TU Spektrum 3/1995
* Magazin der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau *

FORSCHUNG


Harte Landung der deutschen Pilotenausbildung?

Alarmierende Unfallstatistik - Vereinigung Cockpit fordert Hochschulausbildung

BILD Blick in das Cockpit eines Airbus A320- Flugsimulators; Prof. Faber ( r.) mit DLH- Ausbildungskaptitän Reinhard Kösterke

(St) Die Ausbildung von Piloten in Deutschland erhitzt gegenwärtig vielerorts die Gemüter. Grund: In der Bundesrepublik werden Piloten ausschließlich, wie mehrheitlich in Westeuropa, in privaten Fachschulen ausgebildet. Piloten erwerben eine Lizenz , haben aber keinen staatlich anerkannten Berufsabschluß. In der ehemaligen DDR hingegen gab es für Piloten bereits in den 70er Jahren ein Hochschulstudium - wenn auch nur für drei Semester. Danach wurde dieser Studiengang jedoch wieder eingestellt. Hinzu kommt, daß nach statistischen Analysen zunehmend Flugzeugunfälle auf Ausbildungs- und Qualifikationsmängel zurückzuführen sind. Wegen dieser Sachlage hat die Vereinigung Cockpit, der Verband der Berufspiloten und Flugingenieure, eine Studie in Auftrag gegeben, die zu dem Schluß kommt, daß eine zusätzliche Ausbildung der Piloten an einer Hochschule notwendig sei. Autor der mittlerw eile publizierten Studie ist Prof. Gerhard Faber, Inhaber der Professur Didaktik Elektrotechnik, Automatisierungstechnik und Angewandte Informatik, der sich schon seit über 20 Jahren mit dieser Thematik befaßt. Bereits seine Dissertation hatte die Ausbild ung mit Flugsimulatoren zum Schwerpunkt. Der Chemnitzer Universitätsprofessor ist der Auffassung, daß für Verkehrsflugzeugführer, die für hunderte von Menschenleben verantwortlich sind und über Millionenwerte verfügen, der Erwerb eines Berufes auch in Deu tschland möglich sein muß. Prof. Fabers "Gutachten zur Einrichtung einer Pilotenausbildung an einer Hochschule" kommt zu dem eindeutigem Schluß, daß nur eine akademische Verkehrsflugzeugführerausbildung die dringend notwendige Reform der Lerninhalte ebenso wie die Höherqualifizieru ng ermögliche. Ein Blick über die deutschen Landesgrenzen hinaus zeigt, daß einige Nationen in der Pilotenausbildung andere Positionen einnehmen: In den USA findet man Mischformen. Neben privaten Flugschulen bieten auch zahlreiche Universitäten und Colleg es eine Berufspilotenausbildung an. Die universitäre Pilotenausbildung hat laut Prof. Faber auch in verschiedenen osteuropäischen Ländern eine lange Tradition. In seiner Studie wird deutlich, daß sich seit 1983 mit der Einführung der dritten Jet-Generation - der hochautomatisierten Verkehrsflugzeuge mit sogenannten Glas-Cockpits und Fly-by-wire-Systemen - die Zahl der "H3-Unfälle" vervierfacht haben. Diese Unfäl le, die der Kategorie "menschliches Versagen" zugeordnet werden, sind in den letzten zehn Jahren von 13 auf 54 Prozent angestiegen. Sie sind laut Prof. Faber eindeutig auf Ausbildungs- und Qualifizierungsmängel zurückzuführen. Jürgen Dörrie, Präsident der Vereinigung Cockpit, umschreibt diese Problematik mit wenigen Sätzen: "Künstliche Intelligenz im Cockpit kann menschliche Intelligenz nicht ersetzen. Im Gegenteil: Die Anforderungen an die Piloten steigen! Zusätzlich zu den kl assischen fliegerischen Lerninhalten und Fähigkeiten wird eine umfassende Kenntnis der hochkomplexen Flugsysteme benötigt. Weiterhin kommen Qualifikationen in Ökonomie, Arbeitsorganisation, Luftfahrtpsychologie und Ökologie hinzu. Die fast 20 Jahre alten Ausbildungsrichtlinien sind nicht mehr hinreichend am Anforderungsprofil von hochkomplexen, automatisierten Cockpit-Arbeitsplätzen orientiert.

