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  TU Spektrum  
   
Männerblut an Frauenhänden
Emanzipation in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Von der Leiche zur Mörderin
Im Jahr 1846 bezeichnete der amerikanische Autor Edgar Allan Poe die weibliche Leiche als den erhabensten Gegenstand männlichen Erzählens. Während die Ästhetik der erbaulichen Frauenleiche seither einen ganz besonderen Platz einräumt, gelten Bilder toter Männer und ihrer Mörderinnen als problematisch. Noch 1928 inszeniert der Film "Die Büchse der Pandora" (Regie: G. W. Pabst) die Männer mordende Hauptfigur als das "wilde, schöne Tier" und bestätigt damit die angeblich natürlichen Machtverhältnisse in mörderischen Körperbildern. Heute gibt es jedoch eine immer größere Zahl von "bad girls", bösen und mörderischen Mädchen, die wie in "Thelma and Louise" (Ridley Scott, 1991) Filmleinwand und Computerscreen unsicher machen. Gemeinsam mit Marcia Winter von der Ludwig-Maximilians-Universität München begann ich vor einigen Jahren, diesen neuen Mörderinnen und ihren männlichen Leichen nachzuspüren.
Körperdarstellungen folgen Konventionen, die ihre Rezeption steuern helfen. Der Tod ist ästhetisch gesehen ein heikles Thema, das besonderer Kontrolle bedarf. Diese Kontrolle soll ein geschlechtsspezifisches Darstellungssystem garantieren: Die Leiche ist "per definitionem" weiblich, der Betrachter der Leiche - oft ihr Mörder - ist ein Mann. Angesichts der Toten triumphiert der Künstler über den Tod, indem er wie Poes Erzähler in der Kurzgeschichte "Ligeia" (1838) das Leiden des überlebenden Mannes beschreibt, nicht etwa die Leiden der Sterbenden.
Auch der wissenschaftliche Blick auf den Frauenkörper wird als männlich konzipiert, was das Bild "Der Anatom" von Gabriel von Max aus dem Jahr 1869 beweist. Noch bei Max Ernst ist diese Tradition in Bildern wie "Die Leimbereitung aus Knochen" von 1921 zu finden: Ein Frauenkörper liegt in entspannter Pose auf einem Sofa und ist an eine Maschine angeschlossen, die ihn zu Leim verarbeitet.
Auch im frühen Film richtet sich der Machtwille des Mannes gegen die Frau, die als "femme fatale" bestehende Machtverhältnisse bedroht. In Fritz Langs "Metropolis" (1925) formen Männer einen weiblichen Roboter. Diese künstliche Maria hetzt Arbeiter nicht mehr - wie ihr menschliches Vorbild - mit Worten gegen die Machthaber auf, sondern treibt sie mit ihrer lasziven Körpersprache ins Verderben. Modernistische Autoren wie Pound, Dos Passos, Fitzgerald und Faulkner strafen die widerständige Frau - ähnlich wie in "Metropolis" - mit dem Tod. Für Männerfiguren gilt das Ideal des "gepanzerten" Körpers, und noch in Comics und Filmen wie "Superman" oder "Batman" verdeckt der symbolische Panzer männliche Schwäche und Verwundbarkeit.
Um den Ersten Weltkrieg kam ein Gegenbild zum weiblichen Opfer und zur todgeweihten "femme fatale" auf. Es nahm die Gestalt einer ganz alltäglichen mordenden Frau an, wie
 

Minnie Foster in Susan Glaspells Drama "Trifles" von 1916. Dieser Frauentypus, bislang das Opfer männlicher Gewalt, beginnt, wie auch Helen in Sophie Treadwells Theaterstück "Machinal" (1928), egoistische Männer aus dem Weg zu räumen.
Fünfzig Jahre später werden weiße Männer gar von schwarzen Mörderinnen heimgesucht, etwa in Alice Walkers Kurzgeschichte mit dem Titel "How Did I Get Away with Killing One of the Biggest Lawyers in the State? It Was Easy". Diese Frauen machen eine Erfahrung, die Helen Zahavi mit dem ersten Satz ihres Romans "Dirty Weekend" von 1991 beschreibt: "This is the story of Bella, who woke up one morning and realised she'd had enough."

Zugleich nimmt die Darstellung der männlichen Opfer eine neue Wendung. Aus selbstverliebten Ich-Erzählern werden namenlose, schwitzende, ekelerregende Opfer. Anfangs handelt es sich wie in "Trifles" noch um Ehemänner und Liebhaber. Bella in "Dirty Weekend" killt auch Fremde und kommt an einem einzigen schmutzigen Wochenende auf sieben männliche Opfer.
Im Jahr 1993 treibt Mark Childress den Exzess weiblicher Gewalt gegen Männer in seinem Roman "Crazy in Alabama" auf die Spitze. Die Hausfrau Lucille tötet ihren Mann, sägt seinen Kopf mit einem elektrischen Küchenmesser ab und packt ihn in eine Tupperschüssel. Mit dieser Schüssel fährt sie von Alabama nach Kalifornien, um dort eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen.
Von der subversiven Tradition aggressiver Frauen zehrt derzeit auch Lara Croft, die Protagonistin des Action-Computerspiels "Tomb Raider". Sie setzt ihren Körper als Waffe gegen die Männer ein, die sie im Lauf des Spiels bedrohen. Dabei kennt sie wie ihre Vorgängerinnen keine Schuldgefühle, weil sie weiß, dass es um Kopf und Kragen geht, wenn in Romanen, Filmen oder Computerspielen um das Privileg des Tötens gestritten wird.

Dr. Randi Gunzenhäuser
Professur für Amerikanistik

  Gestern Opfer, heute Täterin: Lara Croft vertritt wie viele ihrer Kolleginnen aus Romanen und Filmen das Ideal des gepanzerten weiblichen Körpers
Quelle: eidos
 
   
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