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Als ein Ottomotor Dynamos antrieb
120 Jahre Elektrotechnik an der Chemnitzer Universität und ihren Vorläufern

1879 gründeten Werner von Siemens und der spätere Generalpostmeister Heinrich von Stephan den Elektrotechnischen Verein, Berlin (ETV). Mit dessen Vereinsjournal - der Elektrotechnischen Zeitschrift (ETZ), die seit 1880 erschien, - hatte sich Werner von Siemens ein "Sprachrohr" geschaffen , wie er seinem Bruder Karl mitteilte.
Warum gerade zwei Professoren, die in Chemnitz gearbeitet hatten bzw. noch arbeiteten - Prof. K. Ed. Zetzsche an der Gewerbeschule und Prof. Richard Rühlmann am Gymnasium Hohe Straße - unter den ersten Chefredakteuren dieser Plattform der damaligen elektrotechnischen Welt waren, lässt sich nur vermuten.
Rühlmanns Onkel Christian Moritz, der von der Chemnitzer Gewerbeschule an die TH Hannover berufen wurde, war Gründungsmitglied des ETV. Chemnitz hatte seit 1874 - Pöge - und 1876 - Max Kohl - elektrotechnische Firmen. Werner von Siemens hatte mit Unterstützung des Chemnitzer Oberbürgermeisters Dr. Wilhelm Andrè die Reichspatengesetzgebung auf den Weg gebracht, wusste also mit Sicherheit von der Innovationskraft dieser Industriestadt und ihrer Einrichtungen.
Die Wahl dieser Chefredakteure hängt aber wohl unmittelbar mit Prof. Adolf Ferdinand Weinhold (1841-1917) zusammen, der sich sehr früh bemühte den Physikunterricht mit dem schmalen Kapitel der klassischen Elektrizitätslehre - Reibungselektrizität usw. - in Richtung einer ingenieurmäßigen Elektrotechnik zu erweitern. Schon 1876 korrespondierte er mit Werners Bruder William, der die Geschäfte von Siemens & Halske in London führte, über eine Reise dorthin. Die persönliche Einladung Weinholds auf Schloss "Sherwood", den Wohnsitz Williams, ist im Archiv der Technischen Universität erhalten (siehe Foto). 1879 bis 1882 besuchte er die Physikalischen Kabinette seiner Fachkollegen in Süddeutschland und der Schweiz sowie diverse internationale Ausstellungen mit elektrotechnischen Exponaten, um die Lehre dieser neuen Disziplin vorzubereiten. Als Werner von Siemens 1881 öffentlich eine Ausbildung in der Elektrotechnik an Hochschulen und Universitäten forderte, saß man in Chemnitz schon in den Startlöchern.
1882 - zeitgleich mit den Technischen Hochschulen in Darmstadt und Stuttgart, die einen Lehrstuhl für Elektrotechnik unter Prof. Kittler bzw. Prof. Dietrich einrichteten, und noch vor Berlin-Charlottenburg (Prof. Slaby) - bot Prof. Weinhold in Chemnitz Elektrotechnik

Prof. Adolf Ferdinand Weinhold (1841-1917) im Jahr 1891. Foto: Universitätsarchiv

als Wahlfach für Hörer der Gewerbeschule und der Werkmeisterschule an! Über die Mühen der Vorbereitung - es gab ja keine Vorbilder - berichtet Weinhold am 24. 8. 1882 in seiner umfangreichen Korrespondenz mit Ernst Abbe in Jena, mit dem er als Freund und wissenschaftlicher Kollege in regem Gedankenaustausch steht. Im Lehrplan der Gewerbeschule heißt es fortan bei den Wahlfächern: "Elektrotechnik mit Ausschluß der Telegraphie (wöchentlich drei Stunden im Winterhalbjahr). Kurzer Abriß der Lehre von der Electrizität und vom Magnetismus; Einrichtung, Wirkungsweise, Verwendung und Untersuchung dynamoelektrischer Maschinen; elektrische Beleuchtung und Krafttransmission; Accumulatoren.” Weinhold beschafft einen Ottomotor als Antrieb für Dynamos. Über den Unterricht hinaus sind 1884 der erste, 1890 alle Zeichensäle der Lehranstalt elektrisch beleuchtet.
Die Hörerzahlen wachsen von Jahr zu Jahr, und nach zehn Jahren gelingt es Weinhold, unterstützt vom Direktor Rudolf Berndt, die Elektrotechnik zu einer eigenen Abteilung an der Gewerbeschule zu emanzipieren.
Nur wenige Lehranstalten auf der Welt blicken auf eine so lange Tradition in dieser Branche zurück. Prof. Weinhold fand in den Präzisionsmechanikern G. Lorenz und Max Kohl sowie in den Unternehmern -des Telegraphenbaus und der Starkstromtechnik Hermann und Willy Pöge - Fabrikgebäude noch heute auf der Paul-Gruner-Straße - kooperationsfreudige industrielle Partner.
Mehrere Dutzend von Gerätekonstruktionen Weinholds finden sich in den Produktkatalogen der Firma Max Kohl, über die er seinerseits auch in der ETZ berichtet.
Auch der Chefkonstrukteur der führenden elektrotechnischen Firma in Dresden, O. L. Kummer & Co, E. G. Fischinger, der von Pöge an die Elbe wechselte, verdankt sein Wissen den Weinholdschen Aktivitäten. Weinhold war es auch, der nach der beeindruckenden

 
Persönliche Einladung Werner von Siemens im Jahr 1876 an Prof. Adolf Ferdinand Weinhold auf Schloss "Sherwood". Quelle: Universitätsarchiv


Drehstromfernübertragung von Laufen am Neckar nach Frankfurt/Main zur Internationalen elektrotechnischen Ausstellung 1891 für eine Drehstromkraftzentrale in Chemnitz plädierte.
Das 1893/94 in Chemnitz errichtete Elektrizitätswerk - das Gebäude ist nahe der AOK noch zu erkennen - war das dritte auf Drehstrombasis, das von Siemens & Halske überhaupt geliefert wurde. Auch Weinholds Assistent und Nachfolger Prof. Kollert nahm wie Weinhold am Vereinsleben des ETV und als Autor in der ETZ regen Anteil am Erfahrungsaustausch, zu dem sich die elektrotechnische Elite aus Wirtschaft und Wissenschaft traf. Beide haben die Messlatte für die elektrotechnische Lehre und Forschung in Chemnitz hoch gelegt.

Dr. Jochen Haeusler,
Ex-Siemens-Chef in Chemnitz,
Stephan Luther,
Universitätsarchiv

 
   
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