TU Spektrum 3/1995
* Magazin der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau *

FORSCHUNG


Konfigurierbare Technische Elemente

Eines der größten Hindernisse bei der Integration von CAD/CAP/CAM ist die rein geometrieorientierte Darstellung des Produktes in CAD-Systemen. Deshalb wurde im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprogrammes der TU Chemnitz-Zwickau und der Universität Hannover ein gemeinsames Datenmodell für Konstruktion und Arbeitsplanung zur Beschreibung prismatischer Werkstücke entwickelt. In diesem können alle fertigungsrelevanten Informationen, einschließlich Toleranzen und Oberflächenangaben, berücksichtigt werden. Durch den objektorientierten Aufbau des Modelles aus sogenannten "Technischen Elementen" und Hilfselementen ist es möglich, diese Informationen den der Konstruktion zeitlich nachgelagerten Bereichen zur automatischen Weiterverarbeitung zur Verfügung zu stellen. Zur Sicherstellung einer gültigen Werkstückbeschreibung wurden elementbezogene Gestaltungsregeln in das Datenmodell integriert, welche die Berücksichtigung und Darstellung geometrischer sowie allgemeiner fertigungstechnischer Anforderungen gestatten. Um das Datenmodell in der Konstruktion anwenden zu können, wurde ein Konzept zur Implementation eines kommerziellen CAD-Systems in ein neu zu schaffendes featureorientiertes CAD-System (FOCS) entwickelt. Die Werkstückmodellstruktur wird im relationalen Datenbankmanagementsystem SyBase umgesetzt. Als Geometriemodellierer wird der Modellierungskern des CAD-Systems ICEM Verwendung finden. Das Konstruktionssystem FOCS wird beim Starten mit der gewünschten Elementbibliothek initialisiert. Es besitzt somit keinen festen Grundvorrat an Technischen Elementen. Damit sind nicht nur die Technischen Elemente des Datenmodelles konfigurierbar, sondern auch das System selbst. Auf diese Weise kann das System verschiedenen Branchenspezifika Rechnung tragen.

Sigrid Löbig
Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik


Neuer Sonderforschungsbereich der DFG in Chemnitz

(St) Mit einem Förderumfang von insgesamt 17,87 Millionen Mark finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 01. Juli 1995 in Sachsen zwei neue Sonderforschungsbereiche. Mit diesen bestätigten Projekten erhöht sich die Anzahl der Sonderforschungsbereiche an sächsischen Universitäten insgesamt auf fünf. Zu den neu eingerichteten Förderobjekten gehört auch der Sonderforschungsbereich "Prozeßketten der Massivumformung unter Aspekten der Produktivität und Umweltverträglichkeit", an dem Wissenschaftler von zwölf Professuren der Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik der TU Chemnitz-Zwickau sowie aus dem Chemnitzer Fraunhofer-Institut für Umformtechnik und Werkzeugmaschinen (IUW) zusammenarbeiten werden. Entsprechend den Vorgaben der DFG wird dieses Vorhaben im ersten Bewilligungszeitraum von drei Jahren mit insgesamt 8,4 Millionen Mark gefördert. Seine Zielstellung ist die ganzheitliche Untersuchung umformtechnischer Prozeßketten unter Einbeziehung der Fachgebiete Festkörpermechanik, Werkstoffwissenschaften, Schmierungs- und Beschichtungstechnik, Umformverfahren, Schweißtechnik, Werkzeugmaschinenkonstruktion, Regelungstechnik, Fertigungsmeßtechnik und Fertigungsprozeßgestaltung. Aufbauend auf der durch eine sehr große Materialausnutzung und geringen spezifischen Energieverbrauch begründeten besonderen Bedeutung der Umformtechnik als Fertigungsverfahren werden bereits genutzte, aber auch neu- und weiterzuentwickelnde Fertigungsprozesse sowohl unter produktiven, als auch unter umweltspezifischen Aspekten untersucht. Damit wird z. B. eine Bewertungsmöglichkeit für umformtechnische Prozeßketten und Produkte nach Produktivität, Qualität und Umweltverträglichkeit geschaffen. Wie Prof. Dr. Holger Dürr, Sprecher des Sonderforschungsbereiches betont, ist die Einrichtung eines Sonderforschungsbereiches, als hochwertigste und umfangreichste Form der Forschungsförderung durch die DFG, eine große Herausforderung und gleichzeitig Ansporn für die beteiligten Wissenschaftler, aber auch eine sehr gute Möglichkeit zu einer weiteren Profilierung der Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik hinsichtlich der Entwicklung umweltverträglicher Technologien. Damit gewinnt auch die ethische Verantwortung des Ingenieurs gegenüber der Umwelt zunehmend an Bedeutung. Die im Sonderforschungsbereich erforderliche interdisziplinäre Zusammenarbeit wird sich fördernd auf die Ausbildung eines qualifizierten Ingenieurnachwuchses auswirken, aber auch dem traditionellen Maschinenbau-Standort Chemnitz zuträglich sein, versichert Dürr. Aus Sicht des Sächsischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Hans-Joachim Meyer, spreche die im Freistaat erstmalig von der DFG praktizierte Förderung eines Sonderforschungsbereiches auf dem Gebiet des Maschinenbaus für das hohe Niveau der Ingenieurwissenschaften an den sächsischen Universitäten. Dies spiegle zum einen ihre wissenschaftliche Tradition und zum anderen ihre Fähigkeit wieder, der Wirtschaft kräftige Impulse zu geben, ergänzt der Minister.


