Zwischen Soll und HabenEin Jahr im Amt: Rektor Prof. Dr. Christian von Borczyskowski im GesprächDie Hochschulentwicklung in Deutschland ist gekennzeichnet von Sparmaßnahmen bei gleichzeitiger Konzentration auf Profilbildung und Internationalisierung des Studiums. Wie reagiert die TU Chemnitz auf diese Situation?
Die Chemnitzer Universität benö-tigt gerade deshalb dringend ein zwischen allen Fakultäten abgestimmtes Entwicklungskonzept. Doch bevor wir dazu kommen, müssen, wie bereits in der Vergangenheit begonnen, die Stärken und Schwächen der Universität analysiert und daraus Ziele abgeleitet werden. Eigentlich brauchen wir dafür einen Vorlauf von ein bis zwei Jahren. Da wir ihn jedoch nicht haben, nehmen wir einzelne Maßnahmen zur Profilierung zeitlich parallel in Angriff, auch wenn dies mitunter nach Aktionismus aussehen mag. Was soll dieser Entwicklungsplan beinhalten?
Beispielsweise die Schwerpunkte in Lehre und Forschung sowie die Vernetzung der Fachdisziplinen. Er muß aber auch Aussagen zu Prinzipien der Ressourcenverteilung sowie anzustrebende Eckdaten der Studentenzahlen, der Drittmitteleinwerbung und insbesondere der Personalstruktur innerhalb der Haushaltsentwicklung beinhalten. Eine Arbeitsgruppe aus Fakultätsvertretern, Rektoratsmitgliedern und Angehörigen des Kuratoriums soll in den kommenden Monaten einen Entwicklungsplan für die gesamte Universität erstellen. Basis dafür sind die Fakultätsprofile. Gegebenenfalls werden auch externe Stellungnahmen eingeholt. Setzt die Erreichung der gesteckten Ziele dann nicht auch eine stärkere Identifikation aller Hochschulangehörigen mit ihrer Universität voraus?
Unbedingt. Eine stärker am Wettbewerb orientierte Universitätslandschaft erforderte eine spürbare Corporate Identity, was in der akademischen Tradition sehr ungewohnt ist. Das Rektorat hat deshalb die Erstellung eines Leitbildes, das heißt eine Verpflichtung auf gemeinsame Ziele, initiiert. Um eine möglichst große Akzeptanz zu erreichen, müssen die Inhalte zwar allgemein gehalten, aber zugleich Grundlage für konkrete Entscheidungen sein. In einem Leitbild sollten aber auch in allgemeiner Form Besonderheiten gegen-über anderen Hochschulen festgelegt sein. Ein Leitbild sollte aber gleichzeitig weitgehend unabhängig von aktuellen Entwicklungen gelten. Ein vom Rektorat erarbeiteter Vorschlag wurde bereits in den Fakultäten und im Kuratoriumsvorstand aktualisiert und wird demnächst überarbeitet. Wie steht es um die Lehre?
Die Zahl der Studenten muß, insbesondere in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern - auch zur Sicherung des eigenen wissenschaftlichen Nachwuchses - weiter steigen. Zum einen wollen wir mehr Studienanfänger aus der Region gewinnen. Zum anderen müssen attraktive Studiengänge für überregionale Bewerber geschaffen werden, die es eben nur in Chemnitz gibt. Dies soll durch eine verstärkte Reorganisation und Modularisierung der Studiengänge gelingen, weil nur dadurch qualitätsgesicherte neue Abschlüsse möglich sind. Hier müssen Spielräume innerhalb des deutschen Ausbildungssystems bis hin zur Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen konsequent ge-nutzt werden. Ein fakultätsübergreifendes flexibles Ausbildungsnetzwerk kann aus Sicht des Rektorates ein möglicher Standortvorteil für die TU Chemnitz sein. Hier ist eine kleine Universität wesentlich beweglicher. Und was soll mittelfristig erreicht werden?
