TU Spektrum 3/1995
* Magazin der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau *

HISTORIE


Vor 30 Jahren: Gründung der Fakultät für Elektrotechnik

BILD Sitz der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik ist noch heute der Weinhold- Bau an der Reichenhainer Straße.

Zu den jüngeren Bereichen der TU Chemnitz-Zwickau gehört die Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik. Sie nahm am 1. April 1965 - damals jedoch noch ohne den Zusatz "Informationstechnik" - ihre Tätigkeit auf. Der Anstoß für die Bildung der Fak ultät an der TH Karl-Marx-Stadt (1963-1986) resultierte aus der raschen Entwicklung der Elektronik, dem verstärkten Einsatz elektronischer Rechenmaschinen und Datenverarbeitungsanlagen, einer beschleunigten Automatisierung vieler industrieller Fertigungsp rozesse sowie den damit einhergehenden und sich immer umfangreicher gestaltenden Lehr- und Forschungsaufgaben vor allem auf den Gebieten der betrieblichen Meß-, Steuer- und Regelungstechnik.

Keimzelle für den Aufbau

Das Institut für Elektrotechnik (1955) und das neun Jahre darauf aus dieser Einrichtung hervorgegangene Institut für Regelungstechnik bildeten die Keimzelle für den Aufbau der neu gegründeten Fakultät. Deren Mitarbeiter verfügten über langjährige Erfahrun gen bei der Betreuung von Maschinenbaustudenten in elektrotechnischen Disziplinen wie Schwachstromtechnik, elektromotorische Antriebe, elektrische Messung nichtelektrischer Größen und den Grundlagen der Regelungstechnik. Speziell mit der im Studienjahr 19 59/60 begonnenen Ausbildung von Regelungstechnikern hatte die damalige Hochschule für Maschinenbau (1953-1963) auf die zunehmende Automatisierung im Maschinenbau reagiert. Der Initiator dieser Fachrichtung war Prof. Dr. Eugen-Georg Woschni, Schüler von Prof. Dr. Heinrich Barkhausen (1881-1956), der an der TH Dresden wirkte und zu den Begründern der Schwachstromtechnik zählt. Nachdem Prof. Woschni schon seit 1956 das Institu t für Elektrotechnik geführt hatte, erfolgte unter seiner maßgebenden Regie schließlich der Aufbau der elektrotechnischen Fakultät, die er als deren Dekan auch leitete.

Gründung von Instituten

Die Fakultät für Elektrotechnik setzte sich seit dem 01. Oktober 1965 aus dem Institut für Informationsverarbeitung und Rechenelektronik unter Leitung von Prof. Dr. Eugen-Georg Woschni, dem Institut für Elektronische Bauelemente unter der Leitung von Prof . Dr. Reinhold Paul, dem Institut für Regelungstechnik unter der Leitung von Prof. Dr. Alfred Pfeiffer bzw. 1966 Prof. Dr. Manfred Peschel, dem Institut für Elektrische und Mechanische Feinwerktechnik unter Leitung von Dr. Erich Bürger, dem Institut für A llgemeine Elektrotechnik unter Leitung von Dr. Karl Thiele und dem Institut für Starkstromtechnik unter Leitung von Prof. Dr. Peter-Klaus Budig zusammen. Die zu diesem Zeitpunkt vollständig im Hochschulteil Straße der Nationen untergebrachte elektrotechni sche Fakultät war in der Phase ihres Aufbaus mit vielen Problemen konfrontiert: Im Mittelpunkt der Schwierigkeiten an den Instituten stand - neben fehlender Fachliteratur, einer angespannten Arbeitskräftesituation sowie den teilweise komplizierten "Aktion en" zur Beschaffung von Ausrüstungen und Spezialgeräten - immer wieder die äußerst prekäre Raum- bzw. Werkstattkapazität. Den stark werkstattgebundenen Instituten für Allgemeine Elektrotechnik und für Elektronische Bauelemente wurden jedoch im Frühjahr 19 66 neue Unterbringungsmöglichkeiten im Hochschulteil Reichenhainer Straße zur Verfügung gestellt.

