(MSt) Fast ein Jahrhundert ist es her: 1897 wurde der Festsaal der Technischen Staatslehranstalten Chemnitz mit vier Gemälden der Künstler Alfred Reuter (1868-1899) und Osmar Schindler (1869-1927) ausgeschmückt. Ein Gemälde zeigt König Albert von Sachsen (1828-1902) in Generalsuniform, die drei anderen sind bildhafte Gleichnisse der Architektur, der Chemie und der Maschinentechnik. Diese Kostbarkeiten sind seit fast 40 Jahren aus dem Kunstbesitz der Uni verschwunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten die Gemälde zunehmend in Vergessenheit.
Ende letzten Jahres erfuhr die Pressestelle der TU eher zufällig von den Gemälden. TU-Mitarbeiter Dr. Wolfgang Seckel brachte von einem Treffen der Bügeleisensammler zwei vergilbte Postkarten mit, die ihm eine ältere Dame überreicht hatte. Auf ihnen waren zwei Gemälde von Reuter und Schindler abgebildet. Erste von der TU-Pressestelle initiierten Blitzumfragen blieben erfolglos, niemand kannte diese Gemälde. Auch der Spezialist für Hochschulgeschichte Dr. Bernd Sommer wußte nicht viel über den Verbleib der Gemälde. Tagelang stöberte er in Archiven. Lediglich im Chemnitzer Stadtarchiv entdeckte Sommer die Postkarte eines weiteren Gemäldes. Den Verbleib des Gemäldes mit dem Bildnis König Alberts konnte er jedoch aufklären: In einer Akte fand er den Vermerk, daß 1921 auf Anordnung des sächsischen Wirtschaftsministeriums dieses Bild aus der Aula entfernt wurde. Von den anderen drei Gemälden wurden danach zwei gegenüber der Fensterfront und eines gegenüber dem Rednerpult aufgehängt. Und nach genau diesen drei Gemälden fahndete die TU in den letzten Monaten mit Hilfe der Presse. Viele Leser der "Fahndungsmeldungen" wandten sich an die TU. Die erste heiße Spur führte ins Vogtland: Ein junger Unternehmer erkannte in der "Freien Presse" eine Reproduktion wieder, die er bereits von Fotos her kannte: Von alten Fotoplatten aus dem Jahre 1882, die der Klingen- thaler neben diversen Malerutensilien beim Aufräumen auf dem Dach-boden eines gut 200 Jahre alten Hauses am Grenzweg entdeckte, hatte er Abzüge anfertigen lassen (siehe Fotos). Neben dem Gemälde von Reuter (Allegorische Darstellung des Maschinenbaus) zeigen die Aufnahmen Personen, die dem Künstler Modell standen.
Wenige Tage später meldete sich auch Erich Schmidt aus Flöha. Seine Leidenschaft sind Postkarten mit Ansichten der Stadt Chemnitz. Unter den gut 2000 Ansichtskarten befinden sich auch zahlreiche Karten von Vorläufereinrichtungen der Universität.

Erich Schmidt aus Flöha stellte dem Universitätsarchiv historische Postkarten mit Ansichten der Technischen Staatslehranstalten zur Verfügung. Diese Grußkarte zeigt die Wappen der Werkmeisterschüler-Turnriege, der Vereinigung der Baugewerkenschüler und des Verbandes der Werkmeisterschüler
Dem Leiter des Universitätsarchivs, Stephan Luther, stand die Freude im Gesicht geschrieben, als er die Postkarten zum Reproduzieren erhielt, enthalten doch viele Karten interessante Motive und geben sogar Einblicke in ehemalige Unterrichtsräume.
Eine wichtige Spur zu den verschollenen Gemälden sind diese Fotos aus dem Jahre 1882. Aus ihnen ist abzulesen, daß Alfred Reuter für den auf dem Gemälde abgebildeten Mann zwei Modelle benötigte: Einer lieh der Kunstfigur den muskulösen Körper, der andere den Gelehrten-Kopf
Auch die Chemnitzerin Hildegart Brunner meldete sich und lud den Archivar zu sich ein. In ihrer Wohnung übergab sie Luther drei erstklassige Fotografien der Gemälde von Schindler und Reuter. In den Besitz der Fotos gelangte sie durch ihren Vater, Max Brunner. Er arbeitete von 1928 bis Ende 1945 als Verwalter des technischen Büros der Staatlichen Akademie für Technik Chemnitz. An einem Tag des Jahres 1945 kam ein Mitarbeiter zu Max Brunner und berichtete ihm, daß die Gemälde aus der Akademie-Aula entfernt werden sollten. "Daraufhin fotografierte mein Vater schnell die Gemälde", erinnert sich seine Tochter. Aufgrund der guten Qualität der Fotos ist sogar zu sehen, daß die Wände der ehemaligen Aula marmorartig bemalt waren und sich unter den Gemälden eine
Lorbeer-Leiste befand. Auf den Gemälde-Reproduktionen selbst sind - besser als auf den an der TU vorhandenen Postkarten-Repros - die Details gut erkennbar.
Der freiberufliche Chemnitzer Restaurator Gregor Richert warf kurze Zeit später einen fachmännischen Blick auf die Fotos von Max Brunner. Richert bestätigt die Aussage eines Schriftstückes, das zuvor im Universitätsarchiv aufgestöbert wurde. Dort steht, daß die Ölbilder auf Leinen "aufgeklebt" und "ohne besondere Umrahmung" angebracht wurden. "Vermutlich mit Knochenleim", meint Richert.
In den 50 Jahren sind die Wandbilder sicher beim Umbau der Aula in einen Hörsaal vernichtet worden, vermutet der Restaurator. Denn ein Ablösen der Gemälde ist dann ohne Wärmestrahlung nicht möglich gewesen. Aus seiner Erfahrung weiß er, daß auch anderswo die Versuche, aufgeklebte Gemälde zu retten, in vielen Fällen scheiterten. Dies jedenfalls wäre eine Erklärung, warum die gesuchten Gemälde nicht mehr aufzufinden sind.
Uni-Archiv und TU-Pressestelle geben aber noch nicht auf. Vielleicht wurden die Ölbilder doch sauber von der Wand entfernt und verstauben mittlerweile auf einem Dachboden oder befinden sich in einer Gemäldesammlung.
Für die "Fahnder" verlief die bisherige Suche zufriedenstellend, meldeten sich doch viele Leser bei der Uni-Pressestelle. Die meisten Anrufer studierten selbst an den Vorläufereinrichtungen der Uni und konnten sich an die Gemälde noch gut erinnern. Einige boten der TU historische Postkarten, technische Zeichnungen und Fotos an. Und unter Telefon 03 71/5 31-14 24 können sie es auch weiterhin tun.
Dipl.-Archivar Stephan Luther freut sich über die von Max Brunner angefertigten Fotos, die ihm Brunners Tochter Hildegart 50 Jahre später überreichte
Vielleicht gelingt es doch noch einem Hobby-Detektiv á la Sherlock Holmes, die verschollenen Gemälde (oder Vorstudien) aufzustöbern.
Bleibt zu hoffen, daß sie 1997 zu ihrem "100. Geburtstag" wieder in der Chemnitzer Uni aufgehängt werden. Freilich nicht mehr in der Aula, denn die fiel dem Umbau in den heutigen Hörsaal 201 zum Opfer.