Von Oxford über Yale nach Chemnitz

Der Historiker und Rußland-Experte Wolfgang Leonhard weilte als Gastprofessor an der TU

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(HJG) Er ist der wohl kompetenteste Experte, wenn es um Ideologie und Geschichte des Kommunismus geht: Prof. Wolfgang Leonhard. Denn er hat Insider-Kenntnisse wie wohl niemand sonst. Im vergangenen Semester gelang der Chemnitzer Politikwissenschaftlerin, Prof. Dr. Beate Neuß, ein großer Coup. Sie schaffte es, den international angesehenen Historiker als Gastdozenten an die TU zu holen. Prof. Leonhard hielt hier eine Vorlesungsreihe zum Thema "Rußland und die GUS - Sowjetische Vergangenheit - Widerspruchsvolle Gegenwart - Zukunftsperspektiven: Gefahren und Hoffnungen".

Es war die wohl erfolgreichste Veranstaltung der Chemnitzer Uni im vergangenen Jahr. Statt der erwarteten höchstens 70 Besucher erschienen gleich am ersten Tag mehr als zweihundert Interessierte, ein Umzug in einen größeren Hörsaal war fällig. Und auch dort drängelten sich die Zuhörer auf Notsitzen und Treppenstufen. Möglichst früh da sein, damit man einen Sitzplatz bekommt oder zumindest überhaupt Einlaß findet, hieß deshalb die Devise. Die Vorlesung zog derart weite Kreise, daß sich für die letzten beiden Tage sogar der Fernsehsender Phoenix ansagte, ein Ableger von ARD und ZDF: Er übertrug die Veranstaltungen in voller Länge.

Auch Prof. Leonhard war von Chemnitz total begeistert: "Ein so interessiertes Publikum habe ich selten erlebt." Er habe auch deshalb die Einladung der Chemnitzer Uni angenommen, weil er damit Menschen, die überwiegend in der DDR aufgewachsen seien, eine von einseitiger Propaganda freie, objektive Darstellung vermitteln könne - ohne Schönfärberei, aber auch ohne Pauschalurteile. Seine Vorträge zogen die ehemaligen Karl-Marx-Städter wohl auch deshalb so stark an, weil sie darin einen Teil ihrer eigenen Geschichte wiederfanden.

Er kannte auch Markus Wolf

Zwölf Jahre war der in Wien geborene Leonhard alt, als Hitler an die Macht kam. Mit seiner Mutter Susanne, die mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg befreundet gewesen war, verließ er 1933 das Land, ging zuerst nach Schweden. Doch dort konnten die beiden auf Dauer nicht bleiben; als Ausweichländer boten sich England und die Sowjetunion an. Den Ausschlag gab schließlich der kleine Wolfgang: Zwar hatte die Familie Freunde auf der Insel, doch den Nachwuchs-Kommunisten zog es gen Osten. Nur ein Jahr nach der Ankunft, 1936, wurde Prof. Leonhards Mutter von Stalins Geheimpolizei, der gefürchteten NKWD, verhaftet und kam in ein sibirisches Lager, aus dem sie erst 1948 entlassen wurde - Sohn Wolfgang blieb dennoch glühender Kommunist, getreu dem Motto "Die Partei hat immer recht".

In Moskau besuchte er zunächst die Hochschule für Fremdsprachen. Doch nachdem Hitler 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte, wurde er, wie alle in der Sowjetunion lebenden deutschen Emigranten, in die kasachische Steppe zwangsumgesiedelt. Zum Glück lernte er dort einflußreiche deutsche Kommunisten kennen, die ihm einen Platz an der Komintern-Schule verschaffen konnten, der wichtigsten ideologisch-politischen Ausbildungsstätte für ausländische Kommunisten in der UdSSR. Dort, in Moskau, lernte er auch alle kennen, die nachmalig Rang und Namen haben sollten, von Herbert Wehner über Walter Ulbricht bis zu Markus "Mischa" Wolf. Der begrüßte ihn übrigens nach der Wende (und mehr als 40 Jahren) mit: "Schön dich zu sehen, Wolfgang." Daneben arbeitete er im Nationalkomitee Freies Deutschland mit, in dem er zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen die Wehrmachtssoldaten zur Desertion aufforderte.

Flucht und ein Bestseller

Ulbricht war es auch, der den mittlerweile 24jährigen im Mai 1945 als Mitglied seiner Gruppe mit zurück nach Deutschland nahm - er war für Höheres vorgesehen. Von 1947 bis 1949 lehrte er an der SED-Parteihochschule "Karl Marx". Mehr und mehr kamen ihm Zweifel an der Praxis des Kommunismus, die so gar nicht mit den hehren Zielen übereinstimmen wollte, an die er glaubte. So flüchtete er - immer noch Kommunist - im März 1949 nach Jugoslawien. Dort hatte sich der einstige Partisan Tito gerade vom Kommunismus sowjetischer Prägung losgesagt.

Über Umwege gelangte Leonhard nach Westdeutschland, wo er es zunächst schwer hatte, Fuß zu fassen - ehemalige SED-Funktionäre, noch dazu Parteihochschuldozenten, hatten auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen. Das änderte sich erst, als er 1955 in seinem Buch "Die Revolution entläßt ihre Kinder" scharfsinnig mit dem Sowjet-Kommunismus abrechnete. Es wurde ein Welt-Bestseller: Übersetzungen erschienen unter anderem in Großbritannien, den USA, Frankreich, Holland, Schweden, Finnland, Argentinien, Japan, Libanon und Indien, in den sechziger Jahren wurde es sogar für das Fernsehen aufbereitet. Das Buch ist durch die Wende eher noch lesenswerter geworden und immer noch auf dem Markt - als Taschenbuch für 19,80 Mark, gebunden für 48 Mark (beide im Verlag Kiepenheuer & Witsch).

