Er bringt den Studenten das schwarze Amerika näherUS-Historiker an Chemnitzer Uni zu Gast ? Sehnsucht nach Ahornsirup und Pfannkuchen
Prof. Dr. Hans Kastendiek (l.) Inahber der Proffesur Amerikanische Kultur- und Landeskunde, betreut US- Historiker Prof. Clarens Taylor mit seiner Gattin Marsha während ihres Aufenthaltes an der TU (HJG) Seit Oktober 1997 lehrt er als Gastprofessor an der Chemnitzer Uni amerikanische Kultur- und Landeskunde: Prof. Clarens Taylor. Der US-Historiker ist Spezialist für amerikanische Geschichte, besonders für den Anteil der Schwarzen daran, der früher meist bewußt übersehen wurde. Auf diesem Gebiet hat er mehr als 20 Jahre Erfahrung. Seit zwei Jahren lehrt er an der Florida International University in Miami und lebt in Hollywood (nicht die gleichnamige Filmmetropole, sondern ein Ort an der amerikanischen Ostküste, nördlich von Miami). Davor war er lange Jahre am Le Moyne College in Syracuse im amerikanischen Bundesstaat New York tätig. Nach Deutschland geführt hat den Hochschullehrer ein Fulbright-Stipendium. Eine Kollegin Taylors war schon vor einiger Zeit in Chemnitz, forderte ihn auf, sich zu bewerben. Es klappte auf Anhieb. Der schwarze Historiker, der hier von dem Amerikanisten Prof. Dr. Hans Kastendiek betreut wird, ist nicht allein gekommen: seine Frau Mar-sha, polnisch-jüdischer Herkunft, begleitet ihn. "Zunächst hatte ich ja Bedenken, mit nach Deutschland zu kommen", so Marsha Taylor. "Fast alle Verwandten rieten mir ab. Denn auch aus meiner Familie sind Menschen während des Holocaust ermordet worden. Aber ich war angenehm überrascht, wie offen und tolerant die jungen Deutschen sind." Wenn da nicht die häßlichen Ausnahmen wären: In Wittenberg etwa wurde das Paar am Bahnhof von acht Skinheads angepöbelt, die Prof. Taylor wegen seiner Hautfarbe beschimpften. Immerhin, in Chemnitz haben die beiden da bessere Erfahrungen gemacht. Auch über die deutschen Studenten im allgemeinen und die Chemnitzer Studenten im besonderen ist Prof. Taylor voll des Lobes: "Die sind viel selbstständiger und unabhängiger als amerikanische Studenten. Sie wissen auch mehr über das Weltgeschehen, sind einfach viel besser informiert. In unserem Fernsehen bestehen die Abendnachrichten hauptsächlich aus Klatsch und Tratsch, andere Länder kommen fast nicht vor. Wir Amerikaner sind zu sehr selbstbezogen. Und außerdem ist mir aufgefallen, daß hier viel mehr geforscht wird als bei uns." Die Seminare und Proseminare hätten ein hohes Niveau. In den USA sei dagegen die Vorlesung die vorherrschende Unterrichtsart. Aber auch das hat er bemerkt: "Amerikanische Studenten sind generell viel kritischer und aktiver, sie fragen häufiger, haken nach." Ganz allgemein seien die Menschen in Deutschland viel reservierter im persönlichen Umgang als die Amerikaner und sehr zurückhaltend. Eine besondere Rolle im Lehrangebot von Prof. Taylor wird die Religion der schwarzen Amerikaner spielen, "die ist oft ganz anders ausgeprägt als die der weißen Bevölkerung". Über dieses Thema hat er auch zwei Bücher und eine Fülle von Fachaufsätzen veröffentlicht. Daneben bietet er ein Proseminar über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung an, den Kampf der Schwarzen um gleiche Rechte. Die sind inzwischen zwar juristisch, aber immer noch nicht faktisch gegeben: Zwar ist jeder achte Amerikaner ein Schwarzer, unter den Studenten ist es aber nur jeder zwanzigste. Und dieser Anteil nimmt sogar noch ab, da Programme wie die "affirmative action", die