Chemnitzer Stadtbad zapft die Sonne an

Solaranlage spart pro Jahr 20.000 Liter Heizöl und senkt Kohlendioxidbelastung um 61 Tonnen

BILDSeit Oktober diesen Jahres wird das Brauchwasser im Chemnitzer Stadtbad mit Sonnenenergie vorgewärmt. Nach Süden ausgerichtete Kollektoren, die auf dem Dach des Stadtbades installiert wurden, sorgen für eine umweltfreundliche Energieerzeugung.

(MSt) "Endlich haben wir auch ein Projekt nach Chemnitz geholt", freut sich der Leiter der Projektgruppe "Solarthermie 2000", Dr. Ulrich Schirmer von der TU Chemnitz. Und er meint damit das erste Vorhaben, das im Rahmen des gleichnamigen Programms des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie in Chemnitz gefördert wird. Seit Ende Oktober wird nämlich das Brauchwasser im größten Hallenbad von Chemnitz mit Sonnenenergie vorgewärmt.

Von der Sauna bis zur Wanne

Das Stadtbad, das 1935 im Bauhausstil errichtet wurde, umfaßt heute eine 50-Meter-Halle, eine 25-Meter-Halle und sechs Saunakabinen. Hinzu kommen mehrere Dampfbäder, Solarien und Wannenbäder. Täglich wird es sowohl durch viele Einzelbesucher als auch durch Schulen und Vereine der Stadt genutzt. In der letzten Zeit wurden im Schnitt über 360.000 Besucher pro Jahr gezählt.

Von 1980 bis 1983 wurde das Stadtbad umfassend saniert. Seit 1990 werden entsprechend der finanziellen Mittel der Stadt Chemnitz verschiedene Modernisierungen durchgeführt. Im Rahmen dieser Arbeiten war die Integration der Solaranlage in die Brauchwasserbereitung bisher eines der größten Vorhaben. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 400.000 Mark. 80 Prozent davon übernimmt der Bund, den Rest die Stadt Chemnitz und die Stadtwerke Chemnitz.

Der Denkmalschutz spielte mit

Laut Aussage der Projektmitarbeiter Dr. Jens Göring und Thomas Freitag sind die wichtigsten Kenngrößen für die Auslegung von großen Solaranlagen zur Brauchwassererwärmung der tatsächliche Warmwasserbedarf und das tägliche Verbrauchsprofil. Beide sind oftmals unbekannt. Für die Auslegung der Solaranlage im Stadtbad Chemnitz war entscheidend, daß auch in Zeiten schwacher Belegung nach Möglichkeit keine Überschußwärme durch die Solaranlage erzeugt wird. Während der Monat August auf Grund der jährlichen Schließzeit für die Auslegung nicht berücksichtigt wurde, wurde der Monat Juli als verbrauchsschwacher Monat herangezogen. Die Messungen des Warmwasser-Verbrauches, die die Forscher der Uni im letzten Jahr durchgeführt haben, ergaben für den Monat Juli einen Bedarf von ca. 35 Kubikmeter Warmwasser pro Tag.

Bei einer Auslastung von 70 Liter zu erwärmenden Kaltwassers pro Quadratmeter Kollektorfläche wäre die Installation einer Kollektorfläche von etwa 500 Quadratmetern nötig gewesen. Durch Auflagen des Denkmalschutzes und durch konstruktive Besonderheiten des Daches war jedoch nur die Installation einer Kollektorfläche von 289 Quadratmetern realisierbar.

Die aus der Sonnenstrahlung gewonnene Energie wird mit einer Wärmeträgerflüssigkeit im Solarkreis transportiert. Die Sonnenwärme wird an das Brauchwasser über einen Plattenwärmeaustauscher abgegeben. Im Anschluß daran gelangt das solar vorgewärmte Brauchwasser über einen Nachheizwärmeaustauscher in einen Hochspeicher. Der Hochspeicher hat ein Volumen von 22.000 Litern und weist ein konstantes Temperaturniveau von 60 ?C auf. Nachgeheizt wird mit Fernwärme. Darüber hinaus ist die Solaranlage in die Warmwasserbereitung der Schwimmbecken eingebunden.

Enormes Einsparungspotential

Der von den Forschern mit einem aufwendigen Simulationsprogramm vorausberechnete solare Energieertrag beträgt etwa 163.000 Kilowattstunden pro Jahr. "Der solare Deckungsanteil liegt bei der Anlage im Chemnitzer Stadtbad voraussichtlich über 30 Prozent", schätzt

Dr. Göring ein. Dieser Anteil gibt an, wieviel Prozent an der Brauchwassererwärmung durch die Solarenergie pro Jahr abgedeckt werden kann.

Bezogen auf eine angenommene Beheizung mit Erdöl und einen Jahresnutzungsgrad des Heizkessels von 0,7 können durch die Solaranlage rund 20.000 Liter Heizöl eingespart werden. Das entspricht einer Reduzierung der Kohlendioxidbelastung um 61 Tonnen pro Jahr.

Die Solaranlage im Stadtbad Chemnitz wurde neben der normalen und notwendigen Regelungstechnik zusätzlich mit umfangreicher Meßtechnik ausgerüstet. Dies ermöglicht die meßtechnische Begleitung des Anlagenbetriebes durch das Team der TU Chemnitz über mehrere Jahre. Die ersten Meßergebnisse werden Mitte 1999 präsentiert. Informationen zu dieser und weiteren Solaranlagen sind auch im Internet unter http://www.tu-chemnitz.de/mbv/SolTherm zu finden.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 22. Dezember 1998