Die Universitäten im Freistaat Sachsen benötigen mehr Handlungsfreiräume

Prof. Dr. Christian von Borczyskowski, Rektor der TU Chemnitz: Katastrophen sind nicht unausweichlich.
Der Bundestag hat im Februar ein neues Hochschulrahmengesetz verabschiedet. Zentrale Intentionen sind eine stärkere Deregulierung, das heißt mehr Handlungsfreiheit für die Hochschulen sowie stärkere Internationalisierung und Einhaltung der Studienzeiten. Auch wenn dieses keine Unabhängigkeit von staatlichen Zielvorgaben und Steuergeldern bedeuten wird, so ist mehr lokaler Handlungsspielraum notwendig, um gerade in Zeiten knapper Mittel noch Lehre und Forschung gestalten zu können.
Es bleibt zu hoffen, daß die dadurch entstandenen Freiräume nicht durch Regelungen des Landes Sachsen verstellt werden. Sollte dies geschehen, stehen die Universitäten des Freistaates im Abseits. Gegenwärtig haben sie noch einen bereits 1996 bis 1998 verordneten Stellenabbau von 525 Personalstellen zu bewerkstelligen und zu verkraften. Obwohl bisher diese Einschnitte nur teilweise umgesetzt wurden, sind Schäden für die Struktur der Technischen Universität Chemnitz unausweichlich. Zurückschneidungen greifen die Substanzen an und sind daher kaum noch möglich.
Dabei hat sich die TU Chemnitz in den letzten Jahren gut entwickelt: die neuen Studiengänge wurden von den Studenten angenommen, die inge-nieur- und naturwissenschaft-
lichen Studiengänge haben teilweise zweistellige prozentuale Zuwachsraten. Zugegebenermaßen basiert dieser Anstieg oft immer noch auf einem sehr niedrigen Ausgangsniveau.

Hochschulentwicklung à la Georg Baselitz: (Übrigens: Die originale Baselitz-Ausstellung in den Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz ist noch bis zum 13. April 1998 zu sehen.)
In den Forschungsleistungen, beispielsweise bezogen auf die Anzahl der Professuren, ist Chemnitz führend in den neuen Bundesländern und kann sich mit den meisten anderen Universitäten sehr wohl auf das gleiche Podest stellen. Allein durch Drittmittel werden 330 zusätzliche Vollzeitarbeitsplätze geschaffen, das heißt etwa 20 Prozent des gesamten Personalbestandes der Chemnitzer Universität. Dies alles könnte gefährdet werden, wenn in den nächsten Jahren nicht umsichtig gehandelt wird.
Deshalb wünschen wir uns eine stärkere Einbeziehung seitens des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst in der Gestaltung der Zielabsprachen mit den Universitäten sowie die gemeinsame Erarbeitung von für den Stellenabbau unbedingt notwendigen begleitenden Abfederungsmaßnahmen.
Aber auch die TU Chemnitz selbst wird gefordert sein bei der stärkeren Herausarbeitung ihrer Profilierung, ohne die ohnehin knappe Vielfältigkeit entscheidend einzuschränken. Ziel der Profilierung sollte es sein, die besonderen Leistungen der Chemnitzer Universität in Lehre und Forschung zu vertiefen. Dazu gehört insbesondere die Herausarbeitung interdisziplinärer Studiengänge
und Forschungskooperationen sowie eine Verstärkung der regionalen Transferleistungen. Trotz bereits anerkannter Leistungen dieser Bereiche ist ein kritischer Vergleich
mit internationalen Standards notwendig. Dazu gehört allerdings
auch, den Blick verstärkt aus der Region herauszurichten, interna-
tional zu werden, auch und vielleicht vor allem nach Osteuropa.
Viele Ansprüche und Aufgaben müssen bei geschmälerten Ressourcen realisiert werden. Noch nicht überall hat sich im Bewußtsein eines jeden TU-Mitgliedes die Erkenntnis durchgesetzt, daß so mancher berechtigter Wunsch nach "angemessener" Ausstattung in Zukunft nicht erfüllbar sein wird. Ich bitte diejenigen Universitätsangehörigen, für die
eine Abfindungsregelung in Frage kommt, davon Gebrauch zu machen.
Gestaltung aus eigener Kraft, Freisetzung von Eigeninitiative sind in Lehre, Wissenschaft und Verwaltung angesagt. Dazu gehört eine freimütige Erörterung der Situation gefolgt von einem fairen, wenn vielleicht auch harten Wettkampf um günstige Startplätze.
Eines darf nicht geschehen, daß nämlich mittelfristig die Last vor allem der Stellenkürzungen allein
bei den jungen sich noch qualifi-
zierenden Wissenschaftlern liegt. Damit wäre der Niedergang des
wissenschaftlichen Lebens an der Technischen Universität Chemnitz vorprogrammiert. Daher gehört den jungen Wissenschaftlern vor allem der gemeinsamen Sache wegen genügend Platz in den "Titanic-Rettungsbooten". Auch wenn die Inszenierung von Untergängen gegenwärtig ein beliebtes Medienspektakel ist, sollte nicht vergessen werden, daß Sorglosigkeit und Fehleinschätzungen einige der wesentlichen Ursachen von Katastrophen sind. Katastrophen sind nicht unausweichlich.
Prof. Dr. Christian von Borczyskowski
Der Rektor
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