Eine hochviskose Flüssigkeit beim Umfließen einer 900-Kante.
(St) Daß Fahrzeuge um die Ecke biegen können, ist selbstverständlich - vorausgesetzt der Fahrer ist nüchtern und es ist kein Glatteis auf der Fahrbahn. Daß aber Flüssigkeiten um die Ecke biegen können, ist nicht selbstverständlich. Für die Chemnitzer Strömungsmechaniker sind derartige Flüssigkeiten keine Zauberei, versichert Prof. Dr. Nuri Aksel vom Lehrstuhl Strömungsmechanik der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau und betont im gleichen Atemzug, daß dies "hochgetrimmte Strömungsphysik" sei. Die Flüssigkeiten, die derartiges vollbringen, sind 5.000 mal zäher als Wasser. Die Strömungsgeschwindigkeiten sind dabei so gering, daß man von "schleichenden" Stömungen (engl. creeping flow) spricht, ergänzt der Hochschulprofessor. An einer speziell dafür konzipierten Anlage für "Filmablaufströmungen" untersucht Prof. Aksel das Verhalten von schleichenden Strömungen um eine Ecke. Hierbei nimmt er dünne Filmströmungen mit seiner Lasermeßtechnik unter die Lupe. Die "Filmablaufströmungen" betont Prof. Aksel, sind ein elementarer Bestandteil der Verfahrenstechnik. Sie treten in vielen technischen Prozessen, wie z. B. bei der Erstellung von Tonträgern, bei Druck-Beschichtungsprozessen, Kühlaggregaten und Reaktoren auf. Dieses Forschungsvorhaben wird unter dem Kennwort "Filmablaufströmungen" von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für zwei Jahre gefördert. Aus dem Vorhaben erhofft sich Prof. Aksel neben dem Erkenntniszuwachs in der Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Strömungsphysik auch einen Fortschritt im Hinblick auf die Verfahrenstechnik. Die Verfahrenstechnik der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau spielt beim Aufbau in Sachsen eine sehr große Rolle, versichert Prof. Aksel. Verfahrensingenieure können im Anlagenbau, in der Großchemie, im Maschinenbau, in der Elektroindustrie und in der verarbeitenden Industrie zum Einsatz kommen.
Prof. Dr. Alfred Rütten, Dr. Volkmar Ludwig (Amtsarzt Zwickau), Prof. Siegfried Böthig (Chefarzt Heinrich-Braun-Krankenhaus) auf der ersten Zusammenkunft der Planungsgruppe (v.l.n.r.)
Der sächsische Kultusminister Dr. Matthias Rößler war zunächst etwas überrascht, als ihm in der MDR-Talkshow "Dresdener Gespräche" zum Thema "Wie ist Sport noch finanzierbar?" mit Prof. Dr. Alfons Rütten der neue Lehrstuhlinhaber für Sportsoziologie/-psychologie an der TU Chemnitz-Zwickau gegenübersaß: "Ich wußte gar nicht, daß es in Chemnitz einen Sportsoziologen gibt" so der Minister. Dies wird sich nach Vorstellung von Prof. Rütten bald ändern. Aus der Überraschung soll Selbstverständlichkeit werden. Rütten möchte den wissenschaftlichen Elfenbeinturm verlassen und die Verflechtung von Universität und Region, die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik vorantreiben. Handlungsbedarf hierfür gibt es genug: Gegenwärtig besteht im "Osten Deutschlands noch die Chance, die alten Bundesländer links zu überholen, indem man, was dort jetzt problematisiert wird und wo festgefahrene Strukturen existieren, nicht noch einmal reproduziert, sondern daraus Lehren zieht und gleich auf einer höheren Ebene des Problemverständnisses ansetzt." Das sagte Rütten kurz nach Übernahme seiner Professur vor gut fünf Monaten in der "Freien Presse". Was hat sich in dieser Zeit getan? Zunächst muß man davon ausgehen, daß die festgefahrenen Strukturen im Osten Deutschlands weiter reproduziert werden. Es fehlten entweder bisher die Kräfte, die diesem Kurs entgegen steuern können bzw. wirkten diese Kräfte bisher vereinzelt und damit wenig effizient. Da festgefahrene Strukturen in einem umfassenden Sinne