"Mit dem Auto in die Stadt - oder doch lieber mit dem Bus?" Welche Anforderungen Ältere an eine Kombination individueller und öffentlicher Verkehrsmittel stellen, wird im Forschungsprojekt ANBINDUNG ermittelt.
Der Anteil und die Anzahl Älterer an der Bevölkerung in der BRD wird aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. 1990 war jeder Zehnte über 60 Jahre alt, im Jahr 2000 wird jeder Vierte über 60 Jahre und im Jahre 2030 werden 34 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein. Aufgrund bestimmter Siedlungsgewohnheiten in der Nachkriegszeit, der Tendenz "ins Grüne" zu ziehen, lebt ein großer Anteil der jetzt älteren Menschen in ländlichen Gebieten oder in der Peripherie von Ballungsräumen. Da Freizeit-, kulturelle und Dienstleistungsangebote meist in den Innenstädten konzentriert sind, gleichzeitig aber die Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln in den oben angesprochenen Gebieten geringer ist, sind diese älteren Personen darauf angewiesen, Fahrten mit dem eigenen PKW in die Innenstädte bzw. Zentren der Ballungsräume zu unternehmen, wenn sie weiterhin am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen möchten. Aus dieser Sachlage heraus untersuchen Forscher der Professur Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der TU Chemnitz-Zwickau (ehemaliger Leiter: Prof. Dr. Ulrich Tränkle ) "Anforderungen Älterer an eine benutzergerechte Vernetzung individueller und gemeinschaftlich genutzer Verkehrsmittel". Das Hauptziel dieses vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanzierten Forschungsprojektes ist die Gestaltung einer Schnittstelle von Individual- und öffentlichem Personennahverkehr, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt ist. Innerhalb der Gruppe älterer Menschen nimmt die Verfügbarkeit von PKW und Führerschein zu. Es ist also mit einer stärkeren Verkehrsbeteiligung Älterer in den kommenden Jahren zu rechnen. Untersuchungen zeigen, daß für Ältere die Bewältigung komplexer Aufgaben schwieriger ist, daß Entscheidungen unter Zeitdruck schwerer fallen. Gerade dieses sind Merkmale des innerstädtischen Verkehrsgeschehens. Diese Bedingungen empfinden ältere Menschen als belastend und versuchen, sie zu vermeiden. Öffentliche Verkehrsmittel stellen für Ältere keine gute Alternative zu Fahrten mit dem eigenen PKW dar, da gegenwärtig und zukünftig aus finanziellen Gründen keine umfassende Versorgung der ländlichen Gebiete bzw. der Peripherie von Ballungsräumen realisierbar scheint. Außerdem entspricht der geringe Komfort (Umsteigen, Transport von Lasten, Beschaffung von Informationen über Fahrpläne, Anschlußverbindungen etc.) nicht den Bedürfnissen älterer Menschen. Deshalb soll mit diesem Forschungsprojekt eine speziell auf Ältere abgestimmte Schnittstelle von Individual- und öffentlichem Nahverkehr gestaltet werden, so daß es für sie möglich wird, mit dem eigenen PKW bis zum Stadtrand und von dort mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bis zum Stadtzentrum zu fahren. Ein weiterer Aspekt des Projektes zielt auf die Erleichterung der Informationssuche und -beschaffung, z. B. "Mobilitätsberatung". Die Projektbearbeitung erfolgt in mehreren Schritten. Erstens wird eine Übersicht zu bereits praktizierten Modellen der Kombination von öffentlichem und Individualverkehr (Park-and-Ride-Systeme, Sammeltaxis, Rufbusse u. ä.) und gegebenenfalls zu bestehenden "Mobilitätszentralen" erstellt. Im Weiteren erfolgt ein Vergleich der Gruppen von Älteren, die in ländlichen bzw. in Ballungsräumen leben, jeweils in den alten und neuen Bundesländern. In einem zweiten Schritt werden je 20 Ältere zur Ermittlung des Bedarfes an Verkehrsmittelkombinationen unter Einsatz von Aktualisierungstechniken befragt. Der dritte Schritt stellt eine Schwachstellenanalyse dar. Es werden je 20 Ältere zu Problemen der Schnittstelle von Individual- und öffentlichem Nahverkehr nach der Critical Indcidents Technique von Flanagen (1954) befragt. Begleitende Beobachtungen mit Videoaufzeichnungen werden im Verkehrsgeschehen selbst durchgeführt. Viertens werden konkrete Gestaltungsvorschläge für die Schnittstelle von Individual und öffentlichem Nahverkehr abgeleitet und experimentell erprobt. Eine Mobilitätsberatungsstelle wird simuliert und mit 20 älteren Personen getestet. Nähere Informationen erteilt Ursula Schwenkhagen, Telefon: 0371/531-40 90.
Ursula Schwenkhagen
Philosophische Fakultät