Chancengleichheit bringen sollten, von den Hochschulen mehr und mehr eingestellt werden. "Die Gesellschaft entwickelt sich immer mehr auseinander", so Prof. Taylor. Nur im Sport und in der Armee sind Schwarze überrepräsentiert - für Amerika kämpfen und siegen (und auch sterben, wie Vietnam gezeigt hat), dagegen hat das weiße Amerika nichts. Wie weit dieses Auseinanderdriften schon gegangen ist, macht das Kwanza-Fest deutlich, das für viele schwarze Amerikaner inzwischen das Weihnachtsfest ersetzt. Doch anders als der Name glauben läßt, hat es seine Wurzeln nicht in Afrika, sondern ist die Erfindung eines amerikanischen Schwarzen-Führers. Und auch nichtchristliche Kirchen, besonders der Islam, gewinnen unter den Amerikanern afrikanischer Herkunft immer mehr Anhänger. Andererseits beeinflussen die amerikanischen Schwarzen aber auch stark die Richtung, in die sich die christlichen Kirchen entwickeln. Sie setzen viel mehr auf die Teilnahme der Gläubigen wie im Frühchristentum und beleben so alte Rituale neu. Den Afrozentrismus, der in bestimmten schwarzen Kreisen angesagt ist, beurteilt Prof. Taylor kritisch. Die Afrozentristen glauben, daß die Wurzeln der europäischen Kultur in Schwarzafrika liegen und die Europäer diese Kultur einfach geraubt haben. Doch die Fakten sprechen gegen eine solche Geschichtsspaltung. "Viele Behauptungen der Afrozentristen," so Prof. Taylor, "sind Übertreibungen oder gar Konstrukte; sie lassen sich leicht widerlegen". Andererseits sei der Afrozentrismus als Gegenbewegung zum - ebenso fragwürdigen - Eurozentrismus des weißen Amerika entstanden, der den Schwarzen jegliche Kultur abzusprechen versuchte. Insoweit sei er wichtig. Auch über den Hang der Deutschen, Entwicklungen in den USA mit einiger Verspätung nachzuvollziehen, macht sich Prof. Taylor seine Gedanken. Die USA seien nämlich nicht unbedingt ein Vorbild für Deutschland, gerade was den Sozialstaat angehe. So habe sich die Zahl der Armenküchen in New York innerhalb weniger Jahre vervielfacht. Und auch politisch ist Prof. Taylor nicht ganz zufrieden: Die amerikanischen Demokraten seien im Laufe der Zeit immer konservativer geworden und hätten sich den Republikanern angenähert. Der früher einmal starke liberale Flügel der Demokraten sei hingegen weitgehend kaltgestellt worden. Der Aufenthalt in Deutschland bringt den beiden auch eine Fülle neuer Einsichten: "Bisher waren wir nämlich nur in Kanada, und das zählt eigentlich nicht, da ist es wie bei uns. Aber jetzt kriegen wir allmählich eine globalere Perspektive." Dazu gehört die Möglichkeit, sich in Europa umzusehen: Außer in verschiedenen deutschen Städten sind die beiden schon in Prag und in Paris gewesen; weitere Länder stehen noch auf dem Programm. Und auch ihr Deutsch wird von Tag zu Tag besser - die Anfänge dafür waren in einem dreiwöchigen Crashkurs gelegt worden, den sie im vergangenen September am Goethe-Institut in Rothenburg ob der Tauber besuchten. Die beiden wohnen im Uni-Gästehaus im Thüringer Weg. Die Räume dort sind zwar voll möbliert, doch Besteck und Porzellan mußten sich die Taylors selbst anschaffen. Hier sollte die Uni vielleicht künftig für Abhilfe sorgen, denn diese Dinge zurück mit in die USA zu nehmen, lohnt wegen der hohen Frachtgebühren nicht, und hier verkäuflich sind sie auch nicht. Und was vermissen die Taylors am meisten in Deutschland? Da sind sich beide einig: Ahornsirup und die dazugehörigen Pfannkuchen.
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