Eine großartige Sinfonie der Farben

Zentrales Hörsaal- und Seminargebäude holt ein Stück Mexiko nach Chemnitz

(MSt) Schräg gegenüber der Mensa steht es - ein farbenfrohes großes Gebäude aus Beton, Wellblech und Glas. Schon seit Wochen zieht es Passanten magisch an: Autos, die auf der Reichenhainer Straße fahren, verringern ihre Geschwindigkeit. Hinter den Windschutzscheiben staunende Gesichter. Fußgänger bleiben stehen, gestikulieren, diskutieren. Worüber? Über das neue zentrale Hörsaal- und Seminargebäude auf dem Uni-Campus. Am 19. Oktober 1998 wurde es im Beisein der sächsischen Staatsminister der Finanzen sowie für Wissenschaft und Kunst eingeweiht. Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom Universitätschor und vom "Collegium musicum". Geboren ist das Gebäude aus dem Geist des Kompromisses, im ständigen Ringen zwischen den Visionen der Architekten Prof. Meinhard von Gerkan und Astrid Lapp sowie dem schmalen Budget des sächsischen Finanzministers. Doch immerhin sind es knapp 33 Millionen Mark, die der Freistaat Sachsen investierte. Und das sind fünf Millionen Mark weniger als ursprünglich geplant. Zu dieser Einsparung führten die durch den harten Konkurrenzkampf in der Baubranche gefallenen Preise und einige Umplanungen.

Alle am Bau beteiligten Partner - Architekten, Baufirmen und das Staatliche Vermögens- und Hochbauamt Chemnitz - haben wirklich gute Arbeit geleistet. "Mit dem neuen Hörsaalkomplex verbessern sich nicht nur die Studienbedingungen, auch für internationale Konferenzen und Kulturereignisse eignet sich das Gebäude hervorragend", so Rektor Prof. Dr. Christian von Borczyskowski. Nicht nur die großzügige Eingangshalle des Hörsaalkomplexes gestatte in Zukunft mannigfaltige Aktivitäten, so daß sich im Verbund mit der Cafeteria ein kommunikatives Zentrum entwickeln kann. Auch für die Stadt Chemnitz wurde damit ein herausragendes Bauwerk geschaffen.

Architektur, die begeistert

Ein zweigeschossiges Foyer bildet das Zentrum des Gebäudes. Vier große Hörsäle ragen in das Foyer hinein. Vier mächtige Wandscheiben tragen der Reichenhainer Straße zugewandt die Lasten des "Auditorium maximum", des größten Hörsaales mit 714 Plätzen. Umschlossen wird das Foyer auf zwei Ebenen von einem winkelförmigen Baukörper, in dem sich 14 Seminarräume befinden. Die Ost und Westseite des Foyers sind vollständig verglast und öffnen sich zur Reichenhainer Straße sowie zum geplanten Forumplatz. Über die beiden Hörsäle sind eine Stahlbinderkonstruktion und ein Metalldach montiert worden. Die anderen Räume überdachen Betondecken, die zum Teil begrünt sind.

Die Fassade besteht aus einem Ensemble von farbigem Putz, Aluminium-Wellplatten und Glas. Gefärbter Beton, Parkett, Fliesen und Linoleum bilden die Bodenbeläge. Die Wände im Innenbereich erstrahlen rot, siena, gelb und blau in kräftigen Tönen und bestimmen die Atmosphäre. Auch Nischen, Schlitze und Einschnitte wurden farbig abgesetzt. Im Foyer, dem Ort der Begegnung, beginnt die Architektur bereits einen Dialog mit farbigen Stimmungen und erweitert das Raumerlebnis durch ein Farberlebnis. Bei der Festlegung der Farben ließen sich die Architekten übrigens von mexikanischen Künstlern inspirieren.

"Transparenz und Farbe" ist auch das Motto des Dresdner Künstlers Stefan Nestler, der vor dem Gebäude 187 farbige Säulen aufstellte. Sie symbolisieren das komplette RALFarbregister, die Länge der Säulen stehen in Zusammenhang mit dem Helligkeitswert jeder Farbe. Gleich daneben steht eine "zitatschwere" Glasscheibe, versehen mit Gedanken des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Einziges Problem: Die helle Schrift läßt sich nur schwer lesen, aber das ist sicher die "transparente Absicht" des Künstlers. Am 28. Januar 1999 soll sich der Hörsaalkomplex von seiner besten Seite zeigen: Die Uni lädt dann zu Vorträgen und einem bunten Mix aus Kunst und Unterhaltung ein.

Zahlen & Fakten

Bauherr: Staatliches Vermögens- und Hochbauamt Chemnitz
Architekt: Architekturbüro Meinhard von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg
Kosten:			33 Millionen Mark
Baubeginn:		2.9.1996
Grundsteinlegung:	6.12.1996
Richtfest:		12.9.1997
Plätze:			2.576
Hörsäle:		4
Seminarräume:		14

Kunst am Bau:

Multimediaskulptur "Halbleiter von Chemnitz" für den Foyerbereich (Künstler: Stephan von Huene, Hamburg) und eine Skulptur "Transparenz + Farbe" im Außenbereich (Künstler: Stefan Nestler, Dresden)

Virtuelle Baustelle:

http://www.infotech.tuchemnitz.de/~opto/bau.htm

Transparenz + Farbe

Was ist die ideale Repräsentation der Farbe? Ist es nicht so etwas, wie durch eine Röhre schauen und einen kleinen roten (z. B.) Kreis sehen? Und soll ich nun die Farben nach dieser Erfahrung nennen? Gut, aber nun muß ich diese Farbwörter doch in ganz anderen Fällen anwenden. Und wie soll ich sie mit den Farben um mich herum vergleichen? Und wie nützlich wird so ein Vergleich sein? Oder ist die ideale Weise, eine Farbe zu zeigen, das ganze Gesichtsfeld mit ihr zu erfüllen? Wie wenn man den Blick gegen den blauen Himmel richtet? Aber die alte Frage besteht auch hier. Denn vergiss auch nicht, daß Dein Blick schweift und es nicht die Beschreibung dessen gibt, was Du siehst.

Ludwig Wittgenstein


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HTML-Version von Ralph Meyer, 22. Dezember 1998