BILD Boeing B 757/ 767 in der Basis der Deutschen Lufthansa Frankfurt/ Main

Deshalb fordern wir die Hochschulausbildung sowie einen anerkannten Berufsabschluß für Verkehrsflugzeugführer." Prof. Faber setzt sich deshalb auch für die Einführung einer bisher fehlenden Wissenschaftsdisziplin für die Bediener automatisierter hochkomplexer Hybridsysteme ein - der sogenannten Operatorwissenschaft. Digitale Fly-by-wire-Flugzeuge mit Sidestick und Glascockpit sind im Normalbetrieb wegen des geringen Datenanfalls an der Schnittstelle in der Bedienung sehr komfortabel. Bei Störanfällen hingegen sei in hochautomatisierten Flugzeugen auf Grund hoher Informationsflüsse eine große Qualifikationstiefe, al so ein spezielles Operatorwissen notwendig - entgegen der ursprünglichen Werbeaussagen von Herstellern, die Ausbildung reduzieren zu können. Am Beispiel "Verkehrsflugzeug" werden in Prof. Fabers Studie auch die beiden Entwicklungspfade der Automatisierungstechnik untersucht. Der Autor bekennt sich eindeutig zum menschzentrierten Weg, bei dem der Pilot im Zentrum des Mensch-Maschine-Systems ble ibt, ihm die letzte Entscheidung, die "emergency authority", bleibt. Das alternative Konzept, eine Automatisierung mit dem Ziel, den Menschen zu verdrängen, ihm nur noch Restfunktionen in Automatisierungslücken zuzugestehen, der technikzentrierte Weg, wir d abgelehnt. Er führt zur Dequalifizierung der Operatoren und zu wachsenden Gefahren bei Systemstörungen. Zentraler Aspekt ist laut Prof. Faber die Systembeherrschbarkeit durch Qualifikation. Das Human-Factor-Training gewinne bei allen komplexen Mensch-Maschine-Systemen zunehmend an Bedeutung, von den Operatoren in den Leitwarten der Kernkraftwerke über die F ührungsstände großer Schiffe, den Produktionsanlagen der Großindustrie bis zum Glascockpit der Verkehrsflugzeuge. Darüber hinaus spricht er sich für die Durchsetzung des "Regelkreises" zwischen Entwicklern, Herstellern, Ausbildern und Piloten aus. Eine Mi tgestaltung der Flugtechnik, insbesondere der Mensch-Maschine-Schnittstelle Cockpit durch die Bediener, ist laut Prof. Faber dringend geboten. Gegenwärtig wird laut Prof. Faber angestrebt, an zwei Hochschulstandorten der Bundesrepublik einen integrierten Studiengang für die Pilotenausbildung einzurichten. Auf der Grundlage der Bezugsdisziplinen (Ingenieurwissenschaften, Informatik, Automatisieru ngstechnik, Kybernetik, Ergonomie/Anthropotechnik, Ökonomie, Psychologie u. a.) sollte dort die Operatorwissenschaft als neue Forschungsdisziplin entstehen. Aus Sicht des Chemnitzer Universitätsprofessors biete selbst die TU Chemnitz-Zwickau ideale Beding ungen.


TU in die DFG aufgenommen

(St) Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung der Deutschen For-schungsgemeinschaft (DFG) wurde die TU Chemnitz-Zwickau als neues Mitglied aufgenommen. Außerdem stimmte die DFG den Aufnahmeanträgen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissen schaften, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, der Berliner Humboldt-Universität, der Universität Greifswald sowie der Universität Rostock zu. Die Zahl der Mitglieder der DFG erhöhte sich damit auf 87. Davon sind nunmehr 64 wissen-schaf tliche Hochschulen, sieben Akademien der Wissenschaften, 13 andere Forschungseinrichtungen sowie drei wissenschaftliche Verbände. Die DFG ist ein wichtiger Geldgeber für die universitäre Forschung. Etwa die Hälfte aller Drittmittel an den deutschen Universitäten werden von der DFG zur Verfügung gestellt. Entsprechend wichtig sei die Mitgliedschaft der Chemnitz-Zwickauer Alma mater i n dieser Gemeinschaft, erklärt Prof. Dr. Michael Schreiber, Vertrauensdozent der DFG an der TU Chemnitz-Zwickau. Andererseits zeige die Aufnahme auch, daß die in den letzten Jahren erfolgte Erneuerung der Struktur der TU Chemnitz-Zwickau von der DFG anerk annt wird.


