TU Spektrum 1/1995
* Magazin der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau *

STUDENTISCHES


Per Computer vom Wohnheim ins Weiße Haus

Einmalig in ostdeutschen Studentenbuden: PC-Vernetzung mit dem Rest der Welt

BILD Die Freude darüber, endlich vom Wohnheimzimmer aus per Computer in die weite Welt zu blicken, ist bei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe "Chemnitzer Studentennetz" offensichtlich.

(St) In den ersten Chemnitzer Studentenwohnheimen werden seit Dezember 1994 nicht nur folgende Fragen per Computer schnell beantwortet: Woher bekomme ich die neuesten Wetterkarten? Was wurde gerade im Weißen Haus beschlossen? Und für alle, die in Chemnitz bleiben wollen: Was wird in den Chemnitzer Kinos gespielt? Welche Veranstaltungen bieten die Studentenclubs der TU Chemnitz-Zwickau? Antwort darauf gibt das Internet. Für Studenten an der TU Chemnitz-Zwickau ist schon seit langem ein kostenloser Zugang auf dieses Netz möglich, welches vom Bund und vom Freistaat Sachsen bislang mit sechs Millionen Mark im Rahmen der Hochschulbauförderung bezu- schußt wurde. Bisher standen diese Möglichkeiten nur auf Universitätsrechnern zur Verfügung. Die unter Regie des Studentenrates der TU agierende Arbeitsgruppe Chemnitzer Studentennetz (AG CSN) hatte es sich deshalb im Juli 1994 zur Aufgabe gemacht, den Zugriff zum Internet auch im Wohnheimzimmer zu ermöglichen. Der Name Studentennetz wurde gewählt, weil die Internatsanschlüsse komplett unter Verwaltung der Studenten stehen, berichtet Frank Schöniger, Pressesprecher der AG CSN. Mit der Unterstützung des Rektorats der TU Chemnitz-Zwickau, des Universitätsrechenzentrums und des Studentenwerkes Chemnitz-Zwickau wurden bisher zwei Internate in der Reichenhainer Straße an das Uni-Rechnernetz angeschlossen. Die offizielle Einweihung des ersten Netzabschnittes erfolgte vor wenigen Wochen. "Dieses Projekt ist übrigens das erste seiner Art in den neuen Bundesländern" erklärte Professor Günther Hecht, Rektor der TU Chemnitz-Zwickau, zur Inbetriebnahme des Pilotabschnittes. Vergleichbare Vernetzungen gebe es nur an der Universität Clausthal-Zellerfeld sowie an der RWTH Aachen. Für den Rektor war es wieder einmal "verblüffend" zu was seine Studenten in der Lage sind, wenn sie ihre Fähigkeiten richtig einsetzen. Nun können bereits 120 Nutzer vom Chemnitzer Wohnheimzimmer aus mit dem Kumpel, der gerade in den USA sein Praktikum macht, schnell Post oder Forschungsergebnisse austauschen. Während ein Brief dorthin ungefähr zehn Tage unterwegs ist, braucht eine elektronische Nachricht wenige Stunden. Im Internet gibt es aber auch Diskussionsforen zu allen möglichen Themen. Wer wissen will, wie sein exotischer Vogel zu pflegen ist oder ganz einfach nur mit irgend jemanden in der Welt über die Wissenschaft plaudern will, kann dies mit Hilfe des Internets tun. Der im Moment weltweit vielbesprochene Informations-"Highway" ist damit in Chemnitz schon in Teilstücken Realität geworden, versichert Frank Schöniger. Selbst die Suche nach einer Software für einen speziellen Einsatzzweck gestaltet sich hier einfach. Meist müssen die Programme nicht einmal bezahlt werden. Da sind komplette Betriebssysteme zum Nulltarif erhältlich (Linux). Die sogenannten ftp-Server stehen für die weltweite Suche zur Verfügung. Literaturrecherchen sind auch weltweit möglich. Die Chemnitzer Universitätsbibliothek bietet natürlich ebenfalls den Zugriff auf ihre Bestände, und die Möglichkeit CD-ROM Recherchen übers Netz durchzuführen. In der Informatikbibliothek können Bücher per Computer vorbestellt werden. Das ganze ist sogar (man glaubt es kaum) leicht zu bedienen. Mit dem Programm "World Wide Web" ist der Zugriff nur noch eine Sache weniger Mausklicks. In der Zukunft soll allen Studenten der Anschluß ans Internet vom Wohnheimzimmer aus ermöglicht werden. Dies erfordert hohe Investitionen, die nicht sofort erbracht werden können. Jeder Student, dessen Privat-PC am Wohnheimnetz angeschlossen ist, zahlt deshalb eine einmalige Nutzergebühr von 50 Mark, berichtet Schöniger. Die AG CSN hofft, über dieses Finanzierungsmodell "das nötige Kleingeld" einzuspielen. Aber auch die Universität wird im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten das Projekt weiterhin unterstützen, versichert Uni-Kanzler Dr. Peter Rehling. Auch das Studentenwerk Chemnitz-Zwickau setzt sich für die Vernetzung weiterer Wohnheime ein. Sponsoren sind natürlich auch willkommen. So hat beispielsweise die NTG Network Telematic GmbH Chemnitz Netzanschlußkomponenten für 20 Personalcomputer gestiftet.


