Der Professoren-Nachwuchs kommt aus Chemnitz

Frisches Blut für Ost-Unis - Volkswagen-Stiftung fördert junge Wissenschaftler

(HJG) Fast 38.000 Professoren gibt es in Deutschland, und die sind im Schnitt schon 52 Jahre alt. Da heißt es, rechtzeitig den Nachwuchs auszubilden. Besonders wichtig ist dies für die neuen Bundesländer. Denn hier fehlte es nach der Wende in vielen Bereichen an Hochschullehrern. Andererseits findet man, unabhängig vom Fachgebiet, an den West-Unis kaum Ost-Profs.

Daß dies nicht so bleibt, dafür soll ein Sonderprogramm zur Förderung des Hochschullehrernachwuches in den neuen Bundesländern sorgen, das die Volkswagenstiftung 1997 aufgelegt hat. Rund 12,1 Millionen Mark steckt die Stiftung in das Programm. Bewerben konnten sich dafür junge Wissenschaftler, die an einer ostdeutschen Uni tätig waren, bereits ihren Doktortitel in einem geistes- oder gesellschaftswissenschaftlichen Fach in der Tasche hatten und eine Laufbahn als Wissenschaftler einschlagen wollten. 67 Jungforscher aus 12 Unis wollten's wissen - nur 31 schafften die Hürden. Gleich drei der Geförderten stammen aus Chemnitz: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Ramona Alt, die Historikerin Dr. Gisela Mettele und der Soziologe Dr. Matthias Junge brauchen sich nun um die nächsten vier Jahre ihrer akademischen Laufbahn keine Sorgen zu machen - solange läuft nämlich die Förderung. Am Ende soll die Habilitation stehen, also die Lehrberechtigung an einer Universität. Damit können sie dann an eine Hochschule berufen werden und sich fortan mit einem Professorentitel schmücken.

Führung im Wandel

Dr. Ramona Alt ist seit Ende 1994 an der Chemnitzer Uni tätig, wo sie an der Professur Arbeitswissenschaft und Organisation bei Prof. Rainhart Lang über Führungskräfte in sächsischen Klein- und Mittelbetrieben forscht. Als Thema für ihre Habilitation hat sich Dr. Alt "Führungspraktiken in Wandlungsprozessen" ausgesucht. Die meisten Firmen stehen heute unter enormem Druck, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. "Schlanke Unternehmensführung", "Globalisierung" oder "Ausgliederung von Betriebsteilen" heißen dabei die Schlagworte. Wer im Wettbewerb nicht mehr mithalten kann, wird gnadenlos vom Markt gefegt, wie die steigende Zahl der Unternehmenspleiten zeigt. Besonders schwer haben es dabei ostdeutsche Unternehmen, mußten sie doch zusätzlich einen Systemwandel von der Plan- zur Marktwirtschaft verkraften. Das stellt gerade an die Führungskräfte im Osten große Anforderungen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat es eine ganze Reihe von Führungsmodellen gegeben. Sie erstreckten sich jedoch oft in bloßen Handlungsempfehlungen und berücksichtigen kaum die unterschiedliche Situation der einzelnen Betriebe. Mal wurde mehr innerbetriebliche Demokratie in den Mittelpunkt gestellt, mal der einzelne Mitarbeiter. In den letzten Jahren wurde häufig die Führungspersönlichkeit selbst als ausschlaggebend angesehen, die durch ihre Ausstrahlung wirkt und dadurch die Mitarbeiter mitreißt. Neuerdings hat sich jedoch mehr der Gedanke durchgesetzt, daß Führung ein wechselseitiger Prozeß ist. Wie er konkret abläuft, wird im Einzelfall in einem schwierigen sozialen Prozeß ausgehandelt.

Ein ganze neue Sichtweise, die unterschiedliche Richtungen miteinander zu versöhnen sucht, ist die Strukturationstheorie von Giddens. Die Rahmenbedingungen in einem Unternehmen und die Handlungsweisen seiner Mitarbeiter stehen dabei in einem engen Zusammenhang und werden gemeinsam betrachtet. Für Giddens sind die Menschen in einer Firma nicht durch Vorgaben von außen fremdgesteuert, sondern sie denken und handeln selbständig auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse und Interessen, wobei sie freilich in bestimmte Routinen eingebunden sind. Die Mitarbeiter sind also vernunftbestimmt, auf ihr Wissen und Können kommt es an.