Gestaltung der Ausbildung

An der Fakultät waren Ende 1967 287 Direkt- und 70 Abendstudenten immatrikuliert. Die Anzahl der Beschäftigten belief sich auf insgesamt 103 Personen, darunter vier Professoren, zwei Dozenten und 45 wissenschaftliche Mitarbeiter. Neben dem Unterricht für Studenten des Maschinenbaus und der Ingenieurpädagogik einschließlich der in breiterem Maße weitergeführten Ausbildung von Regelungstechnikern offerierte die Fakultät Studienmöglichkeiten in den Fachrichtungen Bauelemente der Schw achstromtechnik, Informationsverarbeitung und Rechenelektronik sowie seit 1967 auch in Leistungselektronik. Alle Studenten der Elektrotechnik absolvierten mit Studienaufnahme unabhängig von ihrer Fachrichtung ein viersemestriges Grundstudium. Es folgten d er Fachstudienabschnitt, das viermonatige Ingenieurpraktikum und ein zweisemestriges mit dem Diplom abzuschließendes Spezialstudium nach dem achten Semester.

Profilierung der Forschung

Parallel zur Aufnahme des Lehrbetriebes konnte die Forschung - zum einen in engster Zusammenarbeit zwischen Instituten nicht nur innerhalb der eigenen Fakultät und zum anderen mit Betrieben - aufgebaut und durchgeführt werden. Dabei beschränkte sich die Kooperation mit der Industrie nicht nur auf die Vertragsforschung (1967: fünf Themen), sondern sie erstreckte sich ebenso auf die den Instituten staatlicherseits übertragenen Forschungsaufgaben (1967: zwölf Themen). Darüber hinaus bestanden wissenschaftliche Kontakte zu gleichgelagerten Partnereinrichtungen im In- und Ausland, beispielsweise auf den Gebieten Halbleiterbauelemente, Miniturisierungstechnik und Mikroelektronik zur TU Dresden, TH Ilmenau sowie zu Hochsch ulinstitutionen in Prag und Budapest. Bei der Profilierung der Forschung orientierten sich die Wissenschaftler an den Entwicklungen in der Datenverarbeitungstechnik; am Institut für Informationsverarbeitung und Rechenelektronik bearbeiteten sie die Anwendung der Informationstheorie in der Meß - und Regelungstechnik, die Probleme der Zeichenerkennung, die Anwendung des magnetoelastischen Effektes sowie die Informationsübertragung über lineare Kanäle. Forschungen, die sich mit Fragen der Regelungstechnik befaßten, ließen sich im wesentlichen in die Komplexe Theorie der Regelungstechnik, Pneumatik, Hydraulik und Automatisierungstechnik einordnen. Im Bereich der Allgemeinen Elektrotechnik bildeten sich zwei Komplexthemen "Digitale und analoge Grundschaltungen" und "Mehrfachleitungen in der Impulstechnik" heraus. Die Wissenschaftler des Instituts für Elektrische und Mechanische Feinwerktechnik konzentrierten ihre Kapazitäten auf die Untersuchung an Bauelementen der Feinwerktechnik und den Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung bei der Lösung konstruktiver Au fgaben. Am Institut für Starkstromtechnik kristallisierten sich die beiden Forschungskomplexe "Automatisierte Antriebe" und "Linear- und Schwingankermotoren" heraus. Die Mitarbeiter am Institut für Elektronische Bauelemente stellten ihrerseits in Zusammenarbeit mit der Halbleiterindustrie Untersuchungen zu Entwurf und Eigenschaften von MOS-Bauelementen, Höchstfrequenzbauelementen und integrierten Schaltungen an.

