Von der Heimarbeit zur MassenproduktionVor 200 Jahren begann in Sachsen das Industriezeitalter - Weber und Wirker verdienten das "wirkliche" Geld
Am 6. November 1798 erteilte der Kurfürst von Sachsen den beiden Kaufleuten Carl Friedrich Bernhard und Johann August von Bugenhagen die Erlaubnis, in Harthau bei Chemnitz eine Baumwollmaschinenspinnerei zu betreiben. Es handelte sich um die erste maschinelle Spinnerei in Sachsen und die zweite in Deutschland - und um den Beginn der Industrialisierung in Sachsen. Aus diesem Anlaß veranstaltete die Stadt Chemnitz gemeinsam mit der Universität, der Industrie- und Handelskammer und dem Chemnitzer Geschichtsverein eine wissenschaftliche Tagung. Hier sollten einige wenig beachtete Aspekte der beginnenden Industrialisierung ausgeleuchtet werden. Die Einführung mechanischer Baumwollspinnereien war für die Zeitgenossen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von hohem Symbolwert. Die Industrialisierung forderte ältere Muster der Weltdeutung und des Zukunftsentwurfs heraus und führte zu neuen Sinnstiftungen ökonomischen Handelns. Sie war daher kultur und ideengeschichtlich wichtig. Außerdem war die mechanische Baumwollspinnerei auch wirtschafts-geschichtlich für den längerfristigen Prozeß der Industrialisierung bis etwa 1860 von Bedeutung. Dies soll hier sowohl allgemein als auch besonders für Sachsen und Chemnitz analysiert werden. Statt einer Momentaufnahme für das Jahr 1800 soll hier deshalb ein zeitlicher Längsschnitt gewagt werden. Die mechanische Baumwollspinnerei wurde schon kurz nach ihrer Einführung im deutschsprachigen Raum - verstärkt aber seit etwa 1820 - von der gerade erst entstehenden "bürgerlichen Öffentlichkeit" intensiv diskutiert, vor allem in den zahlreichen "Selbstverständigungsorganen", den Zeitschriften, Periodika oder Handelsblättern also. Das historisch neue, "revolutionäre", wurde den Zeitgenossen sehr rasch bewußt. Bisher hatten sie nur das von Verlegerkaufleuten organisierte Großgewerbe auf der Basis von Heimarbeit gekannt. Durch die mechanischen Baumwollspinnmaschinen wurde die Handarbeit weitgehend ersetzt und damit auch abgewertet. Die Produktionsmaschinen wurden zentral angetrieben und unter einem Dach konzentriert. Damit wurden Arbeitsplatz und Wohnplatz, die zuvor eins waren, getrennt. Die Errichtung der Spinnereien band ein größeres Kapital. Dies zwang die Unternehmer zu einer - im Heimgewerbe unüblichen - Kontinuität von Produktion und Absatz. Gleichzeitig waren immer mehr Menschen auf Lohnarbeit angewiesen. Sie konnten nicht einmal mehr, wie es die in Chemnitz und dem Umland nach Tausenden zählenden Heimarbeiter und Handwerker der exportorientierten Großgewerbe noch getan hatten, den Schein von Selbständigkeit, dem damaligen Ideal eines bürgerlichen Gesellschaftsentwurfs, aufrecht erhalten. Das dramatisch Andersartige der Baumwollfabriken und ihr hoher Stand der Mechanik beeinflußte die Phantasie der Zeitgenossen. Einige gebildete Bürger, Staatsbeamte und Unternehmer sahen in der mechanischen Baumwollspinnerei die Zukunft von Gewerbe und Industrie. Sie spürten, daß der Ersatz von Handarbeit durch Arbeitsmaschinen eine Quelle bahnbrechender Veränderungen sein würde. Alles müsse über kurz oder lang zur Fabrik übergehen, das Handwerk und die Kleinbetriebe würden verschwinden. Einige aus dieser Gruppe glaubten gar, in der "Vervollkommnung" der Maschinen, verbunden mit der schier unerschöpflichen Vermehrung der Dampfkraft, eine Chance für die Emanzipation der Menschheit aus den Zwängen der Natur und der Mühsal der Arbeit entdeckt zu haben. Damit wurde der Fortschrittsbegriff der Aufklärung erstmals mit der industriellen Entwicklung verknüpft. Man war überzeugt, daß durch technischmaterielle Fortschritte kulturelle und moralische Werte gewonnen werden könnten. Der Brite Andrew Ure bestärkte dieses Denken durch sein 1835 erschienenes Werk "The Philosophy of Manufactures". Darin