Er hätte auch einen größeren Hörsaal füllen können

Kritisch und konstruktiv: der Theologe Eugen Drewermann zu Gast an der Chemnitzer Uni

BILD Katholik und Ketzer Eugen Drewermann

(HJG) Der Wunschtraum so manchen Pfarrers: einmal im Leben vor vollen Reihen predigen. Doch für die meisten Kleriker geht dieser Wunsch wohl nie in Erfüllung. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt seit Jahren, und besonders in Deutschlands Osten bekennt sich nach 40 Jahren DDR nur noch eine Minderheit zu einer Religion. Gerade mal jeder Dritte ist es in Sachsen (26 Prozent Protestanten, vier Prozent Katholiken), 70 Prozent gehören keiner Kirche an. Und selbst diese Zahlen besagen nichts über Glauben und Kirchgang, sondern nur über die Bereitschaft, Kirchensteuer zu zahlen. Viele sind nur in der Kirche, damit sie einmal christlich beerdigt werden oder weil die Eltern es ebenfalls waren.

Doch es gibt Priester, die auch heute noch die Massen anziehen. Eugen Drewermann gehört zu ihnen. Der 56jährige Paderborner Theologe und Psychoanalytiker füllt mühelos jeden Saal. Mehr als 300 Zuhörer waren es, die ihm am 16. März in Hörsaal 201 der Uni lauschen wollten, etliche weitere mußten mit einem Stehplatz vor den Türen vorlieb nehmen. Denn Drewermann gilt - besonders seit ihm die katholische Kirche die Lehrerlaubnis entzog und ihn damit quasi zum Ketzer stempelte - als eigenwilliger Querkopf und origineller Denker. Eingeladen hatten ihn die beiden Chemnitzer Philosophen Prof. Ferdinand Fellmann und Prof. Günther Grünthal im Rahmen ihres Studiengangs Ethik. Thema des Vortrags: die Religion im Spannungsfeld zwischen Rationalität und Mystik. Und die Erwartungen der Zuhörer wurden mehr als erfüllt.

Schon äußerlich hinterläßt der hagere Drewermann, der weder Telefon noch Kühlschrank noch Auto besitzt, einen asketischen Eindruck. Ohne Manuskript, ohne Notizen setzt er Satz auf Satz druckreif und verständlich hintereinander. Wozu ist Religion noch gut in der heutigen Zeit, wo sie doch naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht? Sie ist ein Raum, so Drewermann, in dem wir uns selbst begegnen, uns selbst finden können, ohne jegliche Vorbehalte und ohne Angst. Menschen, die sich nicht selbst gefunden haben, sind nicht Herr ihrer selbst, sind nur eingeschränkt verantwortlich für ihr Tun. Auch strafrechtlich - Zwang und Strafe können keinen Menschen bessern, gibt er sich überzeugt. Und von der Politik verlangt er, daß sie auf Vertrauen und nicht auf Macht beruhen sollte.

Auch auf die Wiedervereinigung kommt der Theologe zu sprechen. Im Osten habe man den Kapitalismus in einer Brutalität erlebt, die viele abgeschreckt habe. Hoffnungen und Visionen seien zerstört worden. Der Kapitalismus rechtfertige sich durch die Idee der Freiheit, der Sozialismus durch die der Gerechtigkeit. Doch die Freiheit im Kapitalismus bestehe nur darin, soviel zu kaufen, wie man Geld in der Tasche habe und die Gerechtigkeit im Sozialismus sei auf Kosten der persönlichen Freiheit gegangen und habe eine erzwungene Moral gebracht. Dabei seien Freiheit und Gerechtigkeit ein- und dasselbe und ließen sich nicht voneinander trennen. Deshalb plädiert Drewermann dafür, daß der Kapitalismus nach dem Untergang des Sozialismus die humanen Ideale des ursprünglichen Marxismus in sich aufnehme, sie benutze, um sich selbst zu verbessern. Wenn dies nicht geschehe, werde sich das jetzige Wirtschaftssystem auf lange Sicht selbst zerstören. Und die Kirchen sollten zeigen, daß Menschen auch zusammen leben können, wenn sie nicht durch Mächtige von außen gelenkt werden.


Neue Chemnitzer Veranstaltungsreihe

Maschinenbauer und Elekrotechniker im Schulterschluß

(MSt) Seit Ende März gibt es in Chemnitz eine neue Veranstaltungsreihe. Ihr Name: "Maschinenbau und Mikroelektronik". Gleich drei Vereine zeichnen als Veranstalter: Die Transferzentren Mikroelektronik e.V. und Produktionstechnik im Maschinenbau e.V. sowie der Verein Angewandte Mikroelektronik Chemnitz. Gegenstand der ersten Veranstaltung waren Automatisierungskonzepte für Textil- sowie für andere Be- und Verarbeitungsmaschinen, der mit Fuzzy-Logic optimierte Antrieb eines Präzisionskreuzspulkopfes und Software für die Diagnose von Maschinen mit modernen Steuerungen. Interessenten können die Vortragsinhalte über Telefon 03 71/4 31 89 32 anfordern.

Laut Aussage von Prof. Dietmar Müller von der TU Chemnitz-Zwickau sollen zukünftig sowohl branchenspezifische als auch übergreifende Themen praxisnah debattiert werden. Damit wird ein Bogen von Spezialisten des Maschinenbaus zu Experten der Mikroelektronik bzw. Elektrotechnik gespannt. Auch die gemeinsame Information über Fördermöglichkeiten, Vorstellung der Ergebnisse aus der Forschung und Exkursionen stehen im Konzept der Veranstalter. In den nächsten Veranstaltungen werden Themen wie Ferndiagnose, Prozeßvisualisierung, Elektromagnetische Verträglichkeit und das weite Gebiet der Verlagerung mechanischer Funktionen in die Elektronik behandelt.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 27. Juni 1996