ein etwas anderes Bild ergibt sich, wenn man die Ergebnisse der Umfrage nach Fächern aufsplittet. So spielt für die Naturwissenschaftler allein die Abi-Note eine Rolle für die Einschätzung der eigenen Leistung. Für die Maschinenbauer und Informatiker ist dagegen die Mathenote wichtiger - wer in Mathe schlecht ist, zeigt auch schlechtere Leistungen in seinem Fach. Für Informatiker wirkt sich außerdem der Kontakt zu einem Prof positiv aus. Bei Mathematikern spielt - wenn auch nur schwach - der Bildungsgrad der Mutter eine Rolle. Für viele der Elektrotechnik-Studenten sind Studien- und Prüfungsordnung ein Buch mit sieben Siegeln, sie kommen dann auch meist mit dem Studium nicht zurecht. Wiwi-Studenten profitieren außer von ihrer Abi-Note auch von der Zahl ihrer Studienfreunde. Studenten der Philosophischen Fakultät hingegen entsprechen ziemlich genau dem allgemeinen Durchschnitt, lediglich die Wiederholung einer Prüfung wirkt auf sie besonders negativ.

Fazit: Auch die neue Umfrage macht deutlich, dass die Chemnitzer Uni sich wohltuend von anderen deutschen Hochschulen unterscheidet. Dennoch weisen einzelne Ergebnisse auf Schwachstellen hin. So machen besonders nicht bestandene Prüfungen und der Übergang von der Schule zur Uni nicht wenigen Studenten zu schaffen. "Wir schlagen vor, für die Prüfungen einen Freischuss einzuführen", so Prof. Boehnke. Bei den Juristen gibt es das schon seit einigen Jahren: Wer bereits ein Semester vor Ende der Regelstudienzeit seine Prüfung macht, darf sie bei Nichtbestehen zweimal statt nur einmal wiederholen, eine nichtbestandene Prüfung verliert so ihren Schrecken. Noch wichtiger, finden die Forscher, sei es aber, wieder mehr Kurse zur Prüfungsvorbereitung einzurichten. Auch die aus DDR-Zeiten bekannten Seminargruppen, in denen gemeinsam gelernt wurde, sollten wieder eingeführt werden - nach der Wende waren sie zumeist abgeschafft worden.

Ohne Fleiß kein Preis

Ähnliche Vorschläge machen die Wissenschaftler für die für viele Studenten schwierige Übergangsphase vom mehr konkreten Schul-Denken zum mehr abstrakten Denken an der Uni: Hier reiche das bisherige Beratungsangebot nicht aus. Mindestens während des gesamten ersten Semesters sei eine Betreuung nötig, am besten durch persönliche Patenschaften von Dozenten für Studierende. Überhaupt seien persönliche Kontakte zwischen Hochschullehrern und Studenten überaus wichtig für den Studienerfolg - hier dürfe also keinesfalls gespart werden. Am besten sei es, das erste Semester völlig neu zu gliedern.

Aber auch das machen Prof. Boehnke und seine Mitforscher deutlich: Ohne Fleiß kein Preis. Für seinen Studienerfolg ist letztlich jeder selbst verantwortlich, daran können auch Super-Studienbedingungen wie in Chemnitz nichts ändern. Wer nicht genug Zeit für sein Studium aufwendet, wird auch nicht zu Potte kommen. Wie sagte doch schon Lenin? "Lernen! Lernen! Lernen!"


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HTML-Version von Ralph Meyer, 09. November 1999