sagte er die Errichtung vollautomatischer Fabriken in einer nicht allzu fernen Zukunft voraus. Das Buch war nicht zuletzt deshalb so einflußreich, weil ein junger Mann, der Chemnitz für einige Jahrzehnte seinen Namen leihen mußte, es mit Feuereifer verschlang und mit ihm seine Hoffnung begründete, das "Reich der Notwendigkeit" werde in das "Reich der Freiheit" übergehen. Damit wurde der Marxsche Sozialismus - trotz aller Kritik an den "Schattenseiten" der Industrialisierung - ein Sozialismus der "Großen Industrie". Die von Marx fortan als "utopisch" gebrandmarkten Frühsozialisten erträumten sich dagegen einen Sozialismus der kleinen Warenproduktion und des Handwerks. Die Mechanisierung des Spinnens und später auch Webens war für eine Minderheit im Bürgertum der Anlaß, ganz auf die "Große Industrie" zu setzen. Für eine Mehrheit dagegen blieb sie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eher ein Schreckbild. Man empfand die Industrialisierung und die wachsende Zahl von Lohnarbeitern als Gegensatz zum bürgerlich-liberalen Zukunftsentwurf einer "klassenlosen Bürgergesellschaft mittlerer, selbständiger Existenzen". Die Baumwollspinnerei beruhte zu einem guten Teil auf Kinderarbeit und sehr schlecht entlohnter Frauenarbeit. Sollte so der Fortschritt aussehen? Ein Teil des Bürgertums empfand die zwölfstündige, monotone Kinderarbeit in den "Spinnhöllen" und "Jammerhöhlen" der Baumwollspinnereien als Skandal. Viele Kaufleute, Verleger, Pfarrer, Beamte fürchteten auch das damit scheinbar verbundene Absinken des Lohnniveaus und sahen darin ein Symbol für die destruktiven Kräfte einer entfesselten Industrie. Wohin dieser "Industrialismus", so der damalige Wortgebrauch, führen werde, sah man ja an England, seinen großstädtischen Slums und seinem "entsittlichten", "bindungslosen" Proletariat. Großbritannien galt vielen Bürgern des Vormärz nicht als Vorbild, sondern als Irrweg einer zu weit getriebenen Industrie. Aber auch weniger pessimistische Kaufleute und Unternehmer empfanden die mechanische Baumwollspinnerei als äußerst prekär - ähnlich vielleicht den heutigen Computerchipfabriken. Zwar konnte man bei entsprechenden staatlichen Rahmenbedingungen - etwa Zollschutz und hohen Spindelprämien - für einige Jahre sehr viel Geld verdienen. Ein unternehmerisches Scheitern war aber ebenfalls möglich, dafür sorgte schon die immer noch wachsende technologische Überlegenheit Englands. Dazu kamen die gewaltige Marktmacht der Engländer bei der Rohbaumwolle und die extremen Schwankungen der Nachfrage nach gesponnenem Garn. Deshalb wich man in Sachsen häufig in Nischen wie die Produktion grober Garne aus - denen schenkte man in Manchester wegen zu hoher Transportkosten und Zollbarrieren wenig Aufmerksamkeit. Allerdings wurde dabei das eingesetzte Kapital in den 1830er Jahren weniger verzinst als bei Staatsanleihen. Am liebsten hätten wohl viele Verlegerkaufleute das gesponnene Garn einfach als Rohstoff deklariert und ohne den teuren Zollaufschlag aus England eingeführt. In Chemnitz und Umgebung waren damals zigtausende Weber und Wirker in Heimarbeit beschäftigt. Diese Bereiche hatten sich seit 1800 gewaltig ausgedehnt, und hier, nicht etwa beim Spinnen, wurde bis in die 1850er Jahre das "wirkliche" Geld verdient. Für lange Zeit wurde mehr Gespinst aus England eingeführt, als in Sachsen produziert wurde - in der Masse feinere Garne. Von daher ist die aufgeregte, bisweilen scharfe Auseinandersetzung um die Spinnfabriken kaum verständlich, wie auch neuere Forschungen zeigen. Die Wirtschaftsgeschichtsschreibung ist sich mittlerweile weitgehend einig darüber, daß die Mechanisierung der Baumwollspinnerei und anderer Sparten der Textilfabrikation in Deutschland nie den Charakter eines "Leitsektors" der Industrialisierung hatte. (Die Fortsetzung des Artikels folgt im nächsten Heft.) Prof. Dr. Rudolf Boch |
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