Gelehrter und Musikpraktiker in einer Person

Musikwissenschaftliches Symposion "Hermann Kretzschmar - Leben, Werk, Wirkung"

Anläßlich des 150. Geburtstages von Hermann Kretzschmar fand in seiner erzgebirgischen Vaterstadt Olbernhau ein zweitägiges Symposion statt. Geplant, organisiert und durchgeführt in der Professur Historische Musikwissenschaft (Prof. Dr. Helmut Loos) an der Technischen Universität Chemnitz, handelte es sich dabei um die erste derartige Veranstaltung für diese bedeutende Persönlichkeit.
15 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen würdigten das weitreichende Wirken des in den letzten Jahrzehnten zu wenig beachteten universellen Gelehrten, Musikpraktikers und -organisatoren.

Werner Kaden (Chemnitz) berichtete in seinem einleitenden Vortrag über neue Forschungsergebnisse zur Herkunft und dem frühen musikalischen Umfeld Kretzschmars. Karl Heller (Rostock) stellte mit dem Rostocker Jahrzehnt des Universi- täts-Musikdirektors Biographisches und Berufliches in den Vordergrund. Wolfgang Rathert (Berlin) ging den Berliner Jahren nach, in denen Kretzschmar seine wissenschaftlichen und kulturpolitischen Auffassungen weitgehend realisieren konnte, während Heinz-Dieter Sommer (Frankfurt/Main) die Aktualität dieser Bestrebungen hervorhob.
Die lateinische Dissertation des jungen Leipziger Studenten von 1871 über Fragen der mittelalterlichen Notation war Gegenstand des Vortrages von Rainer Cadenbach (Berlin). Michael Heinemann (Berlin) referierte zum Bachbild von Kretzschmar und dessen Verhältnis zu Spittas bekanntem Bachbuch.

Zu Bedeutung des Praeceptor Germaniae für die deutsche Schulmusik sprach Siegfried Freitag (Weimar). Klaus Mehner (Leipzig) setzte den kritischen Aufsatz "Musikalische Zeitfragen" von 1903 in Beziehung zu "Fragen unserer Zeit".

Verständlich, daß die musikalische Hermeneutik auf diesem Symposion eine besondere Akzentuierung erfuhr, beginnend mit dem Beitrag von Helmut Loos zum musikalischen Wertekanon bis hin zum Zusammenhang von Hermeneutik und Figurenlehre im Vortrag von Hartmut Krones (Wien) sowie dem von Christian Thorau (Berlin) dargestellten Problem der musikalischen Hermeneutik im Wagnerschrifttum. Auch die Vorträge von Jiri Fukac (Brno) und Jan Steszewski (Poznan) - Vortrag wurde verlesen - waren dieser Thematik verpflichtet. Mit einem Exkurs über Thomas Manns Parodie der Hermeneutik bot Friedbert Streller (Dresden) aus literarischer Sicht eine weitere Bereicherung.
Auf Grund guter Planung gab es ausgiebig Zeit für anregende Diskussionen. Eine Veröffentlichung aller Beiträge des Symposions ist vorgesehen.

PD Dr. Eberhard Möller,
Philosophische Fakultät


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HTML-Version von Ralph Meyer, 25. März 1998