Existenzen gründen heißt Existenzen sichern!

Dr. Jürgen Rüttgers wirbt für mehr Unternehmensgründungen und ein Studium im Osten

BILDVoller Optimismus blickt Dr. Jürgen Rüttgers mehr Firmenausgründungen aus deutschen Hochschulen entgegen

Die Einladung der Ortsgruppe Chemnitz des Deutschen Hochschulverbandes war schon fast zwei Jahre alt. Doch erst am 21. September 1998 paßte der Besuch an der Technischen Universität Chemnitz in den vollen Terminkalender von Dr. Jürgen Rüttgers, zu diesem Zeitpunkt noch Bundesforschungsminister. Das ursprünglich geplante Thema "Hochschulrahmengesetz" hatte seine Aktualität verloren. So sprach der ehemalige Zukunftsminister vor zahlreichen Professoren, Mitarbeitern, Studenten und weiteren Bürgern aus der Stadt und der Region zunächst über die Bedeutung von Existenzgründungen für die Zukunft unserer Gesellschaft. Den konkreten Bezug hatte bereits in der Einführung der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Joachim Käschel, hergestellt, der auf die von der Sparkasse Chemnitz geförderte Stiftungsprofessur für Unternehmensgründung hinwies.

In seiner eloquent und locker vorgetragenen Rede stellte Dr. Rüttgers neben der Globalisierung einen weiteren großen Trend in den Vordergrund, nämlich den Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft, die ganz neue Arbeitsweisen und Arbeitsplätze schaffe, beispielsweise in Call-Centern. Eine Herausforderung sei das Problem des immensen Wissenszuwachses, denn das zur Verfügung stehende Wissen verdoppelt sich innerhalb weniger Jahre. Wesentliche Bedeutung für die Zukunft unserer Gesellschaft habe deshalb der Wissenstransfer der Forschungsergebnisse aus den Hochschulen in moderne Firmen.

Wissenschaft und Forschung sind die Grundlage für Innovationen, Visionen und Chancen. Beide können die Impulse für neue Produkte und neue Märkte geben. Wissenschaft und Forschung allein schaffen aber noch keine neuen Arbeitsplätze. Es bedarf engagierter und risikofreudiger Menschen, die ihr Know-How anwenden und den Mut aufbringen, eigene selbständige Wege zu gehen. Um in innovationsträchtigen Gebieten Firmengründungen aus den Universitäten heraus zu fördern, hat das Bundesministerium ein Programm in Höhe von 45 Millionen Mark zur Förderung von Zukunftstechnologien aufgelegt.

Dr. Rüttgers berichtete von einer amerikanischen Universität, die durch die Ausgründung von bislang mehr als 4.000 Unternehmen wohl einzigartig sei. Zusammengenommen würden diese Unternehmen aufgrund ihrer Wirtschaftsleistung auf Platz 24 einer Rangliste der Industrienationen kommen können. Der Minister wünschte sich, daß auch aus deutschen Universitäten vergleichbar viele und erfolgreiche Ausgründungen entstehen würden. Überraschend klang zunächst in diesem Zusammenhang sein Eingeständnis, daß er und seine Mitarbeiter im Ministerium auch nicht wüßten, wie man ein erfolgreiches Unternehmen gründet. Aber wahrscheinlich säßen die, die es wissen, eben nicht (mehr) im Ministerium, sondern auf Chefsesseln in expandierenden Unternehmen. Eindeutig war in diesem Zusammenhang die Forderung, statt eines Top-Down-Ansatzes einen Bottom-Up-Weg zu finden. Hier ist der Nachwuchs gefragt. Und daraus wiederum folgt die Forderung, daß Deutschland möglichst das beste Bildungssystem der Welt haben sollte.

Um dieser Herausforderung zu begegnen, sollten die Universitäten die Möglichkeiten nutzen, die die geringere Regulierungsdichte des neuen Hochschulrahmengesetzes ermöglicht. Und damit war der Bogen zum ursprünglichen Thema geschlagen: Das neue Hochschulrahmenge setz ermögliche mehr Selbständigkeit und mehr Verantwortung der einzelnen Universitäten. Dr. Rüttgers forderte die Hochschulen auf, dies zu nutzen, um das jeweilige Profil zu schärfen. Das Ministerium könne und wolle das Profil einer Universität nicht definieren. Man könne aber sehr wohl feststellen, ob eine Universität sich ein Profil gegeben habe und dieses ausfülle. Finanzielle Förderung soll in zukünftigen Programmen eng an das Profil und an nachgewiesene herausragende Leistung geknüpft werden. Andererseits erteilte der Minister jedoch der Vorstellung von einigen wenigen Eliteuniversitäten wie im amerikanischen Hochschulsystem eine Absage. Trotzdem möchte er Spitzenleistung organisieren. Gern hörten die Chemnitzer in diesem Zusammenhang seine Überzeugung, daß die Forschungsleistung im Osten Deutschlands (speziell auch in Chemnitz) inzwischen nicht nur nationales, sondern internationales Niveau erreicht hat. Konsequent erfolgte daraufhin seine Zusage, nicht nur in Chemnitz, sondern vor allem im Westen der Bundesrepublik dafür zu werben, daß junge Leute ihr Studium in Chemnitz oder an anderen ostdeutschen Universitäten aufnehmen.

Ein Problem im Bildungssektor sah Dr. Rüttgers darin, daß in den letzten Jahren viel zu wenig über das Bildungssystem diskutiert worden sei. Das Thema Bildung habe in der Öffentlichkeit einen viel zu geringen Stellenwert. Deshalb habe es auch in der Politik kein hohes Gewicht, was sich wiederum in der Finanzpolitik widerspiegele. Hier mahnte der Minister einen dringenden Nachholbedarf an. Vortrag und Diskussion waren sicher ein Schritt in diese Richtung.

Prof. Dr. Michael Schreiber
Fakultät für Naturwissenschaften


| Inhalt |

Impressum


HTML-Version von Ralph Meyer, 22. Dezember 1998