Können Zähne "korrodieren"?

Zur Beständigkeit metallischer Dentalwerkstoffe

In der konservierenden Zahnheilkunde und bei der Herstellung von festem Zahnersatz werden zahlreiche metallische Werkstoffe eingesetzt. Für Füllungen haben sich Amalgame, die aus einer durch Verpulvern, Zerspanen oder Verdüsen der Schmelze feinverteilten Metallegierung komplexer Zusammensetzung mit jeweils ungefähr der gleichen Masse Quecksilbers bestehen, bewährt. Für festen Zahnersatz (Kronen, Brücken, Inlays) und konstruktive Elemente (Befestigung von Zähnen, Träger von Teilprothesen) werden andere Legierungen oder reine Metalle eingesetzt. Da die Werkstoffe selbst bei Implantation im Kieferknochen langfristig dem korrosiven Einfluß von Speichel und anderen flüssigen Medien ausgesetzt sind, ist für die langfristige Erhaltung der Funktionalität bei gleichbleibenden mechanischen Eigenschaften eine hohe Korrosionsstabilität wichtig. Diese Forderung wird durch die Verwendung neuer Werkstoffe und die mit dem Lebensalter meist zunehmende Zahl von Füllungen, Kronen etc. im Mund bei möglichen Unverträglichkeiten zwischen den Werkstoffen und z. B. Speisenbestandteile verschärft. Da viele Bestandteile der Werkstoffe im gelösten Zustand toxisch sind, ist bei der Korrosion die Biokompatibilität der Werkstoffe wichtig. Der hohe Quecksilbergehalt hat Füllungsamalgame wiederholt in die kritische Diskussion gebracht. Zur Verminderung des Anwendungsrisikos durch Auswahl besonders korrosionsstabiler Produkte sind vergleichende Untersuchungen notwendig. Da in konventionellen Amalgamen die gamma-2-Phase (Sn8Hg) besonders korrosionsanfällig (ähnlich Bild 1a) ist, sind für einen Vergleich moderne non-gamma-2-Amalgame (Bild 1b) von Interesse. Über die Ergebnisse ihrer Untersuchung wird hier berichtet. Seit einigen Jahren werden im Zusammenhang mit gesetzlichen Maßnahmen zur Kostenbegrenzung im Gesundheitswesen vermehrt edelmetallreduzierte oder edelmetallfreie Legierungen bei der Herstellung von festsitzendem Zahnersatz etc. verwendet. Viele Hersteller bieten Legierungen sehr unterschiedlicher Zusammensetzungen an. Bei ihrer Auswahl und Verarbeitung sollten folgende Kriterien berücksichtigt werden: Ist die Legierung unter in vivo-Bedingungen ausreichend korrosionsfest? Können Inkompatibilitäten (Lokalelementbildung etc.) mit traditionellen Werkstoffen in der Mundhöhle auftreten? Sind die aus der Bearbeitung hochgoldhaltiger Legierungen bekannten Techniken unverändert anwendbar? Zu diesen Fragen werden hier Ergebnisse aus elektrochemischen Untersuchungen zusammengefaßt. Die untersuchten Legierungen können entsprechend ihren Hauptbestandteilen in Palladium-Kobalt-, Palladium-Silber-, Palladium-Kupfer-, Kobalt-Chrom- und Nickel-Chrom-Legierung klassifiziert werden.

