Warum das Jahr 46 v. Chr. 445 Tage hatte. . . und das Jahr 1582 nur 355 Tage - Kalendergeschichte(n) von Caesar bis Papst Gregor
(HJG) Jedes Jahr feierte die Sowjetunion mit großem Pomp ihre Oktoberrevolution - immer pünktlich am 7. November. Der Grund: 1917 galt in Rußland noch der Julianische Kalender, und der hinkte hinter dem in den meisten Ländern schon längst üblichen Gregorianischen Kalender um volle 13 Tage hinterher und zeigte damals den 25. Oktober an. Eingeführt hatte diesen Kalender der römische Herrscher Julius Caesar im Jahr 46 vor Christus. Seine Grundidee, alle vier Jahre im Februar einen zusätzlichen Tag, den Schalttag, einzuschieben, war allerdings schon im Ägypten der Spätzeit bekannt. Bei der Einführung wurde Caesar denn auch von dem Gelehrten Sosigenes aus Alexandria beraten. Einfach war dies nicht, denn gegenüber dem zuvor benutzen altrömischen Kalender hatte sich eine Lücke von 80 Tagen aufgetan. Die Lösung: Das Jahr 46 vor Christus wurde einfach auf 445 Tage verlängert. Wie spannend die Entstehungsgeschichte unseres heutigen, des Gregorianischen Kalenders, ist, hat der Kalenderexperte Dr. Heiner Lichtenberg aus Bonn erforscht. Gemeinhin verstehen wir unter einem Jahr die Zeit, die Erde braucht, um einmal die Sonne zu umrunden. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht: Unser Globus eiert nämlich ein wenig, und außerdem dreht sich auch die Erdbahn selbst. Deshalb gibt es verschiedene Jahreslängen, je nachdem, welche Bezugspunkte man wählt, und die unterscheiden sich um einige Minuten. Für unseren Kalender hat man sich darauf geeinigt, das "tropische Jahr" als Grundlage zu benutzen. Die Zeit zwischen zwei Durchläufen der Sonne durch den Frühlingspunkt am Firmament dauert genau 365,242199 Tage. Doch für einen Kalender ist es reichlich unpraktisch, wenn nach 0,242199 Tagen ein neues Jahr anfängt. Es war dieses Problem, das der Julianische Kalender mit seinem alle vier Jahre eingeschobenen Schalttag umgehen wollte. In vier Jahren kommen so genau 1.461 Tage zusammen, auf das Jahr umgerechnet also 365,25 Tage. Und das entspricht schon recht genau dem tropischen Jahr - der Unterschied macht nur noch 0,0078 Tage oder 11 Minuten und 14 Sekunden aus. Um diesen Betrag ist das Julianische Ka lenderjahr länger als das tropische Jahr. Im Laufe von Jahrhunderten summieren sich jedoch auch diese paar Minuten zu Tagen. Zuerst fiel das den Astronomen auf - der Zeitpunkt, zu dem die Sonne durch den Frühlingspunkt lief, entfernte sich immer mehr vom eigentlichen Frühlingsanfang, dem 21. März. Im 16. Jahrhundert betrug der Unterschied schon volle zehn Tage. Besonders die katholische Kirche störte sich daran, verschob sich hierdurch doch ebenfalls der höchste christliche Feiertag, das Osterfest. Im Jahre 325 nach Christus war nämlich festgelegt worden, daß Ostern immer auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond fällt. Um diese Schwierigkeiten zu beheben, beschloß Papst Gregor XII. 1582 eine Kalenderreform - der Gregorianische Kalender war geboren. Natürlich war auch Gregor dabei auf die Hilfe von Wissenschaftlern angewiesen. Als eigentliche Erfinder des neuen Kalenders gelten der italienische Astronom Luigi Lilio (latinisiert Aloysius Lilius) und der in Bamberg geborene Mathematiker Christophorus Clavius. Wichtigster Punkt des neuen Kalenders war, daß die Schalttage in allen Jahren wegfallen, die durch hundert, aber nicht durch vierhundert, teilbar sind. 1700, 1800, 1900 waren mithin keine Schaltjahre, das Jahr 2000 hinge gen wird eines sein, wie auch schon das Jahr 1600 eines war. Im Schnitt hat das Gregorianische Jahr also 365,2425 Tage, und das sind nur noch 0,000301 Tage oder etwa 26 Sekunden mehr als das tropische Jahr. Das Wachsen des Kalenderfehlers wird dadurch entscheidend verlangsamt - erst im Jahr 4915 müssen sich unsere Nachkommen darüber Gedanken machen, ob sie den 29. Februar 4916 (ein Schaltjahr, da durch vier teilbar) ausfallen lassen sollen. 