Umweltmanagement für Unternehmen

(Hä) Mit einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten und von der Professur Fabrikplanung und Fabrikbetrieb der TU Chemnitz-Zwickau zu bearbeitenden Forschungsprojekt "Entscheidungs- und Gestaltungshilfen für eine umweltmanagementinteg rierte kreislauforientierte Fertigung und Fabrikplanung" will die Universität einen Beitrag zum Abbau von Umweltschutzdefiziten leisten. Es geht um die Bereitschaft praktikabler Auswahl- und Bewertungshilfen für die laufende Überplanung bzw. Neuplanung ef fizienter Produktionsprozesse mit geringstem Ressourceneinsatz und vermeidbaren Umweltbelastungen. Gleichermaßen ist daran geknüpft die Schaffung von Gestaltungskriterien für die informationstechnische und organisatorische Integration der Fertigung in ein effizientes Umweltmanagement des Unternehmens. In diesem Vorhaben mit einem Aufwand von insgesamt 423.000 Mark sind einige Chemnitzer Maschinenbauunternehmen hinsichtlich der Istanalyse und der Ergebnistestung direkt eingebunden und werden die ersten Erg ebnisnutzer sein. Neben diesem Vorhaben unterstützt die Professur die hiesige Industrie schon seit einigen Jahren bei ihren Anstrengungen um Verbesserung des betrieblichen Umweltschutzes.


Bildungsverhalten in Migrantenfamilien

An der Professur für Allgemeine Soziologie I der TU Chemnitz-Zwickau wird ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zum Thema "Bildungsverhalten in Migrantenfamilien" durchgeführt. Ausgangspunkt der Forschungsarbeit sind die Befunde der Bildungsstatistik, daß ausländische Kinder und Jugendliche gegenüber einheimischen im deutschen Schulsystem benachteiligt sind: Sie sind an Gymnasien unter- und an Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert. Bildung ist jedoch auch eine wichtige Vora ussetzung für die Eingliederung von Migranten. Die Zahlen der Bildungsstatistik erlauben keine Aussagen über Ursachen und Folgen dieser Benachteiligung. Die Analyse der Bedingungen des Bildungsverhaltens von Migranten ist Ziel des neu begonnenen Projekts. Zum Zeitpunkt der Volkszählung 1987 besuchten in Westdeutschland 848.000 ausländische Kinder und Jugendliche eine Schule, das waren etwa 12 Prozent aller Schüler. Die Ausländer verteilten sich sehr ungleich auf verschiedene Schultypen: An den Hauptschulen betrug der Ausländeranteil fast achtzehn, an Gymnasien dagegen nur vier Prozent. Die Bildungsbeteiligung der Ausländerkinder fällt jedoch regional sehr unterschiedlich aus. So waren beispielsweise im Schuljahr 1987/88 in Westdeutschland insgesamt 16,1 Prozent aller Sonderschüler Ausländer, die Extremwerte für die Bundesländer bewegten sich jedoch zwischen 26,5 Prozent (in Westberlin) und 7,0 Prozent (Schleswig-Holstein). Die teilweise beträchtlichen regionalen Differenzen weisen darauf hin, daß die Form der schulischen Versorgung nicht ohne Einfluß auf den Schulerfolg von Migrantenkin dern ist. Es hat sich immer wieder gezeigt, daß die Integration von Ausländerkindern in Regelkassen und ein breites Angebot an Gesamtschulen hohe Schulabschlüsse von Migrantenkindern begünstigt. Betrachtet man die Entwicklung der Bildungsbeteiligung von Migranten über längere Zeit, so zeigt sich eine deutliche Steigerung des Schulerfolgs der Ausländerkinder. Der Anteil ausländischer Schüler in weiterführenden Schulen gleicht sich mit zeitlicher V erzögerung ihrem Anteil an den entsprechenden Altersjahrgängen an. Die Benachteiligung der Migrantenkinder ist seit 1975 deutlich zurückgegangen, und es ist damit zu rechnen, daß sich der Trend der Angleichung an das Bildungsverhalten deutscher Kinder for tsetzt. Zur Erklärung der Benachteiligung ausländischer Kinder im Schulsystem wird häufig angeführt, daß Migrantenkinder Arbeiterkinder sind. Daher sei bei ihnen mit den gleichen schichtspezifischen Benachteiligungen zu rechnen wie bei einheimischen Arbeiterkinde rn. Der Anteil von Ausländerkindern in weiterführenden Schulen ist jedoch höher als der Anteil von Kindern deutscher Arbeiter. Häufig wird übersehen, daß das Bildungsniveau der meisten ausländischen Arbeiter höher ist als das ihrer einheimischen Kollegen. Allein die Tatsache, daß die meisten Ausländer un- oder angelernte Arbeiter sind, sagt wenig über ihren Hintergrund aus. Ein anderer Erklärungsansatz geht davon aus, daß der, verglichen mit deutschen Unterschichtkindern gute Schulerfolg der Ausländerkinder durch die günstigen Voraussetzungen in ihren Familien ermöglicht wird: Arbeitsmigranten unterscheiden sich von ihren He rkunftsgesellschaften durch ihre überdurchschnittliche Bildung und ihre Aufstiegsorientierung.