regelrecht krank machen, projektierte Prof. Rütten ein Vorhaben unter der Bezeichnung: "Gesunde Regionen in internationaler Partnerschaft". Die Utopie sieht so aus: Nach Feierabend tummeln sich Kinder und ihre Eltern auf familienfreundlichen Sportplätzen im Wohngebiet, multifunktionale Sportanlagen entwickeln sich zu Zentren des Freizeitlebens im Stadtteil. Einwohner, Stadt-, Verkehrsplaner, Sportwissenschaftler und Gesundheitsbehörden beraten gemeinsam, wie man krankmachende Lebensbedingungen schrittweise reduzieren, beseitigen und schließlich in gesundheitsfördernde umwandeln kann. Zur Realisierung dieser Utopie bedarf es konkreter Taten von Menschen, die über den eigenen "Verwaltungszaun" hinwegschauen können und die konzertiert abgestimmt vorgehen. Das vollzieht sich gegenwärtig in verschiedenen Projekten auf der ganzen Welt in internationaler und nationaler Vernetzung. Die Projektkonzeption für die Region Chemnitz-Zwickau weist diese Konzentrationspunkte auf. Wissenschaft - in unserem Fall die Sportsoziologie - wird zur angewandten, praxisberatenden und möglichst praxisverändernden Wissenschaft. Modellhaft werden innerhalb des Projektes verschiedene Vorhaben verwirklicht, die als grundlegend und wesentlich für eine Gesundheitsförderung in der heutigen Zeit zu betrachten sind (Ansatz: "Healthy City"). Projektgegenstände sind in ihrer Komplexität und "natürlichen" Vernetztheit die Entwicklung des öffentlichen Gesundheitssystems, die Wirtschaftsentwicklung und die Gesundheitsförderung, die Reintegration der Kultur, die Gesundheitsförderung in Schule und Universität, gesundheitsförderliche Sport- und Freizeitentwicklung, Wohnsanierung, Stadtentwicklung und die gesunde Gemeinde. Die Integration von Region, Wissenschaft und Gesundheitsförderung ist dabei der tragende Gedanke. Dabei wird und muß in Kauf genommen werden, daß Überholtes in Frage zu stellen ist, daß man sich auch in die Politik einmischen muß. Die ersten Schritte zur Verwirklichung dieser Vision wurden bereits gegangen. Das Projekt "Gesunde Regionen in internationaler Partnerschaft" hat nun einen sehr vielversprechenden Auftakt genommen. Es gelang, ein Netzwerk von Universität (mehr als zehn Professuren beteiligt) und Region (Entscheidungsträger aus dem politisch-administrativen Bereich, aus Gesundheit, Kultur, Wirtschaft, etc.) aufzubauen, das es nun weiter auszugestalten gilt. Die zentrale Planungsgruppe (siehe Foto) traf sich bereits zweimal an der TU in Chemnitz, nachdem vielfältige persönliche Kontakte mit Verständigungscharakter stattfanden. Die notwendigerweise komplexe Pluralität der einzelnen Vorhaben wird von Personen repräsentiert, die für die einzelnen Projektgegenstände stehen. So sitzt die Künstlerin neben dem Wirtschaftsberater, der Studentenpfarrer neben dem Sportwissenschaftler, der Chefarzt eines Krankenhauses neben der Vertreterin eines Umweltzentrums, der Soziologe neben den Vertretern der Gesundheitsämter usw. In dieser ersten Zusammenkunft lernte man sich kennen und verständigte sich über die Projektphilosophie. Es wurden die Konturen der ersten Modellvorhaben vorgestellt und diskutiert. Das große Ziel ist die "Gesunde-Regionen-Konferenz" am 28. und 29. April 1995 in Chemnitz. Diese Konferenz ist praktisch der scharfe Start des gesamten Projektes. Bis dahin bleibt noch viel zu tun - allein das Verlassen des Elfenbeinturms Wissenschaft wird von allen Beteiligten ein methodologisches Umdenken, ein vernetztes Handeln, effiziente Organisationsformen und kameradschaftlich offene Kooperationsweisen, Integrativität und wirkliche Interdisziplinarität fordern. Das kann interessant und spannend werden. Dr. Lothar Rausch Philosophische Fakultät