Zur zukunftsorientierten Gestaltung der Lehre gehört die Schaffung von Weiterbildungsangeboten im Sinne lebenslangen Lernens. Hierzu sind bisher universitätsweit noch nicht entsprechende ausgewiesene Personal- und Sachmittel freigesetzt. Die Internationalisierung von Studiengängen ist ebenfalls ein mittelfristiges Ziel, für das zusätzliche Mittel bereitzustellen sind. Für beide Maßnahmen sind privatrechtliche Formen zu schaffen, ohne die eine Finanzierung nicht möglich ist. Ist die TU Chemnitz allein durch neue Studienkonzepte wettbewerbsfähig?
Nein, auch mit einer exzellenten Forschung können wir Standortvorteile ausbauen. Im Vergleich mit anderen Universitäten befindet sich die TU Chemnitz bereits in einer gu
Neben Forschung und Lehre werden in Zukunft der Transfer von Forschungsergebnissen und Wissen in die Praxis insbesondere für eine technische Universität eine immer größere Rolle spielen.
Ja, das gilt sowohl für Leistungen aller technisch-naturwissenschaftlichen Fächer als auch für die wirtschafts-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Gebiete. Für diese Prozesse sind insbesondere regionale Aspekte wichtig. Zum einen wird dadurch die Praxisnähe der Forschung gewährleistet, für viele Studenten der Berufseinstieg vorbereitet und die gesellschaftliche Aufgabe einer Universität, nämlich als Schritt-macher zukünftiger Entwicklung zu wirken, realisiert. Von herausragender Bedeutung sind hierbei vor allem diejenigen Ansätze, die an der Spitze des jeweiligen Erkenntnisstandes liegen. In Zukunft wird es zunehmend erforderlich sein, eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit in Form eines Vereins oder einer Gesellschaft zu erreichen, da die Hochschulen als öffentlich-rechtliche Einrichtungen organisatorisch zu unbeweglich sind.
Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik sind ohne internationale Verflechtung nicht denkbar. Wie weltweit verflochten ist die Chemnitzer Universität?
Leider noch nicht ausreichend: Zu wenige Dozenten, Post-Docs und Praktikanten verbringen längere Zeit im Ausland, zu wenig Gäste verweilen längerfristig in Chemnitz. Studiengänge mit internationalen Kom-ponenten sind nur spärlich vor-
handen. Die organisatorische Unterstützung muß deshalb auch in den Fakultäten ausgebaut werden. Für ausländische Studenten müssen gute Studien- und Lebensbedingungen geschaffen werden, auch über den Wohnheimbereich hinaus. Auch hierfür ist zusätzliches Personal nötig, was gleichzeitig Einsparungen an anderer Stelle erfordern wird. Die Internationalisierung von Studien-gängen wird Fragen nach dem Verhältnis von Fachhochschulen und Universitäten von neuem stellen. Gegenwärtig ist diese Diskussion in Deutschland in vollem Gange. Auch hier ist Bewegung zu mehr Wettbewerb und Profilierung deutlich zu erkennen.
Zurück zum Campus: Verbessert sich hier die Infrastruktur?
Das neue Hörsaalgebäude ist nicht nur architektonisch eines der interessantesten Gebäude der Stadt, es verbessert auch die Möglichkeiten für die Lehre. Damit kommen wir ein Stück weiter in Richtung "TU Chemnitz - Uni der kurzen Wege". Weiterhin werden wir im Herbst eine ehemalige Villa zwischen TU und Haupt-bahnhof als Begegnungszentrum mit Patentbibliothek sowie Technologie- und Wissenstransfer einweihen und in Zusammenarbeit mit dem Studentenwerk arbeitet die TU an einer attraktiveren Gestaltung des Campus an der Reichenhainer Straße.
Was würden Sie in kurzen Worten für die dringlichste Aufgabe in der nächsten Zeit ansehen? Modularisierung von Studiengängen als Voraussetzung für Interdisziplinarität und Internationalisierung, Schwerpunktbildung in der Forschung, privatrechtliche Organisa-tionsformen als Voraussetzung für Weiterbildungsangebote und Transferleistungen, Schaffung einer Corporate Identity der TU Chemnitz. Vielen Dank für das Gespräch. (Das Interview führte Mario Steinebach.) |
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