Ausländische Schüler an deutschen Gymnasien 1978- 1993

BILD

Sie legen großen Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder und haben gute Kenntnisse des deutschen Schulsystems. Diese guten Voraussetzungen und der Blick auf die zeitliche Entwicklung der Bildungsbeteiligung zeigen, daß Migrantenkinder eine bisher ungenutzte Begabungsreserve sind. Der Grund, warum Ausländerkinder bisher hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, ist die Unfähigkeit des Schulsystems, sie optimal zu fördern. Daneben sind ausländische Familien auch durch ihren unsicheren Aufenthaltsstatus dazu ge zwungen, Bildungswege zu wählen, die auch in ihrem Herkunftsland einen Aufstieg ermöglichen. Das Projekt an der TU Chemnitz-Zwickau konzentriert sich auf drei Aspekte der Bildung von Migranten: die Auswirkung der Bildung auf die Eingliederung, den Zusammenhang zwischen der Bildung der Eltern und der Bildung der Kinder und den Verlauf der Schulkar riere von Migrantenkindern. Zunächst soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle Bildung bei der Eingliederung von Arbeitsmigranten spielt. Dimensionen von Eingliederung sind beispielsweise die Kenntnis der Sprache des Aufnahmelandes, private Kontakte zu Einheimischen und eine dauerhafte berufliche Eingliederung. Bisher lassen sich folgende Arbeitsthesen aufstellen: Die Geschwindigkeit der Eingliederung von Arbeitsmigranten hängt vor allem von ihrem Bildungsniveau ab. Unterschiede im Grad der Eingliederung zwischen einzelnen Nationalitäten beruhen fast ausschließlich auf Unterschieden im Bildungsniveau. Kulturelle Unterschiede sind dagegen eher unbedeutend. Die zweite Frage ist die nach der Auswirkung der Bildung der Eltern auf die Bildung der Kinder: Haben Kinder gut ausgebildeter Eltern mehr Erfolg in der Schule als solche von weniger gut gebildeten, und wenn ja, wie funktioniert diese "Vererbung" des Bild ungserfolgs. Der dritte Aspekt betrifft den Verlauf der Schulkarriere von Ausländerkindern. Hier soll der Frage nachgegangen werden, wer wann und warum aus dem Bildungsprozeß ausscheidet. In diesem Zusammenhang wird untersucht, ob sich die folgenden Thesen aufrechterh alten lassen: Die frühe Einreise von Ausländerkindern und eine möglichst ununterbrochene Schulkarriere sind wesentliche Voraussetzung ihres Schulerfolgs. Neben dem familiären Hintergrund haben institutionelle Faktoren wie die Form der schulischen Versorgung und rechtliche Rahmenbedingungen großen Einfluß auf das Bildungsverhalten von Ausländerkindern. Die Untersuchung der Forschungsfragen wird mit den Daten des Sozioökonomischen Panels durchgeführt, einer jährlich stattfindenden Wiederholungsbefragung, die seit zehn Jahren in den alten und seit 1990 auch in den neuen Bundesländern durchgeführt wird. Di eser Datensatz ist für das Projekt besonders geeignet, weil auch die Mitglieder von 1.400 Haushalten mit ausländischem Haushaltsvorstand befragt wurden. Darüber hinaus stellt er detaillierte Informationen über den Schulbesuch auch von minderjährigen Kinde rn zur Verfügung.

Prof. Dr. Bernhard Nauck, Heike Diefenbach M.A.,
Dipl.-Päd. Kornelia Petri
Philosophische Fakultät


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HTML-Version von Ralph Meyer, 10. Oktober 1995