Reform des Hochschulwesens

Die mit Gründung der Fakultät geschaffenen Strukturen sollten jedoch nur von kurzer Dauer sein. Im Zuge der 3. Hochschulreform wurden an der TH Karl-MarxStadt die Institute und Abteilungen sowohl im Interesse eines effektiveren Ausbaus der Kooperationsbeziehungen mit der Industrie als auch zum Zwecke der Durchsetzung des "demokratischen Zentralismus " in der Planung und Leitung entsprechend ihrem Charakter in Sektionen zusammengefaßt. Bereits im Vorfeld der Strukturveränderungen gab es unter den Wissenschaftlern der Elektrotechnik verschiedenartige Vorstellungen; sie reichten vom Aufbau einer Großsek tion unter der Bezeichnung "Technische Kybernetik" bis zur Möglichkeit, drei Sektionen ("Informationsverarbeitung", "Automatisierungstechnik" und "Industrielle Elektronik") zu bilden. Schließlich wurden am 10. September 1968 durch die Bildung der Sektion Informationsverarbeitung die Institute für Informationsverarbeitung und Rechenelektronik, für Elektrische und Mechanische Feinwerktechnik sowie durch die Bildung der Sektion Automatisi erungstechnik die Institute für Regelungstechnik, für Starkstromtechnik, für Allgemeine Elektrotechnik zusammengefaßt. Das von Anfang an eng mit der Technischen Physik kooperierende Institut für Elektronische Bauelemente etablierte sich zu einem wesentlichen Bestandteil der Sektion Physik/Elektronische Bauelemente. Zu gravierenden Änderungen kam es letztendlich auch im Fakultätsaufbau der TH Karl-Marx-Stadt: Von 1968 bis 1971 wurden die Fakultäten für Maschinenbau, Technologie und Elektrotechnik unter dem Dach einer gemeinsamen Fakultät für Ingenieurwissenschaften zusammengefaßt.

Dr. Bernd Sommer,
Philosophische Fakultät (Der vorliegende Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik.)


Festakt im November

Die Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik führt am 02. November 1995 einen akademischen Festakt in der Aula des Universitätsteiles Erfenschlager Straße durch. Anlaß ist die Gründung der Fakultät Elektrotechnik vor 30 Jahren. Insgesamt verlie ßen in diesen drei Jahrzehnten ca. 5.700 Elektrotechnikabsolventen die Hochschule und etwa 580 Mitarbeiter schlossen erfolgreich eine Promotion ab. Meilensteine auf dem Gebiet der Forschung waren ab 1972 die Entwicklung batteriegespeister elektromobiler Antriebe, 1973 der Entwurf und die Herstellung der ersten integrierten CMOS-Strukturen und darauf aufbauend die Entwicklung von Uhren- und Herzschrit tmacherschaltkreisen, 1976 der Aufbau eines mikroprozessorgesteuerten Computer-Farbterminals, 1978 die Gründung des Forschungstechnikums, dem heutigen Zentrum für Mikrotechnologien, oder auch 1985 die Logiksimulation von Gatearrayschaltkreisen auf PC-Tech nik. Jüngstes Highlight ist der Ende 1994 von der DFG bestätigte erste Sonderforschungsbereich an der TU Chemnitz-Zwickau zur Thematik "Mikromechanische Sensor- und Aktorarrays". Am Festakt nehmen nahmhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft teil. Auch zahlreiche ehemalige Mitarbeiter und Absolventen der Fakultät werden an diesem Tag erwartet. Das Hauptreferat hält Prof. Hans Günter Danielmeyer, Leiter der Z entralabteilung Forschung und Entwicklung und Mitglied des Vorstandes der Siemens AG München.

Ehrendoktor für Prof. Reichl

Im Rahmen des akademischen Festaktes wird am 02. November 1995 Prof. Herbert Reichl von der TU Berlin die Ehrendoktorwürde verliehen. Mit dieser Ehrenpromotion soll seine langjährige und erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet der Mikrosystemtechnik insbesonde re seine herrausragenden Leistungen für die Aufbau- und Verbindungstechnik gewürdigt werden. Prof. Reichl ist Leiter der Fraunhofer-Einrichtung für Zuverlässigkeit und Mikrointegration Berlin.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 10. Oktober 1995