Softwarelabor mit heißem Draht zur Wirtschaft

(St) Seit der Inbetriebnahme des Softwarelabors der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften im Dezember 1994 können interessierte Studenten schon während ihres Studiums betriebswirtschaftliche Standardsoftwaresysteme kennenlernen. Eines davon ist das System R/3 der SAP AG Walldorf, welches sich nach Aussage der Wirtschaftsinformatiker der TU Chemnitz-Zwickau durch modularen Aufbau, die Online-Integration aller betriebswirtschaftlichen Funktionen und Daten im Unternehmen, eine zeitgerechte Bereitstellung aller für die betrieblichen Geschäftsvorgänge relevanten Daten und Informationen sowie eine schnelle und einfache Anpassung an sich verändernde Geschäftsprozesse auszeichnet. Mit dem R/3-Analyzer sei für die Studenten die Möglichkeit gegeben, die Abbildung von Geschäftsprozessen mit moderner und gut handhabbarer Software nachzuvollziehen sowie solche Prozesse restrukturieren und optimieren zu lernen, versichert Prof. Bernd Stöckert, Inhaber der Professur Wirtschaftsinformatik. Mit diesen Zielstellungen bieten sich für Wirtschaftsstudenten, aber auch für betriebswirtschaftlich interessierte Informatiker und Ingenieure, neue Möglichkeiten, ihr Studium praxis- und arbeitsmarktorientiert zu gestalten. Das neue Softwarelabor stößt aber auch in der regionalen Wirtschaft auf großes Interesse. Willi Ross von der Unternehmensleitung der DFA Fertigungs- und Anlagenbau- Gesellschaft mbH Chemnitz, freut sich, daß die Studenten u. a. am System R/3 ausgebildet werden. Da die DFA auch auf dieses System gesetzt hat, ergeben sich "ideale" Anknüpfungspunkte für Praktika, Diplomarbeiten bzw. gemeinsame Forschungsprojekte. Prof. Stöckert erhofft sich von dem neuen Labor aber auch Erkenntnisse, auf denen zukünftige Softwareprodukte basieren können. Gemeinsame Projektseminare von Professuren der TU sollen dies unterstützen.


Sächs. Textilmaschinenbau braucht Nachwuchs

BILD Prof. Dr. Klaus Nendel (r.), Professur Fördertechnik, erhielt auch zum "Tag der offenen Tür" im Januar zahlreiche Anfragen zu Studienmöglichkeiten im Maschinenbau

(St) Der Textilmaschinenbau ist ein wichtiges Standbein der Wirtschaft in Sachsen. Das war die einhellige Aussage einer Beratung, zu welcher der Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Prof. Dr. Klaus-Jürgen Matthes, die Geschäftsführer wichtiger Betriebe des sächsischen Textilmaschinenbaues eingeladen hatte. Prof. Ulrich Liebscher vom Institut für Textilmaschinen i.G. legte dar, daß alle nach 1989 im Hauptfach Textilmaschinen ausgebildeten Studenten eine fachgerechte Tätigkeit in der Industrie aufnehmen konnten und ständig Anfragen, insbesondere aus Textilmaschinenbaubetrieben der alten Bundesländer, vorliegen. Ein positives Fazit. Der Leiter für Erzeugnisentwicklung des Chemnitzer Spinnereimaschinenbaues, Rolf Hechtl, erklärte, daß er vom gut ausgebildeten Entwicklungsingenieur sowohl ein fundiertes Grundwissen als auch fachspezifische Kenntnisse der Textiltechnik erwarten muß. Dabei seien auch solche Fähigkeiten und Qualifikationen von den zukünftigen Führungspersönlichkeiten gefordert, die sie befähigen, auf die spezifischen Kundenwünsche auf dem Textilmaschinenmarkt reagieren zu können und diese Anforderungen in den Entwicklungs- und Produktionsabteilungen durchzusetzen vermögen, betonte Steffen Müller-Probandt, Geschäftsführer der BARMAG Spinnzwirn Chemnitz. Es wurde von den Geschäftsführern übereinstimmend eingeschätzt, daß sich gegenwärtig ein Generationswechsel in den Entwicklungsabteilungen und Führungsetagen vollzieht, so daß gegen Ende dieses Jahrzehnts, über 200 universitär ausgebildete Hochschulabsolventen in den sächsischen Textilmaschinenbaubetrieben benötigt werden. Das erfordert, daß sich im Studiengang Maschinenbau die Studenten nach dem Vordiplom auch für das Hauptfach Textilmaschinen entscheiden sollten. Aus Sicht der sächsischen Textilmaschinenbetriebe beläuft sich dieser Bedarf auf jährlich zehn bis 15 Absolventen. Der Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle der IG Metall Chemnitz, Sieghardt Bender, betonte, daß eine der wichtigsten Aufgaben in der Gegenwart darin besteht, bei ausreichend vielen Abiturienten eine "Spannung" zur Bewerbung für ein Maschinenbau-Studium zu erzeugen. Beispielsweise sollen Betriebsbesichtigungen für Schüler der Gymnasien organisiert werden, wo den Abiturienten an Ort und Stelle die interessanten Aufgaben eines Ingenieurs, aber auch die technischen Meisterleistungen der Textilmaschinen gezeigt werden.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 7. April 1995