BILD

Bild 1a: Starke Korrosionsschäden ( Lochfraß) am Amalgam Vivadent Amalcap S. A. S.

BILD Bild 1b: Keine sichtbaren Schäden zeigen sich an Heragam 48.

Um eine vergleichende Beurteilung zu ermöglichen, sind einfache Testverfahren erforderlich, die mit überschaubarem Zeit- und Mittelaufwand zumindest qualitative vergleichende Einschätzungen erlauben. Dies ist umso wichtiger, als dentale Werkstoffe teilweise ohne eine grundlegende Prüfung ihrer Eigenschaften durch neutrale Stellen auf den Markt gebracht werden können. Untersuchungen der Korrosion zahnärztlicher Amalgame haben vor längerer Zeit ergeben, daß bereits dreißig Tage nach Legen der Füllung die Korrosion überwiegend elektrochemischer Natur ist. Dies bedeutet, daß das Amalgam durch anodische Auflösung seiner Komponenten in Lösung geht, während anderenorts die kathodische Reduktion des im belüfteten Speichel stets vorhandenen Sauerstoffs stattfindet. Für eine vergleichende Beurteilung der Korrosionsstabilität sollte daher ein Verfahren geeignet sein, das von der Geschwindigkeit der anodischen Auflösung auf die Korrosionsgeschwindigkeit schließen läßt. Unter identischen experimentellen Bedingungen würde eine größere anodische Stromdichte einer schnelleren Korrosion entsprechen. Für einen solchen Vergleich ist die dynamische Messung von Stromdichte-Potential-Kurven (CV) eine wichtige Grundlage. Einschränkend wirkt dabei allerdings die Tatsache, daß die Korrosion im Mund unter stationären Bedingungen, d.h. bei einem konstanten oder sich nur sehr langsam ändernden Potential stattfindet, während die Messung der genannten Kurven in vitro (d. h. außerhalb der Mundhöhle) zeitliche Veränderungen des Potentials erfordert, die mit einer Beschleunigung der Messung zu immer kürzeren Verweilzeiten bei einem gegebenen Potential führen. Praktisch vertretbare Potentialveränderungsgeschwindigkeiten von wenigen Millivolt oder Millivoltbruchteilen in der Sekunde sind daher nur als ein Kompromiß zwischen dem Ideal der stationären Messung und der realen Forderung nach einer Messung in endlicher Zeit anzusehen. Es ist allerdings vor allem für vergleichende Untersuchungen wie den hier beschriebenen durchaus zulässig, eine endliche Durchlaufgeschwindigkeit zu wählen, wenn dies bei einem Vergleich mit Resultaten anderer Messungen berücksichtigt wird. Der besondere Vorteil der elektrochemischen Untersuchungsmethoden liegt in der Tatsache begründet, daß der Einfluß verschiedener Parameter (Zusammensetzung der Probe, der korrodierenden Lösungen, der Präparation etc.) gezielt separat und an prinzipiell unbegrenzt großen Probenzahlen studiert werden kann. Dieser Vorteil der Arbeit in vitro im Vergleich zu in-vivo-Untersuchungen wiegt die größere Praxisnähe von in-vivo-Studien vor allem bei vergleichenden Untersuchungen großer Probenzahlen auf. Beginnend mit der frischen Amalgamoberfläche wurden mit jeder Probe zehn CVs aufgezeichnet. Die Kurven waren durch einen langsamen Stromanstieg im anodischen Hinlauf und unterschiedlich ausgeprägte Strompeaks im kathodischen Rücklauf gekennzeichnet. Letztere verursacht die Reduktion der anodisch gebildeten Korrosionsprodukte. Das weitgehende Fehlen definierter Strompeaks, die bei der zyklischen Voltammetrie definierte Reduktions- oder Oxidationsprozesse anzeigen, geht auf die komplexe Zusammensetzung der Amalgame zurück. Die zahlreichen Metalle in ihnen bilden eine Vielzahl von metallischen Mischphasen mit zum Teil nur wenig bekanntem Korrosionsverhalten. Die beobachteten Ströme sind daher die Summe zahlreicher gleichzeitig ablaufender Korrosionsvorgänge. Die gemessenen zyklischen Voltammogramme lassen für die Amalgamproben die Festlegung eines Durchbruchspotentials ED (ebenfalls ein Maß für die Korrosionsanfälligkeit), ab dem eine elektrochemische Korrosion einsetzt, nicht zu. Für die vergleichende Beurteilung haben wir die anodische Korrosionsstromdichte bei ESCE = 300 mV als Grundlage für die weitere Auswertung ermittelt. Je nach Vorbehandlung der Probe (Politur, Temperung) wurden sehr verschiedene Entwicklungen dieser Stromdichte in Abhängigkeit von der Zahl der CVs gefunden. Bei der überwiegenden Zahl der Proben fiel die Stromdichte mit steigender Zyklenzahl rasch ab, da gebildete Passivschichten der zahlreichen möglichen Korrosionsprodukte das Amalgam vor weiterer Korrosion schützen. Die Temperung, mit der typische Temperaturschwankungen im Mund simuliert werden sollten, bewirkte meistens ebenso wie die Politur zu einer Verminderung der Korrosionsstromdichte. Ein Vergleich der Stromdichten im zehnten Zyklus für alle untersuchten Proben (Bild 2) zeigt deutlich die überlegene Stabilität der High Copper Single Composition (HCSC)-Legierungen im Vergleich zu den High Copper Dispersion (HCD)-Legierungen.