Dr. Alt will nun das Führungsverhalten vor dem Hintergrund dieser Giddensschen Theorie untersuchen, wobei zusätzlich geprüft werden soll, wie sich diese Herangehensweise in kritischen, also Umbruchsituationen bewährt. Dazu wird Dr. Alt Gespräche mit Führungskräften führen, in denen sie auch nach deren Selbstverständnis und danach fragt, wie sie ihre Mitarbeiter sehen. Um die Ergebnisse abzusichern, sind aber auch Interviews mit den Untergebenen, den Vorgesetzten und den gleichrangigen Kollegen der Führungskräfte geplant. Dabei sollen zum Bleistift die Erfahrungen mit den jeweiligen Vorgesetzten oder die Anforderungen, die die Firma an ihr Führungspersonal stellt, ermittelt werden. Daneben werden noch Daten zur Größe des Betriebs, zur Qualifikation der Mitarbeiter oder zur Produktpalette erhoben. Am Ende wird dann eine fundierte Analyse des Führungsverhaltens von Unternehmen stehen, die sich in einem grundlegenden Wandlungsprozeß befinden.

Die Soziologie aus der Krise führen

Zweiter im Bunde ist Dr. Matthias Junge. Seit 1993 forscht er an der Chemnitzer Uni an der Professur Allgemeine Soziologie II bei Prof. Ditmar Brock. Als Thema für seine Habilitation hat sich Dr. Junge "Modernisierung der Vergesellschaftung und die Moderniserung der Soziologie" ausgesucht. Die Soziologie als Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung und dem Aufbau der menschlichen Gesellschaft befaßt, befindet sich in einer Krise. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich nämlich die früher so charakteristische Klassen- und Schichtengesellschaft mehr und mehr aufgelöst. Stattdessen ist der Einzelne, das Individuum mit seinen Besonderheiten und Eigentümlichkeiten in den Mittelpunkt getreten. Dies hat weitreichende Folgen für die Struktur unserer Gesellschaft. Gleichzeitig reicht die herkömmliche soziologische Vorgehensweise nicht mehr aus, um diese Folgen zu beschreiben.

Hier hakt Dr. Junge ein. Die klassische Soziologie ging nämlich davon aus, daß eine Gesellschaft um so stabiler und geordneter ist, je mehr der Einzelne an Selbständigkeit und Unabhängigkeit gewinnt. Das bezweifeln jedoch neuerdings einige Soziologen: sie vermuten vielmehr, daß unser Streben nach Unabhängigkeit uns überfordert und dadurch unsere soziale Ordnung ins Wanken gerät. Dr. Junge will nun untersuchen, welche dieser beiden Ansichten die richtigere ist oder ob unsere zunehmende Selbständigkeit auf der einen Seite überhaupt etwas mit der Stabilität der Gesellschaft auf der ande- ren zu tun hat, und wenn ja, wie. Ferner möchte er feststellen, welche Denkansätze der heutigen Sozio- logie am ehesten geeignet sind, neue gesellschaftliche Entwick- lungen angemessen zu analysieren. Um zu nachvollziehbaren Schlüs- sen zu kommen, muß er freilich selbst Methoden seines Faches anwenden - etwa die des Soziologie-Altmei- sters Georg Simmel (1858-1918). Dabei, so hofft Dr. Junge, könnte eine eigenständige Theorie über die Bedeutung der Individualität in modernen Gesellschaften herauskommen.

12.000 Lebensläufe auf dem Prüfstand

Dr. Gisela Mettele arbeitet seit 1994 an der Professur Wirtschafts- und Sozialgeschichte bei Prof. Rudolf Boch. Für ihre Habilitation suchte sich Dr. Mettele ein Thema aus der Religionsgeschichte aus: "Religiöse Gemeinschaft und Lebensentwurf: Die Herrnhuter Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert". Es handelt sich um eine Religionsgemeinschaft, die 1727 von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, einem sächsischen Adligen, gegründet wurde. Zinzendorf stellte aus Böhmen und Mähren vertriebenen Glaubensflüchtlingen auf seinem Gut südwestlich von Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze Grund und Boden zur Verfügung, auf dem diese dann das Städtchen Herrnhut errichteten. Die Wurzeln der Religionsgemeinschaft reichen allerdings bis zu dem tschechischen Kirchenreformator Jan Hus zurück, der 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Im Laufe der Zeit stießen auch Menschen aus anderen Regionen und Schichten zu den Herrnhutern.

