Software für Japans Krankenhäuser

Kleines Team von IVS Chemnitz gelangt mit ungewöhnlichen Ideen zum Erfolg

BILD

Die von Frank Stockmann, Albrecht Schnappauf und Jörg Fischer (v.l.) gemeinsam entwickelte Software ermöglicht dem Neurochirurgen, bei der geringsten Belastung exakt und schnell zu einem Tumor vorzudringen

Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein, aber wer die drei Geschäftsführer, die zugleich die drei Beschäftigten der IVS GbR Software Entwicklung sind, kennenlernt, muß beeindruckt sein. Vergleiche hinken immer, dieser vielleicht besonders: Aber ein bißchen erinnert IVS daran, wie Bill Gates mit Microsoft die Computerwelt revolutionierte. Denn die jungen Männer haben es immerhin geschafft, daß man in Japan scharf auf Chemnitzer Software wird. Albrecht Schnappauf, Informatik-Absolvent der TU, beschäftige so kurz nach der Wende ein eigentlich simples Problem: "Es kann doch bei dem Stand der Technik nicht sein, daß die Ärzte noch ganz traditionell mit Röntgenbildern arbeiten." Diese Diskrepanz veranlaßte ihn, Algorithmen für eine Bildverarbeitung und -darstellung am Computer zu erarbeiten. Nach dem Wegfall der Medizintechnik an der TU machten sich die Absolventen selbständig.

Über das Thema Existenzgründerförderung lachen die drei. "Das ist doch Quatsch. Dafür braucht man so unheimlich viel Zeit, um die Unterlagen alle zusammenzukriegen und einzureichen. Aber wir benötigen Zeit, um zu forschen." Weil sie einfach nicht dazu gekommen sind, haben sie auch ihre GbR noch nicht in eine GmbH umgewandelt. Das kleine Unternehmen startet mit einer Auftragsforschung für eine überaus namhafte Firma der Medizintechnik, so Schnappauf. Sie entwickelten den Prototyp für ein computergestütztes Operationssystem, das den Arzt erlaubt, die Instrumente ganz exakt an die Operationsstelle zu navigieren.

"Die Software gestattet so endoskopische Operationen mit direktem Zugang über die kleinstmögliche Öffnung", erläutert Frank Stockmann. Auf dem Bildschirm sind betroffene Organe während der OP dreidimensional dargestellt, das ermöglicht den Chirurgen einen permanenten Röntgenblick. Die klinische Erprobung erfolgt in Erfurt und Jena. "Eigentlich konnte ich kein Blut sehen. Aber wir erlebten Operationen live mit, um unsere Entwicklung in der Praxis zu testen", so Frank Stockmann. "Wenn man weiß, daß irgendwo der Erfolg einer Operation dranhängt, checkt man selbst das, was eigentlich 100 Prozent sicher ist, noch etliche Male durch", meint Albrecht Schnappauf und fügt hinzu: "Beigetragen zu haben, daß ein Mensch wieder gesund wird, das ist ein wahnsinnig tolles Gefühl." Mit ihrer Entwicklung konkurriert das kleine Chemnitzer Team mit großen Weltfirmen. Das Verfahren sei nicht völlig revolutionierend, aber die Entwicklung von IVS sei oft "um eine Null" billiger, genauer und aufgrund eines neuen Weges eine größere Datenmenge schneller und besser auf normalem PC darstellbar. "Bei uns gibt es keine eingefahrenen Strukturen, wir können schnell und flexibel reagieren. Wenn es sein muß, arbeiten wir auch das Wochenende durch und bis Mitternacht. Wir suchen Lösungen nicht nach dem Lehrbuch, sondern mit neuen Denkansätzen."

Die Auftragsforschung wird jetzt mit vielen eigenständigen Modulen erweitert. So mit einer speziellen Software für die Neurochirurgie. Das brachte dem Münchener Neurochirurgen Professor Christianto Lumenta eine Erfolgsquote von 98 Prozent. Mit der Software ist man Marktführer in Europa, sie wird nach Belgien, in die Schweiz, Thailand, Japan und Singapur verkauft. Mit ihrer Entwicklung lassen sich Modelle beispielsweise für die spezifische Hüftkonstruktion eines Patienten herstellen, damit ist im Vorfeld von schwierigen Operationen der Verlauf und der Einsatz von Prothesen simulierbar. Für ein französisches Unternehmen, das Operationsroboter herstellt, lieferten sie die Software. Die Instrumentenhaltung übernimmt der Roboter. Jörg Fischer kam, gestreßt, aber glücklich, aus Japan, wo der Operationsroboter mit der Chemnitzer Software spektakulär eingesetzt wurde. Wenn auch die Bildtafeln von Muskeln und Knochen in dem IVS- Büro immer wieder an die Medizin erinnern, sind doch die drei für alles andere offen und haben schon Software für die Industrie und ein Pumpspeicherwerk entwickelt.

Bei der Frage nach Patenten, winken sie ab. "Bisher keine Zeit, zu aufwendig. Außerdem, uns abzukupfern, geht nur mit unserer Hilfe". Unter dem Dach des Technologiezentrums Chemnitz und neuen Aufgaben im High-Tech-Firmenverbund Amtec wollen sie das Team vergrößern. Albrecht Schnappauf: "Das wird schwierig, denn bei uns braucht man verdammt viel Enthusiasmus, verdient aber keine Reichtümer."

Gudrun Müller,
Freie Presse Chemnitz


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HTML-Version von Ralph Meyer, 25. März 1998