BILD Bild 2: Korrosionsstromdichte im zehnten Potentialdurchlauf.

Berücksichtigt man die unterschiedliche zeitliche Entwicklung der Korrosionsstromdichte in Abhängigkeit von der Zyklenzahl, so sind Amalgame wünschenswert, bei denen ein rascher Abfall der Stromdichte beobachtet wird. Dieses rasche Repassivierungsverhalten ist vorteilhaft, da bei mechanischer Beschädigung der Passivschicht das Verhalten der frischen Amalgamoberfläche die Korrosionsanfälligkeit bestimmt. HeragamR 48 und ContourR haben sich hier als deutlich überlegen erwiesen. Die geringe Zahl von Arbeiten zur Übertragbarkeit von in vitro gewonnenen Daten für Amalgame auf die in vivo-Situation begrenzt die Aussagekraft der hier gefundenen Resultate. Es erscheint für die Praxis dennoch zweckmäßig, nach den vorliegenden Meßergebnissen ein wenig korrosionsanfälliges Amalgam auszuwählen; das durch eine möglichst geringe Korrosionsstromdichte ausgezeichnet ist. Die mit den untersuchten Legierungen erhaltenen CVs sind durch einen rapiden Stromanstieg bei Überschreiten eines kritischen Potentials ausgezeichnet. Wegen der bei den Legierungen ebenfalls komplexen Zusammensetzung der Proben ist eine Zuordnung des anodischen Stroms zu einem spezifischen Korrosionsprozeß nicht möglich. Soweit reproduzierbare CVs erhalten wurden, konnte kein Einfluß des Gußverfahrens festgestellt werden. Alle Palladium-Basis-Legierungen zeigen einen passiven Bereich bis ca. ESCE = 1055 .. 1185 mV, in diesem Bereich setzt ein starker anodischer Stromanstieg ein. Die durch Tangentenbildung ermittelten Werte der Durchbruchspotentiale ED zeigt Bild 3. Die klare Erkennbarkeit eines definierten Durchbruchspotentials macht die Klassifizierung der verschiedenen Legierungen hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für Korrosion leichter.

BILD Bild 3: Durchbruchspotentiale der untersuchten Legierungen, die Balken geben den Bereich an, in dem die ermittelten Werte von ED liegen.

Während zwischen den verschiedenen Palladium-Legierungen keine für das Korrosionsverhalten aufschlußreichen Unterschiede von ED festzustellen waren, waren Nickel-Chrom- und mit Einschränkungen Kobalt-Chrom-Legierungen erheblich korrosionsanfälliger (kleinere ED). Klinische Mißerfolge beim Gebrauch der letztgenannten Materialien bestätigen dies. Die Kombination werkstoffkundlicher und elektrochemischer Verfahren zur vergleichenden Beurteilung verschiedener Materialien und des Einflusses der Verarbeitungsbedingungen erweist sich als sinnvoll und leistungsfähig.

Prof. Dr. Rudolf Holze
Fakultät für Naturwissenschaften


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HTML-Version von Ralph Meyer, 10. Oktober 1995