Einstein würde nicken...

Chemnitzer Philosoph: Texte sind zum Benutzen da, nicht zum Verstehen

BILD Der Philosoph Prof. Ferdinand Fellmann fordert ein Umdenken im Umgang mit Texten. Spannt er damit einen Bogen zu Karl Marx?

(HJG) Schiller oder Shakespeare, Homer oder Handke, Kisch oder Kirsch, das ist der Stoff, mit dem sich Schüler im Deutschunterricht abquälen müssen. Aber nicht einfach Lesen ist angesagt, meist wird noch mehr verlangt: die Auslegung, die Deutung, d ie Interpretation des Textes. Nicht wenige Schüler hassen diese Arbeit. Dennoch verbringen manche Philosophen und Germanisten ihr halbes Leben damit, die Schriften eines Schopenhauer oder eines Marx sprachlich und sachlich abzuklopfen und sie den Unwissen den zu erläutern. Verlorene Zeit, so der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Prof. Ferdinand Fellmannn von der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau. Es komme nämlich gar nicht darauf an, Bücher zu verstehen, sondern sie zu benutzen.

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"Hermeneutik", die Lehre von der Auslegung und Ausdeutung von Texten, so nennt sich diese Disziplin, die an den Universitäten hoch im Kurs steht. Kürzlich trafen sich Deutschlands führende Philosophen auf dem Einstein-Forum in Potsdam, um über die Zuku nft dieses Faches zu diskutieren. Mit dabei: Ferdinand Fellmann, dessen Beitrag die meiste Beachtung fand. Wer, so fragte er, habe denn heute, im Zeitalter von Multimedia und Internet, noch Zeit und Geld, sein Leben mit dem Ausdeuten von fremden Texten zu verbringen? Die nämlich müßten nicht interpretiert, sie müßten vielmehr benutzt werden - ein Anklang an Marx, der gefordert hatte, es reiche nicht, die Welt zu interpretieren, es komme darauf an, sie zu verändern. Mehr Respektlosigkeit und weniger Ehrfur cht gegenüber den Geistesgrößen sei gefragt. Man müsse die Dinge so nehmen, wie sie sind.

Der Preußenherrscher und Potsdamer Friedrich II. würde wohl zustimmen: 226 Jahre zuvor hatte er am gleichen Ort eine denkwürdige königliche Ordre erlassen, die man auch heute noch manchem ins Stammbuch schreiben könnte, den "Befehl zum Selbstdenken" - viel genützt hat es bekanntlich nicht. Und auch Albert Einstein, der Namensgeber der Veranstaltung, der immer zugleich Physiker und Philosoph gewesen war, würde sicher dazu nicken.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 27. Juni 1996