Derart als Experte ausgewiesen, ging Leonhard als Professor zunächst nach Oxford, von dort an die New Yorker Columbia University und anschließend für 12 Jahre nach Yale. Zahlreiche weitere Bücher folgten, zuletzt "Das kurze Leben der DDR", "Spurensuche" und "Spiel mit dem Feuer - Rußlands schmerzhafter Weg zur Demokratie" (alle ebenfalls noch erhältlich). Daneben vertrat er seine Ansichten auch in einer Reihe von Fachaufsätzen. Universitäten rund um den Globus, von Sri Lanka über die Schweiz und von Ghana bis nach Japan, luden ihn zu Gastvorträgen ein. Auch als Interviewpartner war und ist der Historiker geschätzt, besonders in Zeiten des Umbruchs, wie etwa 1989.

Spannend wie ein Krimi

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Mit lustigen Anekdoten und geschichtlichen Highlights fesselte der Historiker Prof. Dr. Wolfgang Leonhard jung und alt. Seine letzten beiden Vorlesungen wurden sogar vom Fernsehsender Phönix übertragen.

Bei einem solchen Lebenslauf wundert es nicht, daß Geschichte bei Leonhard so spannend wie ein Krimi ist. Wenn der kleine und ungemein vitale Professor spricht, dann hat das nichts gemein mit einer trockenen Marxismus-Leninismus-Vorlesung, wie sie viele noch aus DDR-Zeiten kennen. Immer wieder würzt er seinen Vortrag mit Anekdoten, die das Publikum zum Schmunzeln bringen. Wie etwa, wenn 13 Kreml-Ärzte, die an Stalins Tod schuld sein sollen, rehabilitiert werden - zuvor war nur die Verhaftung von neunen bekanntgegeben worden. Oder wenn die Bezieher der vielbändigen "Großen Sowjetenzyklopädie" nach Chruschtschows berühmter Geheimrede (die die Entstalinisierung einleitete) aufgefordert werden, die Seiten mit dem Stichwort "Berija", Stalins gefürchtetem Staatssicherheitschef, säuberlich mit einer Klinge herauszutrennen und beim Verlag umzutauschen - zurück kamen umfangreiche Papiere zum Thema "Beringsee". Und wenn er über das "20-Minuten-Gesetz" spricht - Menschen, die mehr als 20 Minuten zu spät zur Arbeit kamen, wurden wegen "Sabotage" in ein Lager gesteckt - gefriert einem noch nachträglich das Blut in den Adern. Bewundernswert auch das immense Gedächtnis dieses Gelehr-ten: jeden Namen, jedes Ereignis hat er sofort parat.

Was wird aus Rußland werden?

Aber nicht nur die Vergangenheit hat es Leonhard angetan, noch wichtiger ist ihm die Zukunft. Wie geht's in Rußland weiter? Wer wird dort in den nächsten Jahren das Sagen haben? Die Antwort auf diese Fragen ist gerade für uns Deutsche, aber auch für das Weltgeschehen insgesamt wichtig. Daß wir allerdings das Geschehen in größerem Maße beeinflussen könnten, glaubt Prof. Leonhard nicht. Immerhin könne ein kluges und durchdachtes Verhalten aber negative Entwicklungen verringern, positive dagegen verstärken. Direkte Kontakte, besonders gegenseitige Besuche, könnten dabei eine große Rolle spielen. Auch für Städtepartnerschaften setzt sich der Ostexperte ein: die seien billig zu haben, zeigten aber große Wirkungen. Gerade hierbei müsse man aber auf die richtigen Personen setzen.

Prof. Leonhard erwartet auch, daß in Zukunft die einzelnen Regionen des Riesenreiches gegenüber Moskau eine immer größere Rolle spielen werden. Trotz außerordentlicher Schwierigkeiten sieht er Rußland auf dem langen Weg zu einem Land mit stabiler Wirtschaft. Auch die Nationalitätenkonflikte, die geraume Zeit für Unruhe sorgten, glaubt er überwunden. Die Rolle Jelzins sieht Prof. Leonhard aber eher kritisch: der habe sich zunächst zu einem überzeugten Demokraten gewandelt, mittlerweile sei er aber nur noch ein reiner Machtpolitiker. Deshalb mache er gleichermaßen Kommunisten wie Rechten Konzessionen. Die Kommunisten blieben auf absehbare Zeit ein ernstzunehmender politischer Faktor, besonderes bei den älteren Russen. Dennoch befürchtet Prof. Leonhard nicht, daß Rußland wieder in alte Zeiten zurückfallen könnte: Es habe sich einfach zuviel geändert, als daß sich das Rad zurückdrehen ließe.

Doch, es stimmt wirklich: Als Prof. Leonhard am 20. Januar um 16.45 Uhr seine letzten Worte vor Chemnitzer Publikum gesprochen hat, als er zum Dank einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt bekommt, als der letzte Beifall verklungen ist, da sind welche unter den Zuhörern, denen die Tränen die Wangen herunterkullern, so sehr haben die vergangenen Wochen sie mitgenommen.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 25. März 1998