1582 gab es aber noch eine weitere Schwierigkeit - was mit den überschüssigen zehn Tagen machen? Auch da wußte Gregor Rat: er ließ sie per Dekret einfach ausfallen. Auf den 4. Oktober 1582 folgte gleich der 15. Oktober 1582. Übrigens nicht gerade zum Vergnügen seiner größtenteils noch recht ungebildeten Schäfchen - die nämlich verstanden den Wegfall nicht, glaubten sich um die fehlende Zeit betrogen und litten an einer ganz und gar unchristlichen Heidenangst. Wie nicht anders zu erwarten, übernahmen zunächst nur die katholischen Länder den neuen Kalender. Doch auch andere Staaten erkannten schließlich seine Vorteile, und allmählich setzte er sich weltweit durch. In den protestantischen Gebieten Deutschlands gilt der Gregorianische Kalender seit 1700, in England seit 1752, in Schweden seit 1753, in Japan seit 1873, in Rußland seit 1918 und in der Türkei seit 1927. Doch in der Vergangenheit wurde oft übersehen, daß der Gregorianische Kalender gar kein reiner Sonnenkalender, sondern eine Mischung aus Sonnen- und Mondkalender ist. Dies hängt mit einer Schrift zusammen, die eigentlich dazu dienen sollte, den neuen Kalender verständlich zu erklären: dem Buch "Explicatio Romani Calendarii a Gregorio XIII P. M. restituti" von Christophorus Clavius aus dem Jahre 1595. Erreicht hat dieser schwerverständliche lateinische Schmöker aber das genaue Gegenteil: Das Doppelgesicht des Gregorianischen Kalender geriet nahezu in Vergessenheit. Dieses Doppelgesicht hat Dr. Lichtenberg erforscht. Die ersten Kalender in der Geschichte der Menschheit waren Mondkalender. Dies liegt daran, daß sich die Mondphasen leichter beobachten und bestimmen lassen als die Länge des Sonnenjahres. Das Mondjahr bildet heute noch die Grundlage für den islamischen Kalender. Mondkalender laufen allerdings nicht mit den Jahreszeiten mit. Dies ist der Grund, warum der islamische Fastenmonat Ramadan im Laufe der Zeit durch das ganze Jahr wandert. Übrigens kennt auch der Mondkalender Schalttage: Jedes dritte Jahr ist um einen Tag länger als das Normaljahr. Ein Mondjahr ist aber mit 354 beziehungsweise 355 Tagen rund zehn Tage kürzer als ein Sonnenjahr. Wegen des Doppelcharakters des Gregorianischen Kalenders läßt sich dort jeder Tag auf zweierlei Weise bezeichnen: Beide Kalender im Gregorianischen System sind eindeutig aufeinander bezogen und lassen sich daher ineinander umrechnen. So entspricht etwa der 15. Oktober 1998 dem 24. Taschritu 1998 im gregorianischen Mondjahr. Die Rechenvorschrift für die Umrechnung fand Aloysius Lilius bereits 1576, eine moderne und vereinfachte Form erdachte sich der große Mathematiker Carl Friedrich Gauss im vergangenen Jahrhundert. Waren die Sowjets mit ihrer Feier der Oktoberrevolution zu spät dran, so ist es bei den Münchnern genau umgekehrt - die feiern ihr Oktoberfest regelmäßig schon ab Mitte September. Ein Glück, daß wenigstens die Zählung der Wochentage unverändert blieb: Noch immer folgt - leider - auf jeden Sonntag ein Mon tag. Glücklicherweise aber auch auf jeden Donnerstag, wie der 4. Oktober 1582 einer war, ein Freitag, nur daß der damals das Datum 15. Oktober trug. Ausnahmen gab es nur zweimal: die erste beim französischen Revolutionskalender, eingeführt 1793. Die zweite in der Sowjetunion: Dort führte man 1929 zunächst eine Fünf-, 1932 dann eine Sechs-Tage-Woche ein. Beide überlebten ihre Schöpfer nicht - die Franzosen kehrten zu Neujahr 1806, die Sowjets 1940 zum Gregorianischen Kalender zurück. |
| Inhalt
|