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Brauchen deutsche Unis "Graduate Schools"?
Chemnitzer Physikprofessor plädiert für neue Ansätze in der Graduiertenausbildung

Prof. Dr. Christian Borczyskowski vergleicht die Graduiertenausbildung in Australien mit der in Rußland und denkt über die Einrichtung von "Graduate Schools" an deutschen Hochschulen nach.
Foto: Mario Steinebach

 

Während seines Forschungsfreisemesters besuchte Prof. Dr. Christian von Borczyskowski für drei Monate die "Research School of Physical Sciences and Engineering" an der Australien National University in Canberra. Im Mai 2002 nahm er an einer Promotiontour des DAAD im Rahmen des Programms "Gate Germany" nach Moskau, Ekatarinburg und St. Petersburg teil. Er berichtet über seine Erfahrungen bezüglich der Graduiertenausbildung in diesen beiden sehr unterschiedlichen Ländern.

Universitäten leben von der Einheit von Forschung und Lehre. Diese Einheit gewährleistet, dass sowohl Forschung als Grundlage für Innovationen dient als auch eine am neuesten wissenschaftlichen Standard orientierte Ausbildung vermittelt werden kann. Deutsche Universitäten gehören trotz aller Kritik zu den weltweit führenden wissenschaftlichen Einrichtungen. Allerdings ist diese Position durchaus in Gefahr und zwar nicht nur auf Grund immer enger werdender finanzieller Rahmenbedingungen, sondern vor allem auch wegen des Mangels an qualifiziertem wissenschaftlichem Nachwuchs. Dass dieser Mangel vor allem in den mathematisch-naturwissenschaftlichen und Ingenieurbereichen anzutreffen ist, haben deutsche Universitäten mit allen hoch entwickelten Industrieländern gemeinsam. Dass darüber hinaus dieser Mangel angesichts der Entwicklung der Geburtenrate in Sachsen zunehmen wird, ist zu befürchten. Damit wären nicht nur ganze Ausbildungsbereiche in Frage gestellt, sondern Wissenschaft als Motor innovativer Entwicklungen schlechthin. Hier gilt es, seitens der Universitäten alternative Konzepte zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vor allem im Bereich der Graduiertenausbildung zu entwickeln. Ein Blick auf die internationale Situation ist hierbei sicher hilfreich. An zwei internationalen Erfahrungen soll diese verdeutlicht werden: Die Australien National University in Canberra ist im Bereich der Naturwissenschaft die führende australische Universität und gehört zu den weltweit anerkannten Spitzenuniversitäten.

 

Neben der Faculty of Science, die Forschung einschließlich Doktorandenausbildung und Lehre im Rahmen von Bachelor- und Masterstudiengängen betreibt, gibt es eine "Research School of Physical Sciences and Engineering". Die Research School ist derzeit in acht Forschungszentren (Departments) gegliedert, deren Forschungsgebiete von "Electronic Materials Engineering" bis zu "Applied Mathematics" reichen. Insgesamt arbeiten etwa 75 Wissenschaftler an der Research School. Sie betreuen 70 Doktoranden, führen aber keine "undergraduate" Ausbildung durch. Pro Jahr verbringen 100 Gastwissenschaftler (Visiting Fellows) und 45 Gast-Studenten (Visiting Scholars), längere oder kürzere Aufenthalte an der Research School.
Für die Ausbildung der Doktoranden ist neben der Betreuung durch die jeweiligen Wissenschaftler ein "Associate Director (Mitglied des Fakultätsrates) for student affairs" für die kontinuierliche Studienberatung der Doktoranden und ein Studienprogramm zuständig. Dieses Studienprogramm wird insbesondere in der Anfangsphase einer Promotion genutzt, um in die Arbeitsgebiete und Methoden der Research School durch gezielte Lehrveranstaltungen einzuführen. Die Etablierung eines entsprechenden Lehrprogramms wird dadurch erleichtert, dass in der Regel ein Promotionsstudium zu einem jährlich festgelegten Zeitpunkt nach Abschluss der entsprechenden Masterstudiengänge beginnt. Zuvor finden Informationsveranstaltungen über mögliche Promotionsthemen sowie "Tage der offenen Tür" statt, die es auch externen Interessenten erleichtern, einen entsprechenden Promotionsplatz zu finden, dessen Finanzierung weitgehend durch Drittmittel erfolgt. Neben der fachlichen Weiterbildung werden soziale Begegnungen und Preise für die besten Publikationen organisiert. Es findet jährlich ein Wettbewerb um die besten Seminarvorträge durch Promovenden statt. Während der gesamten Promotionszeit ist der zuständige "Associate Director" Ansprechpartner für die Promovenden. Gegebenenfalls ist er behilflich bei einem Wechsel des Promotionsthemas. Eine solche Form der Betreuung mag vielen deutschen Wissenschaftlern als zu verschult vorkommen. Meine Beobachtungen zeigen jedoch, dass eine solche Organisationsform eine große Identifikation sowohl der Promovenden mit der "School" als auch der gesamten "School" mit "ihren" Doktoranden hervorbringt. Die im engeren Sinne wissenschaftliche Betreuung findet in der gleichen Weise und mit vergleichbaren Ansprüchen wie an deutschen Universitäten statt. Der Vorteil einer solchen Ausbildung besteht in der Stärkung der interdisziplinären Kompetenz und einer stärkeren sozialen Integration, was zu kürzeren Promotionszeiten unter Beibehaltung eines hohen wissenschaftlichen Niveaus führt. Gleichzeitig wird die Integration ausländischer Doktoranden (etwa 30 Prozent) erleichtert. ---->

Blick auf die "Research School of Physical Sciences and Engineering" an der Australien National University in Canberra.
Foto: Prof. Dr. Christian von Borczyskowski

 
   
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