Die Brüdergemeine, die heute unter Namen wie "Moravians" und "Unitas Fratrum" weltweit verbreitet ist, hat etwa 700.000 Mitglieder. Sie zeichnete sich in der Vergangenheit durch eine ungewöhnliche soziale Struktur aus. So lebten besonders die ledigen Männer und Frauen voneinander getrennt in sogenannten Chorhäusern, die auch so etwas wie ein Familienersatz waren. Wer wen heiratete, wurde per Los entschieden, oft blieben die Gemeinemitglieder auch ledig. Die Kinder wurden häufig nicht in der Familie erzogen, sondern in besonderen Anstalten. Selbst Geschwister unterschiedlichen Geschlechts wurden schon frühzeitig voneinander getrennt. Das getrennte Leben führte andererseits dazu, daß Männer und Frauen im täglichen Leben - für die damalige Zeit ungewöhnlich - nahezu gleiche Positionen einnahmen. Frauen gelangten so in Berufe und Funktionen, die ihnen damals anderswo verschlossen geblieben wären. Ebenso ungewöhnlich war, daß die Herrnhuter Schwestern auf Missionsreisen geschickt wurden und so oft weit in der Welt herumkamen. Aus dem gleichen Grund war Herrnhut ausdrücklich als Handwerkerkolonie gegründet worden. Die Einwohner sollten sich nicht wie Bauern an den Boden binden, sondern jederzeit bereit sein, an einen anderen Ort zu gehen und sich - wie die Apostel - von ihrer eigenen Arbeit zu ernähren. Im Alter freilich kehrten die Herrnhuter häufig in ihre Heimat zurück.

Was die Herrnhuter aber für eine Historikerin besonders interessant macht, ist die Sitte, daß nahezu alle Mitglieder vor ihrem Tod einen Lebenslauf verfaßten, der dann bei der Beerdigung am Grabe verlesen wurde. Mehr als 12.000 solcher Lebensläufe, im Schnitt 15, manchmal aber auch über 100 Seiten stark, werden in Herrnhut im Archiv der Gemeine verwahrt - ein nahezu unerschöpflicher Fundus. Die Lebensläufe waren meist handgeschrieben, viele wurden auch gedruckt. Wenngleich auch die meisten dieser Lebensläufe die persönliche religiöse Entwicklung in den Vordergrund stellten, so enthalten sie doch genügend Material, das Aufschluß über die Zeit und über die inneren Strukturen der Brüdergemeine gibt. Außerdem befinden sich im Herrnhuter Archiv auch zahlreiche Berichte aus den einzelnen Gemeinen, dazu Personalakten, Tagebücher, Missionsberichte und vieles mehr.

Anhand der Unterlagen hofft Dr. Mettele vor allem drei Fragen zu klären: ob die Herrnhuter durch ihre Missionstätigkeit nicht nur fremde Kulturen beeinflußten, sondern auch von diesen beeinflußt wurden; ob die Herrnhuter Schwestern in größerem Maße selbstbestimmt handeln konnten als andere Frauen, die nicht derartigen religiösen Bewegungen angehörten und ob die Annahmen des berühmten Soziologen Max Weber über den Zusammenhang zwischen protestantischer Religion und dem Entstehen des Kapitalismus zu- treffen. Einiges spricht dafür, daß die Herrnhuter nach und nach auch fremde Wertvorstellungen übernahmen, wie eine zunehmende Tendenz zur Verweltlichung im 19. Jahrhundert zeigt. Gesichert ist ebenfalls durch eine Fülle von Beispielen, daß religiöse Erweckungsbewegungen den Frauen im vergangenen Jahrhundert oft größere Mitsprache- und Entfaltungsmöglichkeiten boten, also mit einer gewissen Emanzi- pation verbunden waren. Damit war es freilich meist schnell vorbei, sobald sich die neuen Religionen etabliert hatten - aber gerade den Herrnhuterinnen, so zeigen erste Ergebnisse, gelang es, ihre rechtliche und gesellschaftliche Stellung zu behalten, vermutlich eine Folge der Geschlechtertrennung. So konnte eine Herrnhuter Schwester es durchaus vom Dienstmädchen zur Ge-meindevorsteherin und Predigerin bringen, damals anderswo unvorstellbar.

Max Weber wiederum hatte vermutet, daß die puritanische Religiö-sität besonders der Calvinisten die Entstehung des Kapitalismus ge- fördert habe. Die Calvinisten näm- lich glaubten, daß sich besonders am Erfolg eines Menschen zeige, ob er von Gott auserwählt sei; entsprechend betriebsam und rastlos verhielt er sich. Weber dehnte diese Annahme der "protestantischen Ethik" auf den Protestantismus als Ganzes aus, seit einiger Zeit ist sie unter Wissenschaftlern aber umstritten. Andererseits ist jedoch unübersehbar, daß die Herrnhuter auch wirtschaftlich recht erfolgreich waren.

In etwa drei Jahren hofft Dr. Mettele, die Archive soweit durchforscht zu haben, daß sie ihre Habilitationsschrift vorlegen kann. 12 Monate davon wird sie allein im Moravian Theological Seminary in Bethlehem im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania verbringen, dem US-Zentrum der Herrn-huter Bewegung.


| Inhalt |

Impressum


HTML-Version von Ralph Meyer, 25. März 1998